FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Olesja Ostrowska-Ljuta: Dem Kunst-Arsenal ist es zu wenig, nur Schönes und Angenehmes zu zeigen

0 Kommentare

Olesja Ostrowska-Ljuta leitet bereits mehr als vier Monate das „Kunst-Arsenal“. Davor wirkte sie im Rinat-Achmetow-Fond „Entwicklung der Ukraine“, in der Stiftung „Zentrum für Gegenwartskunst“ [der Soros-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Mohyla-Akademie], aber auch als stellvertretende Kultusministerin. Die Ausstellungen „Ephemeroide“ [Vorübergehende] und „Horizont der Ereignisse“, die im „Kunst-Arsenal“ laufen und bereits am 27. November enden, waren die ersten Großprojekte nach der Ernennung Olesjas zur Direktorin.

Zu den Plänen der Leitung des „Kunst-Arsenals“ gehört, es nicht nur zum Veranstaltungsort von Ausstellungen zu machen, sondern auch zum Ort der Entwicklung von Kunst und ihrer Schöpfer.

Im Interview mit LB.ua erzählte Frau Ostrowska-Ljuta, wie sie diese Pläne in die Praxis umsetzen wird, teilte ihre Ansichten über den gegenwärtigen Stand der Kunst in der Ukraine mit und die Gefahren der Arbeit junger Künstler.

Olesja Ostrowska-LjutaFoto: Darja Badjer

„Ephemeroide“ und „Horizont der Ereignisse“ sind ihr Debüt in der Funktion der Direktorin des „Kunst-Arsenals“. Haben Sie Aufregung oder die Last der Verantwortlichkeit für sie verspürt?

Nein, eine wirkliche Aufregung war es nicht. Aber mir ist klar, dass beide Ausstellungen eigene Formen eines Symptoms sind. Sie zeigen, in welche Richtung das „Arsenal“ zu gehen plant, weshalb klar ist, dass sie für uns eine große Bedeutung haben. Für mich persönlich und für meine Kolleginnen war es sehr wichtig, die konzeptuellen und intellektuellen tiefen Dimensionen so weit wie möglich zu zeigen in einer so intensiven Zeit. Eine Ausstellung in wenigen Monaten zu schaffen hält man ja nur in der Ukraine für normal.

Ich muss allerdings sagen, dass die Arbeit an dem Projekt „Ephemeroide“ bereits ziemlich lange dauerte, als ich kam: Insgesamt betrug die Vorbereitungszeit dieser Ausstellung ungefähr ein Jahr. Die Frage war nur, ob dies Projekt verwirklicht wird oder nicht.

„Horizont der Ereignisse“ starteten wir irgendwann Ende Juni bis Anfang August während der Diskussionen mit den Kuratoren Oleksander Solowjow und Alissa Loschkin. Ziel war es zu zeigen, dass uns die Gegenwartskunst wichtig ist, aber dies nicht allein, sondern dass man auch darüber sprechen muss, was jetzt in der Welt und in der Gesellschaft, in der wir leben, vor sich geht.

Nur Schönes und für den Anblick Erfreuliches zu zeigen ist für eine so große Institution wie das „Kunst-Arsenal“ unzureichend, auch wenn das Schöne ein großes Publikum anzieht.

Kunstarsenal KiewFoto: Max Trebuchow

„Ephemeroide“ ist eine Art Blick in die Vergangenheit, während „Horizont der Ereignisse“ ein Versuch ist, sich mit der Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen. Ist die gleichzeitige Durchführung dieser Ausstellungen ein durchdachter Schritt oder einfach nur Zufall?

Sie wuchsen miteinander. Die Diskussionen über diese Projekte liefen sogar nicht parallel, sie wurden von einer Arbeitsgruppe des „Arsenals“ geleitet. Man kann sagen, „Ephemeroide“ gehen in die Tiefe, „Horizont der Ereignisse“ hingegen fixiert einen Punkt. Hierzu thematisieren die „Ephemeroiden“ sehr viel Ideologie, Totalitarismus, Krieg, das, was wir heute erleben. In gewisser Weise extrapolieren wir unser heutiges Empfinden auf das gesamte 20. Jahrhundert. „Horizont der Ereignisse“ spricht über das aktuelle Empfinden der Menschen, wo die Welt plötzlich aufhört die zu sein, wie wir sie früher kannten. Dieses Gefühl der Unsicherheit hat Einfluss auf beide Ausstellungen.

