FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Gaskrise in Europa, Nord Stream 2 und Krieg im Donbass

0 Kommentare

​ ​ Igor Guschwa - Gaskrise in Europa, Nord Stream 2 und Krieg im Donbass ​

Eine der in Europa und der Ukraine populärsten Erklärungen, warum Russland sich nicht beeilt, die Gaslieferungen in die EU über die abgeschlossenen Verträge hinaus zu erhöhen (um das Gasdefizit zu decken, das sich aufgrund der Umorientierung der weltweiten Lieferanten auf den asiatischen Markt und aufgrund der außer Betrieb genommenen Kohlekraftwerke ergeben hat), ist, dass Putin auf diese Weise Europa zu einer schnelleren Inbetriebnahme von Nord Stream 2 drängen will. Denn er will sozusagen absichtlich den Gastransit über die Ukraine nicht erhöhen.

Doch tatsächlich, wenn man die Äußerungen der russischen Seite analysiert, ist ihr Ziel ein etwas anderes. Nämlich die Zustimmung der Europäer zu einer Erhöhung der Gaslieferungen über langfristige Verträge zu bringen.

Und man kann Gasprom verstehen: Warum sollten sie jetzt ein Feuer auf dem Markt für kurzfristige Verträge (Spotlieferungen) löschen, wenn sich in einem halben bis ganzen Jahr die Aufregung legt und Europa sich erneut auf Gaskäufe von Amerikanern, Katarern und anderen konzentriert.

Doch wenn eine Erhöhung der Mengen in langfristigen Verträgen (nach dem Prinzip Take-or-Pay) festgeschrieben wird, dann garantiert das Gasprom stabile Einkünfte und einen Absatzmarkt unabhängig von der Weltkonjunktur.

Eben darum geht gerade der „Nervenkrieg“.

Und wie paradox es auch ist, stimmen in diesem Fall die Interessen der Ukraine und Russlands überein.

Die Ukraine verlangt gerade von den Europäern, dass diese Druck auf Gasprom mit dem Ziel der Verlängerung des Transitvertrages ausüben. Doch tatsächlich muss etwas anderes gefordert werden: dass die Europäer die Gaskäufe bei Russland mittels langfristigen Verträgen erhöhen. Gerade eben das wird die Beibehaltung des Gastransits über unser Land in langfristiger Perspektive sichern.

Einfache Arithmetik. Der Schätzung Putins nach beläuft sich das Gasdefizit auf dem europäischen Markt in den nächsten Jahren auf 70 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr. Die Kapazität von Nord Stream 2 liegt bei 55 Milliarden Kubikmeter. Das heißt, sogar nach dessen vollständiger Inbetriebnahme wird nicht das komplette Defizit gedeckt. Und das bedeutet, dass wenn Europa per langfristigen Verträgen mit Gasprom seine Gaskäufe um 55 Milliarden Kubikmeter erhöht, dann bleibt der Gastransit über die Ukraine auf dem derzeitigen Niveau (oder er verringert sich etwas wegen Turkish Stream). Doch wenn sie um 70 Milliarden Kubikmeter steigen, dann könnte er sich auch erhöhen.[Bis Ende 2024 ist Gasprom nach dem laufenden Transitvertragverpflichtet jährlich 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas über die Ukraine nach Westen zu liefern oder zu zahlen. A.d.Ü.]

Und sobald Europa der Erhöhung der vertraglichen langfristigen Lieferungen zustimmt, wird auch die Frage der Verlängerung des Gastransits über die Ukraine (gewährleistet durch diese Verträge) sehr schnell entschieden werden. Und die zusätzlichen Gasmengen können durch unser Gastransportsystem bereits vor dem Start von Nord Stream 2 fließen. Zumal wenn man den Rabatt von 50 Prozent vom geltenden Tarif berücksichtigt, den [Präsident Wladimir] Selenski bereits unvorsichtigerweise versprach.

Eben von dieser Logik sollte sich die ukrainische Regierung leiten lassen, wenn sie von den nationalen Interessen ausgeht.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Doch jetzt ist die Logik eine andere. Selenski & Co. wenden enorme Kräfte dafür auf, dass Nord Stream 2 überhaupt nicht in Betrieb geht (was natürlich unrealistisch ist, sie wird früher oder später in jedem Fall in Betrieb genommen werden).

Dazu gehört auch der Einsatz „harter“ Methoden.

In diesem Kontext muss man die derzeitige Verschärfung im Donbass sehen. Die Streitkräfte der Ukraine haben gestern zum ersten Mal eine Bayraktar-Kampfdrohne eingesetzt. Was direkt von dem Waffenstillstandsabkommen vom Juli 2020 verboten ist. Der Waffenstillstand wurde natürlich auch bereits vorher gebrochen. Doch jetzt wurde er nicht nur einfach gebrochen, sondern der Verstoß wurde auch offiziell durch eine Mitteilung des Generalstabs zugegeben.

Das wahrscheinliche Ziel des Vorgehens ist es den Gegner zu einer harten Antwort zu provozieren, aus diesem Anlass Lärm zu schlagen und damit zu versuchen den Start von Nord Stream 2 zu torpedieren. Aber die Inbetriebnahme wird trotzdem nicht verhindert werden. Zumal Russland keine Verschärfung im Donbass brauchen kann, zumindest bis die Zertifizierung von Nord Stream 2 abgeschlossen ist.

Wegen dieser abenteuerlichen Spiele könnten aber leider recht viele Menschen umkommen.

27. Oktober 2021 // Igor Guschwa, Chefredakteur der in der Ukraine verbotenen Seite Strana.ua. Lebt seit 2018 im österreichischen Exil.

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 671

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 4.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)13 °C  Ushhorod15 °C  
Lwiw (Lemberg)12 °C  Iwano-Frankiwsk13 °C  
Rachiw11 °C  Jassinja10 °C  
Ternopil12 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)14 °C  
Luzk11 °C  Riwne12 °C  
Chmelnyzkyj12 °C  Winnyzja11 °C  
Schytomyr11 °C  Tschernihiw (Tschernigow)10 °C  
Tscherkassy14 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)13 °C  
Poltawa12 °C  Sumy11 °C  
Odessa16 °C  Mykolajiw (Nikolajew)15 °C  
Cherson15 °C  Charkiw (Charkow)11 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)14 °C  Saporischschja (Saporoschje)14 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)13 °C  Donezk12 °C  
Luhansk (Lugansk)14 °C  Simferopol15 °C  
Sewastopol16 °C  Jalta12 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Ich habe mal sie Einreise in die UA (aus Polen), am Grenzübergang Uhryniw gemacht. Inzwischen 3 Mal am Freitagabend 21 Uhr MEZ. Nur zwei bis drei PKW, was schon gut ist. Aber der Hit ist, dort gibt es...“

„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“

„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?


“

„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“

„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?


“

„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“

„ Hallo julib77,

Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.

Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)

Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.

Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.


“

„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“