Alexej Nikitin - "Victory Park"
„Haben Sie schon viel darin gelesen? Welcher von den Helden ist Ihnen am sympathischsten?“ fragte mich der Gründer von „Elektrobücher“ und Verleger Anton Santschenko einige Wochen später, nachdem er mir das Buch „Victory Park“ des Kyjiwer Schriftstellers Oleksij Nikitin zu lesen gegeben hatte. Ich konnte nicht alles am Buch erfassen und verstand erst später, dass es sich um eine subtile Fangfrage handelte: Die Helden dieses herausragenden Romans wenden sich dem Leser in jedem Kapitel von verschiedenen Seiten her zu, und aus meiner Antwort war leicht zu entnehmen, wie weit ich tatsächlich den Text geknackt hatte.
In „Victory Park“ stehen Schwarzhändler und Studenten, Bullen von verschiedenen Rangstufen, kleinere und größere Gauner vor uns. Und ebenso ihre Frauen. In der Tat, alle sind sehr menschlich, viele wirklich sympathisch, und Gesetzestreue ist niemals Maßstab dafür, wie sehr eine Figur ein positiver Charakter ist. Schließlich brechen in dem Buch alle das Gesetz und der Leitgedanke ist, dass in der Sowjetunion sauber zu leben einfach nicht möglich war.
„Warum so etwas schreiben, und mehr noch veröffentlichen?“, diese Frage pocht immer in meinem Kopf, wenn ich über einer Neuerscheinung grübele. Vorurteile gegen dieses Buch verstärkten drei Faktoren. Die russische Sprache, der Zeitraum der tiefen sowjetischen 1980er Jahre und das Genre des Realismus. Sow-Bullshit bis an die Zähne wie auch anti-totalitäre düstere Realität. Nikitin muss man zugute halten, dass er es vollständig vermeidet, eine Zeit zu verklären, in der „die Bäume grüner und Mädchen jünger waren“. Es handelt sich wirklich um Realismus, ohne irgendeinen Zusatz eines Schlucks gesellschaftlichen kräftigen Flauberts. Mich haben einmal die Formulierungen des Autors der „Madame Bovary“ verletzt, wie gründlich er jede Episode meisterte. Da dachte ich, unseren gegenwärtigen Autoren fehlt dieses sehr. Hier ist Nikitin Top, ich habe keine einzige falsche Charakterisierung oder Details erhascht. Dabei dreht er den Gegenstand oft bis hin zur Bildung einer unterirdischen anti-sowjetischen kommunistischen Organisation im Hauptstadtpark. Nun, vielleicht ist sein Verständnis von Gerechtigkeit aus dem neunzehnten Jahrhundert. Er schafft es bei allen thematischen Kehrtwendungen, den Leser nicht in den Abgrund der Hoffnungslosigkeit fallenzulassen, weshalb einen das Gefühl eines Märchens erfasst, wenn der sympathische Held aus der erwarteten Zuspitzung herausfindet.
Aber das ist alles eine Frage der Geschicklichkeit der Ausführung. Im Wesentlichen: Wozu dieser meisterhaft gewebte Teppich, in den Fäden eines Krimi-Produzenten und großer Gemeinheiten der Polizeileitung eingewebt sind, Landliebe auf der noch allen gehörenden Krim und die Untersuchung eines Mordfalles?
Zuerst dachte ich, dass gerade die Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit des Textes Selbstzweck ist, denn es zeigt ein überzeugendes Bild von einem System, das nicht existieren konnte. In ihm war es einfach unmöglich ehrlich zu handeln, nach Gesetzen der Menschen und Gottes. Selbst die Heiligen sind in diesem Apokryphon nicht ohne Sünde: so scheut der legendäre „alte“ Bahila, ein Visionär und ehemaliger Machno-Anhänger, Flüchtling aus Stalins Lagern nicht die Gesellschaft mit den Kollegen seiner früheren Folterer. Und die Zöllner erweisen sich schließlich als Eigentümer von weißwaschenden Duschen für Alabama, so die sympathischste Figur des Romans, die sich als Kleinkrimineller im Gebüsch des Siegesparkes am Stadtrand von Kyjiw herumtreibt.