Warum sind bei den „Ephemeroiden so wenig gesellschaftlich-alltägliche Plakate ausgestellt?

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Während der Auswahl von Plakaten für „Ephemeroide“ haben wir uns zu allererst gestützt auf das, was es in ukrainischen Sammlungen gibt, in welchen Fonds es Originale gibt und was man für die Ausstellung bekommen kann. Auf der Ausstellung sind ein paar litauische und polnische Plakate aus dem Ausland präsentiert, die Mehrheit ist aber geliehen aus den Lemberger und Charkiwer Museen, aus dem Museum des 2. Weltkrieges, aus der Wernadsky-Bibliothek usw. Außerdem haben wir auf das Schauen der Ausstellung gestützt, was ist angemessen, was unangemessen, wie wird die Intensität und Dichte dieser Ausstellung.

Ausstellung sowjetischer Plakate "Ephemeroide"Foto: Max Trebuchow

Lassen Sie uns über Ihre Ernennung sprechen. Nach der Durchführung der Ausschreibung für den Posten des Direktors des „Kunst-Arsenals“ gab es bestimmte Vorwürfe an Ihre Seite. Indirekt ging es darum, dass bei Ihrer Ernennung während der Ausschreibung Polittechnologien verwendet wurden. Sie seien mit anderen Worten ein Mensch des Regimes. Was sagen Sie dazu?

Dieser Vorgang hat sozusagen meine Legitimität untergraben und die Arbeit erheblich erschwert. Ich bin eher ein Mensch, der unter der Situation gelitten hat als jemand, der daraus Gewinn schöpfte. In welcher Weise bin ich ein „Mensch des Regimes“? Nun, das wird nach einiger Zeit sichtbar werden. Einstweilen musste ich nicht auf Vorwürfe reagieren, die aufwiesen, ich sei Kandidat des Regimes oder des „Kunst-Arsenals“ oder einer beruflichen Gruppe. Persönlich verstehe ich mich als Kandidat der Gemeinschaft der Kultur. Wenn Sie die Frage hinsichtlich des Grundstücks des „Arsenals“ interessiert, dann muss es selbstverständlich dem „Arsenal“ gehören, soll für kulturelle und öffentliche Belange genutzt werden und nicht für irgendetwas anderes. Und bislang bin ich noch nicht mit anderen Plänen für dieses Grundstück konfrontiert worden.

Interview Olesja Ostrowska-LjutaFoto: Darja Badjer

In ihrem Facebook-Account haben Sie geschrieben: „Es ist sehr wichtig, dass während der Wahl die Öffentlichkeit zugegen ist, vor allem aber sollte das eine professionelle Öffentlichkeit sein. […] Mir scheint, der beste Algorithmus zur Ernennung auf den Leitungsposten ist der, den es auch in Lemberg gab bei der Ernennung des Leiters des Lemberger Kunst-Palastes. Während die Öffentlichkeit bei der Anhörung der Programme der Kandidaten anwesend war, wurde die Entscheidung der Jury eigenständig und ohne Anwesenheit der Öffentlichkeit getroffen. Sie verstehen, die Jury braucht einen gewissen Raum für Diskussionen ohne Öffentlichkeit, ohne Interaktion mit Menschen im Saal.“ Welche Rolle soll dann die Öffentlichkeit spielen während der Prozedur der Berufung? Die Rolle eines Zuhörers?

Natürlich. Wir müssen verstehen, was diese „Öffentlichkeit“ in diesem Zusammenhang ist. Für die Entscheidung der Ernennung eines Direktors einer großen Institution bedarf es des Fachwissens. Das heißt, es müssen Experten auf einem bestimmten Gebiet sein. Sie gehören gesetzlich zur Kommission in der Form von Delegierten professioneller gesellschaftlicher Vereinigungen, ihr Anteil beträgt 33 Prozent an der Gesamtheit der Mitglieder der Berufungs-Kommission.

Die Anwesenheit einer informellen, nicht organisierten Öffentlichkeit am Verfahren der Beratungen der Kommission schafft einen ungeheuren Druck auf die letztere. Daher ist es viel besser, wenn die Kommission, in der die Öffentlichkeit in Form der Vertreter gesellschaftlicher Vereinigungen anwesend ist, in geschlossenem Raum diskutiert. Da in der Ukraine niemand irgendwem traut, gibt es eine Kamera, die eingeschaltet ist, das ist normal. Wir müssen aber verstehen, wenn man Dinge öffentlich besprechen soll, dann erschwert dies die Entscheidungen der Berufungs-Kommission in erheblichem Maß. Viele würden einfach nicht ihre Meinung äußern.

