Noch lange vor der Protestwelle stand im Raum die Frage, ob sich die Ostukraine dem Euromaidan anschließen würde. Allmählich verwandelte sich die Frage nach, ob sich der Osten anschließt zu einem verwirrt aufgeregten: “Warum schließt sich der Osten nicht an?”. In den 90er gab es doch Schachtarbeiterstreiks.
Janukowytsch genießt zurzeit die Unterstützung nur bei 28 Prozent der Ostukrainer. Warum steht dann der Rest der Leute nicht auf dem Maidan?..
Auf die Frage gibt es drei mögliche Antworten.
Die erste Antwort. Die Ostukrainer sind degeneriertes Vieh, das kein bürgerliches Bewusstsein aufweist. Diese passive Masse interessiert sich ausschließlich für alltägliche Bedürfnisse und hat mit “Menschenrechten”, “Demokratie” sowie “Patriotismus” nichts am Hut. Diese Antwort würde viele in der Ukraine zufriedenstellen. Zweifellos ist es unerfreulich und macht sogar Angst in einem Lande zu leben, wo Vieh die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Zur gleichen Zeit ist es sehr angenehm sich den Anderen überlegen zu fühlen, so etwas wie eine Demokratieelfe umgeben von autoritären Zwergen. Dabei machen die Journalisten ständig die zwergartigen Gegner des Maidans ausfindig und geben sie als Ostukrainer aus.
Die zweite Antwort. Die Leute im Osten sind keine Ukrainer, sondern Fremde. Aus diesem Grund können sie sich den Ukrainern in ihrem Kampf für eine bessere Zukunft nicht anschließen. Was für einen Ukrainer gut ist, ist für einen Menschen im Osten schlecht oder sogar sehr schlecht. Für die Ukrainer ist Janukowytsch ein Diktator, ein Lakai Moskaus, aber für die Ostukrainer ist er wie ein Vater. In seinem Namen harren sie auf dem Gegen-Maidan aus und dienen in den Spezialeinheiten. Das Bild sieht wieder ziemlich beängstigend aus, hat aber ebenfalls gewisse Anziehungskraft. Ein einfacher Bürger hat doch nicht so oft die Gelegenheit die Rolle eines Kämpfers für die Freiheit seines Landes, eines Aufständischen zu spielen. Es liegen “unwiderlegbare” Beweise “ sowie “objektive” Schlussfolgerungen von “unvoreingenommenen” Theoretikern vor, die beweisen sollen, dass der Osten nicht (mehr) zu der Ukraine gehört.
Die dritte Antwort hat einen rein therapeutischen Charakter. In der Ostukrainer weist man nichts über die wirklichen Bestrebungen des Euromaidans. Deswegen “verharren die Leute da im Schlaf”. Man sollte sie “aufwecken”, ihnen die Wahrheit erzählen und so wird der Bergarbeiter Schulter an Schulter mit einem Huzulen (Volksgruppen in den Karpaten) auf dem Maidan stehen. Hier geht es nicht mehr darum sich selber schön darzustellen, sondern um eine Selbstberuhigung. Es ist beruhigend zu denken, dass die Ostukraine den Euromaidan auf keinen Fall ignoriert, sondern einfach verpasst hat. Manche denken naiv, dass der Osten die Ereignisse auf dem Maidan ebenfalls unterstützt, fährt dabei aber nicht nach Kiew. Die Fotos von den Mini-Euromaidans in der Donbass-Region sowie Auskundschaften der “tatsächlichen” Stimmung im Osten werden hier als Beweise aufgeführt.
Dabei ist die Realität viel einfacher. Klar, dass es im Osten sowohl Ukrainegegner als auch fanatische Anhänger des Präsidenten als auch politisch passive Menschen gibt. Aber es ist nicht der eigentliche Grund, warum sich die Ostukraine von dem Euromaidan abwendet. Der Grund ist, dass die “pro-ukrainischen” (“demokratischen”, “pro-europäischen”) politischen Kräfte im Lande jahrelang alles mögliche getan haben, um den Osten zu einem Gegner zu machen. Gleichermaßen betrifft diese Aussage die Personen des öffentlichen Lebens, die sich im Umlaufbahn jetziger Opposition befinden und das Volk zu Protesten aufrufen. Sicher, dass diese Meinung unter den Befürwortern des Maidans nicht gerade populär ist, weil keiner auf sich die Schuld nehmen möchte, erst recht möchte niemand seinen persönlichen Misserfolg zugeben. Lieber soll die “dumme” und “passive” Masse im Osten die Schuld tragen.
