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Makroökonomische Szenarien für 2012: Hauptfaktoren und Prognosen

2012 wird die ukrainische Wirtschaft weiter von Außenfaktoren abhängig sein. Das heißt, durch den Druck des Weltmarktes lässt sich der Haushalt nicht ausbalancieren und das führt zu weiteren Problemen in der Binnenwirtschaft. Und auch wenn die Lage nicht so beklemmend ist wie Ende 2008, besteht die Notwendigkeit, aufgrund der schon heute bekannten Risiken die makroökonomischen Kennzahlen auszugleichen.

Der Preis für Erdgas. Die Perspektive, dass die Ukraine das russische Gas für weniger als 400 USD pro 1000 Kubikmeter bezieht, ohne dabei den Großteil ihrer strategischen Interessen aufzugeben, ist gleich Null. Alternativ wäre das weißrussische Szenario, in dem die Preissenkung durch die Übergabe des Gastransportsystems erreicht wurde. Wenn man von Aussagen der Gasprom-Vertreter ausgeht, ist ein Preis von 210-230 USD für 1000 Kubikmeter kaum realistisch. Das heißt, es steigt nicht nur die Belastung des Haushaltes, sondern auch seine Unausgeglichenheit.

Dass das Ministerkabinett schon die BIP-Prognose von 5 auf 3,9% gesenkt hat, ändert nichts an der Lage. In erster Linie werden weitere Subventionserhöhungen für die Nationale Aktiengesellschaft „Naftogas Ukrainy“ benötigt. Das heißt, die Erhaltung der heutigen Gastarife für die Bevölkerung vergrößert rasch dieses Haushaltsloch. Laut den ursprünglichen Prognosen werden die Kompensationszahlungen an „Naftogas“ die Staatskasse ca. 16 Milliarden UAH (ca. 1,6 Mrd. Euro) kosten. Aber schon bis Mitte 2012 wird dieses voraussichtliche Defizit den Haushalt dermaßen ins Schwanken bringen, dass es zum stärkeren Verlust des Gleichgewichts führt.

Wegen der bevorstehenden Wahlen wird es kaum gelingen, diese Tarife auf die wirtschaftlich begründete Ebene zu bringen. Die Regierung wird gezwungen sein, die sich rasch vergrößernde Lücke durch neue Anleihen und Erhöhung des Steuerdrucks auf dem Binnenmarkt zu verringern. Die maximale Grenze wird wahrscheinlich Ende des dritten – Anfang des vierten Quartals erreicht.

Der Preisanstieg für Erdgas wird die einheimische Metallindustrie nicht erheblich betreffen. Jedoch beeinflusst er wesentlich die chemische und verarbeitende Branche, wo 50-80% der Selbstkosten auf Erdgas entfallen.

Außerdem wird der Außenhandel weiter in die roten Zahlen rutschen, denn der größte Importanteil entfällt auf Energieträger.

Die Metallwirtschaft. 2012 wird der ukrainische Metallmarkt wieder im Kielwasser der Weltkonjunktur segeln. Die Rohstoffpreise folgen weiter den sinkenden Welttrends und reduzieren den Druck auf die Selbstkosten der Industrie. Jedoch werden die Marktpreise für Erz und verkokungsfähiger Kohle trotz der vorgesehenen Senkung deutlich höher als die entsprechenden Zulieferungen liegen.

Man muss also keine erheblichen Preiserhöhungen für die fertige Metallproduktion erwarten. Und ihre Selbstkosten werden 2012 umgekehrt niedriger als 2011 sein, wobei dieser Unterschied wahrscheinlich nicht höher als 5% ausfällt. Ungefähr genauso viel wird auch die Rentabilität der ukrainischen Metallurgieunternehmen betragen, was deutlich weniger als bei den ausländischen Konkurrenten ist. So werden die Rentabilitätskennzahlen in Russland voraussichtlich 20%, in Asien – 15%, in den USA und EU – 10% betragen.

Falls die platzende Blase auf dem chinesischen Immobilienmarkt zur Lähmung des Metallbinnenmarktes führt, werden die Überflüsse auf die Außenmärkte fließen und den Druck auf den einheimischen Export erhöhen. Im Ergebnis steigt das Risiko für einen Kollaps auf dem Absatzmarkt. Das heißt, die Haushaltseinnahmen durch die Lokomotive der Wirtschaft werden sogar nach dem optimistischsten Szenario auf der Höhe von 2011 bleiben und 10-12% betragen.

Heute kann man schon mit Sicherheit über den Rückgang der Außennachfrage auf die Metallproduktion sprechen. Und wenn dieser Prozess nicht von Preissenkungen auf Energieträger begleitet wird, wird der negative Druck auf die Binnenwirtschaft stark sein, auch wenn er den Stand von 2008 – 2009 nicht erreicht.

