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Antiterroroperation aus erster Hand: "Biker" von Aidar

Arkadij Romanenko - "Biker" vom Bataillon AidarGeschäftsmann Arkadij Romanenko - "Biker" vom Bataillon Aidar
Vor mir, auf der Barterrasse eines Kiewer Hotels, sitzt ein 53-jähriger Geschäftsmann aus Dnjepropetrowsk. Auf den ersten Blick ein typischer Besucher solcher Lokale. Schwer zu glauben, dass er erst vor kurzem aus dem Krieg zurück gekehrt ist. Aber das ist auch nur der erste Blick.

Arkadij Romanenko, genannt „Biker“, war seit dem 4. Mai vergangenen Jahres Kämpfer in der „Anti-Terror Operation“ (ATO), wie die ukrainische Regierung den militärischen Einsatz ihrer Truppen im Osten des Landes bezeichnet. Von Anfang an diente er dabei im Bataillon „Ajdar“, stieg vom einfachen Soldaten zu dessen Kommandeur auf. Er sagt, im Krieg hängt sich niemand für seine Ehre Orden an, in solchen Fällen bezeichnet man sich als einfacher Soldat. Mein Gesprächspartner spricht mehr über seine eigenen Emotionen, die schwierigen Themen in der Geschichte des Bataillons bevorzugt er außer Acht zu lassen.

Von der „Euro“ zur ATO

Zuhause, in Dnjepropetrowsk, bin ich Besitzer einer Straßenbaufirma. Für die „Euro-2012“ habe ich zum Beispiel Straßen gebaut. Mit dem Maidan habe ich sympathisiert, aber als es mit den Ereignisse im Osten losging, da war mir klar, dass ich nicht möchte, dass diese Seuche zu uns hinüberschwappt. Die Motivation für das „Ajdar“ war ernsthaft. Am 4. Mai bin ich zum ersten Mal dorthin gefahren, habe ein paar Leute hingebracht. Wir standen im Wald, hatten höchstens 150 Maschinengewehre, keine Kleidung, nichts Essbares, rein gar nichts. Neben uns standen verängstigte Soldaten: „Was mache ich hier, ich will nach Hause, an meinen Fernseher.“

Ganz zu Beginn der ATO kamen, zur moralischen Unterstützung des 5. Bataillons (das Bataillons „Prikarpatje“), die Bürgermeister aus Iwano-Frankiwsk und Kolomyja in das Krisengebiet und baten darum, ihre Sicherheit zu gewährleisten. Bis zur russischen Grenze sind es dort nur 1,5 Kilometer.

Das „Ajdar“ besaß bereits Erfahrungen mit kriegerischen Zusammenstößen, während das „Prikarpatje“ die Grenzsoldaten von Amwrosijewka bis Telmanowo geschützt hat. Sie standen auf ihren Posten und nahmen im wesentlichen die Aufgaben der Miliz war. Da begann dann die 72. Brigade mit ihrer „Rotation“, wie sie das nennen. In Wirklichkeit aber war das eine Flucht, weil sie dort jeden Abend beschossen und immer mehr vom Artilleriefeuer und den Raketen zurückgedrängt worden sind. Sie haben ihre vollständig zum Einsatz bereiten Panzer zurückgelassen.

Ich habe mir selbst zwei Schützenpanzer geschnappt und das 5. Bataillon unterstützt, damit es nicht auch noch wegläuft. Einfach dreist fahren sie, verschwinden: „Ich hab kein Öl mehr“. Ich sage: „Halt an, grab dich hier ein, halte den Sammelpunkt des 5. Bataillons“. Das Schützenbataillon erhielt zwei Schützenpanzer und sie rannten nicht fort, zwei Kompanien gingen weg, gegen Morgen schlossen wir die Grenze.

Über Drahtigel, würdige Gegner und eine „freiwillige Übergabe“

Es gibt den Krieg, es gibt Provokationen und es gibt einfach Zufälle. Ich idealisiere die Unsrigen nicht, alles kommt vor. Stellen sie sich vor, es ist Nacht. Wissen sie, was Drahtigel sind? Nein, das sind nicht jene Barrieren gegen Panzer, das ist so eine Seuche, die kriecht und keucht wie ein gesunder Kerl. Du stehst, völlig angespannt, mit der Waffe in der Hand und plötzlich schleicht sich irgendein Kerl heran, schnauft und kriecht und der Alarm schaltet sich ein. Was machst du? Du beginnst zu schießen. Wenn, nehmen wir an, ein Wildschwein, eine Ziege oder ein Reh vor dem Beschuss flieht, so wird dieser Mistkerl, falls du sie nicht tötest, sich verstecken und danach weiter kriechen und schnaufen. Man verliert die Nerven, beginnt zu schießen und schon schießt der gesamte Posten. Von der anderen Seite sehen sie, dort wird gekämpft. Vielleicht ist es ihr Aufklärungstrupp? Lass uns helfen. Die Artillerie mischt sich ein und schon geht der Kampf los.

