FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Räuber und Gendarm - Justiz in der Ukraine

0 Kommentare

In der Kindheit war wohl jeder einmal vor die Wahl gestellt gewesen, im Spiel für die Räuber oder für die Gendarmen zu spielen. Und es wird nur von uns abhängen, welche Partei im Spiel unsere eigenen Kinder ergreifen werden.

Vor rund drei Jahren war man in der Ukraine noch begeistert von dem Film Brat 2, ohne dabei zu ahnen, dass der Protagonist dieses Films schon bald zum Prototypen all jener wird, die 2014 ins Donezbecken fahren werden, um dort Ukrainer umzubringen. Wäre der Krieg nicht gewesen, würden wir immer noch den Protagonisten Danila Bagrow und seinen einprägsamen Spruch „die Kraft liegt in der Wahrheit“ zitieren.

Das Thema einer abstrakten Gerechtigkeit ist gefährlich. Wenn das Leben anhand des Gerechtigkeitskriteriums gemessen wird, spaltet sich das Land millionenfach in die Träger einer abstrakten Wahrheit. Innere Gräben machen die Situation nur noch explosiver. Ob ideologische und soziale Grenzen oder die Einstellung gegenüber der Vergangenheit und Zukunft: Egal wie homogen ein Land scheint, werden sich immer Gründe für das Bauen von Barrikaden finden lassen. Der Krieg dient zudem als Multiplikator, der die Schärfe der Gegensätze um ein Mehrfaches vergrößert.

Das Gesetz dagegen ist ein universeller Nenner, der den Unterschied zwischen den einzelnen Zählern neutralisiert. Zu bestimmten Zeitpunkten in der Geschichte kann das Gesetz durchaus ungerecht sein, und hier lassen sich Beispiele in der Geschichte jeder Gesellschaft finden. Doch die Logik eines normalen Staates besteht darin, „Recht“ und „Gerechtigkeit“ weitestmöglich aneinander anzunähern. Widrigenfalls ist damit zu rechnen, dass Menschen auf die Straße gehen, um die Ungerechtigkeit nach eigenem Gutdünken wiedergutzumachen.

Der Maidan ist als genau so ein Aufstand gegen die Ungerechtigkeit der Regeln zu sehen. Janukowitsch mochte in seiner Position noch so legal sein, doch zum Februar 2014 hörte er in den Augen der Gesellschaft auf, legitim zu sein. Es macht also keinen Sinn, den Maidan an der staubtrockenen, mathematischen Logik eines Jura-Lehrbuchs zu messen. Denn das Gesetz verliert seine Kraft, sobald es nicht mehr als Fundament des gesellschaftlichen Wohlergehens angesehen wird.

Die Regierung, die nach Janukowitsch kam, hätte diese Lektion lernen müssen. Dies ist aber nicht geschehen.

Die Geschichte mit den Verkehrspolizisten, die nun eine Gefängnisstrafe fürchten müssen, weil sie eine Richterin festnahmen, die sich weigerte, ihr Auto umzuparken, ist eine perfekte Illustration dessen. Die Kollegen der Festgenommenen betonen, die Polizei habe gegen die richterliche Immunität verstoßen und beschwören harte Strafen herab. Hat man das Kastenwesen des richterlichen Systems vor Augen, dürften diese Strafen ziemlich unweigerlich eintreffen. Doch was die Richterrobenträger nicht verstehen, ist: So legal sie in ihren Positionen sein mögen, haben sie selbst schon längst aufgehört, legitim zu sein. 80 Prozent der Landesbevölkerung vertrauen ihnen nicht.

ukrainischer Streifenpolizist straft Beamten

Vor diesem Hintergrund sieht die Verkehrspolizei, die den fünften Platz unter den staatlichen Organen mit dem größten Vertrauen der Bevölkerung belegt, wesentlich glaubwürdiger aus. Zusätzliche Tiefe verleiht dem Geschehen die Tatsache, dass der wichtigste Leitfaden der Geschichte nicht Einzelpersonen behandelt. Es ist eine Geschichte über den Maidan.

Der Maidan war an sich eine Hoffnung auf Veränderungen. Auf einen neuen Sozialvertrag. Auf Gerechtigkeit, die seit dem ersten Tag der Unabhängigkeit rar war.

Das Problem ist nur, dass in der Erwartung sehr vieler, nach der Flucht Janukowitschs sofortige Veränderungen eintreten mussten. So, wie in Filmen mit einem Happy End, wo die letzte Szene einem klar vermittelt, dass es den Protagonisten von nun an gut gehen wird.

Herausgestellt hat sich hingegen, dass wir nicht in einem Film, sondern in einer Serie leben. Gleichzeitig ist das Narrativ dieser Serie nicht besonders gradlinig. Auch die Flucht Janukowitschs hatte nicht bedeutet, dass zusammen mit ihm all die Regeln verschwinden würden, nach denen das Land funktioniert hatte.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Der Maidan durchdrang das Gewebe des Alltags nicht umfassend, sondern punktuell.

Die Reformen hingen in vielerlei Hinsicht von persönlichen Faktoren ab, von der Durchsetzungskraft und Dickköpfigkeit der Menschen, die beschlossen hatten, ihre Zeit der Umgestaltung des Landes zu widmen. Erschwerend kommt meist hinzu, dass solche Veränderungen für den Normalbürger wenig spürbar sind: Wie könnte man etwa das System der digitalen Staatseinkäufe oder die Verringerung der Korruptionsoptionen greifen? Als Anerkennung hierfür darf man lediglich Punkte des Staatsetats erwarten, sie spiegeln sich in eingesparten Beträgen und sonstigen aus der Perspektive eines normalen Menschen „virtuellen“ Kategorien.