Kreditmärkte. Noch Mitte 2011 hat die ukrainische Regierung die Fähigkeit verloren, die Lebensfunktionen des Landes ohne Anleihen zu erhalten. Da die Anfrage auf dem internationalen Anleihenmarkt durch die Eurokrise erhöht wurde, sind heute die inländischen Staatsanleihen fast die einzige Finanzierungsquelle für die Auszahlung der früheren Darlehen. Der Kollaps auf dem internationalen Anleihenmarkt zwingt die Regierung nach Möglichkeiten zu suchen, die Attraktivität der inländischen Staatsanleihen zu verbessern und den Primärmarkt dieser Papiere zu aktivieren. Zur Aktivierung des inländischen Anleihenmarktes hat das Finanzministerium den Zugang zu den inländischen Staatsanleihen erleichtert, indem es die Zahl der Banken erhöht hat, die die Staatsanleihen während der ersten Versteigerung kaufen können. Aber trotz aller Bemühungen, die Marktattraktivität der ukrainischen Staatsanleihen zu verbessern, sind die potentiellen Investoren nicht sonderlich begeistert. Beweis dafür ist die Tatsache, dass in den letzten Monaten die Versteigerungen mehrmals nicht stattgefunden haben. Die Ursache dafür waren die mangelnden Ausschreibungen. Das zeugt in erster Linie davon, dass der Markt voreingenommen eingestellt ist und die Investoren an der Stabilität des ukrainischen Finanzsystems zweifeln.

Im ukrainischen Haushaltsentwurf für 2012 ist die Emission inländischer Staatsanleihen für 28,35 Milliarden UAH (ca. 2,8 Mrd. Euro) vorgesehen. Aber die in der EU bestehenden Probleme erhöhen die Nachfrage auf günstige Kredite, insbesondere beim IWF. Das bestätigen die Pläne von Ungarn, eine Tranche für 15-20 Milliarden Euro von dieser Organisation zu bekommen. Es ist auch offensichtlich, dass Italien und einige andere Euro-Länder ebenso mit Kreditmitteln des IWF gerettet werden. Dabei sind ihre Chancen auf einen Kredit wesentlich höher als die der Ukraine. Das bedeutet, dass die realistischste Kreditmöglichkeit für die Ukraine Darlehen der russischen Banken darstellen. Sie bergen aber gewisse politische Risiken.

So wird 2012 die sinkende Kapitalzufuhr in die ukrainische Wirtschaft noch zu einem Faktor der sich verschlechternden Zahlungsbilanz. Als Ergebnis kann ihr Defizit am Ende des Jahres höher als 6% des BIPs sein.

Traditionelle Ausfuhrmärkte. Heute zweifelt niemand mehr, dass die Euro-Krise zum Rückgang der BIP-Wachstumsrate führt.

Nach Einschätzungen von Ernst & Young erwartet die Euro-Länder diesen Winter eine leichte Rezession. Als Folge wird das BIP-Wachstum am Ende des Jahres nur 0,1% betragen. Entsprechend gibt es alle Voraussetzungen für den Importrückgang in diesen Ländern. Der größte Handelspartner der Ukraine in der EU ist Italien mit einem Importüberschuss von 1 Milliarde USD. Da Rom 2012 einen BIP-Wachstumsrückgang von 0,4-0,5% erwartet, wird es das ukrainische Exportvolumen in dieses Land beeinträchtigen.

Die Kennzahlen des ukrainischen Außenhandels mit den anderen kriselnden Euro-Ländern sind noch schlechter: Spanien – -56,9 Millionen USD, Portugal – +70,3 Millionen USD, Irland – -107,6 Millionen USD, Griechenland – +59,9 Millionen USD. Aber sogar eine kleine Rezession würde den negativen Druck auf die außenwirtschaftlichen Kennzahlen erhöhen. Der Warenumsatz der Ukraine mit der EU hat einen negativen Saldo von 6 Milliarden USD. Der Rückgang des einheimischen Exports in die Euro-Länder kann 2012 zu einer Erhöhung des Verlustsaldos um 10-15% führen. Das betrifft nicht nur den industriellen, sondern auch den landwirtschaftlichen Export, da der Anteil von Spanien im ganzen ukrainischen Kornexport 6% und der Anteil von Italien 2% beträgt.

Wenn die Instabilität im Nahen Osten und in Nordafrika weiterbesteht, wird das den ukrainischen Export und entsprechend auch die Haushaltseinnahmen beeinträchtigen. Die politischen Transformationen in einigen Ländern der Region ändern gewohnte geoökonomische Beziehungen, was seinerseits auch zur Neuformatierung der Handelsbeziehungen führt. Solche Veränderungen bergen für die Ukraine die Gefahr des Verlustes von einigen Märkten (unter anderem von Libyen und Tunesien) und der Zugangseinschränkung zu anderen (z. B. Ägypten). So haben die Leiter der außenpolitischen Behörden der EU-Länder die Handelsverhandlungen über die multilaterale Freihandelszone mit Ägypten, Marokko und Tunesien initiiert. Im Prinzip wird diesen Ländern eine stufenweise wirtschaftliche Integration in den EU-Markt angeboten, was reale Risiken für die ukrainischen Absatzmärkte darstellt.

So wird nach dem realistischsten Szenario der Verlustsaldo des ukrainischen Außenhandels im Jahr 2012 im Bereich von 10 Milliarden USD liegen. Das ist viel mehr als das vorläufige Ergebnis von 2011. Unter den heutigen Bedingungen des Weltmarktes sehen die Pläne vom Ministerkabinett, das BIP-Wachstum auf dem Niveau von 4-5% zu erhalten, utopisch aus. Sein reales Niveau wird 2012 bei nicht mehr als 2,5% liegen.

16. Dezember 2011 // Anatolij Baronin

Quelle: Serkalo Nedeli

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