Eines der Argumente, die für „Victory Park“ unter anderen literarischen Panorama-Darstellungen der Sowjetzeit sprechen, ist sein ukrainischer Charakter. Trotz der Sprache ist der Autor so sehr in den lokalen Gegebenheiten verwurzelt und analysiert sorgfältig die Besonderheiten gerade auf Seiten der Ukraine, und zwar im Vergleich zu den krassen Abweichungen der asiatischen Republiken und der stärker demokratischen des Baltikums. Es hatte bereits den Anschein, als hätte man diesen Zeitabschnitt den Historikern überlassen.
Die Aktualität des Romans von Oleksij Nikitin erkannte ich im dritten Monat des Krieges. Als bei jedem Waffenstillstand im Osten der Ukraine, wo man sich vom Zählen der Toten erholte, da kreisten die Augen fragend herum: „Wie mit den Leuten DORT weiter leben und mit denen von ihnen Klarheit zu finden, die für die DNR und LNR («Volksrepubliken» von Donezk und Luhansk, A.d.R.) abgestimmt haben, die die russische Armee herbeigerufen haben und als Flüchtlinge alles Ukrainische verflucht haben?“ Wir haben den Donbass so nicht gehört, denn es kam überhaupt keine vernehmbare Message herüber. Umgekehrt wollte man leidenschaftlich wissen, wer diese Leute sind und wie man mit ihnen eine gemeinsame Basis finden kann. Sehr treffend hat der Dichter Wassyl Holoborodko gesagt, der Luhansk verlassen hat, als bereits Bomben auf die Nachbarhäuser fielen und es in den Geschäften bereits kein Brot mehr gab: „Im Donbass dachten sie immer, dass die Unabhängigkeit der Ukraine etwas Vorübergehendes ist. Sie lebten weiterhin in der Sowjetunion, mit deren Werten, Ortsnamen, Denkmälern, den nostalgischen sowjetischen Propagandafilmen im Fernsehen. Auf sowjetischen Denkmälern, Lenin und Dzierżyński, gründet der russische Imperialismus, die Russifizierung und die Kremlmacht in allen Gebieten des ehemaligen Zarenreiches Russland.“
Den Zustand der Ukraine würde ich mit einem Patienten vergleichen, der an Krebs erkrankt ist. Jetzt sind wird in der Phase der Chemotherapie, sehr schmerzhaft, mit viel Rückschlägen, aber mit der Hoffnung auf Heilung. Und um so wichtiger ist es die Metastasen der Sowjets im Augen zu haben, die offensichtlich nur irgendwie wohlgenährte ältere Menschen befallen. Es soll nicht um Aktionen gehen wie „Verstecke den Pass der Großmutter, damit sie nicht abstimmen kann“. Menschen, die Sowjet-Bewusstsein verschluckt haben, sind überhaupt nicht alt, und es gibt eine Menge von ihnen. Auch im Roman kann man erkennen, dass diese Perspektive bereits in Studenten steckt. Egal wie lieb sie waren, die Menschen mussten eines von zwei Dingen wählen: entweder zu rebellieren oder oder nach den Gesetzen des Systems zu leben. Ein ehrlicher Mensch nach beiden Seiten zu sein ist unrealistisch, der Sowjet packt Dich an den alleralltäglichsten Dingen. Eine Rebellenexistenz aber ist nicht ungefährlich für das Leben. Übrigens wird außer den oben genannten Organisationen noch eine weitere besondere Brutstätte der Rebellion des verklärten Donbass dargestellt, die Bergbau-Gewerkschaften.
Warum Odessa Widerstand leistete und Saporischschja – mit der längsten Lenin-Chaussee – Gräben anlegte, Luhansk und Donezk dagegen die Separatisten unterstützten, auf diese Fragen liefert der Roman „Victory Park“ von Oleksij Nikitin natürlich keine Antwort. Dort ist noch nicht einmal beschrieben, wie man eine antisowjetische Immunität entwickelt. Aber es ist detailliert dargelegt, in welche Öffnungen und bei welchen Gelegenheiten sowjetisches Denken und Handlungsmuster in die Persönlichkeitsstruktur eindringen. Dieses sollte man sofort studieren nach der Ersten Hilfe, um sich bewusstzumachen, welche Rehabilitationsmöglichkeiten und -maßnahmen auf allen Ebenen notwendig sind, und zwar von beginnend bei der zwischenmenschlichen Kommunikation.
24. September 2014 // Olena Scharhowska
Quelle: Tschytomo



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