Kurz vor dem Besuch des Präsidenten Russlands, Dmitrij Medwedjew, in Kiew hat der Leiter des Energieministeriums Jurij Bojko in Moskau die ersten Verhandlungen zur Frage einer Fusion „Gasproms“ und „Naftogas“ geführt. Ihre Ergebnisse sind unbekannt, doch die Regierenden auf allen Ebenen unterstreichen, dass sie mit einer Fusion von „Naftogas“ und „Gasprom“ nicht einverstanden sind. Anstelle dessen würde die Ukraine gern die Kontrolle über das neue Unternehmen behalten, Russland vorschlagend als Aktiv einen Teil der russischen Gaslagerstätten und das ukrainische Pipelinesystem einzubringen.
Außenminister Konstantin Grischtschenko erklärte gestern in einem Interview mit der Financial Times, dass die Regierung des Landes das Angebot des russischen Premierministers Wladimir Putin zur Fusion der Gasmonopolisten der beiden Länder zurückweist, wenn es eine Übernahme der NAK (Nationale Aktiengesellschaft) „Naftogas Ukrainy“ mit „Gasprom“ bedeutet. „Wir haben gesagt, dass wir darüber nachdenken, doch offensichtlich ist, dass es ernste Hindernisse für eine vollständige Integration beider Unternehmen gibt“, erläuterte der Staatsbedienstete. „Wir möchten die Kontrolle über ‘Naftogas’ nicht abgeben. Wir sind bereit nur die Abkommen abzuschließen, die eine Kontrolle über die Aktiva vorsehen, die sich auf unserem Territorium befinden und eine wichtige Rolle in unserer ökonomischen Entwicklung insgesamt spielen“.
Von der Idee einer Fusion von „Gasprom“ und „Naftogas“ erzählte Putin in Sotschi am 30. April. Jedoch entspricht „Naftogas“ vom Wert her nur 8% der Aktien von „Gasprom“. Die Ukraine reagierte daher von Anfang an nur sehr zurückhaltend auf das Angebot, unterstreichend, dass sie eine gleichberechtigte Fusion wünscht. Gestern bekräftigte Präsident Janukowitsch im Programm von Radio „Echo Moskwy“ diese Position: „Wenn ich in Sotschi gewesen wäre, dann hätte ich Putin die Hand hingestreckt und gesagt: einverstanden – fifty fifty“.
Den Worten des Mitgliedes des Energieausschusses der Werchowna Rada, Sergej Paschinskij, nach, möchte die Regierung „die Systeme zu gleichen 50 zu 50 vereinen oder noch besser zu 60 zu 40 zum Vorteil der Ukraine und eine vollständige Kontrolle des neuen Unternehmens“. Der Abgeordnete präzisierte, dass dies möglich ist, wenn „Gasprom“ in das gemeinsame Unternehmen einen Teil seiner Lagerstätten einbringt und diese mit „Naftogas“ vereint.
Gestern führte der Energieminister, Jurij Bojko, die ersten Verhandlungen über eine Fusion der Unternehmen mit dem Vorstandsvorsitzenden von „Gasprom“, Alexej Miller. „Eine Vereinigung von ‘Gasprom’ und ‘Naftogas’ ist eine absolut pragmatische Entscheidung“, sagte Miller am Ende der Verhandlungen. „Diese Idee ist durch die gemeinsame Entwicklungsgeschichte der Gasbranche unserer Länder begründet, im Einzelnen betrifft dies den Gastransportkomplex, der noch während der Zeit der UdSSR geschaffen wurde“.
Die Ukraine bietet als Alternative zu einer Fusion an zur Frage der Modernisierung des Gastransportsystems zurückzukehren (GTS). Premierminister Nikolaj Asarow erklärte gestern, dass er auf den Abschluss der Verhandlungen bis Juli hofft. Ein Informant des “Kommersant-Ukraine“ beim Energieministerium präzisierte: „Bis Juli müssen wir Russland und der EU konkrete Szenarien für eine Modernisierung des Gastransportsystems vorlegen“. Seinen Worten nach werden drei Varianten der Finanzierung geprüft: langfristige Kredite russischer und westlicher Banken zu annehmbaren Prozenten, Kredite „Gasproms“ und westlicher Energiegesellschaften zu den gleichen Bedingungen und ebenfalls die Schaffung eines Konsortiums zur Kontrolle des GTS und die Bereitstellung der Mittel durch die Beteiligten in Form von Einlagen im Stammkapital. Wiktor Janukowitsch bewertete eine Modernisierung des GTS der Ukraine mit 600-700 Mio. $.
Der Leiter von „Gasprom“ führte im Gegenzug als Argument an, dass das ukrainische GTS für den Transport russischen Erdgases nach Europa geschaffen wurde. „Und bekanntlich ist jede Röhre nur ein wertvolles Aktiv, wenn sie mit Gas gefüllt ist“, wurden die Worte Alexej Millers in einer Mitteilung „Gasproms“ angeführt. Ohne das GTS auszukommen rechnet der russische Monopolist nach dem Bau der Gaspipeline South Stream von Russland nach Europa auf dem Grunde des Schwarzen Meeres (sie soll 2015 in Betrieb genommen werden). Wiktor Janukowitsch bekräftigt, dass die Perspektive des Auftauchens von South Stream die Ukraine nicht erschreckt. „Falls das eine Form von Druckausübung auf die Ukraine ist, dann begreifen wir dies. Und falls dies ein Konkurrenzkampf ist, so sind wir bereit dazu“, sagte der Präsident gestern.
Nichtsdestotrotz meint der Direktor der East European Gas Analysis, Michail Kortschemkin, dass die Ukraine nur auf eine Vereinigung von „Gasprom“ und „Naftogas“ eingeht, wenn Russland auf South Stream verzichtet. Andernfalls, erläuterte der Experte, wird eine Vereinigung „eine einfache Übergabe des ukrainischen Marktes an Russland ohne irgendwelche Vorteile für die Machthaber der Ukraine“. Der Präsident des Zentrums für globale Studien „Strategija XXI“, Michail Gontschar, hob hervor, dass „Naftogas“ ein großer Steuerzahler der Ukraine ist; 2009 überwies das Unternehmen ins Budget 3,5 Mrd. $ oder 9% seiner Einnahmen. Die nächste Verhandlungsrunde in den Gasbeziehungen zwischen Russland und der Ukraine könnte am 17./18. Mai im Verlauf des ersten offiziellen Besuchs des Präsidenten der Russischen Föderation, Dmitrij Medwedjew, in Kiew stattfinden.
Oleg Gawrisch, Natalja Grib
Quelle: Kommersant-Ukraine


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