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Botschafter Jacques Faure: Die Zeit der Worte ist für die ukrainische Führungsspitze vorbei

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Der Botschafter Frankreichs in der Ukraine, Jacques Faure, verlässt anlässlich des Endes seiner diplomatischen Mission unser Land. Sein Abschiedsinterview gab er der Ukrainskaja Prawda.

Und im Gegensatz zu den Botschaftern, die sich noch im Dienst befinden, war Herr Faure im Verlauf des Gesprächs im höchsten Maße offen in seinen Einschätzungen und nicht besonders optimistisch hinsichtlich seiner Prognosen.

Als er im August 2008 in die Ukraine gekommen war, traf er auf ständig stattfindende Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsspitze, und auf einen echten politischen Prozess sowie eine lebendige Demokratie. Heute verlässt Jacques Faure die Ukraine, die in den Augen des Westens rapide an den Pluspunkten verliert, die sie nach 2005 als Land, das sich für den europäischen Weg entschieden hat, gewonnen hatte.

Zu allem Überfluss beschlossen die ukrainischen Behörden, mit Herrn Faure am Vorabend seiner Abreise abzurechnen, indem sie behaupteten, dass Paris den Botschafter wegen seiner scharfen Aussagen zum Fall Timoschenko zurückberuft. Obgleich selbst dem kleinsten Angestellten des Außenministeriums klar gewesen sein musste, dass seine Abreise nach vier Jahren Aufenthalt in Kiew einfach durch den Ablauf seiner Tätigkeit zu erklären ist.

Wir haben das Interview vor der offiziellen Abschiedszeremonie mit den Mitarbeitern der Botschaft aufgenommen. Im Anschluss an diese beabsichtigt Jacques Faure, mit seinem eigenen Auto durch ganz Europa zu fahren – er hat beschlossen, die Entfernung von Kiew nach Paris per Straße zurückzulegen.

– Welche Eindrücke nehmen Sie mit nach drei Jahren Aufenthalt in der Ukraine – sowohl im positivsten als auch negativsten Sinne?

– Diese drei Arbeitsjahre in der Ukraine haben mir sowohl als Menschen, wie auch Diplomaten und Botschafter eine sehr interessante und seltene Erfahrung ermöglicht. Im Sommer diesen Jahres habe ich gemeinsam mit den Ukrainern den 20. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine gefeiert.

Und angesichts der Tatsache, dass Frankreich eines der ältesten Länder in Europa ist, veranlasste dies uns darüber nachzudenken, was 20 Jahre Unabhängigkeit bedeuten. Im Leben eines Beamten und Diplomaten bietet sich nicht häufig die Gelegenheit, Zeuge der Bildung eines gesamten Staates, einer ganzen Nation zu werden. Denn normalerweise sind wir in den „alten“ Ländern tätig.

Während meiner Gesandtschaft wurde ich Zeuge zweier Perioden. Zuerst erlebte ich, wie eine Führungsspitze tätig war, die bedauerlicherweise, nicht in der Lage war, sich aufeinander einzuspielen, aber versuchte, europäische und universelle Werte zu festigen: Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit. Aber ein normales politisches Leben wollte nicht gelingen, da ein nicht enden wollender Kampf untereinander stattfand. Das Resultat haben wir alle gesehen.

Nun ist in der Ukraine eine andere Führungsspitze im Amt, die direkt zu Beginn ihrer Tätigkeit allen im Land und jenseits der Grenzen der Ukraine versprochen hatte, dass ihre Priorität in der Annäherung an Europa bestünde. Diese Regierung tat sogar einige Schritte in diese Richtung. Und das sind die positiven Aspekte. Leider existieren auch negative.

Als größten Rückschritt können die Kommunalwahlen 2010 interpretiert werden, die nur schwerlich als rechtmäßig und transparent bezeichnet werden können. Ihre Führungsspitze hat direkt im Vorfeld der Wahlen die Gesetze modifiziert. Und dies ermöglichte ihr, beinahe im Alleingang, die Zusammensetzung, Tätigkeit sowie Arbeitsergebnisse der Wahlkommissionen auf allen Ebenen zu kontrollieren. Dies stellt einen Rückschritt in Bezug auf Demokratie und saubere Wahlen dar.

