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Nicht-Russland

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„Die Ukraine ist nicht Russland“

Mit der leichten Hand Leonid Danilowitsch Kutschmas wurden diese Worte als ukrainisches nationales Credo angenommen. Die besten Geister bewiesen uns jahrelang, dass unser voranschreitendes Vaterland nichts gemein hat mit der rückständigen nördlichen Despotie. Kulminationspunkt wurde der Euromaidan, nach welchem sich die historischen Wege dieser zweier Länder für immer trennen sollten.

Aber so ist es nur in der Theorie. In der Praxis sehen wir ein anderes Bild: in den letzten Monaten bewegen sich die Ukraine und Russland in die gleiche Richtung. In beiden Länder werden die Gürtel enger geschnallt, werden die Schraubmuttern fest gezogen (aus dem sowjetischen Sprachgebrauch: Maßnahmen ergriffen, die die Disziplin stärken sollen, A.d.Ü.), wird der Raum der persönlichen Freiheiten eingeschränkt und die Regierungsvollmachten ausgeweitet.

Darin liegt nichts Paradoxes: Russland und die Ukraine befinden sich im Kriegszustand, und im Krieg ist es nie anders gewesen, deswegen haben unsere Staaten einen ähnlichen Kurs. Der Unterschied besteht allein ein in der Schnelligkeit und der Ausgangslage.

Für Russland ist der Krieg ein natürlicher Zustand. Die dortige Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, von Feinden umgeben zu leben, mit den Waffen zu klirren, den nationalen Führer zu verehren, die Sicherheitskräfte zu vergöttern und jedwede Entbehrung dem Gegner zum Trotz zu ertragen.

Zeitweise schien es, dass der kriegerische Verfall seinen Höhepunkt erreicht habe, aber hier und heute wurde offenbar, dass es für die Vervollkommnung keine Grenzen gibt.

Das folgende Upgrade der russländischen Staatlichkeit erfüllte alle Erwartungen: WLAN-Zugang nur noch über den Pass, das Verbot von Produkten aus dem Westen – diese Politik traf auf eine überaus warme Unterstützung in den Massen. Unfreiwillig fühlt man sich an folgende giftige sowjetische Anekdote erinnert: „Ab dem morgigen Tag wird euch das Gehalt gekürzt werden! – Hurra! – Der Arbeitstag wird verlängert werden! – Hurra! – Jeden zehnten werden wir aufhängen! – Hurra!! Sollen wir unseren eigenen Strick mitbringen oder sorgt das Gewerkschaftskomitee dafür vor?“

Die Ukraine ist von anderer Art. Hier hat man sich niemals für einen Krieg vorbereitet und immer das freie Leben geliebt.

Sich in einer belagerten Festung zu befinden, ist etwas Neues für uns. Und wenn auch vor dem russischen Hintergrund unsere „Disziplinarmaßnahmen“ recht bescheiden aussehen, stellen sie für die Ukraine selbst einen historischen Bruch dar. Der ukrainische Staat hat zum ersten Mal seine Bürger an die Front eingezogen, und kein einziger Liberaler zweifelt an der Notwendigkeit dieses Schritts. Den Sicherheitsbehörden wird zum ersten Mal mit Pietät begegnet, und selbst die gestrigen Anti-Helden der Berkut erwiesen sich als Helden, als sie an der Anti-Terroroperation teilnahmen. Zum ersten Mal wurde ein strenges Sanktionsgesetz angenommen, dass es erlaubt, das Eigentum ukrainischer Bürger ohne richterliche Entscheidung einzufrieren. Die Auflösung des Maidans traf zum ersten Mal auf eine Unterstützung in der Gesellschaft, und die ewigen Revolutionäre wurden als Provokateure wahrgenommen, die in die Hand des Kremls spielen. Und die Kritik an den ukrainischen Machthabern, die seit langem in den progressiven Kreisen blühte, ruft nun eine mehrdeutige Reaktion hervor: es ist schlecht, die Seinen zu schlagen, wenn der Feind vor dem Tor steht.

Der Krieg schreibt wenn nicht alles, so doch sehr viel um. Er veredelt die Dinge, die noch vor kurzem eine tiefe Empörung hervorgerufen haben.

Im Frieden konnten sich die Jungreformatoren Janukowitschs nicht dazu durchringen, den Währungskauf mit einer Steuer zu belegen – zu unpopulär erschien diese Initiative.

Doch kaum da der Krieg ausgebrochen war, kam diese Neuerung in unser Leben, leicht und zwanglos. Mit der gleichen Leichtigkeit wurde auch die außerordentliche Kriegssteuer eingeführt – fällt es jemandem schwer 1,5 Prozent der Einkünfte an das kämpfende Vaterland abzugeben?

