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Michail Dubinjanskij: Der große Bruder denkt für dich!

2009 wurde das 60-jährige Jubiläum gefeiert … “Der Organisation des Nordatlantikpaktes!“, könnte die Antwort eines eifrigen Befürworters des Beitritts der Ukraine zur NATO sein. „Der sowjetischen Atombombe!“ – würde der beflissene Russenfreund und Stalinist verkünden. „Von Alla Borisowna Pugatschjowa“, – würde der nicht anspruchsvolle Bürger hinzufügen.

Ebenso 1949 wurde einer der größten Romane des vorigen Jahrhunderts „1984“ herausgegeben. Vor kurzem hat die Zeitung The Times ihn als bestes Buch bezeichnet, das in den letzten 60 Jahren erschienen ist. Die Antiutopie von George Orwell wurde zu einem Kult und als klassische Darstellung des Totalitarismus anerkannt.

Es schien, dass die ukrainischen Realien unendlich weit von dem düsteren Bild entfernt sind, das von Orwell gezeichnet wurde. Unsere Demokratie gedeiht unaufhaltsam – hier hat man sowohl kontinuierliche Wahlen, als auch Meinungsfreiheit, sowie harte politische Konkurrenz.

Man kann aber die moderne ukrainische Gesellschaft kaum richtig frei nennen. Der innere Totalitarismus ist nicht weniger gefährlich, als die Horden der wütenden Polizisten mit den Stöcken und Schäferhunden. Gegen den staatlichen Druck kann man kämpfen, aber vor der ideologischen Selbstzensur kann man nicht fliehen. Der in uns selbst lebende große Bruder, macht viel mehr Angst als jeglicher von oben angeordnete Aufseher.

Gedankenverbrechen

Das schlimmste Vergehen im Orwell’s Ozeanien war das Gedankenverbrechen – Ideen-Meuterei und Ketzerei, unverzeihliche Abweichung von der Parteirichtlinie.

Wie sieht es in unserem Land aus? Zwei unversöhnliche Ideenlager bieten den ukrainischen Bürgern fertige Meinungssets zu verschiedenen Fragen der Innen- und Außenpolitik, Kultur, Geschichte etc.

Alle Gedanken und Aussagen eines „richtigen“ Ukrainers müssen in das starre ideologische Schema hineinpassen – sonst gerät er in dasselbe Boot mit dem verfluchten Feind.

Gewisse Äußerungen gelten als gruselige Meuterei, Attentat auf das Heilige, Verrat einer gerechten Sache.
Es ist unzulässig, sie nicht nur laut zu äußern, sondern auch alleine mit sich selbst über diese nachzudenken. In der Tat ist es ein klassisches thoughtcrime, das von Orwell beschrieben wurde.

Für einige bedeutet ist es ein Gedankenverbrechen darüber nachzudenken, ob die Hungersnot ein Genozid am ukrainischen Volk gewesen ist. Für andere bedeutet es für einen Augenblick das zu bezweifeln, dass die Hungersnot 1932-1933 durch natürliche Umstände verursacht wurde.

Für jemanden ist thoughtcrime schlecht vom Bruder Russland zu denken, für jemanden anderen vom Bruder Georgien. Ein Gedankenverbrechen ist es, dem eigenem politischem Idol Schweinereien und Betrug zu unterstellen. Ein Gedankenverbrechen ist es für einen Augenblick anzunehmen, dass der verhasste Putin, Juschtschenko oder Janukowitsch vernünftige Sachen zum Ausdruck bringen könnte.

Der politisch aktive Ukrainer lebt in der Welt der inneren Tabus und gibt sich Mühe, sie mittels bewährter Orwellscher Methoden zu unterstützen.

SelbstSTOP

Wenden wir uns an die primäre Quelle. Orwell schreibt: „Die erste und die einfachste Stufe der Disziplin, die sogar Kinder sich merken können, heißt der Selbststop. Der Selbststop bedeutet etwas ähnliches wie eine instinktive Fähigkeit, an der Schwelle eines gefährlichen Gedankens anzuhalten. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die Analogien nicht zu sehen, die logischen Fehler nicht zu bemerken, das einfachste Argument falsch zu deuten, falls es dem Engsoc (Orwellscher Begriff „English Socialism“) widerspricht, die Langeweile und den Ekel vom Gedankenfluss zu erspüren, der uns zur Ketzerei bringen kann. Anders gesagt, bedeutet der Selbststop die rettende Dummheit.“

Kann man etwa glauben, dass alle – ohne Ausnahmen – Gräueltaten der UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) von verkleideten Leuten des KGB verübt wurden? Dass 1939-1940 die UdSSR kein Aggressor darstellte? Dass die Ukraine viele Geheimgefängnisse der CIA der USA beherbergt? Dass die Angelegenheit Demjanjuk – ein internationales Komplott zur Diskreditierung der Ukrainer ist? Dass Wiktor Janukowitsch dein Leben schon heute verbessern kann, und dass Julija Timoschenko – eine Berufsarmee innerhalb von ein paar Monaten bilden kann?

