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Das Land der Babky - Großmütter und Zaster als Merkmal für Einflussmöglichkeiten und Stabilität

Babky auf der Bank
Es irren sich diejenigen, die meinen, dass in diesem Land Wahlen alles entscheiden. Genauso wie diejenigen, die denken, dass sie nichts bewirken. Und selbstverständlich ebenso wie diejenigen, welche glauben, Beziehungen und persönliche Bekanntschaften würden dies bewerkstelligen.

In diesem Land entscheiden alles die Babky. Babky – im Sinne von Geld und im Sinne der “Großmütter von Tschernowezkyj” (ehemaliger Bürgermeister von Kiew, A.d.Ü.). Derjenige, der diese Ressource beherrscht, der fähig ist, unter seiner Hand diese zwei Wunder unserer armseligen Existenz zu verbinden, diese unvereinbaren Welten, die materielle und geistige – welche man mit dem Codenamen “Babky” bezeichnen kann – derjenige ist fast allmächtig.

Derjenige ist an sich imstande, die Wahlen zu gewinnen. Vielleicht sogar ohne tatsächlich daran teilzunehmen, jedoch trotzdem von all ihren Vorteilen zu profitieren. Und mit ihrer Hilfe ganz leicht die nötigen Bekanntschaften anzuknüpfen. Man kann, nur so zum Spaß, sogar mal ein paar Babky vor die Rada stellen, natürlich für Babky.

Man kann “Großmütter-Demonstrationen” veranlassen. Man kann mit ihnen die Wirklichkeit oder den Raum ausmessen, indem man sie ordentlich aufreiht oder stapelt, je nachdem, um welche Babky es geht. Man kann sie auf jemanden hetzen oder mit ihnen jemanden aufhetzen. In jedem Fall sind Babky eine Möglichkeit.

Babky sind für Ukrainer nicht nur der allgegenwärtigen Armut wegen wichtig, sondern auch mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung. Dies birgt Probleme für die Rentenkasse, was wiederum für das gesamte Land problematisch wird. Und dann fehlt es den Babky katastrophal an Babky. Dann muss man sie nehmen, solange sie warm sind.

Doch dass die gängige Währung nicht Großväter sind, das liegt natürlich nicht an irgendwelchen Genderdingen und Gendertrouble, sondern das ist reine Statistik. Männer leben bei uns nicht lange, deshalb sind sie, wenig verwunderlich, das vergängliche und die Babky das stabile Element.

Doch es lohnt, sich der Zastersache ernsthaft anzunehmen, denn in dieser Kultur haben sie wirklich eine wichtige Funktion. Schon zu Zeiten der Polowzer [AdÜ: turkstämmige Nomadenvölker] bewachten und markierten Babky die Grenzen. Kleine Kinder erschrickt man bis heute mit “Babaj” [AdÜ: dt. Gespenst], das heißt, mit einer Art Überbaba oder Überbabka (es wäre zu wünschen, dass es dafür übermäßig Bares gäbe). Doch bereits Jugendliche und Erwachsene werden mittels Zaster an der Zufahrt erschreckt.

Allein schon die Frauen dieses Landes sind sich, aufgrund des vorherrschenden Matriarchats auf ihrem Terrain, dessen bewusst, dass man tatsächliche Macht dann etablieren kann, wenn man Großmutter – Babzja – wird. Ganz konkret, indem Mütter mit aller Kraft versuchen, ihren Kinderchen “eine Liebste oder einen Liebsten” für die gelungene Ehe zu finden, sobald deren Alter die 16 überschreitet. Und nach der Hochzeit bearbeiten sie das Brautpaar gezielt, dass es sich schleunigst Kinder anschaffe. Denn Enkel sind für sie eine strategische Ressource, welche aus mittelmäßigen Frauen Großmütter macht, ihnen also Einflussmöglichkeiten gibt. Enkel – das sind die spezielle Art Superkraft, die Superman, Batman und anderen einfachen wunderbaren Un(?)sterblichen nicht obliegen.

Um ihre Macht angemessen auszunutzen, vereinigen sich Babky zu Gruppen von 2-5 Stück und besetzen strategische Positionen vor der Zufahrt oder auf einer Bank mitten im Dorf, dass sie alles was sich bewegt und atmet hervorragend im Blick haben. Damit sie imstande sind, den Generationen, die durch ihre Hände gingen, die sie mit den eigenen Händen vermählten und erzogen, eine zielsichere Diagnose stellen zu können. All diese “verfluchten Junkies” und “billigen Flittchen”, die nicht grüßen, wie man es ihnen beigebracht hat – das heißt die gar nicht grüßen, denn so weit kam es nicht. Manchmal könnte man sogar meinen, dies sei Absicht gewesen, um nun auf sie schimpfen zu können.

Dies ist aber eine geheime Abmachung, von der nur die Mitglieder des geheimen Großmütter-Clubs wissen.

Nicht alle Großmütter sind gleich, das ist wahr, deshalb sind nicht alle von ihnen eine strategische Ressource, einige bleiben jung in der Seele, weshalb auch sie dem allgemeinen Gericht der Großmütter-Bevölkerung und des Großmütter-Rates der Bänke unterliegen.

Und da dies der ärmste Teil der Bevölkerung ist, ist er auch dem Geld am meisten zugeneigt. In Wirklichkeit benötigen sie es nicht so sehr dringend. Sie sparen es immer für irgendetwas auf. Für etwas anderes als die traditionellen kleinen Geschenke, die man Enkeln und Kindern macht, denn für sie gäben sie ihr letztes Hemd und – manchmal sogar – eben jene strategischen, unangetasteten Ersparnisse.

Es scheint, als wollten sie einfach alles Geld in geheimen Fonds aus alten Feinstrumpfhosen und Dreiliterkanistern, Matratzen und Geheimtaschen, auf Dachböden und tief in alten Truhen anhäufen. Als wollten sie die Welt des Geldes entledigen und von allem Bösen befreien, das von ihm ausgeht.

Durch ihren Hang zum Horten werden Großmütter zu Archiven, in denen nicht nur Geld, sondern auch Erinnerungen, gesiebt durch die eigene Erfahrung, bewahrt werden. Das sind ganze “Erinnerungslager” und “Erinnerungotheken”. Sie sind Zeugen der Aufbaugeschichte dieses Landes, darunter sowohl aus Sicht der Verteidigung, als auch aus Sicht der Anklage. Und da die Großmütter-Zeuginnen in diesem Land diejenigen sind, die entgegen dem bekannten Sprichwort [AdÜ: Anspielung möglicherweise auf “Je weniger du weißt, desto länger lebst du”] am längsten leben, sollte man sie im Verdacht haben, die eigentliche Machtposition inne zu haben.

Macht – das sind Babky im Quadrat, deshalb treten echte Veränderungen in diesem Lande erst dann ein, wenn die einen Babky aufhören, die anderen Babky so dringend zu brauchen, wenn es gelingt, ihre so eng verflochtenen Beziehungen aufzulösen und wenn man keine Babky mehr für Babky kaufen kann.

16. November 2015 // Nasarij Sanos

Quelle: Zaxid.net

Übersetzerin:   Annegret Becker  — Wörter: 965

Annegret Becker studiert seit 2011 Slawistik und Linguistik, insbesondere Ukrainisch und Tschechisch, sowie Wirtschaft im Nebenfach in Greifswald. Neben dem Studium übersetzt sie vor allem journalistische, historische und Sachtexte aus dem Ukrainischen.

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