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Jurij Korohodskij: In Erwartung einer Pseudo-Revolution

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In letzter Zeit lodern im Netz sporadisch intellektuell-theoretische Diskussionen über eine mögliche revolutionäre Veränderung in der Ukraine auf.

So, gibt es eine Krise, Millionen Arbeitslose und Enttäuschung über die “Orangen”.
Und weiter gibt es noch die provokativen Befragungen der Soziologen, die von einer wachsenden Zahl von Leuten zeugen, die auf die Straße gehen und protestieren wollen. Protestieren und dann wird das Leben schon zeigen, was weiter geschehen wird.

Zurück ins Jahr 1993

Doch bei weitem können Massenproteste nicht immer zum Ursprung einer Situation historischen Maßstabes werden. Nicht immer führt ihr Resultat zu einer demokratischen Umgestaltung, festigen sich liberale Reformen. Nicht immer regt eine Krise zu Handlungen an.

Natürlich, gibt es bedingte Analogien zur Periode der Jahre 1993-95, als die tiefe soziale und ökonomische Krise die Ukrainer an den Rand des Überlebens brachte. Und in vielen Regionen des Landes beginnt die Situation bereits tatsächlich an diese traurige Periode zu erinnern. In Verbindung damit kann auch nicht verwunderlich sein, wie die Oblast Ternopil reagierte, wo offiziellen Angaben nach, das niedrigste mittlere Einkommen (1.267 Hrywnja; ca. 120 €) im Lande erzielt wird.

Kiew hält sich noch, doch die Reserven sind ebenfalls nicht endlos. Bereiten sich die Leute folglich darauf vor, auf die Straßen zu gehen? Vielleicht ja, doch führt dies kaum zu einer Revolution. Wenigstens nicht zu einer solchen, an die einige liberale und pseudo-liberale Intellektuelle denken.

Wie bekannt ist, gab es in den Krisenjahren der 1990er in der Ukraine keinerlei ernsthafte Versuche des Sturzes der Regierung. Diese begannen später, als das BIP zu wachsen begann. Kutschma, wenn er eine Bedrohung spürte, dann eher von der Dnepropetrowsker und Donezker Wirtschaftselite, als von den durch ihre eigene Verarmung beunruhigten Leuten.

Obgleich, wenn wir uns an die Jahre 1993-94 erinnern, dann hatten Massenproteste ihren Platz, doch eher als Druckmittel des Umfeldes von Kutschma auf Krawtschuk. Man übte mit den streikenden Arbeitern der größten Industrieunternehmen des Südens und des Ostens des Landes Druck aus. Sobald Krawtschuk der “Opposition” entgegen kam und vorgezogene Wahlen ansetzte, verschwanden die Massenproteste, obgleich das Leben nicht besser wurde.

Eine ernsthafte Protestbewegung begann sich erst 2003 im Lande auszubreiten. Damals, als sich bereits das Lebensniveau erhöhte, als man mehr zu verdienen begann und Vertrauen in die eigenen Kräfte fühlte. Worin nichts erstaunlich ist.

Revolution der satten Bourgeoisie

Die klassischen Beispiele für Revolutionen zeugen just vom Eintreten in einer Periode des ökonomischen und sozialen Wachstums. Bis heute bleibt die Französische Revolution das typischste Beispiel, welche der Welt ein Vorbild für eine scharfe gesellschaftliche Umgestaltung unter den Bedingungen der modernen städtischen Zivilisation gibt.

Leider, bleiben bei uns auf lange die verbreiteten marxistischen Stereotypen verbreitet, gemäß denen 1789 das des ökonomischen Terrors der Regierung überdrüssige französische Volk gegen die Ausbeuter aufstand. Und dabei ist nicht wichtig, dass die tiefe Krise in Frankreich bereits 1778 begann und als die Revolutionäre zur Bastille gingen, befanden sich die Wirtschaft des Landes und der Wohlstand des “Dritten Standes” im Ansteigen. Freilich, wenn es auch in Paris kein Brot gab, so existierte im Lande eine Schicht von Leuten, die Geld, Kraft und Machthunger hatten.

