Es ist ein Gespräch mit dem ukrainischen Schriftsteller Jurij Andruchowytsch, das von mir neulich zufällig in einem Cafe in Kiew aufgenommen wurde.
– Herr Andruchowytsch, was hat Sie her geführt. Machen Sie an diesem frostigen Abend etwa einen Spaziergang?
- Ich habe beschlossen die kürzlich verabschiedeten Gesetze (das Gesetzespaket, das Bürgerrechte in der Ukraine einschränkt. Es wurde am 16.01.2014 verabschiedet, musste aber wegen heftiger Kritik die Mehrheit der Gesetze am 28.01.2014 zurückgenommen werden) zu missachten und mich an den Massenprotesten zu beteiligen.
Die Teilnahme an den Massenprotesten ist an sich sehr spannend. Es ist so, als würde man zum Komplizen eines großen Verbrechens, das in den Augen der jetzigen Staatsregierung ein Staatsverbrechen sei. Andererseits und eben dies zieht mich an, bedeutet dies die Beteiligung an einem historischen Ereignis, dass zu einem kollektiven Kunststück wird.
– Seit einiger Tagen kursiert in den sozialen Netzwerken ein offener Brief von Ihnen, der in viele Fremdsprachen übersetzt wurde, in dem Sie sich an die Weltgemeinschaft wenden. Worum geht es in dem Brief und wozu das Ganze?
- Nein, nein. Der Brief ist nicht an die Weltgemeinschaft gerichtet, sondern an meine Freunde im Ausland, vor allem an die Journalisten sowie Medienredakteure. Nachdem sich die Lage in der Ukraine vergangener Woche verändert hatte bekomme ich täglich viele E-Mails, wo ich um ein Interview, einen Artikel bzw. eine Stellungnahme zu den aktuellen Ereignissen in der Ukraine gebeten werde. Warum gibt es Opfer bei den Protesten, warum haben die Rechtradikalen den Charakter der friedlichen Protesten verändert und so weiter und so fort.
Zuerst war mir nicht klar, was ich damit machen soll, da es unmöglich war, die ganzen Anfragen zu beantworten. So beschloss ich einen Text zu verfassen um diese sowie ähnliche Anfragen in der Zukunft beantworten zu können.
Zur gleichen Zeit entstand der Gedanke eine Übersetzungsplattform zu kreieren, wo beachtenswerte Texte schnell und unentgeltlich in mehrere Fremdsprachen übersetzt werden können. Dabei soll eine breite Aufklärung über die Ereignisse in der Ukraine unter den Bekannten sowie Freunden betrieben werden.
Neulich rief mich Rebecca Harms, die Vorsitzende der Europäischen Grünen Fraktion, die im Europäischen Parlament für unser Land eintritt und meiner Meinung im Vergleich zu den anderen europäischen Politiker am besten die aktuelle Lage in der Ukraine versteht. Sie sagte zu mir bekümmert, dass die jetzige Informationslage in Europa nicht zu unserem Gunsten ausfällt. Die russische Botschaft veranstaltete neulich in Brüssel eine große Pressekonferenz, wo die Meinung geäußert wurde, dass die Ukraine sehr weit von der Demokratie entfernt sei, dass das Land chaotisch und unkontrollierbar sei, dass demokratische Veränderungen in der Ukraine erst dann möglich seien, wenn sie in Russland durchgeführt würden. Dies soll heißen, dass die diesbezügliche Meinung Russlands ausschlaggebend wäre und demnach Russland die Erlaubnis erteilt werden solle, die Probleme in der Ukraine irgendwie zu regeln, weil die Ukraine eine Gefährdung für die Stabilität und Frieden in Europa darstellt, da dort nun Rechtsradikale am Werk sind. Und so weiter und so fort.
– Apropos Russland. Ist da was dran, dass Russland hier seine Hände im Spiel hat?
- Ohne Zweifel ist Russlands Einfluss gegeben. Die Frage ist nur, wie groß ist der Einfluss.