Was die Gefangenen angeht. Der erste, den ich noch im Juli weggebracht habe, war ein Soldat der russischen Aufklärung. Er trug eine Medaille zu Ehren seines Mutes. Ich brachte ihn nach Dnjepropetrowsk und hab ihn beim Geheimdienst abgegeben. Er hat meinen Respekt verdient. Damals war es heiß. Man brachte ihm eine Flasche Wasser. Nur ein bisschen hat er getrunken, den Rest hat er sich aufbewahrt. Er war ziemlich standhaft, hat praktisch nichts verraten. Hat alles mit auswendig gelernten Phrasen erzählt.

Er wusste, das es keinen Sinn machte zu lügen über „habe mich verirrt“ oder „bin im Urlaub“ und dass man ihn sowieso austauschen wird. Man brachte noch drei Separatisten mit frischen ukrainischen Pässen. Die Fahrt war lang und sie jammerten rum, müssten auf Toilette und hier tut es weh und da ist es unbequem. Jener aber hat nicht ein Wort verloren, obwohl man ihm, als man ihn ergriff, eine Rippe gebrochen hatte. Unsere Männer, sogar die Aufklärer der Armee, haben ihm dafür Anerkennung gezollt, waren sich einig, dass er ein würdiger Gegner war.

Es gab mal die Situation, als wir Lutugino von den Separatisten gesäubert haben. Ich stand da in wörtlichem Sinne ohne Hosen, alles war in Fetzen gerissen. Zwei Frauen kamen heraus und brachten uns Wasser. Ich sagte zu ihnen: „Trinkt lieber selbst, ihr hattet doch nichts hier, kein Wasser und gar nichts.“ Sie bedankten sich und da sehe ich etwas abseits den örtlichen Abschnittsbevollmächtigten laufen. „Komm hierher“, ruf ich ihm zu. Er haut ab und ich sagte: „Los, lass uns was ausgraben.“ Ich wusste nicht mal, ob er überhaupt was versteckt hatte. Ich habe ihn mir einfach nur geschnappt und da ich scheinbar bedrohlich genug aussah in meinen zerrissenen Hosen, begriff er, dass mit mir besser nicht zu scherzen ist.

Mit einem weiteren Kämpfer fuhren wir zu ihm nach Hause. Dort waren seine Frau und ihr kleines Kind, noch ein Säugling. Nie zuvor habe ich solche verängstigten Augen gesehen. Sie muss gedacht haben, wir wären gekommen, sie zu töten. Völlig verstört stand sie da, ihr Mann versuchte sie zu beruhigen. Ich sagte: „Hören sie auf. Gehen wir und schauen, was du hier hast. Nimm die Schaufel.“ Ein Maschinengewehr und eine Maschinenpistole grub er da aus, mit Munition, stammelt irgendwas vor sich hin.

Wir habe alles in das Auto geladen und er jammert: „Sagen sie, dass ich alles freiwillig abgegeben habe.“ Keine weiteren Fragen. Obwohl wir alles mögliche mit ihm hätten machen können. Das Einzige, worum ich ihn bat war, mir die Reifen aufzupumpen, da ich keine Pumpe hatte. Er hat mir seine geschenkt und selbst aufgepumpt. Ich bereue das nicht fotografiert zu haben – der Abschnittsbevollmächtigte pumpt mir die Reifen auf. Daran erinnert man sich gerne.

Was soll das sein, Heldentum? Und was sind Panzer, wenn sie dir entgegenkommen? Oder die Infanterie mit Unterstützung der Artillerie? Was, wenn neben dir Geschosse explodieren und Arme und Beine durch die Luft fliegen, nicht nur von Soldaten, sondern auch von Zivilpersonen? Wie soll man das psychologisch aushalten? Alle haben Angst, leben wollen alle. Der Krieg aber zerbricht jeden. Dein Hirn beginnt sich nur noch darauf zu konzentrieren, wie man überlebt. Nach so einem Stress sind einige von uns verrückt geworden, ein paar haben sich eingepinkelt, einige darum gebeten, den Kampf verlassen zu können, andere haben gesehen, wie ihre Freunde starben, 14 von Separatisten erschossene Kinder. Wie wird so ein Mensch in der Folge reagieren? Wirst du ihn jetzt zurückhalten, wenn er sich unangemessen verhält?

