Krankheit und Symptom

Kampagne: Ich gebe kein Schmiergeld, sondern nur einen Stinkefinger mit Schmackes - Korruption hat keine Rechtfertigung!
Anfang des 16. Jahrhunderts verglich Niccolo Machiavelli die Korruption mit einer gefährlichen Krankheit. In dieser Epoche nahmen europäische Ärzte an, dass giftige Dämpfe , die aus den Ausdünstungen des Moores entstehen oder unter dem schädlichen Einfluss des Planeten Saturn, die Pest hervorrufen.

Seit dieser Zeit haben unsere Vorstellungen von Mikrobiologie und Medizin große Fortschritte gemacht. Aber leider lässt sich nicht dasselbe über unser Verständnis von komplizierten gesellschaftlichen Prozessen sagen.

Wenn wir über soziale Probleme reden, werden wir äußerst naiv und oberflächlich – zum Beispiel erkennen wir den Unterschied zwischen der eigentlichen Erkrankung und ihren Symptomen nicht.

Ähnlich wie der italienische Philosoph der Renaissance-Zeit hält die ukrainische Gesellschaft Korruption für eine Krankheit. Eine lebensgefährliche Krankheit, die man heilen muss, mit allen beliebigen Mitteln, etwa bis hin zu Massenerschießungen. Die Korruption wird für das Hauptproblem des Vaterlands gehalten und für die Wurzel allen Übels. Die professionellen Korruptionsbekämpfer gelten als die wahren Helden unserer Zeit und schon verwandelt sich die Antikorruptions-Rhetorik in eine Waffe in internen Machtkämpfen.

Nun ja, nehmen wir einmal an, dass diese Sichtweise auf die Korruption wahr ist. In diesem Fall sollte die Ausnutzung übertragener Ämter für eigennützige Ziele immer und ausschließlich zum Schlechten führen. Allerdings kennt man aus der weltweiten Praxis so einige Gegenbeispiele.

In den 1940er Jahren lamentierte Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, über das „verfluchte Juden-Gold“, das seine Untergegebenen die „Partei-Ethik“ vergessen ließ. Wären alle Mitarbeiter der SS und der Polizei ehrlich und unbestechlich gewesen, dann wäre die Zahl der Toten in den Jahren des Holocausts noch größer gewesen. In der Praxis aber konnten sich die Menschen meist deshalb retten, weil die gewöhnlichen Vollstrecker nicht selten ihre Dienstpflichten zu Gunsten von persönlicher Profitgier vernachlässigten. Und alle Heldentaten eines Oskar Schindlers oder eines Raoul Wallenbergs erschienen nur möglich dank Korruption.

In den 1990er Jahren wurden auf Anregung der Regierung in der „Demokratischen Volksrepublik Nordkorea“ so genannte „Gruppen zur Ausrottung antisozialistischer Tätigkeit“ gebildet. Ihre Aufgabe war die Unterdrückung jeglicher Handelstätigkeit. Die Gruppen patrouillierten aktiv über die gerade entstehenden nordkoreanischen Märkte, aber ihre eigentliche Funktion erfüllten sie nicht: Die Kontrolleure wollten auch essen, und die Privathändler kauften sich leicht mit Bestechungen von ihnen los. Aufgrund der allgemeinen Korruption scheiterte der Plan der Regierung und es gelang nicht, auch die spontanen Marktmechanismen zu ersticken, die Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahrten.

Was verbindet diese Beispiele mit der aktuellen ukrainischen Korruption, die wir gewöhnlich nicht mit der Rettung, sondern mit der Zerstörung des Landes assoziieren? Die Ähnlichkeit besteht darin, dass in allen Fällen die Korruption nicht die Krankheit selbst ist, sondern nur das Symptom, das die Krankheit signalisiert. Die äußere Erscheinung eines tiefen und überaus schwerwiegenden Leidens.

Die gewissenlosen SS-Männer, die bereit waren, Juden gegen enorme Bestechungszahlungen gehen zu lassen, waren ein Symptom. Die Krankheit war die Nazi-Ideologie, die Millionen unschuldiger Menschen zum Tode verdammte und dazu ermunterte, unmenschliche Gesetze mit Hilfe von Gold und Diamanten zu umgehen. Die Mitglieder der nordkoreanischen „Gruppen zur Ausrottung antisozialistischer Tätigkeit“, die ihre Pflichten für Geld vernachlässigten, waren ein Symptom. Die Krankheit war – und ist es bis heute oft – ein absurdes System staatlicher Verbote, die private Handelstätigkeit in Nordkorea außerhalb des Gesetzes stellte.

Die ukrainische Korruption, die auf allen Ebenen blüht, ist ebenfalls ein Symptom. Genau so ein Symptom wie die Schattenwirtschaft, die allgemeine Umgehung von Steuerzahlungen oder der allgegenwärtige Schmuggel. Ein Symptom ökonomischer Unfreiheit, eines exzessiven Pressings durch die Verwaltung, einer verklemmten gesetzgeberischen Basis, einer unangemessenen Verteilung von Mandaten und anderer schwerwiegender Krankheiten.

Einige von diesen Leiden sind ererbt aus der Zeit der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, andere sind schon in den Zeiten der Unabhängigkeit erworben. Nun, wie immer es auch sein mag, gerade sie sind die Ursache, die Korruption aber, die die Ukrainer empört – die Folge.

Wenn unsere Staatsmänner mit unvergleichlicher Leichtigkeit reich werden, bedeutet das, dass sich in den Händen unseres Staatsapparats unvernünftig viele wirtschaftliche Schalthebel konzentrieren.

Wenn ein Millionenmarkt – unter dem Druck eines hochgestellten Beamten – vollständig umgekrempelt werden kann, bedeutet das, dass der Beamte mit einer Machtfülle ausgestattet ist, die es im Idealfall nicht geben sollte.

Wenn die Versuche, bestimmte staatliche Wunschvorstellungen zu realisieren, dazu verkommen, dass sich die Bearbeiter bereichern, dann liegt das Problem nicht in den Bearbeitern, sondern in der von oben erteilten Wunschvorstellung.

Wenn es für den Kleinunternehmer sehr viel leichter und billiger ist, eine Frage auf dem Weg der Korruption und nicht auf dem Weg des Gesetzes zu entscheiden, beweist das den kolossalen Riss zwischen der gesetzgeberischen Grundlage und der tatsächlichen Wirklichkeit.

Das Ausmaß der heimischen Korruption abzuschätzen und die Korruptionsmechanismen offen zu legen, ist außerordentlich wichtig, ebenso wichtig wie rechtzeitig die Symptome einer gefährlichen Erkrankung zu erkennen. Aber keinesfalls darf man dabei vergessen, dass sich hinter diesen Symptomen etwas Größeres verbirgt.

Unsere Armut und Rückständigkeit ist nicht durch Korruption geboren, sondern durch jene systemischen Untugenden, die das Aufblühen der Korruption provozieren.

„Die Korrupten jagen“, „die Bestechlichen einbuchten“, „denen, die bei der Armee stehlen, die Hände abhauen“ – alle diese Rezepte, die den Zuschauer beeindrucken und die so oft von ukrainischen Politikern zu hören sind, münden nur in einer lindernden Behandlung: Fieber senken, eine Betäubungstablette nehmen.

Das ist der Kampf mit den Folgen, aber nicht mit den Ursachen. Und in unserem Fall ist das einfach nicht ausreichend.

Letztendlich haben wir schon den korrumpierten Janukowitsch verjagt, den gierigen Asarow, die habgierigen „Jungreformer“ – und könnten uns überzeugt haben, dass ein Wechsel der Personen nicht identisch ist mit einem Wechsel der Regeln.

Der Kampf gegen die Symptome, ohne die Ursachen anzugehen, ist allein deshalb perspektivlos, weil die Korruption nicht nur Abgeordnete, Minister und Richterschaft sind.

Die Korruption – das sind auch die Millionen einfacher Ukrainer, die gezwungen sind, das Gesetz zu übertreten, einfach nur, um in der heutigen Ukraine zu leben und zu arbeiten.

