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Interview mit Serhij Tkatschenko: „Wir wollten die Wahrheit verbreiten“

Zur Person: Serhij Tkatschenko (37), Geschäftsführer des Donezker Verbandes des Wählerkomitees der Ukraine, einer großen zivilgesellschaftlichen Organisation, die mehr als 20 Jahre im Bereich Demokratisierung, Förderung der Zivilgesellschaft, Verbesserung der Kommunikation zwischen der Regierung und Gesellschaft und Wahlbeobachtung im Donbass aktiv ist. Einer der Tätigkeitsbereiche ist auch die Gestaltung des Informationsportals ngo.donetsk.ua, das viele Jahre die einzige ukrainischsprachige Medienressource im Gebiet Donezk war.

Auf Initiative des Donezker Verbandes des Wählerkomitees der Ukraine und des Donezker Presseclubs wurde im März 2014 die Zeitung „Es spricht Donezk“ mit dem Ziel gegründet, Informationen über aktuelle Ereignisse in Donezk zu verbreiten. Mit der Zeit wurde sie in „Es spricht der Donbass“ umbenannt und wird in vielen Orten des Gebietes Donezk kostenlos verteilt. Die Redaktion der Zeitung befindet sich in Mariupol. Die Auflage beträgt 100.000 Exemplare und wird jede Woche herausgegeben.

Am 5. Juli 2014 verließ Serhij Tkatschenko, geboren im Gebiet Kirowohrad und seit 1995 in Donezk ansässig, mit seiner Frau und zwei Kindern Donezk. Zuerst wohnten sie in Dnipropetrowsk und seit August 2014 wohnt die Familie in Kyjiw. Den größten Teil seiner Arbeitszeit verbringt Serhij Tkatschenko in Kramatorsk, Slowjansk, Mariupol und Konstjantyniwka.

Ljudmyla Melnyk: Ihre Zeitung wurde noch im März 2014 gegründet. Was hat Sie angespornt, bei der Gründung der Zeitung mitzuwirken?

Serhij Tkatschenko: Das waren die Ereignisse im Donbass, die unter anderem dazu führten, dass ein Vakuum an objektiven Informationen entstand. Die Menschen waren, sozusagen, auf sich alleine gestellt, ohne es genau zu wissen, wem man glauben kann. Und wissen Sie, der Unterschied zwischen dem Donbass und anderen ukrainischen Regionen bestand vielleicht darin, dass Menschen hier eine gewisse Stütze brauchten. Das bedeutet, sie waren einfach daran gewöhnt, den Medien oder der Partei der Regionen zu vertrauen. Und dann kollabierte das ganze System. Daher war es für uns wichtig, Informationen über aktuelle Ereignisse und als Wegweiser zu dienen, weil niemand eigentlich verstehen konnte, was damals passierte. Wir wollten die Wahrheit verbreiten. Alles, was in den Gebieten Donezk und Luhansk geschah, war das Ergebnis des Einflusses von außen, weil prorussische Kräfte in den letzten Jahren keine große Unterstützung im Donbass genossen haben. Diesen Einfluss von außen konnte man bereits daran erkennen, dass plötzlich zahlreiche fremde Menschen auf den Straßen in Donezk zu sehen waren, sehr oft mit Knüppeln in der Hand, die sich in Gruppen bewegten und ukrainische Aktivisten zusammenschlugen. Klar, später haben sich denen auch Einheimische angeschlossen, aber am Anfang all dieser Ereignisse im Donbass stand ohne Zweifel der Einfluss von außen.

Melnyk: Was meinen Sie unter dem Einfluss von außen? Den Einfluss von Russland?

Tkatschenko: Ja, genau. Am Anfang waren es Menschen, die aus Taganrog oder Rostow am Don nach Donezk kamen. Das konnte man bereits an den Autoschildern erkennen. Und leider vergessen viele mit der Zeit, wie es alles anfing und dass es nicht der Donbass war, der das alles anzettelte. Die Menschen im Donbass wollten keine Autonomie oder irgendwelche Föderalisierung. Diese Begriffe waren ihnen sogar fremd. Man wollte mehr Selbstständigkeit, aber wie diese Selbstständigkeit sein sollte, konnte man nicht richtig definieren. Es ging mehr um die finanzielle Selbstständigkeit, d. h. um die Reformierung lokaler Haushalte, was eigentlich die Dezentralisierung bedeutet. Von einer anderen Selbstständigkeit war kaum die Rede. Klar, mit den Ereignissen im Donbass wurden auch Stimmen derjenigen lauter, die eine gewisse Nostalgie zur Sowjetunion verspürten.