Die andere klassische Revolution, die Februarrevolution in Russland begann ebenfalls dank des Brotmangels in der Hauptstadt. Doch ihr Anlass lag nicht darin begründet. Natürlich erfordert eine Beschreibung dieses Themas einen gesonderten Artikel, doch braucht man den sowjetischen Quellen nicht zu glauben, die das Russische Imperium als gänzlich zurückgebliebenes Land beschrieben. Eben am Vorabend des Ersten Weltkrieges befand sich das Imperium im Zustand einer ökonomischen Modernisierung, die den Ausbruch der Februarrevolution vorbereitete.

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Noch bis heute sind in Kiew ausgezeichnete Gebäude erhalten, auf deren Fassaden die Ziffern “1913” und “1914” stehen. Das sind die Reste des damaligen wirtschaftlichen Booms.

Freilich begann danach, im Oktober 1917, der “sinnlose und grausame Aufstand” der Bolschewiki, der nichts mit den Februarforderungen der mittleren und kleineren Bourgeoisie gemein hatte, doch dies ist bereits die Besonderheit eines eurasischen Landes.

Man kann sich auch an die erste postmoderne Revolution erinnern, die in Paris 1968 aufflammte und keine politischen Forderungen stellte, doch zu qualitativen gesellschaftlichen Veränderungen führte. Frankreich glich am Ende der 1960er Jahre ebenfalls nicht einem zurückgebliebenen Land mit einem niedrigen Lebensniveau. Im Gegenteil, das Leben dort war nicht schlecht und es gab keine Bedingungen für eine Verarmung.

Auf der Suche nach der Mittelklasse

Doch wie ist es bei uns heute? Die globale ökonomische Krise traf die Staaten Mittel- und Osteuropas besonders. Sie erwiesen sich als überhaupt nicht vorbereitet auf eine solche Entwicklung der Ereignisse.

Für einen Ausweg aus der Krise muss die Ukraine einen langen Weg der Modernisierung der Wirtschaft gehen. Doch auf diesem Weg haben wir bereits unsere notwendige “Mittelklasse” verloren. Eben diese ist die bewegende Kraft einer Revolution mit klaren politischen und gesellschaftlichen Forderungen und nicht nur einfach der Losung für “ehrliche Wahlen”.

Natürlich ist noch eine weitere große Frage, ob diese “Mittelklasse” überhaupt existierte. Im Jahr 2004, als das mittlere Einkommen in Kiew sich im Bereich von 300-400 Dollar bewegte, beschrieben Soziologen und Politologen den Maidan als Erscheinung der Initiative der Mittelklasse.

Danach wurde es eine normale Angewohnheit, an diese achtbare soziale Schicht der Gesellschaft zu erinnern, wo wenigstens im Sommer 2008 das mittlere Einkommen der Kiewer für kurze Zeit den gehätschelten Traum der 1.000 Dollar erreichte.

Doch wenn wir die hauptstädtischen Ausgaben berücksichtigen, dann glaubt man kaum, dass wir eine solche Gesellschaftsschicht hatten. Zuversicht in den morgigen Tag hatten nur die größeren und mittleren Unternehmen und nicht die Manager, die kaum ihre Wohnung bezahlen konnten. Und jetzt gibt es nicht einmal diese mehr.

Es gibt derzeit kaum Bedingungen für eine demokratische Revolution. Die ehemaligen Vertreter der ehemaligen “Mittelklasse”, der PR-Manager und Investmentbanker, der Immobilienmanager und der Leiter der Reklameabteilungen, die Seniormanager der Einzelhandelsketten und Redakteure der halbbankrotten Zeitschriften denken über ihr eigenes Überleben nach. Von welcher Revolution ist hier die Rede? Wenn es kein Geld für die Miete gibt, dann gibt es keine Zeit und keine Inspiration für die Aufstellung radikaler politischer Forderungen.

Und das ist gut so, da die Weltgeschichte keine Beispiele für Wechsel der Regierungen und großen Eigentums ohne Blutvergießen kennt. Und die traurige Geschichte des Post-Maidans bestätigt dies Regel nur.

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Doch die Gefahr von Massenauftritten pseudo-revolutionären Charakters besteht. Was ist die Gefahr? Wenn im Herzen Enttäuschung ist und die Seele traurig, dann eröffnen sich immer riesige Möglichkeiten für Diktatoren oder Ultra-Populisten. Diese könnten auf der Welle des Volkszorns an die Macht gelangen.

Jurij Korohodskij

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1081

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