Was haben denn unsere europäisch gesinnte Politiker sowie gleichgesinnte Personen des öffentlichen Lebens nun getan?
Erstens, sie äußern sich anmaßend und beleidigend über den Osten. Zum Beispiel meinte Iryna Farion (Politikerin von Swoboda, A.d.R.), dass der Osten von russischem Lumpenproletariat besiedelt ist, dessen Kinder “die ukrainische Erde nie lieben werden” und dass die Namen “Wanja und Mascha abstoßende Formen von ukrainischen Namen” sind (russische Koseformen von Iwan und Maria, A.d.R.). Dabei ist es lediglich ein kleiner Teil davon, was Farion sowie ihre Parteigenossen in den vergangenen Jahren von sich gegeben hatten. Darum ist es nicht verwunderlich, dass die Swoboda-Partei in der Ostukraine ähnlich wahrgenommen wird, wie die Kommunistische Partei im Westen des Landes. Dabei geht es nicht mehr um irgendwelche ideologische Auseinandersetzungen,, sondern um eine starke Abneigung gegeneinander. Nichtsdestotrotz ist Tjahnybok eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Euromaidans und die Fahnen von “Swoboda” wehen ständig auf dem Maidan.
Ebenfalls erlauben sich die Intellektuellen des Landes, die den Euromaidan zurzeit leidenschaftlich befürworten, radikale Äußerungen gegenüber dem Osten. Erinnern Sie sich noch daran, als der Schriftsteller Jurij Andruchowytsch vorschlug, die Donbass-Region von der Ukraine abzutrennen, da die Leute im Osten “der Ukraine fremd sind”? Oder wie sein Kollege Schkljar die Donbass-Region “ukrainische Geschwür” nannte? Oder dass nach der Überzeugung des Historikers Jaroslaw Hryzak der Donbass von merkantilen, ungebildeten, wertlosen „Sowjetleuten“ ohne Glauben besiedelt ist. Die dreistesten Behauptungen kamen in der jüngsten Zeit vom Journalisten Ostap Drosdow. Für ihn ist der Osten ein “schwarzes Loch”, eine schwere “Last”. Wie sollen denn die Intellektuellen im Osten des Landes diese Aussagen bloß empfinden? Würden sie danach für den Euromaidan eintreten?..
Obwohl die “pro-europäischen” Politiker pausenlos schwören eine moderne politische Nation aufbauen zu wollen, kleiden sie sich dabei in Nationalkleidung und meiden russisch zu sprechen, obwohl ein Drittel der Ukrainer Russisch als Muttersprache erachtet. Dennoch muss sich die russisch sprechende Bevölkerung ständig anmaßende und beleidigende Äußerungen anhören. Es ist nicht genau bekannt, ob der Kultusminister unter Wiktor Juschtschenko Wassyl Wowkun Russisch als “Hundesprache” schimpfte. Aber auch ohne diesen Vorfall gibt es mehr als genug ähnliche Fälle. So nannte Farion 2010 russisch sprechende Ukrainer “geistesschwach”, die eine Behandlung nötig haben. Ihr Parteigenosse Miroschnytschenko äußerte sich ähnlich. “Pro-europäische” Intellektuelle in der Ukraine sind da nicht viel anders. 2004 schrieb eine Künstlergruppe dem Präsidenten Juschtschenko einen offenen Brief, wo Russisch als eine Sprache bezeichnet wurde, die sich lediglich für Diskos sowie Gangsterlieder eignet. Die Idee der offiziellen Zweisprachigkeit des Landes zu kritisieren ist eine Sache, die Russisch sprechenden Landsleute zu beleidigen ist aber etwas ganz anderes, und es geht dabei nicht um die Frage der Sprache, sondern um den grundlegenden Respekt gegenüber den Menschen.
