FacebookTwitterTelegramVKontakteMail

Europessimismus oder die Grabschrift der Revolution

0 Kommentare

Wahrscheinlich sollte eben jener Tag als Beginn des ukrainischen Europessimismus gelten. Das ist bereits hinreichend lange her, in den grauen Zeiten der Präsidentschaft Leonid Kutschmas. In der erneuerten Struktur unseres Parlaments wurde ein besonderer Ausschuss für europäische Integration gegründet. Jetzt begreife ich: eben damals war der Tag der Geburt unserer europäischen Hoffnungslosigkeit. Und wir haben das nicht besonders bemerkt. Urteilen Sie selbst: lediglich ein Ausschuss widmete sich dem langersehnten europäischen Ziel und die anderen äußerst zahlreichen blieben die alten, die in keinerlei Europa strebten. Es ist heute, wo wir die raue ukrainische Wahrheit wissen und damals hofften wir …

Revolution ist das schlechteste Mittel um zu Demokratie und Freiheit zu gelangen. Wie eine weise Charkower Dame in ihrem Buch bemerkte, erscheint am Ende eines jeden richtigen revolutionären Prozesses irgendein Napoleon Bonaparte. Denn die Revolution erleuchtet die Idee einer gewaltsamen Hinführung des Seins zum geistigen Absoluten. Merken Sie, unsere, einheimischen Bonaparts neigen absolut nicht zum stillen, einsamen Dahinsiechen auf irgendeiner Insel St. Helena. Übrigens, können wir überhaupt ernsthaft unsere ehemaligen Präsidenten als Bonapartes ansehen, die vorzugsweise in eigenen Interessen denken … Die weiche, alles verzeihende, leicht masochistische Ukraine (übrigens, die Heimat eben jenes Masochs) verjagt ihre ehemaligen Herrscher nicht in fremdes Land, im Gegenteil gestattet sie ihnen zu „beraten“ und wichtige internationale Verhandlungen zu führen. Ich bin überzeugt, dass das Schicksal Janukowitschs anders gekommen wäre, wenn er nicht den unklugen und brutalen Ratschlägen seiner „Familie“ gefolgt wäre.

Und dennoch finden Revolutionen statt. Verschiedene, teils mit unvorhersehbaren Folgen. Über die Sieger sagte Franz Kafka vor langem: „Sie beherrschen die Straße und meinen darum, dass sie die Welt beherrschen.“ So geschah es auch mit uns. Die Ereignisse und die Tode in ihr, der von uns aufrichtig so genannten Revolution der Würde, haben das gleiche Ergebnis: die siegreichen Revolutionäre wurden von der herkömmlichen Welt der schmutzigen ukrainischen Politik in Besitz genommen. In der das Streben nach Europa mit der Schaffung eines Parlamentsausschuss der Eurointegration endet.

Die zivilisierte Welt, die begeistert den Straßenaktionen unserer beiden Revolutionen folgte, dabei von uns die Stärkung demokratischer Institutionen erwartend, wendet sich schrittweise von uns ab. Von unserer Imitation der Korruptionsbekämpfung, unserem Unwillen nach den Prinzipien der Oberhoheit des Rechts zu leben. Nicht in der Lüge zu leben.

Staaten als politische Organismen sterben schnell. So stirbt das durch die zerstörerischen Neuerungen Wladimir Putins ausgezehrte einige Russland in den nächsten Jahrzehnten. So hat den Tod unserer ukrainischen Staatlichkeit eben jener Wladimir Putin vorgezeichnet. Mit uns ist es nicht geschehen. Kraft verschiedener Gründe, innerer und äußerer.

Wir bleiben dennoch ein Staat. Doch viele von uns spüren den Auflösungsgeruch bereits deutlicher. Den gräulichen, erstickenden Geruch des Vergänglichen. Wir zerfallen. Ohne die Beteiligung Wladimir Putins daran. Wir haben ausreichend an zerstörerischen Lügen und Tatenlosigkeit unserer führenden Politiker.

