google+FacebookVKontakteTwitterMail

Land siegreicher Emotionen. Was haben die Ukraine und Griechenland gemeinsam?

Die Ukraine – das ist das nicht stattgefundene Griechenland. Der Unterschied zwischen diesen beiden Ländern besteht lediglich in dem, was gemeinhin als „Zivilgesellschaft“ bezeichnet wird. Sie ist die dünne blaue Line, die das Schicksal Kiews von dem Athens trennt.

Jede Gesellschaft setzt sich aus zwei Schichten zusammen.

Eine dieser beiden lebt nach unkonditionierten Reflexen und angeborenen Instinkten. Egoismus und Emotionen sind leitendes Handlungsprinzip.

Eine solche Gesellschaft ist leicht zu führen – sie nimmt leichtgläubig alle möglichen Versprechungen ab – egal, wie unrealistisch diese sind. Sie mag keine unpopulären Maßnahmen, glaubt nicht an einen evolutionären Weg, möchte das gegenwärtige Erleben nicht für langfristige Konzepte opfern und erkennt keine Interessen jenseits der eigenen Haustür an.

Der andere Teil der Gesellschaft hat sich dagegen konditionierte Reflexe erarbeitet. Dieser weiß, dass jeder Heilungsprozess unangenehm ist, dass jedes Gelage in einem Kater endet und jeder Schritt Konsequenzen hat.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Schichten ähnelt dem zwischen einem verantwortungslosen Kind und dem Verhalten eines verantwortungsbewussten Erwachsenen.

Die erste Gruppe ist das Volk, das rhetorische Fragen stellen darf.

Der zweite Teil die Eliten – die politischen, gesellschaftlichen, intellektuellen – die auf diese rhetorischen Fragen keinen Anspruch haben. Dafür dürfen sie Antworten auf die bereits gestellten rhetorischen Fragen geben oder neue, zeitgemäß angepasste Fragen stellen.

An dieser Differenzierung ist nichts Abwertendes – es wäre naiv, von jedem Land extremen Scharfsinn und Weitblick zu verlangen.

Daher erfüllt jede Elite die Rolle einer gesellschaftlichen Absicherung. Denn diese soll „instinktive Reaktionen“ bremsen, Folgen kalkulieren, wohlüberlegte Entscheidungen treffen und schließlich Verantwortung übernehmen.

Während die Gesellschaft mit einem Organismus gleichgesetzt werden kann, der im angeborenen Impuls vor einer Spritze zurückschreckt, ist die Elite das Gehirn, die Ratio, die graue Masse, die die Notwendigkeit einer Injektion in die gesellschaftliche Vene erkennt.

Möchte man wissen, was in Ländern passiert, in denen alles auf Kopf steht, sollte man nach Athen schauen. In den letzten Monaten zeigten die Griechen beispielhaft, wie kollektiver Selbstmord aussieht.

Die griechische Tragödie – das ist die Entkräftung der alten paternalistischen Grundhaltung, dass „da oben keine Idioten sitzen“.

Aber mitunter sitzen da ziemliche Idioten. Gelegentlich auch Heuchler. Aber das macht letztendlich keinen Unterschied.

Die griechische Lehre besteht darin, dass es in einer Situation, die einfach auf Dummheit zurückgeführt werden kann, nicht lohnt nach einer bösen Absicht zu suchen.

Die Welt wird nicht von Verschwörungstheorien gelenkt – wir werden nicht selten von Zufällen geleitet. Verfügt eine Gesellschaft über eine hohe Widerstandskraft, gute Stabilität und Belastbarkeit, werden auch ungünstige Zeiten überstanden. Wenn nicht, passiert das, was in Venezuela geschehen ist.

Wenn heute von Revanche der „Regionalen“ – wenn auch unter anderen Parteifarben – gesprochen wird, ist das eine Illusion.

Die Annexion der Krim und des Donbass haben diesen Kräften den elektoralen Boden, die Wählerbasis, geraubt. Um die Ukraine zu besiegen, braucht Moskau lediglich auf die patriotische Rhetorik der ukrainischen Populisten zu setzen.