Und jetzt können wir verfolgen, wie das Parlament eine Gesetzesänderung hinsichtlich der nationalen Wahlen 2012 vorbereitet. Ich möchte nicht voreilig urteilen, aber wenn der Entwurf in seiner jetzigen Form Bestand haben wird, bedeutet dies einen weiteren Rückschritt.

– Wie stehen Sie zu dem Wahlsystem, das jetzt von der Partei der Regionen vorgeschlagen wird?

– Das Wahlsystem ist eine innerstaatliche Angelegenheit eines jeden Landes. Ich denke, dass weder ich, noch andere festlegen können, welches System besser für die Ukraine ist. Dies hängt im großen Maße von Ihrer nationalen, politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Historie ab. Aber das Überwachungssystem zur Durchführung dieser Wahlen betrifft alle, entsprechend auch uns.

– Wie wird sich die Tatsache auf die abschließende Bewertung der Wahlen auswirken, dass die Opposition jetzt der Möglichkeit beraubt wurde, auf das Wahlsystem Einfluss zu nehmen?

– In diesem Fall werden leider Zweifel an den Wahlergebnissen aufkommen. Uns scheint es, dass es eine allgemeine Regel für alle zivilisierten Länder existiert: Alle an der Wahl Beteiligten müssen das Recht haben, diesen Prozess zu beeinflussen. Ebenso sollten alle an den Wahlen Beteiligten ihre eigenen Repräsentanten in allen Wahlkommissionen auf allen Ebenen haben können.

Aber ich würde gerne zu einem weiteren negativen Aspekt zurückkehren, der die Wirtschaft betrifft. Alle Botschafter und Diplomaten haben bereits vor längerer Zeit anregende Abhandlungen zu den gewichtigen und beachtlichen ökonomischen Möglichkeiten der Ukraine verfasst. Ihr Land ist ein reiches Land!

Allerdings, sehe ich, erstens, dass die Ukrainer selbst nicht so reich sind, wie sie sein sollten. Zweitens muss ich das langsame Tempo ökonomischer Reformen hervorheben, das die Regierung und der Präsident beabsichtigen. Und drittens, muss ich leider anhand der Erfahrung unserer Investoren, die in der Ukraine tätig sind, feststellen, dass sich die ökonomischen und juristischen Rahmenbedingungen hinsichtlich des Geschäftsklimas in der Ukraine lediglich ungenügend verbessert haben.

– Sie kehren nach Frankreich zurück und Sie werden sicherlich gefragt: „Und was passierte mit Timoschenko?“. Wie werden Sie diese Frage beantworten?

– Ein erster und sehr wichtiger Punkt ist folgender: Die Reaktion in der Europäischen Union und somit einschließlich in Frankreich ist von Grund auf nicht als Reaktion zu verstehen, mit welcher irgendjemand konkret in Schutz genommen werden soll. Ganz und gar nicht! Hier muss unmissverständlich betont werden: Dies ist eine Reaktion auf die Verletzung des Rechts auf Verteidigung in der Ukraine. Und der Fall Julia Timoschenkos hat ganz deutlich veranschaulicht, dass das Recht auf Verteidigung nicht eingehalten wurde. Wir haben das alle beobachten können.

– Sie waren im Gerichtssaal. Was für einen Eindruck haben Sie vom Prozess selbst?

– Ja, ich bin regelmäßig mit meinen Kollegen ins Gericht gegangen, wir beobachteten und versuchten zu verstehen, worin der springende Punkt lag. Meine Meinung ist: Das war ein unausgewogener Prozess.

– Als Antwort auf ähnliche Anschuldigungen behaupten Repräsentanten der ukrainischen Führungsspitze, die Europäer würden den springenden Punkt grundsätzlich nicht verstehen …

– Wissen Sie, ich persönlich glaube, dass, wenn ein Politiker etwas nicht richtig macht, dann besteht das demokratischste Mittel gegen ihn in Wahlen. Verliert ein Politiker die Unterstützung und den Glauben seiner Wähler, dann ist dies, meiner Meinung nach, für diesen die größtmögliche Strafe.

– Aber in Frankreich läuft doch ein Gerichtsverfahren gegen den früheren Ministerpräsidenten Jacques Chirac!