So lernt unser Land im Gleichschritt zu gehen und nach dem Prinzip „Alles für die Front, alles für den Sieg!“ zu leben. Jedoch strahlen die Geburtsflecken der ukrainischen „entlaufenen Leibeigenen“ noch in die neue Realität aus.

Das Gesetzesprojekt zu den Sanktionen, das großen Widerhall gefunden hat, wird zwei Lesungen im Parlament benötigen, und der Vorschlag zur Schließung der Massenmedien wird trotzdem herausgenommen werden. In der Ukraine wird die politische Konkurrenz gewahrt, und die anstehenden Parlamentswahlen rufen nicht weniger Aufregung hervor als die Bewegungen an der Front.

Aber, bitte sehr, das aussagekräftigste Kennzeichen dieser Zeit sind die Anhänger der Russischen Föderation, die in Kiew leben und offen mit den Separatisten sympathisieren, und die gegen die „faschistische Junta“ tönen.

Es versteht sich, dass sie ihren Gefühlen just deswegen Ausdruck verleihen können, weil es nichts einer Junta Vergleichbares bei uns gibt, und ebenso wenig einen autoritären Herrscher nach der Art Wladimir Putins – zumindest bisher.

Die heutige Ukraine hat sich dem Zustand des Nachbarlandes am Ende der 1990er Jahre angenähert, doch in den darauffolgenden Jahren ist uns Russland weit vorausgegangen, und zwischen uns ist erneut ein Abgrund. Deswegen hängt der Ausgang des ukrainisch-russischen Konflikts genau davon ab, ob es uns gelingt, diese Kluft zu schließen.

Wie seltsam ist es, dass das Sakramentale „Die Ukraine ist nicht Russland“ Präsident Putin ermutigt. Je mehr unser Land sich von unserem Nachbarn im Norden unterscheidet, um so mehr Chancen hat Moskau auf einen Sieg. Wladimir Wladimirowitsch Putin wünscht sich eine ihm und uns wohl vertraute Ukraine als Gegner: mit einem aktiv betriebenen Kampf in der politischen Arena, mit einer traditionellen Missachtung der Führung und der Sicherheitskräfte, mit einem aufmüpfigen Volk, das in jedem Moment bereit ist, auf den Maidan zu gehen und die unpopulären Machthaber auszutauschen.

Wir schätzen all diese Dinge als demokratische Werte ein, die uns irgendwann einmal nach Europa bringen werden. Aber für Herrn Putin sind dies unsere Schwachstellen, die man hier und jetzt ausnutzen muss. Der Idee nach müssten sie einen Kollaps und eine Kapitulation der Ukraine bereits bis zum Winter provozieren. Die russischen Strategen verstehen, dass der wahre Kampf um die Ukraine nicht im Donbass, sondern in Kiew stattfindet. Anscheinend ist der Kreml davon überzeugt, dass die ukrainische Hauptstadt sich in Kürze in das Petrograd von 1917 oder das Tbilissi von 1992 verwandelt. Das freiheitsliebende, bürgerliche Kiew werde von der sich zuspitzenden Konfrontation ermüden, der Nachrichten und des Todes, des Niedergangs der Ökonomie und der existenziellen Einschränkungen überdrüssig. Den demokratischen Gewohnheiten verhaftet werde es sich in einem Bürgerkrieg verlieren und von innen verfaulen. Es werde sich gegen das herrschende Regime erheben und um Frieden bitten – gleich zu welchen Bedingungen. Und dann wird das starke und monolithische Moskau Kiew in die gewünschte Pose bringen….

Natürlich wird nichts dergleichen geschehen, wenn die Ukraine ein Spiegelbild Russlands abgibt. Sie haben kriegerische, wattierte Jacken, wir haben exaltierte, bestickte Hemden. Sie unterstützen Putin bedingungslos, wir unterbinden die Kritik an Präsident Poroschenko. Sie erfreuen sich am Verbot der feindlichen Nahrungsmittel, wir frieren gerne für den Sieg. Sie haben eine Duma an der Kandare, wir haben eine gelehrige Rada. Ihr Geheimdienst FSB ist schonungslos gegenüber den Nationalverrätern – unser SBU ebenfalls.

In einem solchen Fall findet die russische Ziege ukrainischen Stein, aber vom hellen europäischen Weg müssen wir Abschied nehmen. Als die Rettung für die Ukraine präsentiert sich eine dritte Zwischenvariante: sich mit Russland so zu vergleichen, dass die Ukraine Russland das Wasser reichen kann, aber nicht so sehr, dass diese Veränderungen umumkehrbar würden. Ob etwas derartiges durchzuführen ist, ist schwer zu sagen. Aber hat jemand versprochen, dass es leicht werden würde?

23. August 2014 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Jasmin Söhner — Wörter: 1191

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