FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Jarosch, good bye! – Darüber, was geschah und was aus dem Rechten Sektor wird

0 Kommentare

Dmytro Jarosch
Zum Neujahr trat Dmytro Jarosch aus dem Rechten Sektor aus. Seine Entscheidung verkündete er am 28. Dezember, dabei die Schaffung einer neue politische Bewegung ankündigend. Mit seinen ehemaligen Kameraden ließ Jarosch den «Radikalismus am Rande der Marginalität» hinter sich zurück und erklärte, dass die historische Mission des Rechten Sektors sich erschöpft hat. Erinnert sei daran, dass Jarosch von der Position des Führers des Rechten Sektors bereits im November 2015 zurücktrat – angeblich wegen weltanschaulicher Differenzen mit der Führung der Organisation. Es sieht so aus, als ob in der Geschichte der ukrainischen nationalistischen Bewegung eine neue Seite aufgeschlagen wird.

Chronik von Aufstieg und Niedergang

Spontan während des Maidans entstanden, wurde der Rechte Sektor schnell zur politischen Marke von europaweiter Bedeutung und Dmytro Jarosch zu einem der Gesichter der ukrainischen Revolution. Noch mehr Ruhm brachte dem Rechten Sektor die Beteiligung an der Antiterroristischen Operation (ATO), darunter bei der Verteidigung des Donezker Flughafens. Eine solche Popularität erlangte nicht einmal die legendäre UNA-UNSO (Ukrainische Nationalversammlung – Ukrainische Nationale Selbstverteidigung). Wo Ruhm ist, da ist auch Macht und recht bald gelangte Jarosch ins Parlament und die Organisation erhob den Anspruch auf einen gesonderten juristischen Status im Staat.

Doch der Überschwang durch die Erfolge ging bald vorbei. Die neue Regierung, die die Nationalisten als «verfaulte Liberale» betrachteten, wurde weder von brennenden Reifen, noch von Tarnkleidung eingeschüchtert. Ansprüche und Forderungen an die Landesführung stellend, stieß der Rechte Sektor jedes Mal auf Widerstand und kann nicht ein Resultat vorweisen. Anfänglich beeindruckten die Drohungen Jaroschs die Bataillone nach Kiew zu schicken den Durchschnittsukrainer noch, doch später wurde ihm auch das über. Daher reagierten Gesellschaft und Medien auf den «Marsch der Freiwilligen» mit Forderungen die Offensive im Osten wieder aufzunehmen nur träge.

Außerdem verdarben Skandale das Renommee des Rechten Sektors, von denen der lauteste die Schießerei in Mukatschewe wurde. Wie geriet die bewaffnete Abteilung mehr als tausend Kilometer hinter die Front? Warum tauchte erstklassige Ausrüstung bei wenig verständlichen Auseinandersetzungen mit Schmugglern auf? Die offiziellen Erklärungen Jaroschs stellten die Gesellschaft offensichtlich nicht zufrieden. Kein Vertrauen zum Rechten Sektor schuf auch die Weigerung sich in die Armee oder die Nationalgarde einzugliedern. Mehr noch als dass es im Frühling 2015 fast zu Schusswechseln und einem offenen Aufstand kam.

Die Versuche des Rechten Sektors in die legale Politik zu gehen, scheiterten ebenfalls. Das Parlamentsdebüt von Jarosch erwies sich als nicht überzeugend – bei den Parlamentssitzungen war der «Führer» überwiegend abwesend. Nicht überzeugend war auch der Rechte Sektor als politische Partei. Vor allem bei den Parlamentswahlen im Oktober 2014 erhielt die Organisation weniger als zwei Prozent und bei den Kommunalwahlen entschied sie sich erst gar nicht aufzutauchen. Es sieht so aus, als ob auch Jarosch sein Mandat über eine situative Schwankung der gesellschaftlichen Meinung erhalten hat. Ein Jahr später liegt sein persönliches Rating nur bei drei Prozent (Jarosch erhielt ein Direktmandat im Gebiet Dnipropetrowsk, auch damals war sein landesweites Rating sehr niedrig, A.d.Ü.).