– Das kann man nicht vergleichen. Zwischen diesen beiden Fällen existiert ein großer Unterschied. Welcher darin besteht, dass in unseren Gerichten das Recht auf Verteidigung vollständig gewährleistet wird. Aber bei Ihnen fand ein unausgewogener Prozess statt.

– 2009, als die Gasabkommen unterschrieben wurden, waren Sie bereits Botschafter. Sagen Sie, gab es in jenen Tagen in Europa keine Gespräche darüber, dass diese Verträge nicht den Gesetzen des Marktes entsprechen?

– Es wurde viel geredet, natürlich. Aber es war ein angespannter Augenblick. Jetzt wurde Julia Timoschenko der Prozess gemacht, in welchem behauptet wird, dass sie zur fraglichen Zeit nicht unter dem Druck der Europäischen Union handelte. Dies ist ein vollkommen unwahrer Fakt. Wir erinnern uns daran, wie kompliziert sich die Situation im Januar 2009 gestaltete. Die Leute riefen in Kiew an und fragten: „Was zum Teufel geht da vor? Wir benötigen das Gas. Was machen Sie, um das Problem zu beseitigen?“ Aber vor Gericht wurde dies vollkommen ignoriert. Es gab eine Krise, für die eine Lösung benötigt wurde, und sie hat sie gefunden. Aber nicht nur sie allein, die Verträge wurden auch von „Naftogaz“ und „Gazprom“ unterzeichnet.

– Während der Aussagenaufnahme vor Gericht behauptete Wiktor Juschtschenko, dass die Ukraine den Druck seitens Europas nutzen und die Verhandlungen mit Russland fortsetzen und bei alledem einen vorteilhafteren Kompromiss hätte finden können.

– Dazu kann ich nichts sagen. Natürlich, nach der Krise fanden alle ihre Erklärungen. Nur muss daran erinnert werden, dass dies eine schwierige Zeit gewesen war, und nur sehr wenige Menschen über den gesamten Sachverhalt genau kannten. Zum fraglichen Zeitpunkt stand die Regierung der Ukraine, meiner Meinung nach, unter dem Druck des Westens und Russlands, das heißt beider Seiten.

– Welche Folgen könnte die Verurteilung Timoschenkos für die Ukraine haben?

– Natürlich können wir keine Anweisungen wie „Macht es so oder so“ geben. Aber wir haben gehört, wie der Präsident, Janukowitsch, einigen hochrangigen Repräsentanten der Europäischen Union in Jalta und Warschau sagte, dass „wir einen Ausweg aus dieser Krise suchen“. Ok, wenn dies der Präsident sagt, glauben wir seinen Erklärungen. Und warten darauf, dass diejenigen konkreten Schritte eingeleitet werden, von welchen er einigen Leuten erzählte.

Aber bisher ist nichts davon zu sehen. Ganz im Gegenteil, nach dem Urteil lesen wir plötzlich in ihren Medien, dass der SBU ein neues Strafverfahren gegen die Ex-Ministerpräsidentin eröffnet hat. Allerdings ist das nicht der Weg, über den die Führungsspitze früher gesprochen hat.

Ich möchte, dass Sie verstehen, dass dies eine sehr ernste Angelegenheit ist. Wir glaubten daran, was uns die Führungsspitze gesagt hatte. Aber wenn diesen Worten keine Taten folgen, lässt uns dies an den Worten der ukrainischen Führung insgesamt zweifeln. Die zwischenstaatliche Interaktion ist nicht besonders geheimnisvoll, sondern besitzt auch seine eigenen Traditionen, seine eigenen Prinzipien. Und eines dieser Prinzipien besteht darin, das zu tun, was man erklärt hat zu tun.

– Jedoch behauptet Wiktor Janukowitsch selbst, dass er Europa in Bezug auf Timoschenko nichts versprochen habe.

– Möglich, dass es nicht direkt Versprechungen waren. Aber wir erinnern uns daran, was er gesagt hat. Das ist alles. Jetzt warten wir ab und kommt Zeit, kommt Rat. Wir wollen etwas Konkretes sehen.

– Aber auf der anderen Seite, geben Sie mit Ihren Erwartungen zu verstehen, dass Sie von ihm erwarten, sich ins Rechtssystem einzumischen. Und wenn er sogar etwas versprochen haben sollte, kann es doch sein, dass er einfach nicht in der Lage ist, dies umsetzen.