Hätten an der Ausschreibung, an der ich teilgenommen habe, nicht auch Vertreter von „Interessen-Gruppen“ mitgemacht, dann wäre es erheblich sinnvoller gewesen. Es hätte nicht diese Verwicklungen gegeben, die so einen schweren Rattenschwanz nach sich gezogen haben.

Wie soll man es mit der „einfachen“ Öffentlichkeit machen? Soll sie irgendeinen Einfluss haben auf das Verfahren der Wahl eines Direktors?

Nein, sie soll das nicht haben. So funktioniert die repräsentative Demokratie. Um solche Entscheidungen zu treffen, muss man bestimmte Kenntnisse haben, Erfahrung und Fähigkeiten. Du kannst nicht entscheiden, ob der Kosmonaut in den Weltraum fliegt, wenn Du nichts von Astrophysik verstehst.

Das „Arsenal“ hat ungefähr zehn Hektar Grundfläche. Welcher Anteil davon ist für die Nutzung geeignet? Wie wird es momentan genutzt?

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Das gesamte Territorium, das für das Publikum genutzt werden kann, wird jetzt genutzt: das sind das alte „Arsenal“ und sein Hof. Der Rest des Territoriums ist grob gesagt eine Wüste, die eine „Bewirtschaftung“ benötigt. Dieses Territorium sollte ebenfalls als öffentlicher Raum genutzt werden: als Park oder etwas anderes. Momentan führen wir regelmäßig Strategie-Sitzungen durch mit den Kollegen, auf denen wir darüber sprechen, wie wir die Nutzung des gesamten Territoriums sehen, was es geben soll. Endgültige Entscheidungen gibt es jedoch nicht.

Lassen Sie uns etwas über Ihre Tätigkeitsvorhaben für die nächsten fünf Jahre sprechen. Dort ist festgehalten, dass die Tätigkeit des „Arsenals“ unterteilt ist in Segmente und Laboratorien (Literatur, Theater, Musik, Bildung). Funktionieren diese Laboratorien bereits? Warum erhebt sich überhaupt die Notwendigkeit der Funktion solcher Laboratorien?

Sie funktionieren natürlich noch nicht. Schließlich muss man hierfür Möglichkeiten schaffen. Für die bloßen Möglichkeiten gibt es Menschen, für deren Anheuerung Gehälter oder Finanzierung unablässlich sind. Das „Kunst-Arsenal“ hat aber eine lächerliche staatliche Finanzierung – sie ist zehnmal niedriger als bei anderen ukrainischen Institutionen vergleichbarer Größe. Daher muss man zunächst etwas gerade mit der Grundfinanzierung machen, die es erlaubt Arbeitsabläufe zu beginnen. Dies ist momentan der Hauptschwerpunkt meiner Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeit des Teams. Es wäre gut, wenn wir nächstes Jahr eines oder maximal zwei dieser Laboratorien schaffen.

Die Laboratorien sind dafür nötig, damit das „Arsenal“ nicht nur ein „Schaukasten“ ist, in dem man Ausstellungen wechseln kann, sondern eine Einrichtung, in dem es ein ständiges intellektuelles schöpferisches Köcheln gibt, aus dem etwas erwächst, was verschiedene Kräfte zur Mitarbeit anziehen kann. Beispielsweise Kompositoren, Schriftsteller, Kuratoren, Künstler. Hierfür braucht es diesen Laboratoriumsprozess. Er ist offen, zu ihm können Menschen stoßen und mit ihren Ideen beitragen.

Wie werden die Segmente Theater und Musik entwickelt werden?

Sie haben bereits ihren Platz im „Arsenal“, aber unsystematisch. Für ihre Verwirklichung bedarf es eines Kurators, der ein Programm schafft, täglich daran arbeitet, andere Menschen heranzieht. Hieraus werden auch Veranstaltungen für das Publikum erwachsen. Solche Fachleute gibt es aber momentan nicht bei uns.

Kommen wir zurück auf das Thema der Finanzierung. Ich verstehe, es ist eine schmerzliche Frage, dass es im Staat keine Gelder gibt. Welche zusätzlichen Quellen für Einkünfte gibt es?