In einem Land, das nicht gesund ist, erweist sich die Korruption als jene unausweichliche Gemengelage zwischen Unternehmer und ökonomischer Unfreiheit, zwischen gewöhnlichem Bürger und absurder Gesetzeslage, zwischen kleinem Mann und aufgeblähtem Staat.

Und in einer Reihe von Fällen erscheinen die Aufforderungen an unsere Gesellschaft, „nach dem Gesetz zu leben“, als offener Hohn: Mit demselben Erfolg könnte man einen Lungenkranken dazu aufrufen, sich vom Röcheln und Husten fernzuhalten. Was im Prinzip machbar ist – aber nur wenn der Patient aufhört zu atmen.

5.Januar 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Pravda

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Die Gefährlichkeit der Mythenbildung

zerstörtes Lenindenkmal - Dumskaja.net
Heutige ukrainische Kinder wissen praktisch nichts über Lenin. Lediglich 20 bis 30 Jahre sind vergangen, und die gesamte sowjetische Symbolik hat sich in der Vergangenheit aufgelöst. Das Problem ist aber: die Unsittlichkeit ist keineswegs zusammen mit Lenin verschwunden. Die groben sowjetischen Mythen werden von den nicht weniger groben postsowjetisch-ukrainischen verdrängt.

Vieles war unausweichlich. Etwa die überzeugten gedanklichen Konstrukte über die Abstammung der heutigen Ukrainer direkt von den Babyloniern und ähnliche pseudowissenschaftliche Theorien, wie sie ganz am Anfang unserer Eigenstaatlichkeit aufgetaucht sind. Damals fanden wir das überwiegend lustig. Heute ist uns allerdings nicht mehr zum Lachen zumute. Heute haben wir Krieg. Der russische Mythenschöpfer hat versucht, gestützt auf unbewiesene Theorien und totalitäre Praktiken, die Vergangenheit wiederherzustellen. Er, der nie ernst zu nehmende philosophische Bücher gelesen hat, wusste dabei ganz augenscheinlich nicht, dass die Vergangenheit – ihrer ganz eigenen Definition nach – nicht mehr existiert. Jegliche Beschreibung der Vergangenheit stellt eine Rekonstruktion dar, nichts weiter. Erst recht nicht ihre Rückkehr. Das gehört zu solchen Vorstellungen, wie sie Menschen im Mittelalter real erschienen, ebenso wie im 20. Jahrhundert uns die Mythologie Freuds, der dialektische Materialismus oder rassistische „wissenschaftliche“ Behauptungen.

Das alles betrifft nicht nur uns, die Nachfolger der judäo-christlichen Ideologie. Die Geschichte der islamischen Staaten enthält ebenso eine andere Vergangenheit, weit von dem entfernt, was religiöse Fanatiker heutzutage deklarieren und zum Leben erwecken. Der bekannteste islamische Philosoph im mittelalterlichen Spanien war Ibn Ruschd, in der christlichen Welt Averroës genannt. Der Tod dieses ruhigen, toleranten Denkers am Ende des 12. Jahrhunderts, führte in der islamischen Welt nach und nach zu einem Verschwinden der Philosophie und einer Festigung der religiösen Orthodoxie. Heute, im 21. Jahrhundert, beobachten wir die Folgen.

Mythologie ist unumgänglich, aber gleichzeitig auch gefährlich. Wenn die Vergangenheit, blutig und unmoralisch, unsere zukünftigen Handlungen bestimmt, sind wir zu ihrer Wiederholung verdammt. Diesen Weg beschreitet das derzeitige Russland. Etwas schwieriger, philosophischer ausgedrückt: Die russischen Bürger verlieren erneut die Freiheit, eigenständig über ihr Leben zu entscheiden, sowie die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Es geht verloren, was bereits im 14. Jahrhundert als Würde – als dignitas – bezeichnet wurde.

Leider sind auch wir, ist auch die Ukraine nicht weit von diesem Weg entfernt. Der einzige, aber doch sehr wesentliche Unterschied zu Russland besteht darin, dass die Mythen hier von Politikern verbreitet werden. Uns wollen sie im Dunkeln halten und sich selbst an der Macht. Das funktioniert nicht und wird nicht funktionieren. Anders sieht es in Russland aus. Dort ist der autoritäre Herrscher kein Artefakt. Seine Krönung verlief einfach und unverstellt, und war, wie es aussieht, von der Mehrheit der Russen erwünscht. Eins weiß ich aber sicher: Hier in der Ukraine wird es den Mythenschöpfern und ihren Polittechnologen nicht gelingen, ihre Absichten zu verwirklichen. Weder Poroschenko, noch sein Freund-Feind Saakaschwili können uns mit Worten verzaubern. Wir wollen etwas anderes, etwas völlig anderes. Reale Veränderungen im Land.

Die Idee eines ukrainischen Fundamentalismus, wie auch die Praxis einer grenzenlosen Demokratie (leider unsere derzeitige Realität), setzen uns nicht in Begeisterung. In der Mehrzahl sind wir Pragmatiker. Wir wollen die Freiheit, unser Leben eigenständig zu bestimmen sowie Möglichkeiten der Selbstverwirklichung.

08. Januar 2018 // Semjon Glusman

Quelle: lb.ua

Übersetzer:    — Wörter: 535

Matthias Kaufmann - Studium der Geschichte und Ethnologie in Leipzig und Kasan. Im Anschluss längere Stationen in Berlin, Ufa, Barnaul und Regensburg. Derzeit als Mitarbeiter im International Office an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

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John-Paul Himka: „Geschichtspolitik ist eine Krankheit aller postkommunistischen Länder“

Maksym Kasakow: Hello, John! Sie sind ein in der Ukraine sehr bekannter Historiker, jede Ihrer Arbeiten, jeder Artikel ruft lebhafte Diskussion hervor. Es gibt unterschiedliche Ansichten über Sie, man kann aber ohne Übertreibung sagen, dass Sie ein Klassiker der ukrainischen und kanadischen Geschichtswissenschaft sind. Jedem, der Ihre Biografie kennt, kommt leicht die folgende Frage in den Sinn: Welchen Einfluss hatten auf Sie die 1960er Jahre?

John-Paul Himka: Zunächst einmal vielen Dank für die Einladung, über die verschiedenen Probleme mit Ihnen zu sprechen. Die 1960er Jahre waren sehr wichtig für mich, besonders 1969 und die frühen 1970er Jahre. Damals habe ich an der Universität von Michigan studiert. Ich gab mich völlig der Antikriegsbewegung hin: damals gab es in Vietnam einen Krieg, und ich nahm an allen Demonstrationen an der Universität teil. Ich war auch auf Demonstrationen in Detroit und Washington. Wir hatten unsere kleine Gruppe von linken Antikriegskräften. Ich las viel zeitgenössische Literatur und sammelte linke Zeitungen. Zum ersten Mal in den 1970er Jahren las ich Marx. Diese Ereignisse haben unsere ganze Generation beeinflusst. Einige standen dem danach gleichgültig gegenüber. Das Wichtigste, was ich aufgenommen habe, sind gewaltfreie Ideen, der Wunsch nach einer besseren sozialen Ordnung und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Seitdem versuche ich, nach diesen Grundsätzen zu leben.

MK: Ist die Jugend der ukrainischen Diaspora den Bewegungen der 1960er Jahre massenhaft zugeströmt?

JPH: Ja. Zu dieser Zeit – in den 1960er und frühen 1970er Jahren – lebte ich in den Vereinigten Staaten. In Kanada gab es eine linke Bewegung, von ihrer Ausrichtung her Sozialisten verknüpft mit Trotzkisten, eine antistalinistische Bewegung gegen die Sowjetunion. Natürlich hatten sie nicht den Krieg, den wir in Amerika hatten. Aber sie griffen das Problem der ukrainischen politischen Gefangenen in der Sowjetunion auf, führten Demonstrationen durch. Sie gaben linke Publikationen heraus, von denen die erste die englischsprachige Zeitschrift „Meta“ war, deren Redakteurin Chrystja Chomjak (Chrystia Khomiak) war (die Ehefrau von John-Paul Himka – Red.), dann eine ukrainischen Zeitschrift „Dialog“. Ich kannte diese Leute nicht gut, weil ich in Amerika lebte, aber sie waren in Kanada, aber von Zeit zu Zeit besuchte ich Kanada und traf mich mit ihnen auf Konferenzen.