Diese können die Vergabe westlicher Kredite gefährden, indem sie die Kürzung von Sozialleistungen verweigern.

Sie vermögen die letzten Reste der ukrainischen Attraktivität für Investitionen zu begraben, indem sie Verstaatlichungen postulieren.

Sie können die Hrywnja an den Dollar binden und damit den Devisenmarkt begraben.

Sie können regulierte Preise einführen. Die Banken verpflichten, Fremdwährungskredite abzuschreiben. Den Export von Weizen verbieten.

Wohin diese guten Absichten führen, ist in aller Regel klar.

Heute ist die prorussische Partei nicht die, die die Zollunion befürwortet, sondern die, die die Minsker Vereinbarungen zugunsten einer sofortigen Offensive bricht.

Heute ist die kremlfreundliche Politik nicht die, die eine zweite Amtssprache fordert, sondern die, die die alten Tarife zurückhaben möchte.

Heute droht der Ukraine nicht die rote Fahne mit Hammer und Sichel, sondern eine linksgerichtete Rhetorik, die sich von Kindern mit ideologisch geeichten Gesichtern zueigen gemacht wurde.

Deshalb müssen diese nicht unbedingt irgendjemandes Projekt sein, ihre Reden können ehrlich gemeint sein – und wahrscheinlich wollen sie wirklich Glück für alle und niemandem Leid zufügen. Aber das ändert nichts an der Sache an sich.

Denn sie gehören zu jenem Teil der Gesellschaft, der Folgen nicht einschätzen kann.

Der sich von angeborenen Reflexen leiten lässt. Der die volle Komplexität der sie umgegebenen Realität nicht zu fassen vermag. Genauso wenig wie dieser Teil der Gesellschaft nicht begreifen mag, dass die heutigen Reformen im Land mit einer Generalüberholung des Motors gleichzusetzen sind.

Die Ukraine ist ein Land mit einer schlechten Regierung und einer guten Zivilgesellschaft. Die mittlerweile über bedingte Reflexe verfügt. Die zudem gezwungen ist, die Funktion der Ratio zu übernehmen – in einem Land, in welchem Emotionen äußerst populär sind.

17. Juli 2015 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 791

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Was war der fingierte Mord am russischen Journalisten Arkadij Babtschenko?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: Medwedtschuk

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)24 °C  Ushhorod26 °C  
Lwiw (Lemberg)23 °C  Iwano-Frankiwsk24 °C  
Rachiw22 °C  Jassinja20 °C  
Ternopil19 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)23 °C  
Luzk21 °C  Riwne21 °C  
Chmelnyzkyj23 °C  Winnyzja23 °C  
Schytomyr22 °C  Tschernihiw (Tschernigow)17 °C  
Tscherkassy25 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)25 °C  
Poltawa25 °C  Sumy21 °C  
Odessa27 °C  Mykolajiw (Nikolajew)26 °C  
Cherson27 °C  Charkiw (Charkow)26 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)27 °C  Saporischschja (Saporoschje)27 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)27 °C  Donezk29 °C  
Luhansk (Lugansk)28 °C  Simferopol25 °C  
Sewastopol25 °C  Jalta27 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Leserkommentare

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

«Schloss Pidhirzi ... DAS Märchenschloss .... so wie ich es mir als Kind immer vorgestellt habe. Verwunschen .... Dornröschen...»

«es war keine gute geste sondern der "vertriebenen gesetz" ermöglichte den russlanddeutschen nach deutschland zu kommen..zum...»

«Weiß nichts über die anderen westlichen Reproduktionskliniken, aber meine Ehefrau und ich haben eine Erfahrung in dem Kinderwunschzentrum...»

«Putin katapultiert sich alleine mit seiner Außenpolitik ins Abseits. Solange das so ist braucht man über ander unwichtige...»

«"Nach dieser Philosophie wird das Schicksal eines Menschen im Moment seiner Geburt festgelegt. Wirst du als Junge geboren,...»

KOLLEGGA mit 150 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 60 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 29 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 28 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

franzmaurer mit 18 Kommentaren

Mario Thuer mit 17 Kommentaren

Poposhenko mit 17 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren