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Die jüdische Frage in der Ukraine: Lohnt sich ein Blick von der Seite?

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Die jüdische Frage in der Ukraine - Menorah in Babij Jar
Ukrainer haben das volle Recht auf ihre Helden. Klar, sie sind nicht immer uneindeutig. Indes, wie absolut eindeutig sind die Helden Israels, nach denen ebenfalls Straßen benannt sind. Sie verfolgten vor allem die nationalen Interessen des Staates Israel. Und selbstverständlich fragt Israel nicht jeden, wie sie diese oder jene Straße oder Allee benennt. Zurecht.

Bevor ich die gestellte Frage beantworte, halte ich es für unabdingbar, meine Position darzulegen. Ich glaube, dass die Ukrainer verantwortlich sind für die Massenvernichtung eines Teils des europäischen Judentums, ebenso wie Weißrussen und die Bewohner der Staaten des Baltikums, Estland, Lettland, und Litauen, wie Polen, Ungarn, Rumänen, Bulgaren, Tschechen, Slowaken und Franzosen. Gleichfalls die Einwohner der jetzigen Länder des früheren Jugoslawiens. Die Bevölkerung all derjenigen Länder, die vom Dritten Reich besetzt waren. Auszuschließen sind auch nicht die Bewohner des Teiles der UdSSR, der RSFSR (Russische Sowjetische Föderative Sowjetrepublik) genannt wurde, das jetzige Russland.

Erstens: Ihre Verantwortlichkeit liegt darin, dass sie Bürger von Ländern waren, die der Aggression und dem Widerstand der Nazis nicht standhalten konnten. Ihre Regierungen verfolgten die antisemitische Rhetorik Hitlers und die darauf erfolgende Umwandlung der Juden Deutschlands in Menschen zweiter Klasse durch die Billigung diskriminierender Gesetze. Die Staaten aber, deren Bürger sie waren, führten diplomatische und Handelsbeziehungen mit dem Nazi-Regime fort und schlossen die Augen angesichts der Tragödie eines Volkes.

Die Verantwortung für den Holocaust liegt auch bei den Staaten der Anti-Hitler-Koalition, die nicht unter die Besetzung fielen: Großbritannien und die USA. Denn die Juden Deutschlands interessierte weniger der durch die Führung dieser Länder gewählte demokratische Weg. Man gab den Juden keine Einreisevisa in die USA oder nach Großbritannien oder deren Kolonien. Die Briten verweigerten generell europäischen Juden in das Territorium des jetzigen Israel einzureisen – damals war es Palästina, ein britisches Mandats-Territorium, die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes.

Mehr noch sandten sie die Schiffe, Segelboote und Boote, die illegal die sich vor dem Holocaust rettenden Juden aufnahmen, zurück nach Europa, was für ihre Passagiere die Auslieferung an die Öfen der Konzentrationslager bedeutete, oder sie gingen gemeinsam mit den Menschen unter, da man ihnen nicht gestattete, in den Häfen von Jaffa oder Haifa anzulanden.

Zweitens gilt es an einen Welttrend jener Zeit zu erinnern, den Antisemitismus. Freilich muss man fairerweise anerkennen, dass man in Europa die Juden milde gesagt alle zweitausend Jahre vor dem Holocaust nicht gemocht hat, seit dem Augenblick ihrer Vertreibung aus ihrem Heimatland und ihrer Ansiedlung rund um die Welt, vor allem in Europa. Ein Grund für das Aufkommen eines solchen Konzepts wie des Zionismus – das heißt der Rückkehr der Juden in ihr historisches Heimatland – war eben die Reaktion auf eine der Manifestationen des Antisemitismus in Frankreich, wo ein französischer Offizier des Verrats beschuldigt wurde, weil er aus einer jüdischen Familie stammte [Affaire Dreyfus, Anm. d. Übers.]. Dieses Ereignis wurde zu einem Wendepunkt, da infolge dessen ein anderer Jude ungarischer Herkunft, Theodor Herzl, die Idee des Rechts der Juden auf ein eigenes Territorium vorbrachte, das Territorium, von dem sie einst vertrieben wurden.

Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde der Antisemitismus faktisch Staatsideologie des Russischen Imperiums. Gerade unter Zar Alexander III. wurden die endgültigen Umrisse der Ansiedlung für Juden im Imperium festgelegt. Und das Reich hatte damals ein gewaltiges Territorium, einschließlich des heutigen Polen mit einer bedeutenden jüdischen Bevölkerung, die einige Jahrhunderte zuvor vor der Verfolgung in Zentraleuropa geflohen waren.

Katharina II gestattete den von diesen Verfolgungen geretteten Juden, sich in den südlichen Regionen des damaligen Russischen Reiches anzusiedeln. Ihr Urenkel band sie gewaltsam an jenes Gebiet. Gemeint sind die jetzigen Gebiete Dnipropetrowsk, Odessa, Mykolajiw und Cherson. Die Judenprogrome im Russischen Reich begannen just damals. Unter Nikolaus II aber bildete sich so etwas wie die Schwarzhundertschaftler aus. Und genau vor diesen Schwarzen Hundertschaften – sie sind es, die „Für den Glauben, für den Zaren und das Vaterland! riefen – flohen Juden in ihr historisches Heimatland. Ein anderer Teil fand Zuflucht bei den gerade in Europa und im Russischen Reich populären Revolutionären verschiedener Strömungen. Indem sie auf diese Weise ihr Recht zu gewinnen suchten einschließlich der Bewegung auf der Welt, unabhängig von Nationalität oder Religion. Viele von ihnen, die gerade aus den Gebieten der jetzigen Ukraine, Weißrusslands und Polens kamen, wurden Gründungsväter des Staats Israel. Dieses Thema verdient aber bereits einen zweiten Artikel.

Die jüdische Frage erledigten auch nicht die Periode des Zusammenbruchs des Russischen Reiches, der ukrainischen Revolution, des Kampfes um die Unabhängigkeit der jungen Ukrainischen Volksrepublik, der Umsturz unter der Leitung von Hetman Skoropadskyj und so weiter.

Für das allgemeine Bewusstsein der ukrainischen Bevölkerung ist den Juden eine absolute Neutralität eigen. Hiermit ist ein wesentlicher Kern der Wahrheit getroffen. Egal, wie sie sich auch assimilierten, sie blieben für die einheimische Bevölkerung stets Fremde. Für jede Macht waren sie stets fremd und unverständlich. Hierzu gehört das äußerliche Erscheinungsbild der orthodoxen Juden und der von der christlichen Religion gespeiste Mythos „die Juden haben Christus gekreuzigt“ und Erzählungen über „Matzen mit Blut von christlichen Säuglingen“ und so weiter.

Jedenfalls seit dem Augenblick des bolschewistischen Umsturzes in Russland im Jahr 1917 und anschließend dem bolschewistischen Krieg mit der Ukrainischen Volksrepublik assoziierte man Juden mit dem Roten Terror – und später dem Holodomor und der sowjetischen Besetzung der Westukraine von 1939 bis 1941. Denn wie erwähnt: ein Teil der Juden „stieß zur Revolution sich dem Ansiedlungsrajon widersetzend“.

Und dann trafen die tragischen Ereignisse auch die Vorfahren des Autors dieses Artikels. So geschah es, dass ein kleiner sechsjähriger Junge, der jüngste in einer großen jüdischen Familie, all seine Angehörigen rettete. Während eines Judenpogroms rief er einen Weißgardisten-Offizier herbei, der die Familie vor der Ermordung rettete. Man kann nur mutmaßen, wer diese Pogromleute waren: vielleicht Soldaten der Petljura-Armee, vielleicht Machno-Anhänger oder die Denikin-Soldaten selber. Die Familiengeschichte schweigt darüber. Eines ist aber klar, auf dem Niveau der der einfachen Soldaten war die Ausraubung oder gar Ermordung von „Jidden“ damals nichts besonders Beschämendes. Und Ende 1918 teilte man Jekaterinoslaw, nun Dnipro, in Gebiete der Armeen Petljuras, Machnos, Denikins und der Bolschewiken. Einzelne jüdische Gruppen kämpften für die Bolschewiken. – Dieser kleine Junge ist mein Großvater, später ein Führungsoffizier der RKKA (Roten Arbeiter- und Bauernarmee). Gleichwohl ist dies nur eine ihrer Episoden, die ein großes historisches Gemälde der ukrainischen Geschichte bilden.

Antisemitismus auf dem Niveau des Durchschnitts (einer oft ungebildeten und ignoranten Bauernschaft, für den ein Jude vor allem ein Händler oder Gastwirt ist, der nur gegen Schulden einschenkt und Geld nur gegen Zins leiht) beginnt mit Hilfe der mächtigen Propagandamaschine des Bolschewismus von vielen als Ideologie des Direktoriums der Ukrainischen Volksrepublik und insbesondere der Armee Petljuras angesehen zu werden. Und Petljura wurde in Paris von einem Juden umgebracht, der aus dem früheren Russischen Reich, aus Bessarabien kam. Höchstwahrscheinlich wäre es ohne den NKWD nicht geschehen, aber darum geht es nicht. Wesentlich ist, dass die Methoden, das Bild eines Mörders und Antisemiten zu schaffen, die in den zwanziger Jahren an Simon Petljura und Jewhen Konowalez ausgearbeitet wurden, nach dem 2. Weltkrieg erfolgreich an Bandera und Schuchewytsch wiederholt wurden.

Erst jetzt, fast 100 Jahre nach dem Tod der Führer der Ukrainischen Volksrepublik, stößt sich niemand an der Petljura- oder Konowalez-Straße. Weil man als Ukrainer mit dem Bewusstsein eines „Sowjetmenschen“ Petljura eher wahrnimmt als eine komische Gestalt aus sowjetischen Filmen über den Bürgerkrieg à la „Die schwer fassbaren Rächer“ (1967).

Bandera aber und Schuchewytsch sind einige Jahrzehnte jünger und deshalb gibt es über sie mehr schlimme Geschichten. Sie sind etwas leuchtender. Ihre Aktivitäten waren nämlich direkt verbunden mit dem 2. Weltkrieg. Dieser Krieg aber war von Hitler-Deutschland ausgelöst worden, das nach dem Urteil des Nürnberger Tribunals schuldig war für den Horror des Holocausts – die Ermordung von sechs Millionen Juden Europas – was der Gipfel der zweitausendjährigen Vertreibung der Juden aus ihrem Heimatland war.

Nur ist hier die menschliche Erinnerung oft kurz und vermag sich nicht mehr an die früheren Zeiten zu erinnern. Zum Beispiel die Zeiten Bohdan Chmelnyzkyjs, der die „Jidden“ zu Tausenden umbrachte – oh, gar nicht wenig für die damalige Zeit. Deshalb werden in den Synagogen der Ukraine bis jetzt Gebete gelesen, dass diese Zeiten nicht wiederkommen mögen. Indessen ist dies auch wieder eine völlig andere Geschichte, von der die Kämpfer gegen die Umbenennung von Straßen nichts selbst wissen, genauso wie über Petljura und Konowalez.

Wer sind die tragischen Gestalten Bandera und Schuchewytsch? Es war so, dass sie die Führer des nationalen Kampfes für die Befreiung der Ukraine waren. Sie waren es, die das Volk zunächst in den Kampf gegen die Polen führten – und das Polen jener Zeit von Piłsudski, das muss man erwähnen, erklärte beides, eine gewaltsame Polonisierung und genau denselben Antisemitismus: gerade vor dem Beginn des 2. Weltkrieges war es Juden verboten, gemeinsam mit Polen höhere Bildungseinrichtungen zu besuchen. Anschließend gegen die Sowjets: es begann zunächst mit Terror gegen sowjetische Diplomaten als Rache für den organisierten Holodomor. Als Resultat wurde die UPA, die Ukrainische Befreiungsarmee, gebildet und der Kampf begann an zwei Fronten, sowohl gegen die Sowjets als auch gegen die Armee des Dritten Reiches.

Ja, seit dem ersten Anfang sahen die ukrainischen Nationalisten in der Gestalt Hitlers einen Verbündeten im Kampf gegen die Bolschewiken. Ihnen dies allein vorzuwerfen ist sinnlos. Denn im Europa ist zu der Zeit wirklich kein einziger Staat, der nicht mit dem Dritten Reich kooperieren wollte. Die Führer aller Arten von nationalen Befreiungsbewegungen, die davon träumten, mit Hitlers Hilfe ihren eigenen Staat zu schaffen, braucht man gar nicht zu erwähnen.

Die Beurteilung der Korrektheit der Entscheidungen Stepan Banderas und Roman Schuchewytschs obliegt den Historikern. Politiker, und sowohl Schuchewytsch als auch Bandera waren vor allem Politiker, liegen hohe moralische Qualitäten generell fern und treffen ihre Entscheidungen auf der Basis von Zweckmäßigkeit und nicht von Moral.

Hier darf man sich an die Geschichte der Bildung des Staates Israel erinnern, für dessen Gründung die meisten Staaten Südamerikas stimmten. Sie taten dies gegen das Versprechen Israels, Naziverbrechen nicht auf ihren Territorien zu verfolgen. Auf Vorwürfe von Gegnern einer solchen Abmachung, es sei unmoralisch mit Regimen zusammenzuarbeiten, die die Mörder von Juden deckten, sagte Ben Gurion, der Gründer des Staates Israel: „Ich werde nicht diese sechs Millionen zurückbringen, aber für die Überlebenden brauche ich meinen eigenen Staat.“

Die zentrale Frage hinsichtlich der Personen Schuchewytschs und Banderas indes ist die Anklage, sie haben an der Massenvernichtung von Juden teilgenommen. Dazu: Stepan Bandera saß bereits 1941 in einem Konzentrationslager. Physisch konnte er als Führer nicht daran Anteil haben, den Deutschen an der Lösung der jüdischen Frage zu helfen. Und Roman Schuchewytsch, zuallererst ein Militär der Wehrmacht, ja genauer der militärischen Abwehr – er leitete das Bataillon Nachtigall – konnte deshalb nicht an Strafaktionen teilnehmen, dies war das Vorrecht der SS-Truppen.

Darüber hinaus erwähnt die sowjetische Propaganda nicht die Tatsache, dass Schuchewytsch am Krieg gegen Ungarn teilnahm, dem damaligen Verbündeten Deutschlands, wo es um die Unabhängigkeit der Transkarpatischen Ukrainischen Republik ging, die 1938 gegründet worden war.

Gleichwohl bezeichnete die sowjetische Propaganda all jene, die gegen die Bolschewiken sowohl während des 2. Weltkrieges als auch im anschließenden Untergrund gegen sie kämpften, als „Banderaleute“, das heißt als Soldaten der UPA. [passenderweise legt der Name Banderas auch die Assoziation „Bande“ oder „Banditen“; ähnlich vielleicht der Name Putins etwa die des Weges, Anm. des Übers.]. Sie werden beschuldigt, an der Lösung der jüdischen Frage auf dem Gebiet der Ukraine beteiligt gewesen zu sein. Man sagt, sie seien sogar noch brutaler gewesen als die Deutschen.

Kann so etwas sein? Ich gebe zunächst mir selbst eine Antwort. Ja, es ist sehr gut möglich. So wie die jüdischen Pogrome zu Beginn des Jahrhunderts und in den Zwanzigern. Das Gleiche könnten aber auch Einheiten der Russischen Befreiungsarmee General Wlassows vollbracht haben, Teile der Don Kosaken und viele andere. Ich wiederhole noch einmal: Antisemitismus ist zu jener Zeit eine alleuropäische Ideologie.

Erneut wage ich es daran zu erinnern, dass die Abneigung gegen Juden zu jener Zeit verknüpft war mit beidem, mit einer allgemeinen Unkenntnis – seit den Zwanziger hatte sich wenig geändert – und mit einer bereits zu dieser Zeit vorhandenen Gedankenverbindung – ein Jude ist ein Kommunist und umgekehrt. Und es ist diese Sichtweise, die auch Hitlers Propaganda angefeuert hat, die die Pogrome von Lemberg am 30. Juni 1941 hervorgerufen hat. Grund hierfür war unter anderem, dass die Gefängnisse, in denen die Mitarbeiter des NKWD Tausende von Ukrainern vor dem Rückzug umgebracht hatten, sich in der Nachbarschaft jüdischer Viertel befanden.

Übrigens erinnerte einer der Juden, der das Lemberger Getto durchlaufen und auf wundersame Weise am Leben geblieben war, dass man die Juden in Lemberg begleitet von Ausrufen schlug „Dies ist für Petljura”. So wurde die Ermordung Simon Petljuras durch einen jüdischen Anarchisten auf vielfältige Weise Katalysator für die Judenpogrome in Lemberg. Noch einmal gilt es zu erinnern, dass zu jener Zeit Antisemitismus beinahe ein Massenphänomen war. Oft auf staatlicher Ebene und nicht nur im Dritten Reich.

Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass viele Polen mit Freude die Immobilien benachbarter Juden an sich genommen haben und sie ohne Scham zu empfinden den Besatzungsbehörden auslieferten, das heißt den Öfen der Konzentrationslager. Worin waren die Ukrainer hierin schlimmer als die benachbarten Polen? Die Massenfeindschaft gegen Juden war Fakt.

Indessen einen deutlichen Hinweis für die Teilnahme Schuchewytschs an der Leitung der Ermordung der Juden gibt es nicht.

Trotz des in den Köpfen der Menschen bereits fest verankerten Mythos von dem „Teufel Bandera“ ist es gerade in der Westukraine gelungen, die Erinnerungen an die wirkliche Tätigkeit der UPA zu bewahren. So sehr die Sowjetregierung im Nürnberger Gerichtsverfahren Bandera und Schuchewytsch in „Nazikollaborateure“ verdrehen wollte, ist es doch nicht gelungen. Ich werde jetzt nicht über den jüdischen Arzt und Freund Schuchewytschs schreiben, das sind eher Details, die andere Mythenmacher als Trends auszugeben versuchen.

Eines aber verstehe ich: die Ukrainer haben ein volles Recht darauf, ihre Helden zu haben. Und diejenigen, die die Ukraine bereits hat, sind nicht immer unzweideutig. Eben so, wie auch die Helden Israels völlig zweideutig sind, nach deren Namen die Straßen benannt sind. Ben Gurion ist bereits oben erwähnt. Gleiches gilt für Zeev Jabotinsky, den Gründer des rechten Zionismus, den einmal selbst Benito Mussolini lobte, als er ihn einen „jüdischen Faschisten“ nannte. Ferner gibt es Straßen in Israel benannt nach der Hagan – der Untergrundorganisation zur Zeit des Englischen Protektorats – und nach den Lechi – deren Kämpfer Terror gegen Briten und selbst Araber organisierten. Der spätere Ministerpräsident Ariel Scharon, in Israel hoch angesehen, war Kommandeur der Einheiten und vollführte Vergeltungsaktionen in den arabischen Dörfern.

Alle aber dienten zuallererst den nationalen Interessen des Staates Israel. Und sicher fragt Israel niemanden, nach wessen Namen sie diese Straße oder jene Allee benennt. Zurecht. Einige israelische Kollegen raten dazu, die uneindeutigen Figuren von Bandera und Schuchewytsch nicht zu berühren, um nicht die Öffentlichkeit zu irritieren, die nach ihren Namen Straßen und Alleen benennt, da dieses die Gesellschaft nicht vereint, sondern trennt. Und man sagt, es gebe in der Ukraine jetzt neue Helden, beispielsweise Wassyl Slipak (aus Lwiw stammender in Frankreich lebender Opernsänger, der sich freiwillig für die Antiterroroperation meldete und im Juni 2016 an der Front getötet wurde, A.d.R.). Selbstverständlich ist Slipak, der in der Ostukraine starb, würdig, dass nach ihm in der ganzen Ukraine Straßen benannt werden.