Für unsere Zeitung ist deswegen sehr wichtig, auf den kausalen Zusammenhang hinzuweisen: Womit fing es an? Was führte zu der Situation, in der wir uns heute befinden? Wer und was waren daran schuld? Manchmal gefällt es auch unseren Politikern nicht, welche Themen wir in der Zeitung ansprechen. Der Artikel „Befreiung von Slowjansk und Einnahme von Donezk“ handelte davon, dass als Slowjansk am 5. Juli 2014 befreit wurde, Igor Girkin es schaffte, mit all seinen Leuten und seiner Technik aus Slowjansk zu entkommen und nach Donezk zu ziehen. Dafür sollen auch einige ukrainische Generäle die Verantwortung tragen, weil wir so Donezk verloren haben. Solche Themen gefallen der militärischen Leitung der ukrainischen Armee nicht. Daher haben sich viele geweigert, unsere Zeitung zu verbreiten.

Man muss sich auch noch eines anderen Momentes bewusst sein, nämlich dass Menschen, die auf einem Territorium leben, einen gemeinsamen kulturellen und informationellen Raum brauchen. Leider gibt es diesen Raum auf den befreiten Territorien im Gebiet Donezk nicht mehr. Infolge des Krieges wurden die Verbindungen zerrissen. Es ist jetzt sogar leichter und billiger von Kramatorsk nach Kyjiw zu kommen als nach Mariupol, obwohl Mariupol nur ca. 220 km im Vergleich zu fast 700 km von Kramatorsk entfernt ist: Zwischen Kyjiw und Kramatorsk verkehren Hochgeschwindigkeitszüge, von Kramatorsk nach Mariupol gibt es nur Busverkehr. So gehen Verbindungen zwischen bestimmten Orten im Donbass verloren. Krasnyj Lyman und Slowjansk assoziieren sich z. B. mehr mit der Sloboda-Ukraine (Historische Bezeichnung für eine Region im Nordosten der Ukraine und zumeist von Ukrainern bewohnt war und sich auf das Gebiet Charkiw und zum Teil das heutige Russland erstreckt), d. h. mehr mit dem Gebiet Charkiw. Mariupol verbindet sich mehr mit der Asow-Region6. Es gibt heute keine Medienressourcen, die den Donezker Informationsraum vereinen könnten. Daher ist es auch eines unserer Ziele, das sich unsere Organisation mit der Zeitung vorgenommen hat.

Melnyk: Es gab doch viele Zeitungen in dieser Region. Was ist mit ihnen passiert?

Tkatschenko: Erstens, alle regionalen Medien, darunter Printmedien und Sender, hatten ihren Sitz in Donezk, und können dort nicht mehr herausgegeben bzw. von dort ausgestrahlt werden. Zweitens, russische Sender oder Sender der sog. Volksrepublik Donezk, darunter auch Oplot, sind im Frontgebiet besser zu empfangen als ukrainische (Darunter werden alle Medien verstanden, die dem ukrainischen Staat gehörten, seien sie auf Russisch oder Ukrainisch.). Technische Ressourcen ukrainischer Sender wurden von Separatisten in Donezk eingenommen, darunter z. B. der Fernsehturm. Sie wurden abgeschaltet und auf deren Basis arbeiten jetzt separatistische Sender. Ukrainische Sender haben somit ein schlechteres Signal und darunter leidet auch die Qualität. Heute kann man Diskussionen darüber führen, warum z. B. der Donezker Fernsehturm nicht gesprengt wurde, als die ukrainische Armee Donezk verließ. Dank diesem Fernsehturm werden Informationen schon länger als ein Jahr von separatistischen und russischen Sendern ausgestrahlt. Das ukrainische Ministerium für die Informationspolitik versuchte die Situation zu verbessern und neue Fernsehtürme aufzustellen, aber leider ohne spürbaren Erfolg. Die Menschen leben somit im Informationsraum eines anderen Staates. Wie können wir eine staatliche Politik verfolgen, wenn die meisten Menschen Informationen aus russischen oder separatistischen Medien beziehen?

