FacebookTwitterTelegramVKontakteMail

Alkoholismus bei Kindern gibt es nicht?

0 Kommentare

Nicht gerade viele Journalisten waren da. Und die, die da waren, machten ein Foto und gingen wieder. Hörten nicht weiter zu und interessierten sich auch nicht weiter für das Geschehen. Schade, denn auf der Konferenz „Ukrainische Gesellschaft und Drogen: Errichtung einer neuen Strategie” wurde die Wahrheit gesprochen. Die bittere Wahrheit. Ukrainische Experten und zahlreiche ausländische Spezialisten diskutierten drei Tage lang das, was schon lange und ernsthaft ein drängendes Problem der nationalen Sicherheit der Ukraine darstellt – die Epidemie der Drogenabhängigkeit in der Ukraine.

Merkwürdig, am optimistischsten waren die ausländischen Experten. Sie haben sich aufrichtig für uns, die Ukrainer, gefreut, dass wir es geschafft haben, die sowjetische Tradition des Todschweigens von Problemen in uns zu bewegen. Einer dieser ausländischen Meister, Berater der UNO aus Kanada, lobte mit kindlicher, aufrichtiger Freude unser Gesundheitsministerium für die Vorbereitung eines Projektes zur Konzeption einer Reform des kinderpsychiatrischen Dienstes. Wie immer – konkret und fundiert – war der „Chef” der Konferenz Wladimir Andrejewitsch Timoschenko, Vorsitzender des staatlichen Dienstes zur Kontrolle von Drogen. Im Saal sah man auch die früheren formalen führenden Personen des ukrainischen Drogen-Dienstes, die lange auf ihren Aussagen wie „Alkoholismus bei Kindern und Jugendlichen gibt es nicht” und ähnlichen „wissenschaftlichen Fakten” beharrten.

Wahrscheinlich war dies – hier, bei uns, die erste seriöse interdisziplinäre Konferenz, bei der Ärzte, Polizei und Spezialisten der Sozialpolitik ihre Meinungen über die Situation in der Ukraine austauschten: ganz objektiv, mit wenigen Ausnahmen wurde ehrlich gesprochen, Zahlen wurden aufgeführt, die teilweise erschreckend waren, und das alles in dem vollem Bewusstsein, dass die Ukraine die ersten Schritte zur Schaffung einer eigenen Strategie in diesem ganz und gar speziellen Feld der Sozialpolitik macht. Ein von vielen geschätzter westlicher Spezialist formulierte deutlich die Bewunderung für die in der Ukraine fortgeführte Trennung der Disziplinen Psychiatrie und Suchtbehandlung. Ein anderer, nicht weniger geschätzter Experte, lenkte die Aufmerksamkeit auf das Fehlen eines Systems, das Kindern Hilfen bei Suchtproblemen bietet (ich weiß, dass einige Beamte unseres Gesundheitsministeriums das so nicht sehen…). Man sprach auch darüber, dass Alkoholismus und Drogenabhängigkeit nicht nur zu den Kompetenzen von psychiatrischen Ärzten zählen, sondern ebenso Gegenstand der Aufmerksamkeit von Allgemeinärzten sein sollten.

Ich gestatte mir auch folgende Bemerkung: Wäre in der Ukraine kein Dienst zur Kontrolle von Drogen mit W. A. Timoschenko als Vorsitzendem entstanden, hätte es weder diese Konferenz gegeben, noch wissenschaftlich-angewandte Gespräche. Während der ganzen zwanzig Jahre unserer unerwarteten Unabhängigkeit hat es bei uns keinen koordinieren Dienst gegeben. Daher auch das Anwachsen der Epidemie von Drogenabhängigkeit, die jugendlichen Toten auf den Friedhöfen. Daher, ja insbesondere daher kommt auch der fabulöse Reichtum einiger Auserwählter des Volkes und Beamter, die sich sicher sind, weder im Frauengefängnis Katschanowskaja Kolonija, noch in anderen Gefängnissen und Werkhöfen einsitzen zu müssen.

Schade, wirklich sehr schade, dass an dieser Konferenz keine Journalisten teilnahmen. Ihre Kommentare (und nicht die nur wenige Sekunden dauernden und nichts zeigenden Kameramitschnitte des Fernsehens) hätten geholfen, auch unsere Apathie, sowie unsere feindliche Gesinnung gegenüber den Machthabenden zu verringern. Dennoch geschieht etwas Positives in unserem Land: langsam, zögerlich. Und jetzt ist Schluss… Denn politische Apathie ist bei uns ein Problem, das wir gewohnt sind, es ist normal, sozusagen. Unser berühmter Soziologe Jewgenij Golowach bemerkte weise: „Politische Apathie ist ein Zustand, dessen die Politiker das Volk beschuldigen, wenn es müde wird, ihre Versprechen anzuhören”.