– Natürlich sind wir nicht so blauäugig, zu erwarten, dass er alles im Alleingang erledigt. Nein, wir verstehen, dass der Präsident im Rahmen dieses Prozesses nicht der alleinige Akteur ist. Es existieren auch andere. Aber das Wesentliche ist – zeigen Sie, bitte, jenen Weg, den sie angekündigt hatten. Das ist sehr wichtig, weil, ich kann mich auch irren, aber meinem Verständnis nach ist die Annäherung der Ukraine an Europa nicht nur für die Ukrainer, nicht nur für die Führungsspitze wichtig, sondern auch für die Europäer.

Auch insbesondere für Frankreich. Ich erinnere daran, dass das Assoziierungsabkommen, das Freihandelsabkommen sowie die Visumsfreiheit der Ukraine zuerst vom Präsidenten der Französischen Republik, von Nicolas Sakozy, vorgeschlagen wurde. Und zwar im September 2008, während des EU-Ukraine-Gipfels in Paris. Das war ein sehr wichtiger Schritt, da sich im Grunde genommen die EU damals auf eine Verlängerung des zehnjährigen Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und der EU hätte beschränken können. Und weiter nichts! Einfach denselben Wortlaut nehmen. Aber wir dachten, dass die Entwicklung der Ukraine es uns erlaubt, über einen gemeinsamen Weg weiter nachzudenken. Faktisch war dies eine Einladung.

– Sie waren während des Treffens Wiktor Janukowitschs mit Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr zugegen?

– Ja.

– Dort kam die Frage auf, dass die ukrainische Staatsanwaltschaft „ArcelorMittal“ seine Rechte an Kriworoschstal absprechen wollte. Ist das richtig?

– Unser Präsident hat dazu detaillierte Informationen bekommen. Er ist entsprechend seines Stils ein sehr direkter Mensch. Und er hat Ihren Präsidenten direkt gefragt: „Das, was mit den französischen oder europäischen Unternehmen passiert, ist nicht gut. Was werden Sie tun, um die Situation zu bereinigen?“ Und Ihr Präsident antwortete darauf: „Ich werde schnell alles Erdenkliche tun, um dies zu klären.“ Das war ein sehr direktes Gespräch und: Gesagt, getan.

– Daraus lässt sich schließen, dass der Präsident der Ukraine doch auf die Justiz Einfluss nehmen kann: Noch bevor Janukowitsch aus Paris zurückkehren konnte, hat die Staatsanwaltschaft ihre Klage gegen Kriworoschstal zurückgezogen, und der Fall wurde geschlossen. Bezüglich des Falls Julia Timoschenkos jedoch behauptet Wiktor Janukowitsch, keinen Einfluss auf die Justiz zu nehmen. Erscheint Ihnen das nicht paradox?

– (Der Botschafter seufzt laut.) Ich kann und werde dies nicht kommentieren.

– Was glauben Sie? War Wiktor Janukowitsch eine Geisel der Verhandlungen zum Assoziierungsabkommen, die bereits unter Wiktor Juschtschenko begonnen hatten? Oder strebt er doch wahrhaftig eine Annäherung an Europa an?

– (Pause.) Mir scheint, dass er dies tatsächlich möchte. Ich erinnere mich, wie er, als er Präsident wurde, sofort erklärte, er wolle „kein Euroromantiker, sondern ein Europragmatiker“ sein.

– Sie tauschen sich oft mit anderen Diplomaten aus. Sagen Sie, wie sieht das allgemeine Verständnis aus: Hat die Ukraine ihren Vektor Richtung Russland und „Euroisolation“ ausgerichtet? Oder setzt sie ihren Weg nach Europa fort?

– Uns scheint, dass die ukrainische Führungsspitze den Annäherungsprozess Richtung Europa ein wenig bremsen wird. Beziehungsweise, wie sie es ausdrückt, auf bessere Zeiten warten möchte, wenn sie von Europa vollkommen angenommen wird. Aber diese Position ist nicht richtig. Weil es zum jetzigen Zeitpunkt am wichtigsten ist, während dieser Verhandlungen zu zeigen, dass sich beide Seiten annähern. Aber ich befürchte, dass die ukrainische Seite ein wenig warten möchte. Darüber hinaus ist das ständige Hören und Vertrauen auf die Worte „schauen wir mal“ ungenügend. Die Zeit der Worte ist vorbei.

Aber uns ist klar, dass das nicht unsere Wahl ist, sondern die der ukrainischen Führung. Wenn diese glaubt, dass es für sie zum jetzigen Zeitpunkt uninteressant ist, den Weg nach Europa weiterzuverfolgen, dann ist dies ihre Entscheidung.

– Nichtsdestoweniger glauben Sie im Großen und Ganzen, dass sich der außenpolitische Vektor insgesamt nicht geändert hat?

– Nein, dieser Vektor hat sich nicht geändert. Weil dieser Vektor von der ukrainischen Bevölkerung gewählt wurde. Und sie – die Politiker – sind sich dessen bewusst, dass ein Handeln vollkommen entgegen den Wünschen der Bevölkerung in einer Sackgasse enden muss.

– Von Repräsentanten der Partei der Regionen ist oft zu hören: „Die Ukraine ist ein großes Land, ein großer Markt für billige Arbeitskräfte. Und deshalb benötigt die Europäische Union die Ukraine mehr, als wir die EU benötigen“. Wie würden sie derartige Anhänger der Partei der Regionen, beispielsweise aus Donezk, vom Gegenteil überzeugen?

– Sagen Sie, glauben Sie das selbst? (Lacht.) Nun, o.k., Sie sind ein Anhänger der Partei aus Donezk. Aber dann wüssten Sie, zum Ersten, dass im Verlauf des vergangenen Jahres die Umfragewerte der Partei der Regionen in Donezk sehr rapide und sehr stark gefallen sind. Zum Zweiten wird beabsichtigt, die Industrie weiter zu entwickeln und zu modernisieren. Auch in diesen Regionen weiß man, dass dies schneller und qualitativer in Zusammenarbeit mit der EU realisiert werden kann, als ohne diese. Und das war’s.

– Aber diese Argumente verstehen unsere Großunternehmer besser als der einfache Bürger.

– Warum denn? Ich habe den Eindruck, dass erstens, beispielsweise ihre Kinder, verstanden haben, wo es angenehmer ist, zu studieren und sich zu erholen. Zweitens besteht das stärkste Argument für mich darin, dass die Zahl der Reisen zwischen unseren Ländern sehr stark anzusteigen scheint.

Und, drittens, wenden Sie sich an die Menschen in Ihren Gewerkschaften. Sie begreifen ebenso gut den Unterschied zu den Gewerkschaften in Europa.

– Viele oppositionelle Politiker sprechen von möglichen Sanktionen gegen die Ukraine im Zusammenhang mit den letzten Geschehnissen. Inwieweit ist dies wahrscheinlich?

– Theoretisch ist dies möglich. Brüssel könnte diese initiieren oder sie könnten während der Gespräche zwischen der EU-Kommission und den Vertretern der EU-Mitgliedsstaaten auf den Tisch kommen. Letztendlich wird diese Entscheidung auf der politischen Ebene getroffen. Zum Beispiel während eines Treffens der Außenminister.

Aber wenn Sie mich fragen, was ich persönlich von Sanktionen halte, möchte ich dies mit der Antwort Ihres früheren Außenministers beantworten, der irgendwann einmal gesagt hat, die Frage nach der Anwendung von Sanktionen sei schwierig zu beantworten. Jedoch hinzufügte, dass es noch schwieriger sei, zu entscheiden, wann und unter welchen Bedingungen diese Sanktionen aufgehoben werden.

Ich würde gern präzisieren, dass die Sanktionen nicht nur gegen das Land, sondern auch gegen konkrete Persönlichkeiten, die an irgendwelchen Prozessen beteiligt waren, gerichtet sein können. Diese Frage ist einfacher. Und diese Sanktionen können sowohl von der EU ausgehen, wie auch im Rahmen bilateraler Beziehungen, wie beispielsweise zwischen Frankreich und der Ukraine, umgesetzt werden.

– Während Ihrer Tätigkeit als Botschafter haben Sie sicherlich sehr reiche ukrainische Oligarchen getroffen – Achmetow, Pintschuk, Firtasch und andere. Welchen Eindruck haben Sie von diesen?