Es ist aber erwähnenswert, dass für denjenigen Teil der Bevölkerung mit sowjetischem Bewusstsein Schuchewytsch, Bandera und Slipak eben keine Helden sind. In ihrer Wahrnehmung sind sie alle teuflische „Benderowzy“ [mit dieser Verballhornung des Namens wird an den in Transnistrien gelegenen immer umkämpften Ort Bender erinnert, wo 1709 – damals osmanisches Reich – Hetman Iwan Masepa im Exil starb. Anm. d. Übers.], die kleine Jungs kreuzigen und alte Frauen vergewaltigen. So möchten einfach die ihnen so am Herzen liegenden Sowjetmythen nicht aufgeben.

Ich erinnere an den Fall von Mariupol 2016, als man entschied, den Marschall Schukow-Prospekt nach den Helden der Antiterroroperation umzubenennen. Da stimmten die örtlichen Omas ein richtiges Geheul an, man raube ihnen die „heilige Erinnerung an den Krieg“.

So wurde das sogenannte Nationalgedächtnis der Ukrainer zu großem Teil eben in den Gebieten der Westukraine bewahrt. Und selbst wenn man das nicht mag, liegt die Orientierung augenblicklich genau dort. Wo auch Schuchewytsch und Bandera beheimatet sind. Als Ergebnis wird die Geschichte ein positives Bild hinterlassen, wie es mit dem Vernichter von Juden und Polen Bohdan Chmelnitzkyj geschehen ist.

18. Juli 2017 // Jewgenij Lesnoj

Quelle: Lewyj Bereg

Weitere Hinweise des Übersetzer:

Zum Verhältnis von Juden und Ukrainern sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Bücher in der Ukraine erschienen, etliche (Auto-)Biografien und manche historische Darstellungen.

2016 erschien in Toronto und gleichzeitig auf Ukrainisch in Kiew von Paul Robert Magocsi und Johanan Petrovsky-Štern Jews and Ukrainians: a millennium of coexistence. Petrovsky-Štern, Bruder von Katja Petrowskaja, ist Professor für Geschichte des Judentums an der amerikanischen Northwestern University.

Ebenfalls 2016 erschien gleichfalls auf Englisch und Ukrainisch Vladyslav Hrynevych/Paul Robert Magocsi (eds.), Babyn Yar. History and Memory. Duch i Litera, Kyiv 2016. Älteren Datums hierzu sind verdienstvolle deutsche Veröffentlichungen von Erhard Roy Wiehn zu Babij Yar.

Über 200 Bände sind inzwischen vom Kiewer Institut für Judaistik, zumeist in Zusammenarbeit mit dem Verlag Duch i Litera in Kiew erschienen.

Als bewährte aktuelle jüdische enzyklopädische Nachschlagewerke dienen die 2. Auflage der 16-bändigen Encyclopedia Judaica, 2003 (1991) und die 11-bändige Kratkaja Jevrejskaja Enciclopedia, 1976-2005, online unter http://www.eleven.co.il/ . Bereits 1908 war in Sankt Petersburg eine umfangreiche Jevrejskaja Enciclopedia erschienen, der 1928-1934 zehn von geplanten fünfzehn Bänden der deutschen Encyclopaedia Judaica folgten.

Vor wenigen Tagen hat in Lemberg an der Ukrainischen Katholischen Universität ein interessanter Runder Tisch zur Frage der Kollaboration von Ukrainern am Holocaust stattgefunden, dokumentiert auf youtube.

Auf Facebook gibt es eine geschlossene akademische Gruppe „Memory of War Forum“, in der die laufenden Diskussionen und Forschungen sich gut nachverfolgen lassen.

Übersetzer:   Christian Weise — Wörter: 2918

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