Der 40-jährige Filliptschuk etwa, er hat einen Panzer aus nächster Nähe abgeschossen, hat einen Teil des Bataillons gerettet, selbst aber ist er dabei gestorben. Wenn jetzt der Panzerfahrer seinen Kameraden in die Hände fällt, was wird dann mit ihm geschehen? Der Krieg ist furchtbar, er bringt Eigenschaften in einem Menschen hervor, die er im normalen Leben niemals gezeigt hätte. Es herrschen völlig andere Regeln, ein ganz anderes Verständnis von Ehre und Tapferkeit.

Du weißt nie, wie sich ein Mensch im Krieg verhalten wird, solange er nicht dort hingeraten ist. Und was siehst du dann dort? Einen Kerl in Trjochisbenka. Ein schönes Haus, hat sich ein Auto gekauft Marke „Volkswagen“. Dann fliegt ihm eine Granate ins Haus und wenn sie grade erst erloschen ist die Nächste. Er steht da, verteufelt alle. Eine halbe Stunde später kommt noch eine Granate, fliegt ihm ins Auto – kein Auto mehr. Am nächsten Morgen hängt er sich auf. Ein Kerl schleppt seine tote Frau, keine Arme, keine Beine, in einem Schubkarren. Ob du das schreiben kannst? Schreib.

Jede Armee zerfällt, sobald sie untätig ist

Wenn die Leute nichts zu tun haben, dann machen sie Unsinn. Du kannst daran teilnehmen, kannst es aber auch lassen. Die Frontlinie ist ziemlich langgezogen. Was jemand auf seinem Posten macht? Woher sollen wir das wissen. In dieser Gemeinschaft bildet sich eine ganz eigene Ordnung heraus, das ist verdammt schwer zu kontrollieren.

Einmal kam eine Frau zu mir mit verheulten Augen: „Einer der Kämpfer hat mir mein Auto weggenommen.“ Ich habe daraufhin den Befehl ausgegeben, denjenigen zu finden. Als man ihn gebracht hatte, gaben wir das Auto zurück. Ich frage ihn: „Warum hast du das Auto genommen?“. Worauf er mir antwortet: „Ich habe es verdient, ich war unter Granatbeschuss.“ Von seiner Seite aus war das ein Gefühl für soziale Gerechtigkeit. Ich sage ihm: „Wenn du es dir verdient hast, dann wende dich damit ans Verteidigungsministerium.“

Der Staat macht solchen Leute aber keine besonders großen Zugeständnisse, ganz im Gegenteil, er lässt sie ohne Gehalt, mit Verletzungen. Warum werden so viele nicht berücksichtigt in den Listen? Doch nur aus dem Grund, dass man so etwas nicht zeigen darf. Die Verluste werden auf beiden Seiten verheimlicht. Wenn die Leute über alle Verluste Bescheid wüssten, dann gäbe es einen Aufstand. In unserem Bataillon gibt es Hunderte spurlos Verschwundener, Verstorbener, nicht Identifizierter, Gefolterter.

„Bataillonsbrüderschaft“ und Mahnwachen vor dem Verteidigungsministeriums – das sind zwei verschiedene Dinge

Zur „Bratstwo“ hatten wir nie auch nur irgendeine Beziehungen. Das wir dem Verteidigungsministerium unterstanden und am Ende die Reifen gebrannt haben, das kam für uns „Ajdarowzy“ ziemlich unerwartet. Wir haben an den Toren Stellung bezogen und jene Leute weggejagt, die versucht haben, über den Zaun hinüber zu klettern. Die Beziehungen zum Verteidigungsministerium haben sich daraufhin eingependelt: man gab uns Waffen, Schutzausrüstung, wir wurden mit Panzern verstärkt und haben erfolgreich mit der Artillerie zusammen gearbeitet. Ohne das Verteidigungsministerium hätten wir dort überhaupt nichts erreicht.

Einem Panzer mit nur einem Gewehr entgegenzutreten ist nicht nur dumm, sondern auch schnell zu Ende. Warum es bei uns so einen Aufstand gegeben hat? Viele blieben uneingetragen, die Familien ohne Ernährer. Die Leute blieben allein mit ihren Nöten, Ängste, Verletzungen und psychologischen Problemen. Alle haben Familie und irgendwelche finanziellen Verpflichtungen. Bei uns kämpfen Georgier, Russen – die sind hier nach wie vor ohne Staatsbürgerschaft. Vielleicht haben sich manche der Kämpfer auch deshalb nicht so verhalten, wie es der Kommandostab gewollt hätte.