– Den ukrainischen Oligarchen-Typus zu beschreiben ist unmöglich: Hier handelt es sich um sehr unterschiedliche Menschen. Jeder hat seine eigenen Charakteristika. Einige von ihnen beschäftigen sich lediglich mit ihren individuellen, gigantischen Geschäften und mit mehr nicht. Andere mischen kräftig in der Politik mit, und während der Gespräche mit mir haben einige von ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass Politiker und politische Kräfte existieren, die sie unterstützen und eben solche, die sie allgemein nicht mögen und gegen die sie immer vorgehen werden.

– Welche der existierenden politischen Kräfte genießt die größte Unterstützung der ukrainischen Oligarchen?

– Ich habe den Eindruck, dass die Mehrheit von ihnen der derzeitigen Regierung näher steht. Aber unter ihnen existieren unterschiedliche Menschen. Einige denken nur an sich. Andere hingegen denken auch weiter: „Das ist für mich sehr nützlich, aber kann dies auch für das Land, in dem ich lebe, nützlich sein“.

– Welche Oligarchen sind zum jetzigen Zeitpunkt einflussreicher? Diejenigen, die nur an sich selbst oder jene, denen das Land auch nicht gleichgültig ist?

– Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass momentan diejenigen den größten Einfluss besitzen, die überhaupt nur an sich denken. Die Übrigen, zumindest fühlt es sich für mich so an, haben momentan keinen Einfluss.

– Sie haben sicherlich darüber nachgedacht, wie die ukrainische Gesellschaft diese Phase überstehen kann. Wann wird diese Oligarchie ihr Ende finden? Wie sollte dies geschehen, was glauben Sie?

– Ich bin ein Ausländer, der vorübergehend in der Ukraine lebt. Ich fürchte, ich verstehe und fühle nicht so tief, wie ein Ukrainer. Aber, aus der Sicht eines Ausländers, ist der wichtigste Moment im politischen Leben eines Landes die Zeit der Wahlen. Es ist wichtig, dass diese gut organisiert und transparent gestaltet werden. Und erst dann, scheint mir, werden die Menschen allmählich am eigenen Lebensstandard die Auswirkungen der einen oder anderen Politik spüren.

– Im vergangenen Sommer tauchten Mitteilungen des Außenministeriums der Ukraine darüber auf, dass Sie aufgrund Ihrer Kritik am Fall Timoschenko nach Frankreich zurückberufen werden. Was ist tatsächlich geschehen und warum verlassen Sie jetzt unser Land?

– Um es kurz zu sagen. Das war eine vollkommene Fehlinformation seitens der ukrainischen Führung. Die französische Regierung hat mich nicht zurückberufen. Sie veröffentlichte in Paris ein Schreiben, in welchem mit einer Phrase ganz explizit gesagt wurde: „Jacques Faure wurde nicht zurückberufen und setzt seine Gesandtschaft in der Ukraine fort“.

– Welches Ziel wurde Ihrer Meinung nach mit dieser Fehlinformation verfolgt?

– Ich denke, dass einigen Kreisen innerhalb der Führungsspitze die Reaktion unseres Landes auf den Verlauf des Falls Timoschenko nicht gefallen hat. Obgleich ich den Fall öffentlich nicht kommentiert habe, so wird das bei uns nicht gemacht. Aber sie bedienten sich meiner Teilnahme an einem geheimen Treffen mit der Presseagentur Ukrinform, auf dem der Schutz der Menschenrechte in der Ukraine thematisiert wurde.

Dieses Treffen hatte nicht Julia Timoschenko zum Gegenstand, aber man bat mich, ihr Gerichtsverfahren zu kommentieren. Ich sagte damals, dass „die französische Öffentlichkeit glaubt, dass der Fall Timoschenko näher an der Politik ist, als an der Rechtsstaatlichkeit“. Diese Worte haben sie verwendet, um die Fehlinformation zu meiner Abberufung zu konstruieren.

Aber letztendlich hat sich der ukrainische Außenminister, Konstantin Grischtschenko, offiziell und persönlich bei mir entschuldigt, und einige Tage später habe ich auch eine offizielle und persönliche Entschuldigung von Oleg Woloschin erhalten.

Damit wurde diese gefälschte Darstellung abgeschlossen. Schließlich habe ich gegenüber niemanden, außer unserer Führungsspitze, etwas zum Fall Timoschenko geäußert.

3. November 2011 // Mustafa Najem, Sergej Leschtschenko

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 3217

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

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