John-Paul Himka 1

In Amerika waren es etwas weniger, aber es gab eine Gruppe in New York: „New Directions“. Sie veröffentlichten eine zweisprachige Zeitschrift. Diese Bewegung war vielleicht nicht sehr links, eher liberal, aber vor dem Hintergrund der ukrainischen Diaspora war es eine Revolution. Ich war etwas mit dieser Gruppe verbunden und schrieb an sie. Ich lebte in Michigan, sie aber wirkten in New York. Ihre Herausgeber waren Oleh Ilnyzkyj (Oleh S. Ilnytzkyj), Adrian Karatnycky, Oleksandr Motyl. In diesen beiden linken Gruppen gab es solche intellektuellen Kräfte, die später in der Diaspora sehr wichtig wurden. Danach gingen sie auseinander in verschiedene Richtungen. Für alle war es eine Schule der Politik, des Journalismus, der Debatten. Es war eine sehr geschäftige Zeit. Wir haben einfach mit diesen sozialen und politischen Themen gelebt, danach begann die Jugend weniger daran interessiert zu sein. Als Universitätsprofessor begegnete ich oft jungen Leuten und sah, dass sie sich nicht so mit den Problemen beschäftigten, wie wir es in ihrem Alter taten, im Alter von 20 oder 25 Jahren. Zu dieser Zeit waren wir sehr engagiert, ihnen ist das alles fast egal.

MK: Ihre Generation war die „Schistdesjatnyky, die Sixties“. Dies ist ein bedeutendes Phänomen auch für die Geschichte der Ukraine.

JPH: Ja, es gab sie auf der ganzen Welt, auch in der Ukraine. Wir lasen Dsjuba, Moros und andere. Uns gefiel Dsjuba mehr, „Internationalismus oder Russifizierung“, aber wir lasen sie alle und kämpften dafür, dass man sie freiließe. Wir dachten, wir könnten die Welt verändern, die Ordnung ändern. Ich denke, es war ein gemeinsames Merkmal auch bei den jungen Ukrainern wie zum Beispiel Nadija Switlytschna, Iwan Switlytschnyj, Drach und Pawlytschko. Sie dachten, dass sich alles ändern könnte, dass es eine bessere Zukunft für alle geben würde, und auch wir dachten so. Und dann wurde es wie immer.

MK: Haben Sie versucht, Kontakte zu Dissidenten zu knüpfen? Oder war das unter den damaligen Bedingungen, vor der Perestroika, unrealistisch?

JPH: In den 1970er und 1980er Jahren haben wir ukrainischsprachige Literatur in die Ukraine rübergebracht. Durch Vermittler hatten wir einen sehr fernen Kontakt mit diesen Leuten. Aber wir waren nicht wie die Organisation Ukrainischer Nationalisten, die OUN. Erinnern Sie sich, es gab Jaroslaw Dobosch, einen Ukrainer oder genauer genommen einen Belgier ukrainischer Abstammung, dem jemand in England eine Liste von verschiedenen Schriftstellern, Dissidenten usw. gab. Ihm folgte der KGB, 1972 verhafteten sie ihn. Wir haben das nicht gemacht. Aber wir hatten gute Beziehungen zu den ukrainischen Kreisen in Polen, wir versorgten sie ständig mit ukrainischer Literatur: mit unseren Veröffentlichungen, den Publikationen von „Prolog“ in New York, von „Smoloskyp“ (Die Fackel, A.d.R.). Die ersten engeren Kontakte hatten wir in den 1980er Jahren. Ich erinnere mich, ich war 1989 in Lwiw. Ich traf mich mit Tschornowil, Iwan Kandyba, der gerade das Gefängnis verlassen hatte, Mychajlo Osadschyj, dem ich sehr viel Respekt für seine literarische Arbeit entgegenbrachte. Wir mussten auf die Perestrojka warten, um sprechen zu können. Aber auch vorher habe ich mit der „Peripherie“ der Dissidentenbewegung gesprochen: 1983 traf ich Jaroslaw Daschkewytsch, der ebenfalls in der Opposition war.

MK: Sie haben in den sowjetischen Archiven gearbeitet. Wie sind Sie dazu gekommen und was haben Sie dort recherchiert?

JPH: Es gab – und gibt sie immer noch – so eine eine Organisation, IREX, den Rat für internationale Forschung und Austausch. Auszubildende/Praktikanten aus der Sowjetunion waren in Amerika, und wir konnten unsere Doktoranden nach Russland und in die Ukraine schicken, mehr nach Russland. Es gab einen solchen Austausch, er war etabliert und positiv. Die Sowjetunion entsandte vor allem Ingenieure, Naturforscher, Amerika aber auch Literaturkritiker, Historiker, Geisteswissenschaftler. Verschiedene Leute haben daran teilgenommen. Ich wollte eine Doktorarbeit über die sozialistische Bewegung in Galizien und in Polen und der Ukraine arbeiten, denn Krakau und Lwiw sind Galizien im österreichischen Sinne. Im ersten Jahr, als ich den Antrag stellte, lehnte mich die Sowjetunion ab, aber ich konnte ein Jahr in Polen arbeiten. Für mich war es sehr wichtig, weil die lokalen Bibliotheken galizische Zeitungen hatten, dort gab es Archive zur Geschichte der sozialistischen Bewegung, vor allem der Bewegung in Krakau. Ich habe dort sehr viel gelernt.

Dann stellte ich erneut einen Antrag, und die amerikanischen Behörden drängten die Sowjetunion, alle Kandidaten zu akzeptieren. Das amerikanische Komitee war der Ansicht, ich sollte in Lwiw arbeiten, so wie ich wollte. Und 1975-1976 akzeptierte mich die Sowjetunion, aber ich musste in Leningrad sein. Deshalb habe ich hauptsächlich dort gearbeitet. Was war für mich interessant: Sie hatten alle Werke Drahomanows in der Saltykow-Schtschedrin-Bibliothek (jetzt die Russische Nationalbibliothek – Red.). Ich hatte was zu tun. Ich war neugierig auf das Leben der Sowjetunion. Das ist jetzt eine Abschweifung, aber ich erzähle … Als wir in Polen waren, murrten die Einheimischen immer, dass es kein Fleisch gibt. Trotzdem aßen wir Fleisch, aber alle dort murrten, dass die Sowjetunion ihnen das Fleisch wegnimmt, weshalb sie so wenig davon haben. (Er lacht) Ich dachte, ich würde nach Leningrad kommen und dort würde es viele Fleischprodukte geben, aber ich war überrascht, was für ein armes Land die Sowjetunion war. Angeblich stahlen sie damals allen, aber die Menschen lebten damals so schlecht, um mit den Polen damals zu vergleichen.

Ich war neugierig darauf, selbst in Leningrad zu sein, obwohl der Winter dort hart ist. Aber ich wollte nach Lwiw und Kyjiw fahren, weil ich wusste, dass es Materialien gibt, die für mich notwendig waren. Im Februar oder März 1976 durfte ich einen Monat in Lwiw und einen Monat in Kyjiw verbringen. Lwiw war sehr gut, ich hatte Zugang zu Archiven und Bibliotheken, ich arbeitete in der Universitätsbibliothek, wo all die galizischen Ausgaben des 19. Jahrhunderts waren, das, was mich interessierte. Ich konnte ohne Einschränkungen arbeiten: Was auch immer ich bestellte, man gab es mir. Ich weiß nicht, ob das eine offizielle Politik war, ich bezweifle es. Dort haben solche alten Damen gearbeitet, die mir immer gegeben haben, was ich wollte.