Enttäuschung und Zerfall

All das verursachte eine Spaltung in den Reihen des Rechten Sektors. So trat im Juli 2015 Ruslan Katschmal mit dem Rufnamen Rem mit einer Gruppe Kämpfern aus dem Bestand des Ukrainischen Freiwilligenkorps (DUK, ursprünglich Kampfverbände des Rechten Sektors, A.d.Ü.) aus. Ihren Übertritt in die Nationalgarde erklärten sie damit, dass der Rechte Sektor «korrupter geworden und außerhalb des Gesetzes getreten ist.» Und im September traten die legendären «Bären Marussjas» zur Armee über. Es traten auch Probleme mit einigen regionalen Zellen auf, darunter in den Gebieten Tscherkassy, Riwne, Cherson und den Transkarpaten.

Daher erschien der Vorstoß Jaroschs nicht unerwartet. Die Organisation ist in einer Sackgasse, aus der kein Ausweg sichtbar ist. Die Kämpfe sind abgeklungen und die Verteidigung des Landes wurde von der Armee und der Nationalgarde übernommen und nicht von bunt zusammengewürfelten Einheiten von Freiwilligen. Ein dritter Maidan, auf den die Nationalisten gehofft haben, trat ebenfalls nicht ein und mit brennenden Reifen vor dem Regierungsgebäude lässt sich niemand mehr beeindrucken. Und auch das politische Kapital des Rechten Sektors begann sich zu entwerten: das Bild des Maidan- und ATO-Helden erlangte inakzeptable Züge radikaler Populisten und «kopfloser» Aufrührer.

In der Organisation verbindet man den Entschluss des Ex-Führers mit der untergrabenden Tätigkeit der Geheimdienste und den Intrigen seiner Umgebung. «Der Weggang von D. Jarosch schwächt unsere Bewegung nicht, erlaubt es ihr dafür sich in eine konsequente revolutionäre Kraft zu verwandeln», versichert man beim Rechten Sektor. Dagegen rechtfertigte sich Jarosch selbst
mit seinem Nichtwunsch zum «Hochzeitsgeneral» (funktionsloser Ehrengast auf Hochzeiten, A.d.Ü.) zu werden, also fehlenden Einflussmöglichkeiten auf die Lenkung der Organisation. Vom Chaos innerhalb des Rechten Sektors zeugen auch frische offizielle Kommuniqués der Organisation, in denen von «Desorganisation und Verstößen gegen die Geschlossenheit unserer Struktur» die Rede ist.

In welchem Zustand sich gerade der Rechte Sektor befindet, ist nicht genau bekannt. Jedoch traten, den Worten Jaroschs nach, mit ihm das 5. und 8. Bataillon des DUK und der medizinische Dienst der «Hospitaliter» aus, die zu Teilen der neuen Bewegung werden sollen. Was das für eine Bewegung wird, erzählt der Ex-Führer bisher nicht. Bekannt ist nur, dass der Gründungskongress für den Februar 2016 geplant ist. Die Zukunft des verwaisten Rechten Sektors ist ebenfalls infrage gestellt, insoweit als dass Jarosch die einzige bekannte Persönlichkeit der Organisation war.

Wie weiter?

Das Schicksal der ukrainischen nationalistischen Bewegung hängt von der weiteren Situation im Land ab. Wie die Vorgänge in den vergangenen zwei Jahren zeigen, konnte keine nationalistische Organisation in der Ukraine zu einem eigenständigen Faktor gesellschaftlicher Umgestaltungen werden. Sogar den Maidan, entgegen neueren Mythen, haben gewöhnlich Bürger getragen und nicht die geschulten Kenner Donzows (gemeint ist Dmytro Donzow, einer der ideologische Begründer des ukrainischen Nationalismus, A.d.Ü). Die Nationalisten haben mehr oder weniger eine Nische ausgefüllt, die sich ihnen eröffnete: auf den Barrikaden, an der Front usw. Dort haben sie nicht selten geglänzt. Dagegen vermochten die Nationalisten es nicht über diese Nischen hinauszugehen, genauso wie von Juwelieren angeschnittene Steinchen.