Ja, es ist möglich – wie die einheimische Erfahrung es zeigt. Um an das alles zu glauben, muss man nicht unbedingt ein klinischer Idiot sein. Es reicht einfach, für eine Idee zu kämpfen und eine künstliche Dummheit kommt dir zu Hilfe.

Es gibt genug Informationen, die dem ukrainischen Bürger zugänglich sind, um jeglichen ideologischen und politischen Mythos zu zerstören. Aber der Verstand eines ideentreuen Ukrainers verzichtet auf die Betrachtung der unbequemen Fakten und fegt diese einfach hinweg.

Der Selbststop auf Ukrainisch hilft offensichtliche Unstimmigkeiten, unangenehme historische Zeugnisse, Betrug und Inkonsequenz der beliebten Politiker zu ignorieren. Wenn du ein eifriger Nationalist und Patriot oder überzeugter Russenfreund, ein treuer Anhänger von JWT (Timoschenko) oder WFJ (Janukowitsch) bist – dann ist der Selbststop für dich unentbehrlich wie die Luft.

Doppeldenk/Zwiedenken

Eigentlich hält sich der politisch resistente Bürger nicht nur mit einem Selbststopp am Leben. Es gibt viele andere nutzvolle Methoden – zum Beispiel doublethink. Orwell gibt ihm folgende Definition: „Das Doppeldenken bedeutet eine Fähigkeit sich an zwei sich widersprechende Überzeugungen zu halten“.

Selbstverständlich kann man ohne Doppeldenken in dem Land nicht auskommen, in dem ein Teil der Bürger versucht, Nationalismus mit liberalen Werten zusammenzubringen, und der andere Teil – eine pro-sowjetische Einstellung mit dem orthodoxen Fundamentalismus zu vereinbaren. Doublethink unter ukrainischen Bedingungen – ist wirklich eine unersetzbare Sache.

Das Doppeldenken erlaubt einem Ukrainer, die totalitären Regimes zu verfluchen und gleichzeitig die nationalen Führer zu kanonisieren, die sich aber zum Militärtotalitarismus bekannt haben.

Der OUN (Organisation der ukrainischen Nationalisten) vorzuwerfen, dass diese mit Hitler zusammengearbeitet hat, und gleichzeitig das Nichtangriffsabkommen zwischen Molotow und Ribbentrop zu rechtfertigen.

Sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen und dabei der Ansicht zu sein, dass deine Landsleute es nicht zu wählen haben, in welcher Sprache sie einen Film sehen oder studieren möchten.

Sich über die Unabhängigkeit des Kosovo zu empören und die Unabhängigkeit von Südossetien zu unterstützen.

Von einem Rechtsstaat zu träumen und die tapferen Vandalen zu schützen, die das Lenin Denkmal im Zentrum von Kiew beschädigt haben.

Brutal die verfaulte Westzivilisation zu beschimpfen, und aktiv ihre Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Dank des Doppeldenks kann man sich über die Spaltung der Ukraine beschweren und ohne Bedenken die humanitären Initiativen unterstützen, die diese Spaltung nur noch intensivieren.

Und das Wichtigste – absolute Ignoranz der schreienden Widersprüche.

„Ozeanien hat immer gegen Ostasien Kriege geführt!“

George Orwell beschreibt die rasante Wendung der „öffentlichen Meinung“ um 180 Grad. Die Bürger von Ozeanien haben sich beim Großen Bruder dafür bedankt, dass er die Schokoladennorm bis auf zwanzig Gramm pro Woche gesteigert hat – obwohl ihnen erst gestern verkündet wurde, dass die festgelegte Norm bis auf 20 Gramm reduziert wurde.

Sie haben die Intrigen des ewigen Feindes – von Eurasien entschleiert, und schon in einer Minute, nach dem sie die verfeinerten Eingaben vom Parteivorstand erhalten hatten, verfluchten sie das boshafte Ostasien.

Die phantasmagorische Antiutopie wurde Realität in der modernen Ukraine.