Zu allererst Eintrittskarten. Das bedeutet, wir können nicht nur hermetische und experimentelle Projekte durchführen: es muss auch Ausstellungen geben, attraktiv und interessant für ein breites Publikum. Das Programm des „Arsenals“ muss das Gleichgewicht halten zwischen „Gescheitem“ und „Schönem“. Das ist keine leichte Herausforderung, da das „Arsenal“ als Institution dann völlig in Kritik gerät: Vonseiten derer, die ein tiefgründiges intellektuelles Produkt fordern und die, die Unterhaltung erwarten.

Die zweite Sache ist Fundraising. Ein gutes Beispiel hierfür ist in der Ukraine die Ukrainische Katholische Universität (UKU). Einnahmequelle könnte auch die Arbeit mit potenziellen Sponsoren und die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen sein, die potenziell Geld bringen können. Zum Beispiel Messen. Das „Buch Arsenal“ ist ein interessantes, tiefschürfendes, kulturell bedeutendes Ereignis, das gleichzeitig dem „Arsenal“ gestattet, seine Aktivitäten für mindestens einen Monat zu begleichen. Dazu gehört auch das „Weihnachts-Arsenal“. Ob es zugleich auch eine interessante Veranstaltung wird und Einnahmen für weitere Veranstaltungen erzeugen wird, werden wir dieses Jahr sehen.

Gehört „Kyiv Art Contemporary“ zu diesen Veranstaltungen?

Nein, ich glaube es gehört nicht dazu. Meine Kollegen und ich haben das Gefühl, dass es seine akute Relevanz verloren hat. Ich denke, zur Gegenwartskunst passen besser Formate der Ausstellungen. Außerdem hat „Kyiv Art Contemporary“ keine nennenswerten Einkünfte erzeugt.

Im Jahr 2014 hat eine Gruppe von Experten, der Sie angehörten, eine Entwicklungsstrategie namens „Kultur 2025“ ausgearbeitet.1 Im Mai des Jahres 2015 hat das Kultusministerium eine andere Strategie präsentiert.2 Welche ist angenommen? Welche konkreten Maßnahmen gab es seitens des Ministeriums?

Genehmigt ist die Strategie des Ministeriums. Jetzt hat man gerade begonnen, sie daraufhin durchzuschauen, um sie an andere Dokumente, beispielsweise die Strategie 2025 anzunähern und alles, was in anderen fertigen Dokumenten nützlich ist, einzufügen. Ich denke, das ist positiv.

Sie unterstützen also die Strategie des Ministeriums?

Nein, ich unterstütze die Idee, die Dokumente zu vereinen. Ich weiß nicht, ob im Ministerium bereits eine eigene Abteilung eingerichtet wurde, aber es gibt sicher bereits einen Menschen, der dafür zuständig ist und es hat bereits eine Reihe von Konsultationen begonnen. Das ist Jewhen Lawro.

Sie haben gesagt, dass man die zeitgenössische Kunst nicht versteht, man nimmt sie als Attraktion wahr. Haben Sie eine Idee, wie man die Haltung der Ukrainer zu ihr ändern kann? Was kann die Stereotypen von der „Unernsthaftigkeit“ der zeitgenössischen Kunst brechen?

Im Jahr 1998, als ich gerade in diesem Bereich zu arbeiten begann, hatte die zeitgenössische Kunst ein Publikum, das sich auf vielleicht tausend Menschen im gesamten Land erschöpfte. Seither hat es eine schnelle Entwicklung gegeben, so dass ich optimistisch auf diese Situation blicke. Wir müssen nur begreifen, dass die zeitgenössische Kunst eine Sache ist, die schwer zu verstehen ist. Das ist genau so, als wollten wir, dass plötzlich alle philosophische Werke lesen. Man darf nicht von allen das gleiche Maß an Interesse, Verständnis und Einblick erwarten. Olexander Rojtburd [3] hat einmal gesagt: „Die zeitgenössische Kunst ist wie eine Serie: Du schaust Episode 558, und man muss wissen, was 500 Episoden zuvor passiert ist.“ Sie ist oft autoreferenziell, bezieht sich auf sich selber. Um sie zu verstehen, muss man ziemlich gut die Geschichte der Kunst kennen.

Gute Arbeiten spielen auf beiden Ebenen: sie beziehen sich auf die Geschichte und auf die direkte Erfahrung der Menschen. Eine andere Frage ist: man muss lernen, diese Arbeiten zu interpretieren, in dem Maß, wie das Publikum wächst, in dem Maß wächst auch das Nachdenken. Deshalb sind Bildungsprogramme nötig, Programme für Interpretation und Interesse für Medien, um dabei zu helfen, zeitgenössische Kunst zu interpretieren. Wichtig sind übrigens Texte, wie Sie in Galerien sehen: Man soll sie nicht als eine Auswahl unverständlicher Phrasen auffassen, obgleich sie es manchmal sein können (lacht). Diese Texte sind Schlüssel zum Verständnis von Ausstellungen.

Mir scheint (das ist mein intuitives Empfinden), dass vor 7-8 Jahren zeitgenössische Kunst ein „heißes Thema“ war, sehr sexy. Und plötzlich ist dieser Moment vergangen. Ich denke, dass seinen Platz jetzt Kino und Theater eingenommen haben.

Eine weitere interessante Sache ist passiert: Vor zehn Jahren waren Kino, zeitgenössische Kunst, Literatur und Musik hermetisch voneinander abgetrennt, kannten einander nicht. Aber jetzt hat sich alles verändert – diese Szenen überschneiden sich und interagieren viel mehr.

Ausstellung Engel im Kunstarsenal KiewFoto: Max Trebuchow

In letzter Zeit kann man ziemlich viele Diskussionen über das Gogol-Fest hören. Das Festival wurde kommerziell und konzentriert eher sich darauf, Geld zu verdienen als auf die Popularisierung von Kunst im Allgemeinen. Haben Sie nicht die Idee gehabt, ein Festival zeitgenössischer Kunst mit Unterstützung des „Arsenals“ zu schaffen?

Nein, ich halte diesen Wunsch, in jeder Ecke ein eigenes Festival zu schaffen, für schädlich. Es ist nötig, eine Konsolidierung zu versuchen und sich wechselseitig zu unterstützen, nicht aber Egoismus hervorzukehren.

Ein Festival ohne Finanzierungsquellen zu gründen ist extrem schwierig. Deshalb würde ich nicht voreilig den Vorwurf erheben, dass etwas kommerziell geworden ist. Dies kann ein Ergebnis äußerer Umstände sein, die dazu zwingen, zwischen dem Gescheiten, Tiefgründigen und dem, was verkauft wird, ein Gleichgewicht zu schaffen.

In Ihrer Strategie zur Entwicklung des „Arsenal“ und im Aktionsprogramm ist nichts gesagt über die Zusammenarbeit mit jüngeren Künstlern. Wird das „Arsenal“ in dieser Richtung arbeiten?

Im „Arsenal“ gibt es eine kleine Galerie, in der zumeist junge Künstler ausgestellt sind. Wir haben auch schon gesprochen über die Schaffung eines Laboratoriums der zeitgenössischen Kunst, das es erlaubte, Möglichkeiten für verschiedene Generationen von Künstlern zu eröffnen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ein Akzent nur auf junge Künstler nicht gerechtfertigt ist. In entwickelten westeuropäischen Szenen sieht es so aus: Es gibt Kunstschulen und Formen der Unterstützung für junge Künstler. Anschließend kommen die Künstler in den Kreis der Museen und Galerien, wo man sie verkauft. Später können sie an Akademien, Schulen und Kunst-Hochschulen gehen, um als Dozenten zu arbeiten und so den Lebensunterhalt zu verdienen.

Bei uns ist es so: Die Bildung lässt viel zu wünschen übrig, und die Künstler wirken nicht aufgrund von Bildung, sondern im Gegensatz dazu. Es gibt eine gewisse Form der Unterstützung junger Künstler, wenig, aber doch etwas. Weiter gibt es aber bereits nichts, denn der Markt der Galerien ist klein und der Platz reicht nicht für alle. Die Museen sind so arm, dass sie weder Honorare zahlen noch Arbeiten für die Sammlung kaufen können. Dann werden die Künstler 35 Jahre alt, es gibt praktisch keine Möglichkeiten zur Realisierung, denn Chancen zur Lehre an Akademien gibt es kaum, und der Lohn dort ist noch geringer. Das heißt, diese Formen der Unterstützung bis 35 sind die am meisten realistische Unterstützung. Aber was soll man nach 35 machen? Dies ist eine äußerst riskante Lebensphase. Die Konzentration nur auf junge Künstler ist wie der Slogan „live fast, die young“.