Wenn es in der nächsten Zeit in der Ukraine nicht zu großen historischen Überraschungen kommt, wird die nationalistische Bewegung sicherlich in ihren gewohnten Zustand zurückkehren. Das heißt die «Naziokratija» (Werk vom Ideologen Mykola Sziborskyj) zusammenzufassen und eine revolutionäre Situation abzuwarten. Der Unterschied ist lediglich der, dass jetzt Seminare nicht nur in Lagern in den Karpaten, sondern auch auf richtigen Schießplätzen abgehalten werden. Dabei wird auch der militärische Flüge des Nationalismus sich eher den offiziellen Militärstrukturen unterordnen, als zur von Radikalen ersehnten Junta zu werden.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Jedoch haben die Nationalisten immer einen Trumpf – die Front interner Kämpfe zu eröffnen. Eine Kunst die sie in den Zeiten der Spaltung der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten, faschistische Organisation in den 1930/40ern, A.d.Ü.) perfektionierten. Wie die Geschichte zeigt, widmen sich die Nationalisten Spaltungen und gegenseitiger Vernichtung nicht weniger fanatisch, als dem Kampf mit den Moskowitern. Besondere politische Dividenden bringt das nicht, doch erlaubt es die Zeit totzuschlagen, solange die Geschichte ihnen nicht erneut eine Chance gewährt, auf die historische Bühne zu treten.

18. Januar 2016 // Hryhorij Schwez

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1147

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 8 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)35 °C  Ushhorod32 °C  
Lwiw (Lemberg)29 °C  Iwano-Frankiwsk23 °C  
Rachiw29 °C  Jassinja27 °C  
Ternopil28 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)30 °C  
Luzk28 °C  Riwne29 °C  
Chmelnyzkyj34 °C  Winnyzja35 °C  
Schytomyr33 °C  Tschernihiw (Tschernigow)32 °C  
Tscherkassy34 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)38 °C  
Poltawa37 °C  Sumy34 °C  
Odessa32 °C  Mykolajiw (Nikolajew)35 °C  
Cherson39 °C  Charkiw (Charkow)35 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)39 °C  Saporischschja (Saporoschje)37 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)38 °C  Donezk37 °C  
Luhansk (Lugansk)37 °C  Simferopol31 °C  
Sewastopol31 °C  Jalta30 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„In der Region Lwiw, wo ich unterwegs bin, sind 10 Hrywen unterschied je Liter keine Seltenheit. Ausgangs Lwiw z.B., kostete ein Liter Diesel 58,5 UAH und in Jaworiw habe ich für 49 UAH getankt. Tanke...“

„Hallo, Ich wollte einmal fragen ob ihr Tipps zum günstigen Tanken in der Ukraine habt? Gibt es Apps zum Preise vergleichen? Bei meiner Suche habe ich soetwas nicht gefunden. Oder gibt es spezielle Marken...“

„@naru gut zu wissen, dass die EU Privilegien weiter gelten, ich war mir nur nicht sicher, allerdings geht es eben nur wenn man mit EU Pass reißt und kein ukrainische Staatsbürger mit im Auto sitzt. Mir...“

„Das ist mit klar. Es gibt keinen Friedensvertrag mit Putin. Darum sollte es auch gar nicht mehr gehen. Der einzige Zweck eines Angebotes eines Vertrages durch die Ukr. soll die moralische Überlegenheit...“

„Interessant, dass es das nicht mehr geben soll, bzw. keinen Vorteil bringen soll. Ich bin im März über Krakowez nach UA eingereist. An der ersten Schranke auf der Autobahn waren alle gleich. Auf dem...“

„@naru also damit ich Deine Frage aber genau beantworte, ich gehe aber davon aus, dass Du mit ukrainischen Staatsbürgern im Auto diesen Service, sprich EU Spur wirst NICHT wahrnehmen dürfen. Habe mich...“

