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Schülerstreik

Ushhorod hat allen Grund dazu stolz darauf zu sein, als Stadt zu gelten, in der es zum ersten Mal in der Ukraine einen vollwertigen Kinderstreik gegeben hat. Diese ungewöhnliche gesellschaftliche Erscheinung wurde aus dem übermäßigen Selbstvertrauen der Erwachsenen bei der Lösung von Kindern betreffenden Fragen ausgelöst – die Verlegung der Schulferien. Die Herbstferien in den Transkarpaten wurden schon früher öfters verlegt, was Heizkosten zu sparen half. Aber über diese Entscheidungen wurde im Vorhinein informiert, weswegen es keine Einwände gab. Viele Schüler hätten gar nichts dagegen, im Winter längere Ferien über Überstunden im Herbst zu haben.

Aus einem seltsamen Grund wurde dieses Mal alles plötzlich und eilig gemacht. Die Anordnung des Gouverneurs der Transkarpaten, Olexandr Ledida, an die Lokalregierungen die Schulferien in den Winter zu verschieben, kam erst am Freitag um die Mittagszeit, als der Schultag fast beendet war und die Schüler bereits in die Ferien gegangen waren.

Vor Ort folgte man fleißig der Anordnung – die Lehrer wurden angewiesen einfach die Schüler abzutelefonieren und ihnen mitzuteilen, dass Montag ein ganz normaler Schultag sein wird. Diese Nachricht hat selbstverständlich sowohl die Kinder als auch die Eltern verärgert. Allerdings hatte kaum jemand erwartet, dass sie einen Protest wagen. Als Vorreiter erwies sich Ushhorod, wo die Schüler traditionell die erfahrensten Internetnutzer sind. Der Aufruf zum Streik verbreitete sich sofort in den sozialen Netzwerken und am Montagmorgen versammelten sich auf dem Rathausplatz viele Kinder und Jugendliche (laut Schätzungen waren es etwa 300 bis 700 Menschen).

Viele jüngere Schüler kamen Hand in Hand mit den Eltern, Kinder hielten Transparente mit Parolen, auf denen gefordert wurde den Fehler der Erwachsenen zurückzunehmen – die Ferien zurückzugeben – und forderten den Bürgermeister laut auf zu einem Gespräch herauszukommen. Der Massenprotest, bei dem die Kinder den Erwachsenen ernste Anforderungen stellten, hinterließ einen bleibenden Eindruck. Aber aus unbekannten Gründen (schwer zu glauben, dass die Staatsangestellten Angst vor dem Schülerstreik bekommen haben sollten) sprach keiner der Stadtregierenden zu den Protestierenden. Im Grunde wurden die Schüler mit ihren Forderungen allein gelassen.

Nach den verbalen Protesten auf dem Platz begannen einige aus der Masse Eier an das Rathausgebäude zu werfen (mit dieser „bösen Waffe“ wurden die Kinder von den Eltern versorgt), die anderen versuchten die „Kampfgenossen“ zu befreien, die angeblich durch die Direktionen einiger Schulen in den Klassen eingeschlossen wurden (diese Information erwies sich als „Ente“). Die Jüngsten droschen mit den Füßen die Rampe, um einen Beitrag zur gemeinsamen Sache zu machen und damit eine weite Aufmerksamkeit zu erzielen.

Die Chronik des ersten Schulstreiks war nicht eindeutig. Die Videobilder, auf denen Kinder, nachdem der Protest abgeschlossen war, auf den unbedachten Aufruf von erwachsenen Organisatoren hin den Straßenverkehr zu blockieren versuchen, dabei auf die Fahrbahn liefen und einige sogar auf Motorhauben sprangen, lassen einen unmöglich kalt. Zum Glück kam es zu keinen Zwischenfällen und Verletzungen.

Könnten die Schüler in Ushhorod auf ein konkretes Ergebnis ihrer Aktion zählen? Schon. Nach der Resonanz, die der Schülerstreik in der ganzen Ukraine hatte, hat der Bürgermeister der Stadt Wiktor Pohorelow versprochen eine Umfrage unter den Eltern durchzuführen, und am Mittwoch beim Treffen des Exekutivkomitees die Frage der Ferien wieder zu bearbeiten. Allerdings wurde im Laufe der nächsten zwei Tage klar, dass die Chancen darauf, dass die Schüler ihre Ferien wiederbekommen, schlecht stehen.

Den Kinderstreik haben Erwachsene ohne Kenntnis der Kinder politisiert. Am Mittwoch teilte der Pressedienst des „Einigen Zentrums“ („Jedynyj Zentr“) vor dem Treffen des Exekutivkomitees mit, dass die Parteifraktion des Stadtrates den Rücktritt von Wiktor Pohorelow initiiert. Der Parteichef Wiktor Baloha ging sogar noch weiter, und schrieb auf Facebook, dass der Bürgermeister von Ushhorod in der Politik nichts zu suchen hätte (zur Erinnerung, Pohorelow wurde zum Bürgermeister danke „JZ??“, aber mit der Zeit wechselte er ins Lager der „Partei der Regionen“, welcher der jetzige Gouverneur angehört). Später wurde ersichtlich, dass der Bürgermeister nicht zurückrudert, um nicht wie ein eingeschüchterter Schwächling auszusehen, der den Gegnern Zugeständnisse macht. Es gab kein Zweifel, dass der Schülerstreik vom Anfang bis zum Ende von ??„Jedynyj Zentr“ geplant und organisiert war, so ging es dem Bürgermeister nun ums Prinzip. Von den Interessen der Kinder war keine Rede mehr, das politische Spiel begann.

Obgleich Pohorelow während der Sitzung des Exekutivkomitees verspätete Entschuldigungen an die Kinder richtete, gab er ihnen die Ferien nicht zurück. Wie geplant, werden die Schüler in Ushhorod längere Ferien im Winter haben – vom 21. Dezember bis zum 13. Januar.

Jetzt wird die Rechtmäßigkeit des „Ferien“-Beschlusses von der Staatsanwaltschaft untersucht. Man sollte aber keine drastischen Ergebnisse davon erwarten. Denn die Ferienverlegung war die Initiative des Gouverneurs, und darüber hinaus sieht das Gesetz Änderungen der Schulfeiertage entsprechend den lokalen oder klimatischen Bedingungen vor. An eine solche unscharfe Formulierung kann jede Verwaltungsentscheidung angepasst werden.

Heißt dass, dass der erste Kinderstreik in der Ukraine umsonst war? Überhaupt nicht. Die Schüler in Ushhorod haben dem ganzen Land gezeigt, dass sie eine Macht sind, mit der die Erwachsenen womöglich noch nicht rechnen, doch die sie nicht ignorieren können werden. Es wird sicher keine plötzliche Verlegung der Ferien in der Zukunft mehr geben. Das ist etwas, was die Kinder erreicht haben, nicht die Politiker, die aus fremdem Leder gut Riemen schneiden wollten.

1. November 2013 // Wolodymyr Martyn

Quelle: Dserkalo Tyshnja

Übersetzerin:    — Wörter: 910

Olena Ryeznikova arbeitet als freiberufliche Übersetzerin/Dolmetscherin

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