Melnyk: In Anbetracht dieser Situation, welche Themen stehen für die Zeitung im Vordergrund?

Tkatschenko: Eigentlich alle, die Menschen hier, im Donbass, bewegen. Wir nennen Dinge beim Namen, wenn es auch der Regierung in Kyjiw nicht gefällt. Wir bezeichnen die Ereignisse im Donbass als Krieg, während Kyjiw sie Anti-Terror-Operation (ATO) nennt. Die Menschen hier sehen den Krieg jeden Tag. Es werden bewohnte Orte beschossen und Menschen sterben…

Melnyk: der Krieg zwischen wem?

Tkatschenko: Das ist die militärische Aggression Russlands gegen die Ukraine. Wir schreiben darüber und möchten, dass die Menschen nicht vergessen, wie diese Aggression begann. Russland verfolgt heute das Ziel, diesen Konflikt als internen Konflikt darzustellen und bestimmte Bedingungen dafür zu schaffen. Dabei spielt auch die russische Propaganda eine immense Rolle. Sie schafft Lügen, an die die Menschen glauben. Und je schrecklicher die Lüge ist, desto mehr Menschen glauben daran. Die Menschen beginnen sogar ihren Augen nicht zu trauen und stützen sich nicht auf ihre eigene Wahrnehmung der Realität, sondern auf das Bild, das sie von separatistischen oder russischen Sendern bekommen. Dieses blinde Vertrauen, ohne kritisches Denken, ist das Schlimmste. Und die Menschen im Donbass vertrauen den Medien sehr. Die Folgen der russischen Propaganda sind bereits zu spüren: Die Menschen beginnen zu vergessen, womit die Ereignisse im Donbass begannen und wer eigentlich daran schuld war.

Melnyk: Aber woran war das genau zu erkennen, dass das nämlich die russische Aggression war und kein interner ukrainischer Konflikt?

Tkatschenko: Der Anfangspunkt war für mich die Einnahme des Krim-Parlaments durch russische Spezialkräfte, was in der Nacht zum 27. Februar erfolgte. Was das Gebiet Donezk betrifft, dann begann das alles im März 2014. Das war, übrigens, der Höhepunkt des ukrainischen Widerstandes im Donbass: Es gab eine starke proukrainische Stimmung und viele haben den Donbass zu dem Zeitpunkt noch nicht verlassen. Ich erinnere mich an die erste Demonstration am 5. März 2014 in Donezk, als sich Tausende von Menschen auf dem zentralen Lenin-Platz versammelten. Auch an die Demonstration vom 13. März als Dmytro Tschernjawskyj, ukrainischer Aktivist, nach der Demonstration getötet wurde. Die Tatsache, dass es uns gelungen war, im Laufe von zwei Tagen mehr als zehntausend Menschen durch soziale Netzwerke zu mobilisieren, zeugte nur davon, dass die proukrainische Stimmung immens war. Die Menschen hatten damals noch keine Angst. Sie versammelten sich und liefen mit ukrainischen Fahnen durch die Straßen.

In dieser Zeit aber erschienen Fremde, die staatliche Gebäude einnahmen und proukrainische Demonstrationen überfielen. Und das waren keine Menschen aus dem Donbass. Das konnte man an ihrem Akzent bzw. an ihrem Russisch erkennen, da es kein Russisch war, das in dieser Region gesprochen wird. Und der wilde Hass, der einfach neu für viele war. Viele, die in dieser Region geboren und aufgewachsen sind, konnten nicht verstehen, woher dieser Hass kam, sie waren daran gar nicht gewöhnt. Und damals war klar, diese Fremden werden dir gegenüber nicht nachsichtig sein, sie werden dich einfach töten.

Russische Trikoloren waren plötzlich überall zu sehen, was vorher gar nicht der Fall war. Wir gingen auf die Spur und mit der Zeit wussten wir schon, wo diese Menschen untergebracht waren, in welchen Wohnheimen sie wohnten und mit welchem Transport sie hierhergebracht wurden. Das war ein durchdachtes System, was dahinter stand und das Ziel hatte, die Stimmung anzuheizen, bis sie endlich explodierte. Plötzlich standen den ukrainischen Fahnen Schläger und Messer gegenüber.