Was die Archive damals betrifft, so hatte ich keinen Zugang zu den Beschreibungen. Ich musste eine genaue Benutzungsnummer dessen angeben, was ich sehen wollte, aber man gab mir nicht Zugang zum Archivinventar. Aber ich war im Voraus darauf vorbereitet, denn als ich in sowjetischen Veröffentlichungen über Galizien las, legte ich mir eine Karteikartensammlung an: diese Nummer, dieser Fond, dieser Sachverhalt betrifft dieses Thema. Ich hatte Hunderte solcher Karteikarten und war bereit, sehr viel zu bestellen. Außerdem ging ich raus zum Rauchen, und andere Wissenschaftler teilten ihre Archivforschungen mit, ich sah mir den Fond an, den Titel, und schrieb ihn mir auf. Ich durfte sehr viel bestellen. All das habe ich für die Doktorarbeit und erste Monografie benutzt, so dass ich sehr zufrieden war.

Aus Lwiw sollte ich für einen Monat nach Kyjiw fahren. In Kyjiw empfing man mich sehr kalt, riet mir sogar, nach Leningrad zurückzufahren, da man mich nicht aufnehme. Damals war 1976. Für mich, einen amerikanischen Staatsbürger, war es fast unmöglich, eine Fahrkarte von Kyjiw nach Leningrad zu kaufen. Heute kann ich das online tun. Damals aber wusste ich nicht, was ich tun soll. Man lehnte es ab, mir eine Unterkunft zu geben, sie schmissen mich einfach aus der Universität. Als ich aus ihr herauskam, war ich schlicht verzweifelt. Völlig zufällig traf ich auf meinen wissenschaftlichen Betreuer aus Lwiw, Professor Denys Nysowyj. Er hörte sich mein Problem an und antwortete, man müsse sich an das Bildungsministerium wenden. Ich folgte seinem Rat und das Ministerium übte Druck auf die Universität aus, sodass diese mir einem Platz im Studentenwohnheim gaben. Dieses zufällige Treffen hat mich gerettet. Daraufhin verweigerte man mir den Zugang zu den Archiven und selbst zu den Bibliotheken. Aber mich rettete Mykola Schulynskyj, der damals Direktor des Instituts für Literaturwissenschaft war, und dort war der gesamte Briefwechsel Iwan Frankos, der für die Geschichte der sozialistischen Bewegung sehr wichtig ist. Serhij Plokhy oder sein Assistent haben in den Archiven ein Dokument gefunden, wo die Kyjiwer Universität über meinen Aufenthalt in der Ukraine 1976 schreibt. Angeblich sei ich ein Agent des CIA, der Mitglieder der OUN treffen wolle, aber es sei ihnen gelungen, sie zu neutralisieren. (Er lacht) Für mich ist dieses Dokument sehr komisch. 1983 hatte ich erneut die Absicht, sechs Monate in Lwiw zu arbeiten und wohl ein oder zwei Wochen in Kyjiw. Und erneut gab man mir in Kyjiw keinerlei Zugang zu irgendetwas. Aber ich habe diese Zeit sehr entspannt mit meiner Frau im Hydropark verbracht: wir lagen am Strand, aßen Hühnchen, tranken Wein und Bier. Es war toll.

Und noch ein interessantes Detail. Meist arbeitete ich im Zentralen Staatlichen Historischen Archiv in Lwiw, dessen Direktorin Nadeschda Wradij, die Mutter von wika, war … Sie kennen diese Sängerin? Sie war anfangs bei den „Braty Hadjukiny“ (1988 gegründete Rockgruppe aus Lwiw, A.d.R.) , dann machte sie ihre eigenen Alben. Ihre Mutter war die Direktorin des Archivs. Ich würde nicht sagen, dass sie viel für mich getan hat, aber in solchen Situationen ist es gut, wenn Menschen Menschen sind, nicht Schweine. Sie war ein Mensch.

MK: Sie haben sich mit der Geschichte Galiziens im 19. Jahrhundert beschäftigt, dann aber sind sie gewechselt zu den Fragen von OUN, UPA (Ukrainische Aufstandsarmee, A.d.R.), dem Zweiten Weltkrieg. Wann ist das passiert und wie haben Sie begonnen, diese Organisationen und diese Ereignisse insgesamt kritisch zu bewerten?

JPH: Ich sammle schon seit langem Material über die ukrainisch-jüdischen Beziehungen, selbst in meinen ersten Büchern werden Sie viel zu diesem Thema finden. Auch das Thema Holocaust war für mich in gewisser Weise von Interesse. Man kann sagen, dass ich bis Ende der achtziger Jahre die Ansicht vertrat, die in unserer Umwelt existierte. Und diese Ansicht war … Oh! Dort gibt es eine „Dialog“-Ausgabe, ich sehe es gerade. (Er steht auf und nimmt ein Heft der Zeitschrift aus dem Regal.) Das haben wir herausgegeben und in die Ukraine geschickt. Also ich hatte folgende Ansicht: Es stimmt, dass die OUN anfänglich ein Bündnis mit den Deutschen hatte und sie begrüßte. Aber sehr bald, als die Deutschen sie nicht anerkannten, gingen sie in Opposition. Vereinzelte Gruppen, die in die Ostukraine gingen, begegneten Sowjetmenschen, die von ihnen ein fortschrittliches Sozialprogramm forderten. Und daraufhin warfen sie ihre faschistische Hülle ab! Es war tatsächlich ein Volksaufstand, der nichts mit der OUN und der pro-deutschen Stimmung zu tun hatte. Sie waren Demokraten und kämpften gegen beide Totalitarismen. Ich habe das alles geschluckt, wie alles andere in unserem Umkreis. Ich glaubte sogar, dass die große Tragödie darin bestand, dass die UPA erst nach dem Ende des jüdischen Holocaust im Frühjahr 1943 aufgetaucht ist, als die meisten ukrainischen Juden bereits umgekommen waren. Wenn die UPA schon früher dort gewesen wäre, so dachte ich, dann hätten diese Demokraten und toleranten Menschen die jüdischen Einwohner der Ukraine vor den Nazis gerettet. Ich habe wirklich an all das geglaubt.

John-Paul Himka 2

Aber was ist passiert? 1988 korrespondierte ich mit einem Historiker, dem Polen Janusz Radziowski. Er schrieb ein Buch über die KPZU, die Kommunistische Partei der Westukraine, das auf Englisch und Polnisch veröffentlicht wurde. Er war mein enger Freund. Als ich ein Jahr in Polen arbeitete, kamen wir uns näher. Dann lebte er ein Jahr in Edmonton. Wir korrespondierten ständig und hatten gemeinsame wissenschaftliche Interessen. 1988, ich weiß nicht, wie es angefangen hat, haben wir begonnen, uns über die UPA zu streiten. Janusz schrieb mir sehr scharf: „Wie kannst Du, ein Mann von links, diese Menschen schätzen, die so viele Polen und Juden ermordet haben?“ Ich habe nicht meine Briefe an ihn, bei mir sind nur seine Antworten. Aber ich erinnere mich, ich war empört und schrieb ihm all das, was ich eben über die UPA als Demokraten sagte, darüber, dass es dort sehr viele positive Seiten gab. Janusz bat darum, diese positiven Momente aufzuzählen. Ich sagte, dass sie sehr tapfer gegen die Deutschen und gegen die Sowjetunion gekämpft haben. Er erwiderte, wenn es nur um Tapferkeit ginge, dann müsse man den deutschen Soldaten als sehr tapfer bezeichnen, da er sehr lange gekämpft und gesiegt habe, gegen die Achsenmächte und gegen die Sowjetunion. Janusz sagte, dass nicht die Tapferkeit das politische Gesicht der Bewegung ausmachte, sondern vielmehr ihre Ideologie und ihr Verhalten. Ich habe diesen Mann sehr geschätzt, so dass ich beschloss: Ich muss das Problem selber untersuchen, was eigentlich während der Zeit des Holocausts passiert ist.