Am 6. November 2007 haben die progressiven Ukrainer den georgischen Präsidenten dafür gelobt, dass er die Oppositionsdemonstrationen nicht auseinanderjagte („In Georgien herrscht eine richtige Demokratie! Hätte jemand versucht, in Moskau gegen Putin zu demonstrieren!“), aber schon am 7. November haben dieselben Bürger Saakaschwili dafür besungen, dass er die Oppositionellen mittels Wasserwerfer und Tränengas auseinandergejagt hat („Mischa neutralisierte die fünfte Kolonne des Kremls! Hätten wir bloß so einen Präsidenten!“).

Am Morgen des 8. August 2008 haben unsere Hurra-Patrioten Kriegseifer gezeigt und sich über die Erfolge der georgischen Waffen gefreut, und am Abend desselben Tages haben die strammen Militaristen sich plötzlich in Pazifisten umgewandelt und dann behauptet, dass der Krieg ein großes Übel ist. Im pro-russischen Lager hat man eine antagonistische Metamorphose beobachtet…

Ein ideentreuer Ukrainer ist bereit zusammen mit der Richtlinie eifrig zu schwanken, der von Putin, Medwedew, Saakaschwili, Wiktor Fedorowitsch (Janukowitsch), Julija Wladimirowna (Timoschenko) und anderer würdiger Herren. Ist sie etwa nicht das Ozeanien von Orwell?

In dem berühmten Roman von Orwell handelte auch ein mächtiger Apparat des Zwanges und der Überwachung – die Gedankenpolizei, das Ministerium der Liebe, die überall existierenden Fernsehbildschirme. Der Große Bruder des einheimischen Musters benutzt für die Gehirnwäsche eine andere nicht weniger effektive Waffe – eine künstliche Verengung der Alternativen.

Wir oder sie! Die national bewusste Ukrainer oder der Blutdiktator Putin! Die Mutter Russland oder die bösen Banderowzy (Westukrainer, salopp)! Die Heldin Julija oder die Donezker Banditen!

Wähle, mit wem du gehst – ein Drittes gibt es nicht! Die Politik von Moskau kritisierend, hilfst du dem faschistischen Abschaum! Gegen die ukrainischen Nationalisten auftretend, gießt du Wasser auf die Mühlen des Kremls!

Eine künstliche Einschränkung der Wahl wirkt effektiver als jede Gedankenpolizei. Auf dem Altar des Kampfes der „unsrigen“ gegen die „nicht unsrigen“ werden Vernunft, Moral und elementare Logik geopfert.

Die panische Angst bei den Feinden mitzuwirken zwingt einen „Kämpfer“ täglich und stündlich den eigenen Verstand zu vergewaltigen. Nach dem man einer der beiden Seiten Unterstützung erteilt hat, verliert der Bürger die Fähigkeit selbstständig zu denken. Seit diesem Moment denkt statt ihm, der eigene Große Bruder, der ihm servil fertige Antworten auf alle Fragen bietet.

Kurz vor den Präsidentenwahlen versucht man erneut unsere Landsleute in zwei unversöhnliche Lager hineinzujagen. Der Große Bruder greift die Ukrainer mit den Händen der politischen Schlüsselspielern an. Für Julija Wladimirowna sowie für Wiktor Fedorowitsch ist es vorteilhaft die politischen Reflexe des Jahres 2004 wiederzubeleben – für eine erfolgreiche Mobilisierung der Wählerschaft.

Wiktor Andrejewitsch (Juschtschenko) konzentrierte sich auf den Widerstand gegen Moskau, offensichtlich mit der Absicht, die Wahlen unter dem Motto durchzuführen (oder zu verhindern): „Die Heimat ist in Gefahr, unsere Pflicht ist es – sich um den Präsidenten zusammenzuschließen!“

Eines von zwei Übeln verteidigen zu müssen – ist nur noch eine Illusion. Diese Illusion wird aber zur Realität, wenn mehrere Millionen ukrainischer Bürger an sie glauben werden.

28.09.2009 Michail Dubynjansjkyj

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzerin:   Vita Martynyuk — Wörter: 1524

Vita Martynyuk stammt aus Kiew, hat von 1998-2003 ein Diplom als Übersetzerin/Dolmetscherin für Russisch/Ukrainisch/Deutsch/Englisch im Fachbereich: Technische Fachliteratur an der Nationalen Technischen Universität der Ukraine „KPI“ in Kiew erworben.
Danach machte sie noch einen Master of Global Studies Fachbereich: Gender Studies, Regional Studies, Geschichte an der Universität Wien und der Universität Leipzig, wo sie heute lebt und je nach Zeit zu den Ukraine-Nachrichten beiträgt.

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