Und wenngleich die Dinge anderswo genau so aussehen, darf man die Verkehrspolizei als spür- und sichtbare Errungenschaft verbuchen: Andere Menschen, andere Autos, andere Dienstuniform und eine andere Art des Auftretens. Die Reaktion des Landes, das sich lange Jahre nach Menschen gesehnt hat, die man lieben dürfte und sollte, war soziologisch spürbar. Zudem werden in der Ukraine als die wichtigsten Marker die Begriffe „gleich gesinnt“ und „fremd“ herangezogen. Hat man die Richter, die Staatsanwälte und den Rest des Horrorzoos vor Augen, blieben für die meisten Bürger als Institutionen, mit denen man sich identifizieren kann, nur die Armee und die Polizei.

Droht aber ein Richter damit, einen Streifenpolizisten hinter Gitter zu bringen, schreit das für die Gesellschaft danach, dass ein „Fremder“ den „Gleichgesinnten“ einbuchtet. Hat man zudem ein gutes Gedächtnis für Geschichten, in denen dieser „fremde“ Teil des staatlichen Systems die dubiosesten Gestalten wieder auf freien Fuß setzte, verschärft sich die Situation aufs Äußerste.

Es macht auch keinen Sinn, auf den destillierten Wortlaut des Gesetzes zu verweisen und darüber zu spekulieren, ob die Polizisten absolut im Recht gewesen sind, oder nicht. Denn „Recht“ darf nicht situativ sein, wenn die Einen mit ihm rechnen können und die Anderen nicht. Ein Beruhigungsmittel für die Gesellschaft ist es nur, wenn es total und allgegenwärtig ist. Ist es wählerisch und situativ, beginnt sich das Volk nach „Gerechtigkeit“ zu sehnen.

Dabei liegt das Problem der Situation eben darin, dass die Grenzen von Gerechtigkeit nirgendwo wirklich festgeschrieben sind. Die Gerechtigkeit der Straße kann gar Pulver- und Blutgeruch und einen stählernen Beigeschmack haben. Die einzige Sicherung vor solchen Szenarien ist eine Dominanz des Rechts.

Eines Rechts, das jedem gegenüber distanziert und gleichgültig ist und nicht nur in Bezug auf die, die gerade zu den größten Unruhestiftern ernannt wurden.

Die Regierung hat eine Reform der Staatsanwaltschaft vergeigt und lässt die Reform der Richterschaft im Sand verlaufen, womit ihr Appell an das Rechtsbewusstsein der Bürger sinnlos ist. Denn die spüren gegenüber beiden Systemen keinerlei Vertrauen. Stattdessen können sie live mitverfolgen, wie die Ämter, die für sie „fremd“ geblieben sind, das Spielchen „Recht“ spielen mit jenen, die für die Gesellschaft bereits zu „Gleichgesinnten“ geworden sind.

Vor drei Jahren haben wir exakt das durchgemacht. Und am wenigsten wünscht man sich, dass die nächste Generation der Ukrainer von Kindheit an lernt, mit dem Protagonisten des Films „Leon“ zu sympathisieren.

28. Februar 2017 // Pawel Kasarin

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzt von Oleg Pogrebnyak, Russisch-Übersetzer in Nürnberg

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.6/7 (bei 10 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)16 °C  Ushhorod21 °C  
Lwiw (Lemberg)17 °C  Iwano-Frankiwsk20 °C  
Rachiw15 °C  Jassinja16 °C  
Ternopil18 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)19 °C  
Luzk19 °C  Riwne19 °C  
Chmelnyzkyj19 °C  Winnyzja17 °C  
Schytomyr16 °C  Tschernihiw (Tschernigow)15 °C  
Tscherkassy19 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)23 °C  
Poltawa30 °C  Sumy29 °C  
Odessa24 °C  Mykolajiw (Nikolajew)25 °C  
Cherson26 °C  Charkiw (Charkow)30 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)29 °C  Saporischschja (Saporoschje)30 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)30 °C  Donezk29 °C  
Luhansk (Lugansk)29 °C  Simferopol24 °C  
Sewastopol25 °C  Jalta24 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“

„ Hallo julib77,

Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.

Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)

Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.

Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.


„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.


„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“

Der Link zum Anbieter ist ja da.
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.
War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht" :-([smilie=dntknw.gif]

„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“

„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“

„Am besten wäre natürlich, wenn die Frau mit dabei ist. Alleinreisende Männer stehen schließlich immer unter Verdacht.“

„Kein Zoll. Du musst an sich nur sagen dass das privat ist und du nicht damit handeln willst. So lange das nicht Originalverpackt ist und ersichlich das nicht neu sollte es keine Probleme geben“

„Hallo Leute, ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin mit meiner Anfrage. Ich möchte 4 Umzugskartons mit gebrauchter Straßen Kleidung bei der Einreise in die Ukraine mitnehmen. Es ist gebrauchte Kleidung...“

„Wir sind mit unserem Wohnmobil, wie geplant am Montag 15.6. in Krakovets rüber. Sehr zeitig los gegen 5 Uhr in der Früh. Mit sehr sehr wenig Verkehr, super bis zur Grenze. Nur 8 PKW vor der Schranke....“