Eine beachtliche Wirkung hat auch der radikale Nationalismus, der zu einem ständigen “Begleiter” der “demokratischen” Politiker geworden ist. Unter den Laternen des Euromaidans tauchen ständig die Fackeln der Nationalisten auf. Wo “Es lebe die Ukraine!” zu hören ist, hört man unbedingt “Tod den Feinden!”. In Anbetracht des oben Gesagten ist es nicht zu verwundern, wenn Ostukrainer diese Feindseligkeiten als gegen sich gerichtet empfinden. Insbesondere dann, wenn sie im Alltag russisch sprechen und die Namen Wanja oder Mascha, und nicht Iwanko oder Maritschka (ukrainische Koseformen von Iwan und Maria, A.d.R.) tragen…
Manche von uns meinen, dass dies lediglich Äußerungen von einzelnen Politikern oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind und dass der Euromaidan diese Meinungen nicht teilt, weil er für ganz andere Werte steht. Dabei ist die Kraft des Wortes doch allbekannt. Erinnern Sie sich noch an die ukraine- und galizienfeindlichen Äußerungen des Kultusministers Dmytro Tabatschnyk und des Abgeordneten Wadim Kolesnitschenko? Was könnte die Galizier dazu bringen, diesen Leuten zu folgen? Eben… Wie würde sich die Westukraine verhalten, wenn die Partei der Regionen sie zum Aufstand aufruft? Richtig. Sie wird all die Äußerungen von Tabatschnyk und Kolesnitschenko sowie ihresgleichen in Erinnerung rufen und dem Aufruf gar keine Beachtung schenken. Eben so verhält sich der Osten des Landes und man kann ihm sein Verhalten nicht vorwerfen.
Das “pro-ukrainischen” Politikum haben in den vergangenen zehn Jahren die Ostukraine gar nicht beachtet bzw. verstanden die Ostukrainer als minderwertig, die auf dem nationalen Fest unerwünscht sind. Zugegeben, die Aggression gegen den Osten ist nicht selten auf revanchistische Bestrebungen zurückzuführen. Die Kämpfer für die Freiheit der Ukraine zielen auf Tabatschnyk, Putin oder Vertreter von der “Russischen Welt”, treffen allerdings ständig die Durchschnittsbürger im Osten, obwohl der einfache Bürger in der Ostukraine in seiner Mehrheit kein Gegner der Ukraine, kein Liebhaber von Gangsterliedern oder ähnliches ist. Zur gleichen Zeit zielen die Befürworter der Russisch sprechenden Bevölkerung auf Farion, treffen dabei aber den Durchschnittsbürger im Westen des Landes, der nicht auf den Gedanken kommt, eine sprachliche Inspektion in den Kindergärten durchzuführen, wie dies Frau Farion getan hatte.
Die aktuelle Lage im Lande ist eben so wie sie ist und durch ein wenig Entgegenkommen gegenüber dem Osten ist sie nicht zu verbessern. Um sich mit dem Osten zu versöhnen, muss eine jahrelange systematische Arbeit geleistet werden. Leider ist es momentan sehr unrealistisch, und dies nicht wegen des Mangels an Ressourcen, sondern wegen der Konjunktur des politischen Lebens in der Ukraine. Denn die Wahlen sind auch ohne Unterstützung in der Ostukraine zu gewinnen, indem man die bereits vorhandene Wählerschaft mobilisiert. Der Opposition würde es leichter fallen im Kiew zusätzliche drei Prozent der Anwohner dazu zu bringen zur Wahl zu gehen, anstatt in Luhansk zusätzliche drei Prozent der Wähler zu gewinnen. Alles, was danach kommt, ist unserer Opposition egal. Leider ist es bei uns so üblich. Aber bei der Einstellung sind dann beim nächsten Maidan keine Wunder zu erwarten.
9. Januar 2014 // Maxim Wichrow
Quelle: Zaxid.net


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