Haben Sie nach der Entschuldigung vor [Wolodymyr] Kusnetzow4 irgendwelche Beziehungen oder einen Dialog mit ihm aufgenommen?

Ich denke, das wird ein langer Prozess. Es reicht nicht, bloß einmal zu sagen „Entschuldigung“. Wir haben uns getroffen, sehr offen gesprochen, jetzt versuchen wir im Team des „Arsenals“ darüber zu sprechen. Ich würde sagen, es ist alles im Prozess. Diese Situation hat sehr stark das „Arsenal“ und die Kunstszene traumatisiert. Wir haben gesagt und versichern gegenüber den Künstlern, die bislang das Arsenal boykottieren, dass es für sie weiter absolut offen ist. Das bedeutet nicht, dass sie irgendeine Verpflichtung haben. Sie sollen die Position einnehmen, die sie für nötig halten, aber ich möchte, dass sie wissen, dies „Arsenal“ ist eine Institution, die bereit ist, mit verschiedenen Formen zu kooperieren.

25. November 2016 // Marina Mikeladse und Jekaterina Opanassenko

Quelle: Lb.ua 25.11.2016

Anmerkungen:

1 Zum Programm „Kultur 2025“ vgl. die Facebookseite, die genannte Studie ist oder war abgelegt unter der Webseite culture2025.org.ua.

2 Das Programm des Kultusministeriums in der überarbeiteten Form vom 6. Oktober 2015 findet sich auf der Seite des Kultusministeriums der Ukraine .

3 Olexander Rojtburd, * 1961 in Odessa, ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler. 2016 erschien in Kyjiw bei Osnowy der gleichnamige umfangreiche Kunstband zu seinem Schaffen.

4 Wolodymyr Kusnezow, * 1976, hatte im Juli 2013 für die Kunstausstellung „Groß und Prächtig“ anlässlich der 1025-Jahr-Feier des Christentums in der Ukraine im Kunst-Arsenal entgegen der Verabredung das kritische Gemälde „Kolijiwschtschyna: Das jüngste Gericht” zu malen begonnen, auf dem Polizisten und Priester als gesellschaftlich verhasste Gruppen karikiert wurden. Unter der Leitung der damaligen Direktorin Natalja Sabolotna und zur Zeit der Regierung Wiktor Janukowytschs wurde das Gemälde als „Sauerei“ zerstört.

Übersetzer:    — Wörter: 2894

Christian Weise trägt seit 2014 übersetzend und gelegentlich schreibend bei zu den Ukraine-Nachrichten. Im Oktober 2020 erschienen von ihm zwei literarische Übersetzungen: Vasyl’ Machno, Das Haus in Baiting Hollow. Leipziger Literaturverlag und Yuriy Tarnawsky, Warme arktische Nächte. Ibidem, Stuttgart. Im Januar 2020 bereits erschien seine Übersetzung des Bandes Verfolgt für die Wahrheit. Ukrainische griechisch-katholische Gläubige hinter dem Eisernen Vorhang. Ukrainische katholische Universität, Lwiw.

Mit ukrainischen Themen ist er seit 1994 vertraut, als er erstmals Kiew und Lemberg besuchte und sich zunächst mit kirchengeschichtlichen Fragen beschäftigte. Wenn nicht Pandemien hindern, bereist er etwa fünfmal im Jahr die Ukraine.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Kommentare

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Ist die Vereinbarung zwischen den USA und Deutschland zu Nord Stream 2 wirklich gut für die Ukraine, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel am 22. Juli meinte?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)26 °C  Ushhorod19 °C  
Lwiw (Lemberg)19 °C  Iwano-Frankiwsk21 °C  
Rachiw18 °C  Jassinja19 °C  
Ternopil23 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)25 °C  
Luzk20 °C  Riwne19 °C  
Chmelnyzkyj21 °C  Winnyzja23 °C  
Schytomyr21 °C  Tschernihiw (Tschernigow)22 °C  
Tscherkassy24 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)25 °C  
Poltawa25 °C  Sumy22 °C  
Odessa24 °C  Mykolajiw (Nikolajew)25 °C  
Cherson26 °C  Charkiw (Charkow)25 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)24 °C  Saporischschja (Saporoschje)23 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)22 °C  Donezk26 °C  
Luhansk (Lugansk)25 °C  Simferopol23 °C  
Sewastopol26 °C  Jalta25 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Hallo Ihr Lieben, Anfang September möchten wir mit Lada Niva, Dachzelt und Hund 2 Wochen in die Karpaten fahren. Kann mir jemand sagen oder einen verbindlichen Link nennen, welche Anforderungen der Hund...“