Wohin sind all jene geraten, die von Anfang an bei der ATO dabei waren? Jene, die gelernt haben zu kämpfen, die gelernt haben, sich gegen eine der stärksten Armeen der Welt zu behaupten. Gebt ihnen Sozialleistungen, ein normales Gehalt, eine Versicherung und sie werden kämpfen, sie sind bereit dazu. Bei uns gibt es mehr als hundert Leute aus den okkupierten Gebieten. Ihre Familien leben in Mietwohnungen, in Hotels. Sie können nirgendwo hin. Die Männer sind bereit zu kämpfen, nur muss man ihre Familien unterstützen.

Ich war die Nummer zwölf auf der Liste der Radikalen Partei

Bei den Parlamentswahlen trieben viele einen Keil zwischen uns. Ich war die Nummer zwölf in der Liste der Radikalen Partei, war kein Mitglied, reichte nur einfach meine Papiere ein und das wars. Doch dann sagte Oleg Ljaschko (Vorsitzender der Partei, A.d.R.), dass ich vorbestraft sei. Ich war schockiert. Ich bin nicht ein mal verurteilt worden. Ja, es gibt bestimmte Momente, wenn du Geschäfte machst … Doch das Gericht hat mich nicht verurteilt. Tatsächlich hat er meinen Platz wahrscheinlich verkauft. Ich holte alle Belege ein, dass ich nicht vorbestraft bin. Und in dem Moment bekam ich eine Benachrichtigung von der Zentralen Wahlkommission, dass die Radikale Partei mich aus ihren Listen gestrichen hat. Das heißt er kläffte, dass ich vorbestraft sei und schmiss mich tatsächlich nur einfach aus der Liste. Machte Eigenwerbung und vergaß es.

Ich werde Melnitschuk (Sergej Melnitschuk, ehemaliger Kommandeur von Aidar, A.d.R.) für seinen Gang in die Politik nicht verurteilen. Während der Kämpfe hatte er Stahleier, wir gerieten nicht nur einmal in einen Hinterhalt, mehrfach waren wir in Kämpfen. Im Unterschied zu anderen „Facebook“-Kommandeuren, hat Melnitschuk gekämpft. Wenn er nicht gewesen wäre, dann gäbe es Aidar nicht. Seine Rolle in der Verteidigung der Interessen der Ukraine hat er gespielt. Was weiter mit ihm passierte und was der Krieg mit den Menschen macht, das ist bereits eine andere Frage.

An das schlechte will man sich nicht erinnern

Dafür wird noch Zeit sein, in zwei, drei Jahren. Die beste Operation, wegen der ich nicht umsonst in diesem Krieg teilnahm, war die Evakuierung von Säuglingen aus Lugutino. Wir gelangten unter schwerem Beschuss dahin, zwei Hinterreifen waren durchschossen. Fuhren in Lugutino rein, riegelten den Bereich ab. Sie können sich die jungen Mütter mit ihren Säuglingen vorstellen, dieses Kinderwagen und zur gleichen Zeit berichtet die Aufklärung, dass Grad-Raketenwerfer auf uns ausgerichtet sind und jeden Moment losschießen können. Es gab das Kommando alles liegen zu lassen und schnell zu den Autos zu gehen. Wir luden diese weinenden Kinder mit den Müttern ein, fuhren fort und buchstäblich in weniger als wurde das gesamte Territorium mit Grad-Raketen eingedeckt. 60 Kilometer fuhren wir mit den durchschossenen Reifen zurück. Doch als wir die schmutzigen, verschmierten ausluden, sie Licht, Wasser, Eis sahen – das war so eine Freude. Doch eine größere Freude sah ich nur bei den Soldaten, die sie retteten. Wir haben damals nicht einen verloren.

Pläne

Jetzt werde ich aus dem Militärdienst entlassen, kehre nach Hause zurück. Da werde ich mich betrinken, danach aufwachen und noch einmal betrinken und danach werde ich entscheiden, was ich weiter mit meinem Leben mache.

2. Juli 2015 // das Interview führte Wladislaw Krassinskij

Quelle: The Insider

Übersetzer:    — Wörter: 2262

Matthias Kaufmann - Studium der Geschichte und Ethnologie in Leipzig und Kasan. Im Anschluss längere Stationen in Berlin, Ufa, Barnaul und Regensburg. Derzeit als Mitarbeiter im International Office an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

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