Melnyk: Es gab doch prorussische Demonstrationen, die auch groß waren und die eigentlich von westlichen Medien auch gezeigt wurden?

Tkatschenko: Ja, aber man muss wissen, dass es am Anfang Menschen waren, die nicht aus dem Donbass kamen. Diese Menschen versammelten sich zu Demonstrationen wie eine Armee. Fast jeder hatte einen Spitznamen. Zu einer bestimmten Zeit strömten sie zu einem bestimmten Ort von jeder Ecke von Donezk, wo sie auch untergebracht waren. Und dem Kreml war es gelungen, eine Spiegelrealität zu schaffen, d. h. Ähnlichkeiten zu dem Majdan zu ziehen, indem man Gebäude einnahm und auch Reifen aufstellte. Dem Majdan war allerdings der Hass fremd, Donezk aber wurde plötzlich mit dem Hass konfrontiert. Das waren nicht unsere Menschen. Diese Intoleranz zu allem Ukrainischen und sogar zur Freiheit war nicht zu beschreiben. Wenn man auch mit Menschen kommunizierte, die sich am Anfang an Demonstrationen beteiligten, dann konnten die meisten von denen nicht sagen, wofür sie stehen und warum sie Gebäude eingenommen haben. Sie wiederholten nur diese Mythen über die sogenannte Kyjiwer Junta und den Rechten Sektor.

Melnyk: Sehr oft hört man in Europa, dass der Donbass immer prorussisch war und dass der Diskurs über eine Autonomie keine Überraschung ist?

Tkatschenko: All diese Diskurse über zentrifugale Tendenzen prägten die Rhetorik unserer lokalen politischen Elite. Das Monopol der Partei der Regionen während der letzten 20 Jahre führte dazu, dass sich die sogenannten Eliten reproduzierten. Dadurch wurde das System der Selbstregulierung und Selbstschutzes geschaffen. Die Partei der Regionen spielte immer wieder mit solchen Diskursen wie der territorialen Autonomie, der Sprachfrage oder der außenpolitischen Ausrichtung der Ukraine. Insbesondere war das vor den Wahlen zu spüren. Zahlreiche Studien, die in der Ukraine, darunter z B. vom Nationalen Demokratischen Institut für internationale Angelegenheiten (NDI) im Gebiet Donezk durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass die Sprachfrage nie im Mittelpunkt stand, sondern auf dem Platz zehn oder sogar tiefer landete. Auch die vor kurzem veröffentlichte Studie vom Fonds demokratischer Initiativen, die befreite Städte im Gebiet Luhansk analysierte, bestätigte das nur. Die Menschen waren mehr um wirtschaftliche Probleme besorgt. Während vieler Wahlkampagnen nutze die Partei der Regionen diese Diskurse und stellte die Wählerschaft vor die Wahl. Es kamen dann solche Fragen wie „Seid ihr für die russische oder die ukrainische Sprache?“. Und es ist auch nachvollziehbar, dass sich Menschen dann für das Russische entschieden. Somit versuchte die Partei der Regionen den Fokus von wirtschaftlichen Fragen weg zu verschieben.

Klar, die meisten Menschen im Donbass sprechen Russisch. Ich spreche zu Hause auch Russisch. Meine Brüder haben sich aber bewusst für das Ukrainische entschieden. Auch einige Bekannte von mir sprechen ausschließlich Ukrainisch. Für sie ist es einfach prinzipiell. Die letzten zehn Jahre zeigten eine Tendenz zur Ukrainisierung des Donbass.

Melnyk: Woran spürt man das?