„Aus eigener Erfahrung muss ich jetzt aber noch einen Einwand machen, zum Grenzübergang Dorohusk–Jahodyn (Ягодин) In beide Richtungen gab es 2021 noch eine EU Spur, die waren beide erheblich schneller,...“

„So schlecht ist der Vorschlag sicherlich nicht! Die Abrüstung der Waffen/Militärgeräte könnte die Ukraine und Helfer... Nato in der Art umgehen, dass das ganze Material z.B. in Polen eingelagert wird,...“

„Von der Ukraine kommend und nach Polen ( EU) einreisend, gibt es keine direkte EU Spur. Alle stehen, außer CD, in einer Schlange und wie von Handrij geschrieben, wird man in einer Abfertigsspur zugewiesen....“

„Seit den visumfreie Reisen in den Schengenraum für Ukrainer sind mir da gar keine speziellen EU-Spuren mehr aufgefallen. Gibts das überhaupt noch?“

„Kurze Frage. Muss man bei der Einreise in die EU, an der polnischen Grenze, mit deutschen Fahrer und deutschen Kennzeichen, aber weiteren Ukrainern im Auto, auf die Spur für alle, oder darf man auf die...“

„Zur Diskussion - könnte so ein realistisches Angebot der Ukraine an Russland aussehen? Wie würde Russland reagieren - auf einige Forderungen/(fiktiven) Ängste Russlands wird hier ansatzweise Rücksicht...“

„Was will Faschisten-Russland schon eskalieren? Haben die nicht sogar Truppen von den NATO-Grenzen abgezogen weil es eng wird?“

„Den direkten Konflikt mit Russland gibt es doch schon lange. Natürlich ist das kein heißer Konflikt. Aber, gesprengte Pipelines, diverse Hackerangriffe, Morde an in Europa lebenden russischen Migranten...“

„Die Einwanderung ist inzwischen leichter geworden. Siehe: unbefristete-aufenthaltsgenehmigung-ein ... 48448.html Ansonsten halt der übliche Kram: Ehe, KInd, ukrainische Ahnen, Ostfronteinsatz. Aber dann...“

„Die temporäre Aufenthaltsgenehmigung hat vor allem den Nachteil, dass du für die jeweilige Erneuerung jedes Mal eine Grundlage brauchst, deren Bedingungen sich ändern können. Mit einer befristeten...“

„In der Praxis habe ich auch noch von keinem Einwanderer hier gehört, dass er seinen ausländischen Führerschein umgetauscht hat. Allenfalls, dass sich Leute einen zweiten ukrainischen zugelegt haben....“

„Liebe Alle ich habe an anderer Stelle einiges zum Thema gelesen, jedoch nicht die wirklich passende Antwort gefunden. Vielleicht hier? Muss man wirklich, wenn man eine Aufenthaltserlaubnis für die Ukraine...“

„Hat jemand eine Idee wie ich mein Bike von köln beispielsweise nach krementschuk schicken kann? Gibt es jemanden der Transporte in die Ukraine macht? Dankeeee“

„Hatte gestern so eine Situation. Nach einer Mautstelle, stand polnische Policia und verfolgte mich anschließend mit Blaulicht. Bitte folgen, das war in Kattowitz. Sie meinten, ich hatte kein Licht an,...“

„Hallo Forengemeinde, bin heute früh 6 Uhr über Korczowa in die Ukraine eingereist. 1,5 h ohne Probleme. Straßen, sind teilweise sehr marode“

„Scheidungsurteile sind unbegrenzt gültig. Auch nach 10 oder 20 Jahren. Aus dem einfachen Grund, weil der Inhalt, also die Entscheidung, sich ja nicht mit Zeitablauf ändert. Normalerweise jedenfalls nicht....“

„Klingt irgendwie nach Wunschkonzert. Die Person erscheint mir wenig Schutz zu benötigen, reist ja immer hin und her. Paragraph 24 bedeutet, Du benötigst den Schutz, Du bleibst hier, Du lernst Deutsch,...“