„Dann glaub du mal weiter dem ÖR und Co. Ich denke, sogar so Leute wie @mbert sind inzwischen bezüglich Ukraine allgemein nüchterner geworden, ein @Handrij und paar weitere waren schon immer deutlich...“

„Dann glaub du mal weiter dem ÖR und Co. Ich denke, sogar so Leute wie @mbert sind inzwischen bezüglich Ukraine allgemein nüchterner geworden, ein @Handrij und paar weitere waren schon immer deutlich...“

„Tagesschau, aber seriöse Berichterstattung! Etwas Gutes kostet Geld, das weiß doch jeder. Daher liegt mein Vertrauen was die Berichterstattung angeht, bei der Tagesschau und nicht bei Deiner persönlichen...“

„...Man könne nicht länger so tun, als gäbe es die Waffenruhe noch, sagt er. Doch der aktuelle ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält an ihr fest - in der Hoffnung, dass sie Schlimmeres verhindert....“

„da sie Kriege, als nützliches Mittel zum Zeck akzeptieren, ist eine Diskussion mit ihnen völlig sinnlos. Sämtliche Kriege waren und sind Verbrechen. Die Verursacher oder Betreiber, kurz die Verantwortlichen...“

„Lieber Herr Zwick, da sie Kriege, als nützliches Mittel zum Zeck akzeptieren, ist eine Diskussion mit ihnen völlig sinnlos. Sämtliche Kriege waren und sind Verbrechen. Die Verursacher oder Betreiber,...“

„Hallo Frank, ich gebe Dir Recht, aus meiner Sicht, sollte man unter Berücksichtigung des Co2 Ausstoßes die Atomkraft so schnell nicht abschaffen, wenn überhaupt ganz, auch wenn dann an anderer Stelle...“

„Willkommen im Club... Nur gut, daß mir meine Frau, wenn sie gute Laune hat, die Haare schneidet. so spare ich 15,-€... Ok, im Ernst, wenn Stress ist, dann gehe ich meiner Frau aus dem Weg und es herrscht...“

„Nein, die Befürchtung ist, dass sie die nächsten 3 Jahre nicht mehr aus der Ukraine raus dürfe... Dieser Floh wurde ihr einfach eingesetzt. Na Ukraini vso moschna... Immerhin piepst meine Frau schon...“

„Du meinst sicherlich. daß Deine Frau die nächsten 3 Jahre nicht in die Ukraine darf...?!?! Sie hat doch sicherlich einen Niederlassungsantrag gestellt und diesen erhalten? Sie ist somit berechtigt, in...“

„Ich halt das alles für Quatsch. Gas als Ausweg (auch wenn es mehr oder weniger nur vorübergehend ist) für Atom und Kohle ist doch der größte Humbug welchen man anstellen kann. Gut NS2 hat ja nicht...“

„Geopolitik hin- oder her, für niemanden von uns ist es wünschenswert, dass irgend ein Despot einen Krieg in Mitteleuropa anzettelt und das ist das erste Ziel, dass es zu verhindern gilt. Und nun wird...“

„In vielem stimme ich Dir zu. Nur werde ich nicht müde zu wiederholen, dass viele Konflikte im Zusammenhang mit der Geopolitik betrachtet werden müssen. Mächtige Länder beeinflussen hier vieles und...“

„Frau Merkel ist unsere deutsche Bundeskanzlerin und muss zuerst unserer Interessen vertreten. Als führendes Industrieland in Europa, sind wir von zuverlässigen Gaslieferungen abhängig. Diese Gas-Lieferungen...“

„Zuerst bekommt man ein relativ, rechtloses Visum. Mit diesem eröffnet man sich dann die erste Aufenthaltsbestrebung. Und genau hierfür braucht dann man die Geburtsurkunde. Übersetzt ins deutsche, von...“

„Freut mich, dass wir der Sache näher gekommen sind. Coronaseits sind wir beide durchgeimpft. Das war auch der Hauptgrund, bevor wir überhaupt fahren. Okay, das wäre alles passe. Selbst wenn die Strafe...“

„Ja kenn ich zur Genüge. Ukrainische Frauen können stur wie ein Ochse sein, selbst wenn sie eindeutig im Unrecht sind... Ob mein Tipp wirklich was taugt, weiß ich nicht. Wir hatten noch nicht das Vergnügen,...“

„Nun, meine Frage wäre : Mit welcher "Strafe/Maßnahme" ist in der UA zu rechnen, wenn man als ukr. Staatsbürger mit einem seit 3 Monaten abgelaufenem Pass in die Ukraine reist, um diesen zu erneuern....“

„Was mich wundert ist das es dort so üble Straßen aber dann auch zum Teil ausgezeichnete Straßen gibt welche besser wie in unseren Städten im Ruhrgebiet sind. Ein Land der Gegensätze... Es wird halt...“

„Auf die Konsulate oder die Botschaft der Ukraine hier in Hamburg, bzw., Deutschland ist kein Verlass. Telefonisch bekommst Du eh keinen an die Stippe und auf eine Antwort per Mail habe ich, erst Letztens,...“

„Nur gut, daß ich gesetzlich versichert bin... Meine Frau konnte ich da schnell als familienversichert aufnehmen...“

„Grundsätzlich lässt sich der Pass auf jedem Generalkonsulat pder Botschaft der Ukraine erneuern, wo ist eigentlich das Problem? Gehen Aufschlag kann man eine 'sofortige" Bearbeitung erhalten. Ich würde...“

„Es ist seit 36 Jahren mein Business und somit mein "Lieblingsthema". Wenn Deine Frau bleibt, kann es auf eine private Krankenversicherung hinauslaufen, ggf. hat sie aber eine Arbeitsstelle, es reicht ja...“

„Heute Morgen auf der Autobahn zum Flughafen ein Stau von 10 Minuten direkt vor der Ausfahrt zum Flughafen Borsipil. Genau da, wird von zwei Spuren in der Baustelle auf eine zusammengeführt und dann eben...“

„Hallo Postmann, dann hat es ja geklappt. Unterschätze die Ukraine nicht, zumindest im Raum Kiew tippe ich, hättest Du den Reifen bekommen, es gibt wirklich alle Automarken vor Ort und nicht jeder vor...“

„Keine Ahnung, wir werden sehen... Haben erst einmal in Lemberg für 9 Tage eine Wohnung gemietet. Dann gehts weiter nach Odessa...“

„Ja, das ist wirklich lecker da, stimmt Die Preise sind auch sehr gut, viel Zeugs für Veganer. Da scheinen sich überwiegend Leute unter 30 aufzuhalten in den 3 Locations nebeneinander. Das Kaffee links...“

„Wie klein die Welt ist, bei G2 war ich auch schon. Nicht zur Wagenwäsche. Im gleichen Gebäude rechts davon im Whai Thai Asian Bistro.“

„So liebe Freunde, ich bin mittlerweile wohlbehalten wieder in Deutschland angekommen. Es war ein Erlebnis, aber noch einmal würde ich mit diesem Wagen nicht nach Kiew fahren, aber der Wagen ist auch ein...“

„Hallo, bin neu hier. Slovene, in der BRD geboren und lebe dort auch schon seit Geburt. Seit 25 Jahren mit meiner Ukrainka verheiratet und in der BRD lebend. EU Niederlassungsrecht. So, jetzt ist ihr Reisepass...“

„Vielen Dank Bernd...das hört sich super an...der Aufenthalt meiner Frau soll natürlich nicht begrenzt sein (jedenfalls noch nicht ) aber dafür haben die bei der Hanse Merkur sicher auch eine Lösung....“

„Bis zum 20. August erscheint mir machbar zu sein, sprich wieder beidseitig befahrbar, ob alles fertig sein wird..., da machen das wirklich gründlich, also Leitplanken neu, alle Laternenmasten weggeflext,...“

„Abschluss des Vertrages vor Einreise oder soforr danach. Bitte msl nachlesen. Vor Einreise ist ja sicherlich sinnvoll.“

„Hallo Aust, für den Aufenthalt Deiner Frau un Deutschland, steht Dir auch die "Incomming" Krankenversicherung der Hanse Merkur zur Verfügung, dort gab es zuletzt einen Tarif für 99 Euro im Monat. Die...“

„Ich war nie für Nordstream und zwar aus umweltpolitischen Gründe! Den Kompromiss halte ich für gut, denn auch die Ukraine sollte mehr auf erneuerbare Energie umstellen, dazu gehört eigentlich auch,...“