01.06.2012 // Semjon Glusman, Arzt, Kollegiumsmitglied des Staatlichen Gefängnisdienstes der Ukraine

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Wenke Lewandowski — Wörter: 563

Wenke Lewandowski ist Übersetzerin und Lektorin.
Ihre Themengebiete sind Osteuropa, EU-Politik, Nachhaltigkeit, Arbeitsmarkt, Migration; Medizin und Naturwissenschaften; Kultur- und Geisteswissenschaften, Theater, Literatur.
Sprachen: Russisch und Englisch.Xing: Wenke Lewandowski

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Neueste Beiträge

Freizeitpark Gutscheine - Heide Park Soltau mit 50 Prozent Rabatt

Aktuelle Umfrage

Bringen die Parlamentswahlen für Selenskyjs Partei Sluha narodu / Diener des Volkes die Alleinherrschaft?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: Selenskyj lässt den Dschinn aus der Flasche

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)19 °C  Ushhorod16 °C  
Lwiw (Lemberg)18 °C  Iwano-Frankiwsk19 °C  
Rachiw20 °C  Jassinja9 °C  
Ternopil15 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)20 °C  
Luzk17 °C  Riwne17 °C  
Chmelnyzkyj14 °C  Winnyzja14 °C  
Schytomyr15 °C  Tschernihiw (Tschernigow)15 °C  
Tscherkassy17 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)17 °C  
Poltawa15 °C  Sumy15 °C  
Odessa21 °C  Mykolajiw (Nikolajew)21 °C  
Cherson21 °C  Charkiw (Charkow)20 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)21 °C  Saporischschja (Saporoschje)19 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)19 °C  Donezk19 °C  
Luhansk (Lugansk)18 °C  Simferopol17 °C  
Sewastopol22 °C  Jalta16 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Forumsdiskussionen

„Vorkuta: Ich habe leider keine Ahnung, was das für "Geräte" sind. Wo kann man so etwas bekommen und wann benötigt man solche Dinger? Kann man mit solchen Dingern allenfalls bei den Zahlstationen in...“

„Dieser transatlantische Andreas Umland................, seine Analysen und Kommentare sind geprägt von einem Narrativ, an dessen propagandistischen Ausprägungen er selbst mitarbeitet. Das die überwiegenden,...“

„Guten Moegen u. vielen Dank für den Hinweis für den 19.07. auf arte. Bei der Gelegenheit fand ich auch eine andere Reportage über die Krim-Brücke: ... Auch sehenswert.“

„Guten Morgen. Ich hatte damals diese Agentur gefunden, ob die aber OFF ROAD auch im Programm habe, weiß ich nicht: ...“

„Hallo zusammen, ich richte die Papiere, damit ich den dauerhaften Aufenthalt beantragen kann und ich habe festgestellt, dass sich viel geändert hat. Früher mussten doch die Eltern unterschreiben, dass...“

„Campingplatz auf östlicher Seite vom Dnepr ...“

„Das es kaum noch Korbmacher etc. gibt hat aber nichts mit Facharbeitermangel zu tun. Ich kenne einige, die haben alle hingeschmissen da man davon nicht mehr leben kann. Sondern die Tätigkeiten werden...“

„Du hast gelesen dass es um Export geht? Danke, Frank & Robert - alles klar: Streue Asche auf mein Haupt - kommt nicht wieder vor.“

„Hallo Handrij, Kannst du dir bitte mal die Treads von diesem Vorkuta ansehen. Ich glaube so etwas brauchen wir in diesem Forum nicht. Ich bin schon etwas länger dabei, aber wenn solche Mitglieder sich...“

„Toll in Almaty, schöne Menschen dort - die echten Kasachen haben mongoliden Ausdruck im Gesicht - die Grenze nach China, dort KITAI genannt, ist ja auch gleich um die Ecke. - Hoffentlich habt Ihr genug...“

„Ich konnte den Artikel nicht lesen, weil ich ein Adblocker System habe. Hiermit entschuldige ich mich dafür. Ich ging vom Donbass aus!“

„Der Europarat hat nichts mit der EU zu tun!“