Wir bleiben lebendig. Auf der gleichen Erde, in denselben Häusern. Die gesellschaftlichen Institute und Traditionen sterben langsam. Diese gesegnete Erde wird nicht zur Wüste werden. Mit uns oder ohne uns. Und unsere Nachfahren, entweder mit einer dunkleren Hautfärbung oder mit schmaleren Augen, können über uns, dem ins Vergessen gegangenen Volk, eine Gedenktafel mit den mitfühlenden Zeilen der amerikanischen Dichterin Sara Teasdale aufstellen:

Ein sanfter Regen kommt und der Erde Geruch,
Zwitschern der flinken Segler die ganze Nacht hindurch.
Und der Frühling, der Frühling trifft das neue Tageslicht,
Nicht bemerkend, dass wir nicht mehr sind.
Erinnern wird man sich an uns und sich wundern.

16. November 2015 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 564

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Beendet der Gipfel der Normandie-Vier am 9. Dezember in Paris den Krieg in der Ostukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Selenskyj lässt den Dschinn aus der Flasche

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-7 °C  Ushhorod5 °C  
Lwiw (Lemberg)1 °C  Iwano-Frankiwsk0 °C  
Rachiw5 °C  Jassinja0 °C  
Ternopil0 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)0 °C  
Luzk1 °C  Riwne1 °C  
Chmelnyzkyj-2 °C  Winnyzja-4 °C  
Schytomyr-4 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-5 °C  
Tscherkassy-3 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-6 °C  
Poltawa-7 °C  Sumy-7 °C  
Odessa-1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-4 °C  
Cherson-4 °C  Charkiw (Charkow)-10 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-9 °C  Saporischschja (Saporoschje)-9 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-9 °C  Donezk-7 °C  
Luhansk (Lugansk)-9 °C  Simferopol-2 °C  
Sewastopol5 °C  Jalta-3 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Forumsdiskussionen

„Noch paar Tage in der Mediathek "Eine Kindheit an der Kriegsfront in der Ostukraine: Der Dokumentarfilm von Simon Lereng Wilmont erzählt ein Jahr im Leben des zehnjährigen Ukrainers Oleg, dessen kindliche...“

„Christoph durfte ich dieses Jahr kennen lernen. War angenehme Diskussion. Man kann ihm regelmäßig montags in Poltawa im Dominik (bei Gogol-Theater, nicht die Schokoladenfabrik, вул. Соборна...“

„Bekannte meinen das du ins Ausland ein Kind bis 5 Jahre nur dann adoptieren kannst wenn es krank/behindert ist. So war eine Aussage von 2017 von ... Wenn du bei facebook bist kann ich dir dort auch einen...“

„Vielen Dank Handrij, Deine Antworten sind immer nah am Geschehen. Inzwischen finde ich auch immer weniger Gründe unter der Matratze zu sparen;-)“

„LB.ua ? Interessant. Levij Bereg - Linkes Ufer ... vom Fluss Dnipro. Und was befindet sich am Rechten Ufer vom Fluss Dnipro ? Richtig, die Ukraine. Und am Linken Ufer ? Auch richtig, Kleinrussland. Was...“

„Hallo zusammen, meine ukrainische Frau und ich überlegen ein ukrainisches Kind zu adoptieren. Nach vielen Recherchen über google landet man immer wieder auf Seiten, wie soll ich sagen, die nicht ganz...“

„Ukraine ist da wo die griechisch-katholische Kirche ist. Zuerst der Geist dann der Rest. Erst wenn die griechisch-katholische Kirche in der "Ukraine" mehr als 25 Millionen Mitglieder hat, dann kann die...“

„Darf ich fragen weshalb Du nicht zufrieden bist? Meine Frau hat nun auch ein Eurokonto bei der Raiffeisen Aval. Bisher gab es keine Probleme.“

„Ein Auto ist für mich nur ein Gebrauchsgegenstand, das ist doch nicht schön Wärst mal von der Straße runter gefahren hoch ins Gebirge. Danach ist dein Unterboden arg läderiert und unten führt gleich...“