Es ist eines der Lieblingsspielzeuge von Wladimir Putin, der nach allen Kräften versucht, seine eigenen ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen. Ja, es ist eine perverse Ästhetik, die Ästhetik eines Spezialagenten, dem am seinem Geburtstag der Kopf von Journalistin Anna Politkowskaja dargereicht wird und so weiter und so fort.
Wie gesagt Moskaus Einfluss ist eindeutig gegeben. Fraglich ist nur, wie groß er ist. Ist Janukowytsch schon hundertprozentig zu einer Marionette Putins geworden oder behält er noch einen gewissen Freiraum für selbständige Entscheidungen sowie Handlungen?
– Welche Ereignisse haben die Zeichen des Einflusses Moskaus?
- Vor allem ist dies die Gewalteskalation. Während der zweiundzwanzig Jahre der Unabhängigkeit entstand im Land eine gewisse politische Kultur, wie lächerlich das auch klingen mag, wonach alles gewaltlos ablaufen müsse und dies wurde von allen Seiten beachtet. Und Gott schütze uns vor einem Blutvergießen.
Nun ist dies verletzt worden. Dies ist ein gewichtiger Beweis des Moskaus Einflusses. Wir existieren nicht isoliert, wir durchleben gewisse verknüpfte Momente, sagen wir, mit dem Verschwinden von bestimmten bekannten Leuten, mit Verprügelungen. Ich denke nicht, dass die Gewalttäter an die Effektivität der Gewalttaten glauben, die ganzen Verbrechen geschehen wieder einmal aufgrund des genannten perversen ästhetischen Vergnügens. Hinter dem Ganzen ist eindeutig die „Hand Moskaus“ zu sehen…
– Nun die letzte Frage. Wie wird es weitergehen? Im Moment werden mehrere mögliche Szenarien durchgespielt: Weiterführung der Gespräche, weitere Verhandlungen, zusätzliche Parlamentssitzung am Dienstag. Außerdem sind Parteiaustritte der Abgeordneten der Partei der Regionen nichts neues. Was sind Ihre Prognosen bzw. Erwartungen diesbezüglich?
- Ich denke, dass die Machtvertikale weiterhin zerbröckeln wird. Äußerst wichtig sind dabei die Erhebungen in der ganz Ukraine, wo die Menschen ihre Angst loswerden und somit zu einem entschlossenen Protesthandeln übergehen.
Es ist eine starke Veränderung im Geiste der Ukrainer, die nun nicht mehr zu stoppen ist. Dies wird sich zusehends ausbreiten und den jetzigen Machthabern laufend immer mehr Probleme bereiten.
Zur gleichen Zeit, wenn der Maidan, der zurzeit meiner Meinung nach gut da steht, seine erlangten Positionen behalten würde bzw. neue Anhänger gewinnen könnte, wird sicher der Moment kommen, an dem auch Janukowytsch verstehen wird, dass er zurücktreten muss.
Im Moment ist ihm dies noch nicht klar, da er zu weit von der Realität entfernt ist. Möglicherweise wird er die Notwendigkeit des Rücktritts in seinem Inneren fühlen, bewusst wird ihm dies erst später.
Sobald Janukowytsch beschließt zurückzutreten, wird er möglicherweise fliehen wollen. In diesem Fall wäre zu verhandeln, ob wir ihn gehen lassen oder er seine Taten vor Gericht in Den Haag verantworten muss.
Zurzeit werden großflächig Beweise gesammelt, welche Verbrechen gegen die Menschlichkeit das jetzige Regime tatsächlich verschuldet hat.
Möglicherweise wird unser Präsidenten sogar Slobodan Milosevic um sein Schicksal beneiden.
25. Januar 2014 // Iryna Slawinska, Hromadske Radio/Bürgerradio
Quelle: Ukrajinska Prawda. Shyttja


Forumsdiskussionen
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„Ich schau immer bei ... ... , finde es nicht schlecht, liegt meiner Meinung nach nie KRASS daneben, DIE gemeldeten Zahlen kann man zumindest für eine seriöse Entscheidungsfindung heranziehen.“
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