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Die Verteidigung des Thermometers

Eigentlich gab es das bereits ein paar Mal. Eines Tages teilte eine russische Zeitung, für die ich einige Jahre als Kolumnist gearbeitet hatte, mit, dass sie mich nicht mehr drucken kann, weil sie wollen, dass es mehr Autoren gibt. Danach verschwanden auch andere Freunde und Kollegen aus anderen respektablen Medien mit ihren Angeboten. Das Ganze hatte sich, glaube ich, gerade zu Beginn der zweiten Amtszeit von Wladimir Wladimirowitsch Putin zugetragen, als die russische Regierung es satt hatte, Dummheiten über sich selbst zu lesen und sich nach einem angenehmen Leben überall dort sehnte, wohin ihr anspruchsvoller Blick reichte.

Nun, ich hatte überlebt – man hatte mich bereits seit einigen Jahren nicht mehr ins Fernsehen eingeladen, sodass es zwar unangenehm war, sich im engen Raum des Radios und des Internets zu befinden und sein traditionelles Publikum zu verlieren, jedoch war es erträglich.

Ungefähr das Gleiche hatte ich in der Ukraine erlebt. Eines Tages – das Ganze hatte sich, glaube ich, zu Beginn der zweiten Amtszeit von Leonid Danilowitsch Kutschma zugetragen, als die Regierung um den ehrlichen Namen des damaligen „Papas“ gekämpft hatte und kein spöttisches Lächeln auf dem Bildschirm brauchen konnte; damals wurde mein Fernsehprojekt zugemacht – na und?

Es waren die Zeitungen geblieben, wo ich nach wie vor über Russland schreiben konnte, als meine scharfsinnigen Kollegen darüber diskutierten, wer in der Umgebung Kutschmas Revolutionär und wer Reaktionär sei? Dann war es mit den Zeitungen auch Schluss. Als mich im Vorfeld der dritten Runde zur Präsidentenwahl der Inhaber eines Fernsehsenders angerufen hatte, der gerade erst seine Beichte abgelegt hatte, und mich darum bat, dringend in die Liveübertragung zu kommen, konnte ich erst gar nicht verstehen, was passiert war.

Und jetzt wieder: der Sender, auf dem ich eine Sendung moderiere und Hauptredakteur dessen ich bin, wird Tag für Tag methodisch vernichtet. Alle Paar Stunden erhalte ich Mitteilungen von Zuschauern: TVi wurde in meiner Stadt abgeschaltet… Und in meiner… Anfang September werden Hunderttausende Zuschauer in der Hauptstadt den Sender nicht mehr empfangen können – die Regierung, die uns unsere Sendefrequenzen weggenommen hatte, hatte entschieden, im Vorfeld fairer Parlamentswahlen mit den Kabelanbietern zu arbeiten… Nun, wird der Sender endgültig vernichtet und ich werde auf LB.ua schreiben, bis auch diese Seite geschlossen wird, indem ein weiteres Verfahren gegen die Redaktion eingeleitet wird. Und so geht es unendlich weiter.

Das sind keine Klagen über das eigene berufliche Schicksal. Der Berufsjournalist kann einige Zeit ohne Gagen, ohne Sendungen, ohne Auftritte in Talkshows, sogar ohne Artikel überleben – die autoritären Regime währen nicht ewig, früher oder später geht in ihrem Mechanismus etwas kaputt , sie gehen zugrunde oder versuchen, demokratisch zu erscheinen- und du, mit einem unverdorbenen Ruf und sauberen Händen wirst mehr gebraucht, als die, die bedienten und dienten. Doch ein Journalist ist nicht nur für sich verantwortlich, sondern für seine Zuschauer, Zuhörer und Leser – für Sie alle. Im Gegensatz zu Schriftstellern, die ihre Romane in einer Schublade aufbewahren können in der Hoffnung, dass die Geschichte sie schätzen wird – und die Manuskripte brennen tatsächlich nicht, im Gegensatz zu Malern, die ihre Wertschätzung nach Jahrhunderten erfahren und Komponisten, dessen Symphonien unter Kirchenkuppeln trotz der Regierung und flüchtiger Mode ertönen; wir schreiben hier und jetzt. Wir sagen Ihnen die Wahrheit, damit Sie verstehen, was mit unserem Land und mit Ihnen selbst passiert.

Der Journalist ist ein Thermometer. Wenn es jemand zerschlagen will, damit Sie nicht erfahren, wie hoch ihre Körpertemperatur ist, so wird sie sich nicht von allein normalisieren. Aber Sie werden keine Medizin einnehmen, nicht zum Arzt gehen, werden die gefährliche Krankheit nicht bemerken. Einfach ausgedrückt, werden Sie sterben. Und wir wollen, dass Sie überleben. Genau das unterscheidet uns von den Leuten, die heute unser Land regieren. Es ist für sie enorm wichtig, dass Sie nicht erfahren, wie hoch Ihre Körpertemperatur ist, dass Sie glauben, dass alles in Ordnung ist und ihnen erneut die Sorge um Ihre Gesundheit anvertrauen. Und wir sagen Ihnen die unangenehme Wahrheit: diese Leute brachten Sie – und das ganze Land – zu solchen Werten, nach denen nur ein – tödlicher – Ausgang möglich ist.

Man muss dringend etwas tun, etwas verändern – danach kann es zu spät sein. Ein Thermometer ist natürlich kein Arzt und es kann Ihnen keinen genauen Handlungsplan vorschlagen. Aber es bringt Sie wenigstens dazu, sich Gedanken über Ihre Gesundheit zu machen. Und die Regierung will nicht, dass Sie darüber nachdenken. Deswegen werden wir ausgeschaltet.

Ich habe immer weniger Möglichkeiten, mit Ihnen zu kommunizieren – und immer weniger Chancen zu hören, dass ich Ihnen sagen soll, was zu tun ist, und nicht erzählen, wie schlimm alles ist. Ich hatte allerdings bereits mehrmals gesagt, was zu tun ist – das Land retten vor den Plünderern, wenn die Ukraine Ihnen teuer ist. Doch wenn sie das Land nicht retten können, so retten Sie wenigstens sich selbst, verteidigen Sie Ihr Thermometer, wenn Sie immer noch erfahren möchten, wie hoch die Temperatur ist. Als die Regierung bei ähnlichen Umständen in Russland den letzten Fernsehsender vernichtete, der die Wahrheit sagte, versammelten sich Hunderttausende Zuschauer zu einer Demonstration in Ostankino, der letzten Demonstration der Epoche Putins mit vielen Tausenden Teilnehmer vor dem Bolotnaja Platz. Diese Menschen konnten zwar nicht ihr Fernsehen verteidigen, aber sie retteten wenigstens ihr Gewissen und ihr Selbstwertgefühl. Eigentlich arbeiten wir dafür, dass Sie dieses Gefühl erhalten können.

31. August 2012 // Witalij Portnikow, Chefredakteur des Senders TVi, Journalist

Quelle: Lb.ua

Übersetzerin:   Inna Olbricht  — Wörter: 924

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