FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Ich und meine Gesetzgeber

1 Kommentar

Wie habe ich mich schon an sie gewöhnt. An jeden Einzelnen. An die Frauen und Männer, an die Heteros und Homos, an die Blondinen und Brünetten, an die Wortstarken und Stillen. Ich weiß schon vorher, was sie zu sagen haben, kenne all ihre Gedankengänge, die fundierten und sinnlosen, über Nahrung oder andere Leidenschaften. Ich kenne sie sogar so gut, dass ich mir ihre Interviews schon gar nicht mehr angucken brauche, ob die Duelle bei Schuster oder die hitzigen Auftritte auf Versammlungen. Ich kenne auch diejenigen, die ich noch nie zu Gesicht bekommen habe, weil sie ihrem Arbeitsplatz bisher fern geblieben sind. Arbeitsplätze, die von Steuerzahlern wie mir finanziert werden.

Sie gehen einfach. Ohne sich von mir zu verabschieden, ohne mir lebensweisende Ratschläge zu hinterlassen, ohne mir den richtigen, erfolgversprechenden Weg zu weisen. Frühling, Sommer, Herbst wie Winter. Und wieder Frühling, wieder Sommer, wieder Herbst und wieder Winter. Jeder kennt ihn, den Kreislauf der Natur.

Auch die Arbeit der werten Damen und Herren besteht aus solch einem Kreislauf. Auf das uneffektive Politikerleben folgen eine uneffektive Gesetzgebung und eine uneffektive Nation. Nein, ich werde deswegen jetzt nicht traurig sein. Mein persönliches Leben hat sich mit ihrem Leben, das von Emotionen und Möglichkeiten nur so überquillt, noch nie überschnitten. Ich vergesse ihre Gesichter schnell, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Kenne ich die meisten doch auch gar nicht.

Sie, die gerade gehen, sind genauso weit von mir entfernt, wie ich von ihnen. Unterschiedliche Geschöpfe von unterschiedlichen Planeten, die ein völlig unterschiedliches Leben führen – und dennoch in ein und demselben Land leben. Sie und ich, wir sind uns völlig fremd, begegnen uns weder in der Metro noch im Bus oder im Supermarkt.

Sie gehen tatsächlich. Gezwungenermaßen. Getrieben von dem einen, hitzigen Gedanken: Wiederzukehren! Und sie kehren zurück, viele von ihnen. In den Versammlungssaal, in die Fernsehshows von Schuster und Kisseljow oder in ihre staatlichen Erholungsdomizile und Sanatorien. Sie kehren zurück, weil ich ihnen als Wähler meine Stimme gebe, wobei ich mir jedes Mal bitteren Herzens eingestehen muss – es gibt keine Besseren.

Alles bleibt beim Alten, bitter und trostlos, ohne Glauben, Hoffnung und Liebe. Wieder höre ich dieselben Worte, dieselben Versprechungen, dieselben wohlartikulierten Lügen. Dieselben altbekannten Stimmen, die auf ewig bleiben, wie die Löcher in den Straßen und der Dreck in den Hausfluren.

Ich, als ukrainischer Steuerzahler und Wähler, bringe sie persönlich dazu, sich weiterhin um sich zu sorgen. Und gleichzeitig missachte und beneide und ich sie dafür.

Sie kehren zurück und alles bleibt beim Alten: der Lügenschwall aus dem Fernsehbildschirm; die Prügeleien der satten Schweine, die regelmäßig schwimmen gehen und im Fitnessstudio trainieren; das patriotische Gesülze über Geschlagene und Kaltgestellte; die sinnlosen und dem Land schadenden Gesetzentwürfe; die demagogischen Reformen und süßen Erinnerungen an das geregelte und glückliche Leben zur Sowjetzeit, in der es weder Massenrepressionen noch Hungersnot gegeben haben soll.

Wie immer wird die noch nicht gänzlich versoffene und drogenabhängige Jugend ausreisen, in eines der Länder, in dem es ausgewogenen und realen Wohlstand gibt; Krankenschwestern und Ärzte finden sich im nahegelegenen Europa wieder; die hungrigen Ingenieure werden sich in den heranwachsenden Diktaturen Asiens und Afrikas sesshaft machen, um dort den heimischen Tyrannen beim Töten der eigenen Bevölkerung behilflich zu sein…

Und dann, irgendwann, bleibe ich mit denen alleine. Ich und meine Gesetzgeber. Dann lernen wir uns mal persönlich kennen. Ich werde ihnen alles erzählen, von meiner Verachtung, meinem Ekelgefühl und meinem bitteren Kummer. Sie werden mir antworten, leise und bestimmt: „Du hast uns doch selbst hervorgebracht!“ Das stimmt. Aber all das ist Zukunftsmusik. Ich will und werde über die Zukunft nicht nachdenken. Bin ich es doch gewohnt im Heute zu leben. Es einfacher und weniger gefährlich.

29. Oktober 2012 // Semjon Glusman

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Maria Ugoljew — Wörter: 613

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Telegram, Twitter, VK, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.3/7 (bei 4 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

#1 von Sonnenblume
Herkunft: Ukraine-Nachrichten: Gesellschaft: Ich und meine Gesetzgeber [/quote]
Hoffnungslos... für Generationen?

Kommentar im Forum schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wie wird das Jahr 2022 für die Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-5 °C  Ushhorod-1 °C  
Lwiw (Lemberg)-4 °C  Iwano-Frankiwsk-3 °C  
Rachiw-5 °C  Jassinja-7 °C  
Ternopil-6 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)-4 °C  
Luzk-6 °C  Riwne-9 °C  
Chmelnyzkyj-7 °C  Winnyzja-7 °C  
Schytomyr-8 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-9 °C  
Tscherkassy-6 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-4 °C  
Poltawa-5 °C  Sumy-6 °C  
Odessa-2 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-3 °C  
Cherson-3 °C  Charkiw (Charkow)-2 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-3 °C  Saporischschja (Saporoschje)-4 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-7 °C  Donezk-2 °C  
Luhansk (Lugansk)-3 °C  Simferopol0 °C  
Sewastopol1 °C  Jalta1 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Habe eben erst diese Diskussion hier entdeckt. Als Organisator des Deutschen Mittwochs-Stammtisches Kyjiw weise ich darauf hin, dass die Treffen wieder stattfinden werden, sobald die Corona-Situation übersichtlicher...“

„Lieber mbert, überall auf der Welt ist doch entscheidend, ob sich die jeweiligen Führung vor den anderen Militärmächten fürchten. Ob Demokratie- oder Diktatur ist völlig nebensächlich. Momentan...“

„1. Russland (die Sowjetunion) wurde ohne jeglichen Grund, von uns Deutschen, trotz Friedensvertrag, angegriffen und nahezu vernichtet. (Unternehmen Barbarossa). Zwei itzeklitzekleine Details, die Dir vielleicht...“

„Der Westen baut wieder im Mittelmeerraum mit marinen Übungen eine Drohkulisse auf, seit Jahren geplante Übungen heißt es. Die kann man aber auch absagen/ verschieben (wie einen Arzttermin) wenn etwas...“

„Lieber mbert, überall auf der Welt ist doch entscheidend, ob sich die jeweiligen Führung vor den anderen Militärmächten fürchten. Ob Demokratie- oder Diktatur ist völlig nebensächlich. Momentan...“

„Cicero - die politische Schwester der Bildzeitung Grottenschlechter Journalismus.“

„. . . Längere Kampfpausen würden die Menschen, in der Ukraine und in Russland erfreuen. Na ja, ein wenig erfreuen sicherlich - ABER: Mehr erfreut würden die Menschen sein, wenn das ganze "Kriegs-Theater"...“

„Bis zum heutigen Tag waren sämtliche Friedensversuche unproduktiv. [...] Die NATO hat sich, [...] NATO-Mitglieder sind nicht [...] die gesamte NATO. Komisch. Ich kann mich nicht erinnern, dass die NATO...“

„Werdet neutral wie die Schweiz, oder Schweden. Dann sind die Erfolge der Ukraine vorprogrammiert. Versucht es einmal. Darum geht es also. Werdet neutral, wie es meinem geopolitischen Weltbild entspricht....“

„Kunst und Kultur ist etwas schönes und nicht jeder ist dieser zugetan. Tsymbalyuk und Lawrenchuk sind freischaffende Künstler, jeder auf seinem Gebiet und man muss sie nicht mögen, allerdings ihr Können,...“

„Geht der zurückgekehrte Spitzen-Filmregisseur den Ukrainern ebenfalls auf die Nerven ? Zuletzt auch noch der Tsymbalyuk, zu Hause braucht die einfach keiner.“

„Sehr geehrter Herr Putin, Liebe Russen, gebt Frau Sawtschenko die Freiheit zurück. Ihr spart dabei jede Menge Geld und könnt wieder besser schlafen. Große Männer vergeben und vergessen. Frau Sawtschenko,...“

„Eine erfreuliche Nachricht. Längere Kampfpausen würden die Menschen, in der Ukraine und in Russland erfreuen.“

„Die Ukraine, muss ihre Möglichkeiten erkennen und nutzen. Wirtschaftlicher Wohlstand, ist der Schlüssel für jedes erfolgreiches Land. Der Kauf und die Anhäufung von militärischem Schrott aus dem Ausland,...“

„Bis zum heutigen Tag waren sämtliche Friedensversuche unproduktiv. Die beidseitigen Absichtserklärungen und Drohungen, sind sinn- und nutzlos. Sämtliche Sanktionen unserer Politik, bewirken nur weitere...“

„Hochgradig absurd ist der Artikel von Porcedda und @mbert versucht ihn stellenweise zu übertreffen Gern mit Argumenten. Die Autorität Deiner Person reicht da leider nicht.“