Tkatschenko: Das spürt man bereits daran, dass viele ukrainischsprachige Communities entstanden sind. Wenn man eine Frage auf Ukrainisch vor dem Krieg auf der Straße stellte, kriegte man die Antwort auf Ukrainisch oder Russisch. Das war kein Problem. Ich erinnere mich noch an die Mitte der 90er Jahre, als meine Familie in den Donbass umzog. Wenn man in einem Geschäft nach etwas auf Ukrainisch fragte, blieb oft die Frage unbeantwortet. Wenn meine Brüder Fragen auf Ukrainisch an der Universität formulierten, ignorierten einige Dozenten sie und antworteten nicht. Aber im Laufe der letzten Jahre hat sich das alles verändert. Die sprachliche Intoleranz verschwand. Die Menschen sprachen verschiedene Sprachen, aber teilten gleichzeitig dieselben Werte. Ich denke, es war für Russland die letzte Chance, seinen Einfluss in dieser Region nicht zu verlieren und solche Faktoren wie die russische Sprache ins Spiel zu bringen. Die neue Generation wurde in der Ukraine und nicht in der Sowjetunion geboren. Sie fühlten sich nicht als Teil der großen russischen Familie. Ich glaube, Russland merkte diese Veränderungen. Russische Kräfte im Donbass verloren immer mehr an Bedeutung. Daher war das für Russland die letzte Möglichkeit, die Menschen zu mobilisieren, die sich noch an die Sowjetunion erinnerten. Ich glaube, in zehn Jahre und dann hätte Russland keinen Einfluss hier gehabt.

Melnyk: Welche Unterstützung würden Sie sich dann vom ukrainischen Staat wünschen und ob es seitens des Staates viel für den Donbass gemacht wird?

Tkatschenko: Der Staat macht sehr wenig. Es gibt z. B. keine Strategie in Bezug auf den Donbass und hier meine ich auch die befreiten Orte und die separatistischen Gebiete. Dies ist bereits an den Diskussionen zu erkennen, ob der Donbass bei den Kommunalwahlen mitmachen kann oder nicht. Das alles sät Misstrauen in der lokalen Bevölkerung. Daher versuchen wir auch, dieses Thema in unserer Zeitung umfangreich zu beleuchten. In diesem Zusammenhang schreiben wir auch viel über die Reform der Dezentralisierung, die direkt die Gemeinden betreffen wird.

Melnyk: Sie haben bereits die Dezentralisierung erwähnt. Werden darunter die Föderalisierung der Ukraine verstanden und der besondere Status des Donbass oder nur die Besonderheiten der lokalen Verwaltung.

Tkatschenko: Die Föderalisierung der Ukraine und der besondere Status des Donbass haben nichts mit der Reform der Dezentralisierung zu tun. Unter der Dezentralisierung versteht man die Reform der lokalen Gemeinden und auch deren Haushalte. Die Gemeinde kann z. B. vor Ort entscheiden, wo sie die Schule bauen möchte. Das alles wird jetzt vor Ort entschieden und nicht in Kyjiw.

Das Thema mit der Föderalisierung ist ein separates Thema, das von Russland der Ukraine künstlich aufgedrängt und von der Partei der Regionen unterstützt wurde, die wiederum das Ziel verfolgte, ihre eigene Macht in dieser Region zu konservieren. Wenn es zu einer Föderalisierung der Ukraine kommen würde, dann würde jede Region oder territoriale Einheit die Möglichkeit haben, ihre außenpolitische Richtung der Ukraine zu bestimmen, ob sie z. B. der Zollunion beitreten will oder der Europäischen Union. Man muss sich einfach darüber im Klaren sein, wenn die Partei der Regionen, Separatisten und Russland von der Föderalisierung sprechen, dann wird eigentlich eine breite politische Autonomie gemeint, was dazu führen würde, dass eine bestimmte Region als Teil der Ukraine gelten aber in der Realität der Russischen Föderation gehören würde. Es wird somit zum Instrument des politischen Einflusses, der von unserem russischen Nachbarn auf die Ukraine ausgeübt wird.

Melnyk: Worauf achten Sie bei der Auswahl von Themen?

Tkatschenko: Unsere Zeitung ist russischsprachig. Sie zu verbreiten, helfen uns ukrainische Aktivisten und Menschen, denen die Situation im Donbass nicht gleichgültig ist z. B. Bürgermeister von Städten und Dörfern. Eigentlich alle Menschen, die verstehen, dass es heute nicht um den Kampf um Territorien geht, sondern um Köpfe und Herzen. Wir beleuchten aktuelle Themen, z. B. Probleme bei den Kontrollpunkten, die zu langen Schlagen führen. Wenn daran die Korruption schuld ist, dann schreiben wir auch darüber. Wenn wir einige Themen verschweigen würden, würden Menschen uns misstrauen. Im Herbst stehen lokale Wahlen an. Daher widmen wir unsere Aufmerksamkeit auch diesem Thema.

Wir berichteten über die Situation in Slowjansk, das vor einem Jahr befreit wurde. Wir führten ein Gespräch mit dem Bürgermeister, der uns erläuterte, was bereits geschafft wurde und was nicht. In einem anderen Artikel gingen wir darauf ein, was führte zu den Ereignissen in Slowjansk.

Wir versuchen auch mit Mythen aufzuräumen. Es gab sehr viele Gerüchte darüber, dass ukrainische Verkehrspolizisten Autos anhalten und Männern Einberufungsbescheide aushändigen würden. Was eigentlich nicht stimmte.

Wir beleuchten natürlich auch positive Themen (lacht). Wir haben einen Artikel zur Reform der Polizei veröffentlicht, die in anderen Gebieten der Ukraine bereits stattfindet. Ein Teil der Reform, welche die finanzielle Dezentralisierung betrifft, findet bereits auch statt. Mariupol und Kramatorsk haben dank der Reform bereits Budgetüberschüsse. Sie haben in diesem Jahr mehr Einnahmen bekommen, als sie eingeplant haben. Das ist darauf zurückzuführen, dass lokale Gemeinden seit dem 1. Januar 2015 Verbrauchsteuern auf alkoholische Getränke, Tabak sowie Immobiliensteuern einnehmen dürfen.

Auch historische Themen werden aufgegriffen. Professorin Olena Stjaschkina, die an der Universität Donezk arbeitete und leider Donezk verlassen musste, trägt viel durch ihre historischen Beiträge zur Gestaltung der Zeitung bei. Sie schrieb z. B. über die Okkupation in Belgien oder Frankreich und auch der Ukraine im Zweiten Weltkrieg und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten heute im Donbass zu erkennen sind.

In der Zeitung werden auch wichtige Kontaktdaten aufgelistet, wo man z.B. eine rechtliche Hilfe bekommen kann.

Melnyk: Herr Tkatschenko, ich würde mir erlauben noch eine Frage zu stellen: Sie wünschen sich bestimmt eine Zukunft für Ihre Zeitung. Wie sieht es für Sie aus?

Tkatschenko: Wir hatten am Anfang Fördermittel von der International Renaissance Foundation und Development Transformations für ca. sieben Auflagen bekommen. Unsere Zeitung ist auch kostenlos, weil viele das Vertrauen an Medien verloren haben, das wir gerne gewinnen wollen. Wir können noch vielleicht zwei Auflagen decken, d. h. zwei Wochen. Daher sind wir jetzt auf der Suche nach Fördermitteln. Wenn es damit nicht klappen würde, würden wir auch versuchen, die Zeitung durch Spenden von der Bevölkerung zu finanzieren.

Ich muss aber sagen, dass das Interesse an unserer Zeitung mit jedem Tag wächst. Wir kriegen auch neue Anfragen. Slowjansk war die erste Stadt, in der wie angefangen haben, die Zeitung zu verbreiten. Wir haben sogar ein Dankschreiben vom Bürgermeister dieser Stadt bekommen (lacht). Wir würden uns wünschen, die Zeitung ohne Pause jede Woche herauszugeben. Die Zeitung hatte acht Seiten, aber jetzt hat sie nur vier. Es wäre schön sie zu erweitern. Dafür braucht man wiederum mehr Finanzmittel. Es wäre auch wünschenswert, mehrere verschiedene Zeitungen in der Region zu haben. Wir würden gerne unsere Zeitung in allen Orten im Donbass verteilen, damit alle, die Möglichkeit hätten, objektive Informationen zu bekommen und sich als Teil des gemeinsamen ukrainischen Informationsraums zu fühlen.

Melnyk: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Wenn Sie die Zeitung mit einer Spende unterstützen möchten, können Sie sich an Herrn Serhij Tkatschenko unter donetsk_cvu{ät}ukr.net mit Betreff “Donation for “Говорит Донбасс” wenden.

Autor:   Ljudmyla Melnyk  — Wörter: 3376

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