Mein Schwiegervater, Mychajlo Chomjak, starb 1984. Während des Zweiten Weltkriegs war er Herausgeber der ukrainischsprachigen Besatzerzeitung „Krakiwski Wisti“ („Krakauer Nachrichten“, A.d.R.). Als ich beschloss, mich eigenständig damit zu beschäftigen und vor allem mir selbst eine Antwort darauf zu geben, was die ukrainischen Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges getan haben, gerade zu dem Zeitpunkt war sein gesamtes dokumentarischer Nachlass an das Landesarchiv übergebene worden. Da gab es alle Redaktionspapiere, Briefwechsel, alles, was diese Zeitung betrifft. Wahrscheinlich ist es das größte vollständige Archiv unter allen ukrainischen Zeitungen aus der Zeit der Besatzung und sicherlich das vollständigste Archiv einer Zeitung, die man in den Jahren der Okkupation im General-Gouvernement, dem ehemaligen Polen, herausgegeben hat. Außerdem hatte der Schwiegervater andere Ausgaben gesammelt, die damals herausgekommen sind. Es war ein Haufen von Quellen, ein Archiv, das noch niemand gesehen hatte. Ich begann in diesem Archiv zu arbeiten, studierte seine Korrespondenz. Die Deutschen bestellten eine Serie antisemitischer Artikel, es gab dort einen Briefwechsel zwischen der Redaktion und antisemitischen Autoren. So sahen meine ersten Forschungen Enden der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre aus. Dann bat mich 1995 die Zeitschrift „Studies in Contemporary Jewry“ darum, einen Aufsatz zu schreiben über Ukrainer und Juden in der Zeit des Holocaust oder vielmehr über die Kollaboration der Ukrainer. Sie baten mich deshalb, weil der Herausgeber meine Artikel las, insbesondere über den jüdisch-ukrainischen Antagonismus im galizischen Dorf des 19. Jahrhunderts. Er war der Ansicht, dass ich ausgewogen schriebe, deshalb lud er mich ein. Ich erhielt Geld, um in der Bibliothek des YIVO-Instituts New York zu arbeiten, noch wunderbarer aber war es, dass ich Geld von meiner Universität erhielt, um eine Woche in Jerusalem zu arbeiten, in Yad Vashem. Damals konnte ich nicht länger, es waren die Bedingungen des Stipendiums, das ich hatte: ich konnte nur ein bis zwei Wochen bleiben. Dort sah ich neue Quellen, aus denen ich mehr über die Nationalisten verstand, viel davon blieb aber noch unklar. Erst 1995 beendete ich meine Monografie über die Griechisch-Katholische Kirche in Galizien, und es war Zeit, ein neues Thema aufzugreifen. Ich dachte, jetzt reicht es mir mit dem 19. Jahrhundert in Galizien. Meine Großeltern sind aus Galizien fortgegangen, und ich sollte mir ein gutes Beispiel an ihnen nehmen und ebenso von diesem Galizien fortgehen. Ich überlegte, las, legte mir Alternativen vor… Ich dachte damals, über den Holocaust zu schreiben. Damals aber schien das Problem nicht aktuell: Die Ukraine ist nun frei, sie nähert sich einer demokratischen Ordnung, diese Geschichte ist schon nicht mehr nötig, sie können das selber erforschen. Die Diaspora, so schien mir, verschwindet langsam, niemand ist mehr aktiv, es gibt keine Jugend. In beiden Hinsichten irrte ich. Ich dachte falsch, dass es ein intellektuell uninteressantes Thema sei. Statt nun über den Holocaust zu schreibe, begann ich meine Forschungen über die Ikonografie des Jüngsten Gerichts in Galizien und in der Karpato-Ukraine. Ich schrieb anderthalb Bücher, eines allein, ein zweites zusammen mit Lilija Bereschna.

Also, 2006 beendete ich das Projekt und dachte, was jetzt. Ich fuhr nach Lwiw, um Vorlesungen im Rahmen des Soros-Programm zu halten. Ich sehe, dass dort überall Plakate mit dem Akt vom 30. Juni 1941 sind, Porträts von Schuchewytsch. Schon damals verstand ich, dass es Probleme mit diesen Nationalisten gab. Und ich dachte, dass jemand dieses Thema aufgreifen sollte. Und es wäre besser, wenn ich es aufgriff, ein Mensch, der eine starke Sympathie und Liebe für die Ukraine empfindet, und nicht irgendein voreingenommener Historiker. Ich ahnte nicht voraus, dass ich mir mit diesem Thema so viel Finsteres und angespannte Beziehungen zu anderen Kollegen auf mich laden würde. Als ich mich entschloss, mich damit zu beschäftigen, hatte ich Gelegenheit, drei Monate im Holocaust Museum in Washington zu arbeiten, wo es großartiges Material gab. Bereits Anfang 2010 begriff ich, was das für eine Geschichte von OUN-UPA und den Juden in der Zeit des Holocausts war. Als Juschtschenko Bandera zum Helden der Ukraine ausrief, begann die Polemik. Seit jener Zeit schreibe und schreibe ich zu diesen Themen. Ich muss noch eine Monografie schreiben, das quält mich.

MK: Es gab das sowjetische Vorurteil von dem bürgerlichen Nationalismus der OUN-Leute, das war eine offensichtliche politische Aussage. In der Sowjetunion konnte man sowohl Skrypnyk als auch Chwylowyj (Mykola Skrypnyk – 1872-1933, war ein ukrainischer Parteifunktionär; Mykola Chwylowyj – 1893-1933 war ein ukrainischer Poet und Publizist, der mit der Sowjetmacht anfänglich sympathisierte; beide begingen 1933 in Charkiw Selbstmord, A.d.R.) bürgerliche Nationalisten bezeichnen. Von wissenschaftlichem Standpunkt aus, was war die Klassennatur des ukrainischen Nationalismus, und zwar sowohl in der Form der OUN der 1930er Jahre, bei den politischen Aktivisten, als auch in der stärker massenhaften Form der UPA?

JPH: Die OUN wurde von Intellektuellen, Veteranen des Ersten Weltkriegs, der Revolutionen und Kämpfen für die Unabhängigkeit der Ukraine und Studenten gegründet. Es war die Intelligenz, die die OUN konzipierte. Das war eine Bewegung, die vom Kopf auf den Fuß ging, das heißt, es war keine Basisbewegung. Aber sie konnten das Dorf und die kleine ukrainische Arbeiterklasse mobilisieren. Jetzt arbeite ich in Lwiw in der Stefanyk-Bibliothek, ich lese die OUN-Zeitung für die Bauern, die Wochenzeitung „Nowe Selo“ – das Neue Dorf . Jede Nummer enthält zehn Seiten. Diese Zeitung ist in mancherlei Hinsicht den bäuerlichen Volkszeitungen sehr ähnlich: Beiträge aus dem Dorf, Wirtschaftsinformationen, immer eine große Seite mit sehr vernünftigen Tipps, was man je nach Jahreszeit tun solle. Aber darüber hinaus gibt es viel Politik: pro-deutsche, pro-italienische, pro.japanische, anti-demokratische, anti-jüdische Politik. So wurden die Bauern mobilisiert, und eine ähnliche Zeitung hatten die Nationalisten für die Arbeiterklasse. Damals war es auf dem Dorf hart. Jedoch die Landwirtschaft in ganz Europa, Kanada und Amerika erlebte in den 1930er Jahren eine wirtschaftliche Depression. Die Kosten für landwirtschaftliche Produkte waren niedrig, Landwirte und Bauern lebten nicht gut. Wer mehr Land hatte waren Migranten, die einige Zeit in Amerika waren. Sie arbeiteten zuvor lange Zeit in Minen oder in Geschäften und erarbeiteten sich das Land. Ich glaube aber nicht, dass die Beteiligung an der OUN oder die Opposition gegen sie einen direkten Bezug zur Klassenposition dieser Bauern hatte. Im Allgemeinen waren unsere Bauern nicht sehr reich. Eine Generation war reicher, die zweite schon ärmer. So war es beispielsweise im Haushalt meiner Großmutter. Sie wanderte 1909 nach Amerika aus. Sie ging, weil ihre Familie so arm war, dass sie keinen Mann finden konnte, niemand wollte meine Großmutter heiraten.

Es gab nur eine noch ärmere Familie, aber meine Großmutter wollte nicht dorthin gehen. So wanderte sie nach Amerika aus, dort fand sie einen Mann und gründete eine Familie; auch ihr jüngerer Bruder wanderte aus, aber später kehrte er mit diesen Ersparnissen zurück und kaufte viel Land. So verwandelte sich eine arme Familie zur beinahe reichsten im Dorf. Dann kam die Sowjetmacht. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit in den 1990er Jahren, lebten sie auch auch, wie damals. Der Ehemann arbeitete in der Verwaltung der Kolchose und hatte Zugang zu Saatgut, Düngemitteln und Maschinen. Aber er ist gestorben, diese Generation ist gestorben, die junge hat das nicht, sie arbeiten hart, sind erneut arm. Also: Armut – Reichtum – Armut. Solche Zyklen gibt es überall in der Bauernschaft. Es gibt keine Schichten von Bauern, die immer reich waren. Das kann gelegentlich mal sein, aber im Allgemeinen ist es ein zyklischer Prozess.

MK: Wen empfehlen Sie, von den Forschern zum Thema OUN-UPA zu lesen? Wer erlaubt einem, sich der objektiven Wahrheit anzunähern, so dass sie uns verständlich wird, und die Stempel der Propaganda von Sowjets oder der OUN-Leute zu vermeiden?

JPH: Die Arbeiten von Marko Carynnyk sind sehr gut, er schreibt vor allem über die OUN, nicht über die UPA. Seine Arbeiten sind wahrscheinlich die solidesten Studien. Sie dürfen nicht über Geschichte als einen abgeschlossenen Prozess denken. Es gibt verschiedene Stimmen. Auf der einen Seite gibt es Grzegorz Rossolinski-Liebe, Per Anders Rudling, Delphine Bechtel, die gegenüber der OUN und UPA absolut kritisch sind. Andere, wie Grzegorz Motyka, Dieter Paul und andere Forscher sind aus unterschiedlichen Gründen weniger eindeutig in ihren Studien. Ich denke, man muss das alles lesen, aber über seine Position nachdenken. Der objektivste von allen bin natürlich ich (Er lacht).

MK: Ich denke, wir sollten feststellen, dass bestimmte Taten in Bezug auf damaliges Recht und Moral Verbrechen waren, aber auch versuchen, die objektiven Gründe zu verstehen, warum sich damals mächtige nationalistische Bewegungen bildeten.

JPH: Aber was waren die objektiven Gründe, dass die Nazis ihre Opfer ermordeten? Oder die Stalinisten. Ich glaube nicht, dass es immer objektive Gründe gibt. „Objektive“ Gründe waren in ihren Köpfen. Unsere Nationalisten haben gedacht, dass die Ukraine ohne Nicht-Ukrainer wie ein gelobtes Land für Ukrainer sein würde. Aber um dahin zu gelangen, so dachten ja auch die Deutschen, muss eine Generation diese blutige Arbeit verrichten, worum sich nach uns niemand mehr kümmern werde. Bis zu einem gewissen Grad war das ihr Ideal, nur die Nazis, die beinahe alle Juden der Ukraine, zumindest einen großen Teil, ermordeten und die Stalinisten, die beinahe alle Polen, Tataren und andere Nationalitäten aus der Ukraine deportierten, haben den Traum der Nationalisten wahr gemacht. Und sie alle, Nazis, Stalinisten, Nationalisten, war bei ihren Mitteln der Durchführung gnadenlos. Sie ermordeten Menschen, deportierten. Klar, die Nationalisten hatten keine Züge, um Menschen zu deportieren, so wollten sie mit Mitteln von Terror und Angst jene Familie, die vielleicht schon seit Jahrhunderten lebte, dazu bringen, die Ukraine zu verlassen und nach Polen aufzubrechen.

„Es gibt keine Helden: Es gibt Menschen, die uns lehren, und Menschen, die uns nichts geben.“

MK: Was halten Sie von der Geschichtspolitik in der Ukraine, die in den letzten Jahren aktiv umgesetzt wurde? Sollte es in der modernen Welt eine zielgerichtete staatliche Geschichtspolitik geben? Und kann es heute Helden geben – Personen aus der Vergangenheit, die man uns zum Zweck der Nachahmung in der Gegenwart vorhält?

JPH: Ich denke, Geschichtspolitik ist eine Krankheit aller postkommunistischen Länder. In Kanada oder in Amerika gibt es keine Geschichtspolitik. In vielen entwickelten Ländern gibt es das einfach nicht. Und was die Helden betrifft, die ein integraler Bestandteil dieser historischen Politik der postkommunistischen Länder sind, so denke ich, das ist nur Infantilismus. Eine Kinderkrankheit. Wozu Helden? Sagen wir Scheptyzkyj war eine interessante Person mit tiefem Hintergrund. Aber wir können nicht sagen: oh! alles, was er getan hat, ist super, ist heldenhaft. Selbst Heilige sind nicht solche Heilige, wie wir denken. Nehmen wir den heiligen Petrus, der das Haupt der Apostel war. Im Evangelium wollte Christus, dass er auf dem Wasser ging, aber Petrus zögerte, er hatte kein Vertrauen und begann zu sinken. Dreimal verleugnete Petrus Christus. Das ist der zentrale Heilige. Was sagen wir über andere Heilige? Müssen wir denken, dass sie perfekt sind? Dürfen wir gar nicht über sie nachdenken, sprechen? Wie auf religiöser Ebene ist es auch auf politischer. Es gibt keine Helden: Es gibt Menschen, die uns lehren, und Menschen, die uns nichts geben.

Ich arbeite, ich tue das Beste, was ich kann. Aber ich habe viele Fehler, in der Arbeit und in meinem Leben, ich weiß das, ich bin mir dessen bewusst. Ich bin weit von Perfektion entfernt. Warum sollte ich mir vorstellen, dass andere Helden sind, wie Superman oder Batman? Sie sind keine Helden, sie sind Menschen. Ich glaube nicht, dass wir aus irgendeinem Grund wirklich von Bandera lernen können, weil ich nicht glaube, dass er etwas getan hat. Aber sogar Stezko (Jaroslaw Stezko – 1912 – 1986, OUN-Nationalist, A.d.R.) lesen, der zumindest dachte, oder Donzow (Dmytro Donzow – 1883 – 1973, Hauptideologe der OUN, A.d.R.) oder andere – von ihnen kann man irgendetwas lernen. Das heißt aber nicht, dass sie generell positiv sind. Ich habe zweimal „Mein Kampf“ gelesen. Ich kann nicht sagen, dass das nur irgendein intellektueller Brei ist, es gibt dort Ideen. An all das müssen wir denken.

Die ganze Zeit wird mir gesagt: „Wenn die UPA und die OUN keine Helden sind, wer sind dann unsere Helden?“ Ich sage: „Grow up!“ Wie heißt das auf Ukrainisch? „Werdet erwachsen!“

MK: Dies ist vielleicht die Hauptsache, die die Geschichte einer Gesellschaft geben kann – Menschen zu lehren, selbstständig zu denken.

JPH: Ja, wie Literatur! Wir lesen schöne Literatur, Belletristik, um in die Atmosphäre anderer Menschen, ihr Geschick einzutreten. In der Geschichte sehen wir das Gleiche.

MK: Was ist der Platz, den der Marxismus gegenwärtig in der akademischen Wissenschaft in Nordamerika einnimmt?

JPH: Es gibt Marxisten; vielleicht nicht so viel wie vorher, aber es gibt sie. Es gibt Postmarxisten, gute marxistische Analytiker. Zum Beispiel schreibt der marxistische Geograf David Garvey sehr interessant, er sei sehr respektiert, weil er wirklich vieles zu sagen hat. Das Hauptproblem des Marxismus in der Ukraine ist, dass der Sowjetmarxismus, als er mit dem Marxismus vertraut wurde, seit den 1930er Jahren nicht mehr intellektuell interessant war. Anstatt ein Weg zu sein, die Welt zu verstehen, war es eher ein Weg, um die Welt nicht zu verstehen, um die Realitäten der Welt vor den Menschen zu verbergen. Deshalb wird es hier wahrscheinlich schwierig. Aber es gab gute ukrainische Marxisten. Ich denke, man sollte irgendwann einmal alle Werke von Roman Rosdolskyj (2017 erschien „Mit permanenten Grüßen : Leben und Werk von Emmy und Roman Rosdolsky / Rosdolsky-Kreis“ auf Deutsch, ISBN: 978-3-85476-662-9, A.d.R.) übersetzen. Das ist ein guter Theoretiker des Marxismus, ein brillanter Sozialhistoriker. Wenn Sie diese andere Seite des Marxismus kennen, können Sie verstehen, dass es nicht nur eine Art Völkerverblendung ist, sondern tatsächlich ein Weg, ein Konzept, die Welt zu verstehen. Aber man muss das auf einer höheren Ebene machen, und nicht primitiv.

MK: An welcher Forschung arbeiten Sie gerade? Was erwartet Ihre Leser in naher Zukunft?

JPH: Ich muss die Monografie über die OUN, die UPA und den Holocaust fertigstellen. Zu der Zeit, als ich über den Holocaust zu arbeiten begann, wusste ich aus Erfahrung, dass dies ein sehr komplexes Thema ist. Es ist sehr schwer, ständig darüber zu lesen und darüber nachzudenken. Ich habe wirklich nicht nur einmal von diesen schrecklichen Vorgängen geträumt. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich etwas parallel machen sollte, sodass es mir im Kopf leichter wird. Mit zwei anderen Wissenschaftlern und meiner Tochter fotografiere ich alle ukrainischen Kirchen in den Provinzen Alberta und Saskatchewan. In jeder Kirche machen wir rund 500 Fotos: die Ikonen, alle Gebäude aus verschiedenen Winkeln, jeden Gegenstand, die Bücher, die im Gottesdienst verwendet werden. Nächstes Jahr werden wir die Fotodokumentation beenden, es wird eine halbe Million Fotos sein, und alles wird in der Datenbank erfasst werden. Diese Kirchen sind bedroht, weil es jedes Jahr weniger, jedes Jahr ältere Gemeindeglieder gibt. Jedes Jahr muss man, um diese Kirche zu retten, mehr und mehr Geld investieren. Diese Kirchen verschwinden. Wir machen Fotos davon, wie sie heute sind. Wir haben dieses Projekt 2007 begonnen, viel Zeit mit der Planung verbracht, aber seit 2009 fotografieren wir jeden Sommer Kirchen. Das ist eine riesige Arbeit. Wir haben nicht genug Geld, wir machen alles mit wenig Geld. Wir fahren zu viert durch Kanada, drei Wissenschaftler und meine Tochter; Wir essen nicht in Restaurants, nicht in Cafés, sondern in unserem Hotel. Wir machen in sehr billigen Hotels Halt, kämpfen ständig mit Zecken. Aber das ist eine unglaublich interessante Arbeit. Und wenn wir alles zusammennehmen, geht es daran, ein Buch über die Entwicklung der ukrainischen Ikonen in den Kirchen von Kanada zu schreiben. Ich bin fast dabei zum Schreiben, aber ich sammle immer noch Informationen darüber, wer und wo ich gemalt hat. Jede Kunstrichtung hat ihre eigene Geschichte. Es interessiert mich. Ich bin kein Kunstkritiker, ich kann nicht irgendeine Arbeit ansehen und mit Sicherheit sagen: oh, diese Ikone malte jener Maler. Ich werde mit Kunstkritikern in Lwiw zusammenarbeiten. Aber ich kann den Prozess viel besser sehen als die Kunstkritiker. Als Historiker kann ich alles interpretieren und eine Erzählung von diesem Chaos machen. Wir Projektteilnehmer denken, dass dies unser Geschenk für zukünftige Generationen ist. Es wird eine riesige Sammlung von Quellen sein, es wird möglich sein, verschiedene Themen zu erkunden, an die wir noch nicht einmal gedacht haben.

„Religion – das ist wie ein Hammer, man kann ihn nutzen, um zu bauen, aber man kann mit diesem Hammer auch einen Menschen ermorden.“

MK: Und dies sind griechisch-katholische Kirchen?

JPH: Es gibt griechisch-katholische und orthodoxe und sogar baptistische. Es gibt orthodoxe Kirchen unter dem Moskauer Patriarchat, aber sie zelebrieren in ukrainischer Sprache, sie haben Priester zum Beispiel aus Lwiw, es gibt insgesamt sehr patriotische. Ich gehöre zur ukrainischen orthodoxen Kirche Kanadas. Es gibt eine eigene bukowinische orthodoxe Jurisdiktion. Es gibt die orthodoxe Kirche in Amerika, die ihre Gemeinden in Westkanada hat. Dieses Jahr waren wir in einer Kirche des Kyjiwer Patriarchats. Mein Schwager hat eine Datscha unweit von Kyjiw, dort gibt es zwei Kirchen. Einst gab es eine, nach dem Euromajdan tauchte dort auch eine Kirche des Kyjiwer Patriarchats auf. Man weiß nicht, woher das Geld hierfür kam. In Kanada ist es genau so: die Menschen streiten, gründen ihre Kirche, bauen. Die Menschen denken, dass die Ukrainer sehr religiös und fromm sind, und deshalb so viele Kirchen haben müssen. Aber das ist so wie in dieser jüdischen Anekdote. Es muss zwei Synagogen geben, um in die eine zu gehen, und über die Schwelle der zweiten niemals zu treten. Religion – das ist wie ein Hammer, man kann ihn nutzen, um zu bauen, aber man kann mit diesem Hammer auch einen Menschen ermorden.

John-Paul Himka 3

MK: Wie hat sich die ukrainische Diaspora in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Wird sie sich in der kanadischen Gesellschaft auflösen?

JPH: Einst war sie vielfältiger als heute. Früher gab es mehr politische Bewegungen, Trends: Es gab sogar kommunistische Organisationen, Liberale, Rechtsradikale. Heute würde ich sagen, dass die Banderaanhänger stärker sind, als sie waren. Einst waren sie eine Partei unter anderen. Es gibt schon nicht mehr die Verschiedenartigkeit, die einmal war: Es gibt keine ukrainischen Linken mehr, es gibt keine Kommunisten. Es gibt keine zwei Meinungen über die Ukraine, jeder denkt fast dasselbe. Die neu angekommenen Ukrainer machen einen großen Unterschied, sie entziehen der Diaspora das Leben. Sie haben getrennte Organisationen, manchmal getrennte Kirchen, durch sie gibt es einige Kontakte mit der Ukraine.

Ich lebe in einer Wohnungsgenossenschaft. Wir haben sie als ukrainische sozialistisch-feministische Genossenschaft gegründet. Es gibt kein Privateigentum. Von den 21 Wohnungen, die dazu zählen, sind von vier bis fünf Neuankömmlingen aus der Ukraine bewohnt. Sie investieren viel in unsere Arbeit in der Genossenschaft. Sie stellen den ukrainischen Geist in der Genossenschaft wieder her, sie arbeiten sehr gut. Wir haben sogar zwei Paare von ukrainischen Schwulen: Es ist leichter für sie, in unserer Genossenschaft zu leben als in Lwiw oder in Kyjiw. Einige Häuser haben einen eigenen Hof, einige haben einen gemeinsamen Innenhof oder eine Wohnung mit zwei Eingängen. Kanada ist nicht Europa, wir haben genug Platz um Hütten zu aufzustellen. Was wir gemacht haben, ist sehr gut. Meine Frau war eine der wichtigsten Gründerinnen unserer Genossenschaft, ebenso die bereits verstorbene Halyna Freeland (die Schwester von Chrystja Chomjak, der Mutter Christie Freelands, der Außenministerin Kanadas, Red.), die früher in der Ukrainian Legal Foundation gearbeitet hat.

MK: Danke, Iwan. Kommen Sie öfter in die Ukraine!

JPH: Und danke für das Interview.

19. Oktober 2017 // Das Interview führte Maksym Kasakow

Quelle: Commons

Anmerkungen des Übersetzers

John-Paul Himka (* 1949) ist ein amerikanisch-kanadischer Osteuropahistoriker, der von 1977 bis 2014 an der University of Alberta lehrte. Als Marxist in den 1970er Jahren interessierte er sich zunächst für den Sozialismus im habsburgischen Galizien des 19. Jahrhunderts und das Dorfleben. Später widmete er sich in mehreren Arbeiten der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Seither widmet er sich neben entspannenderen ikonografischen und kirchenbeschreibenden Studien den schwierigen Themen Holocaust, dem Nationalismus und seiner Rolle beim Genozid, der Infragestellung nationaler Mythen und den konkreten Trägergruppen, nämlich den Formationen von OUN und UPA, denen seine nächste Monographie gilt.

  • Socialism in Galicia: The Emergence of Polish Social Democracy and Ukrainian Radicalism (1860-1890). Cambridge, Mass. 1983.
  • Galician Villagers and the Ukrainian National Movement in the Nineteenth Century. Basingstoke u.a. 1988.
  • Religion and Nationality in Western Ukraine: The Greek Catholic Church and the Ruthenian National Movement in Galicia, 1867-1900. Montreal u.a. 1999.

Übersetzer:   Christian Weise — Wörter: 5874

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Makroebene: Wie wird sich die Wirtschaft der Ukraine 2018 entwickeln?

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Im heutigen Informationsraum kursieren mehr denn je Konjunkturprognosen für 2018. Gleichzeitig sind die Unterschiede in den Aussagen sehr groß: von zurückhaltenden und konservativen Prognosen der Nationalbank der Ukraine (NBU) und der Regierung bis hin zu hysterischen pessimistischen Aussagen der Pseudoökonomen im Sinne „Alles ist verloren“. Lassen Sie uns versuchen zu verstehen, wie ist das Gesamtbild des Marktes, welche Aussichten und welche Risiken erwarten unsere Wirtschaft 2018.

Konsens über die Höhe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und unterschiedliche Meinungen über die Inflationshöhe

Eine Analyse der Bruttoinlandsprognosen-Prognosen für 2018 und deren Dynamik für das Jahr 2017 haben gezeigt, dass unsere westlichen Partner und Behörden im Prinzip mit mäßigem Optimismus in die Zukunft blicken. Die Prognosen für das BIP-Wachstum liegen im Bereich von 3,0 bis 3,5 Prozent. Trotzdem kann man auf dem Markt auch auf Pessimisten treffen, die für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 2-2,5 Prozent geben. Nichtsdestoweniger geben die Regierung der Ukraine und der Internationale Währungsfonds als Schlüsselkreditgeber gute Prognosen für das Land. Allerdings ist für mich ein Geheimnis geblieben, warum die ungewöhnliche Aussage des Premierministers über ein mögliches BIP-Wachstum im Jahr 2018 um fünf Prozent nicht in die offiziellen Dokumente des Kabinetts hinein gelangte. Aber wir sollen uns daran erinnern, dass die Prognose selbst von soliden internationalen Organisationen oder von den Behörden immer eine Prognose bleibt.

Die Inflationsprognosen sahen komplizierter aus. Es kam zu Unterschieden, als klar wurde, dass die NBU 2017 unter Berücksichtigung der angekündigten Abweichungsintervalle nicht ihr Ziel erreichen wird. Prinzipiell ist das nichts Schlimmes, denn auch in den G20-Ländern wird das jährliche Inflationsziel nicht eingehalten. Dies hat sich jedoch bereits auf die Prognosen ausgewirkt. Es kann gut sein, dass selbst die NBU ihre Inflationsprognose nach einer detaillierteren Analyse des Staatshaushalts anpassen wird.

Das Kabinett hat für das Jahr 2018 bereits relativ faire neun Prozent festgelegt. Internationale Organisationen sind in der Regel bei der Überarbeitung von Prognosen träge, sodass sie einfach hinter den Haushaltsinitiativen der ukrainischen Regierung hinterherhängen können, was in allen Ländern üblich ist. Aber die Differenz in den Inflationsprognosen zwischen Zentralbank und Kabinett können nur beunruhigen. Es wird deutlich, dass in der Vertikalen der Exekutivgewalt keine gute Kommunikation stattfindet und sich das Entscheidungszentrum situativ im Machtradius bewegt, je nach den Wünschen der entscheidenden Staatsbediensteten. Für den Zielsetzungs-Modus ist dies natürlich ein inakzeptables Szenario. Dennoch bleibt der Spread der Inflationsprognose für das Jahr 2018 selbst im Vergleich zu den Ergebnissen von 2017 nicht so groß, und die meisten Prognostiker sind sich einig, dass die Inflation 2018 geringer ausfallen wird als 2017.

Risiken der Nichterfüllung von Prognosen

Während man Prognosen für die Ukraine selbst von soliden Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank oder der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung wahrnimmt, muss man verstehen, dass es sich um Prognosen für eine Wirtschaft handelt, die sich auf einer instabilen Basis entwickelt. Neben Krieg, Blockaden und politischen Schocks hat die Wirtschaft unseres Landes eine eigene Besonderheit – ein hohes Verhältnis von Exporten zum Bruttoinlandsprodukt. Mit anderen Worten, unser Land ist sehr abhängig von Export-Import-Transaktionen und jedes Ungleichgewicht in den Außenwirtschaftsbeziehungen oder der Crash der für uns wichtigsten Rohstoffmärkte in der Welt, wird dazu führen, dass alle Prognosen dringend angepasst werden müssen.

Einfacher gesagt, wenn die Wahrscheinlichkeit des unerwarteten negativen Ereignisses für den US-Markt bei 0,5 Prozent liegt, dann beträgt für die Ukraine die Wahrscheinlichkeit schon 20-30 Prozent. Dies liegt daran, dass wir auf Exporte mit einer geringen Produktionsverteilung angewiesen sind und dass ihre Diversifizierung sehr gering ist. Die Nachfrage kann je nach der Situation in der Wirtschaft der Nachbarländer variieren.

Zum Glück für uns sollte 2018 für uns keine globalen Überraschungen bereithalten. Der Internationale Währungsfonds verbesserte seine Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum im November auf 3,75 Prozent. Positiv ist auch, dass sich die Verbesserung der Prognosen auch auf die chinesische Wirtschaft ausgewirkt hat: für 2018 mit einem Plus von bis zu 6,5 Prozent, was im Jahr 2018 eine stabile Nachfrage nach Metallprodukten und Eisenerz aus der Ukraine garantieren kann. Und im Allgemeinen werden die Schwellenländer 2018 laut Prognosen vom IWF um 4,9 Prozent wachsen, was auch eine stetige Nachfrage nach Nahrungsmitteln gewährleistet.

Dennoch bleiben die Risiken der Nichterfüllung der Makroprognosen im Jahr 2018 hoch. Wenn wir die Korrektheit der BIP-Wachstumsprognosen einschätzen, würde ich eine signifikante Arbeitsmigration von Ukrainern nach der Einführung des visafreien Reisens herausgreifen. Ohne Arbeitskraft gibt es keine Wirtschaft, und wir leihen einige dieser wertvollen Ressourcen, die aus natürlichen Gründen ebenfalls an Volumen verlieren, an unsere Nachbarn. Hier hat die Ukraine einen unbekannten Weg eingeschlagen, dessen Ergebnisse schwer vorhersehbar sind, und sogar die erste Statistik über die Ergebnisse des visafreien Reisens tauchte erst auf, nachdem die wichtigsten makroökonomischen Parameter für 2018 prognostiziert wurden. Wenn jedoch der Abfluss von Arbeitskräften weitergeht, dann könnte die Ukraine 0,2-0,5 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2018 einbüßen. Daher glaubt man an ein 3,5-prozentiges Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2018 weniger als an ein 3,0-prozentiges.

Was die Inflationsprognosen anbelangt, denke ich, dass die Mehrheit derjenigen, die ihre Prognosen abgegeben haben, das Niveau ihrer Prognosen näher am Neujahrstag auf zehn Prozent bringen wird. Es kann jedoch festgehalten werden, dass die Inflation 2018 unter dem Niveau von 2017 liegen wird.

Im Allgemeinen, wenn wir die politische Komponente, um es gelinde auszudrücken, die angespannten Beziehungen mit der Russischen Föderation und die Gefahr eines schwindenden Dialogs mit dem Internationalen Währungsfonds verwerfen, würde ich sagen, dass 2018 für die Ukraine besser sein sollte als 2017.

26.12.2017 // Witalij Schapran, Kandidat der Wirtschaftswissenschaften, Leiter der Kommission für Bankenanalyse der ukrainischen Gesellschaft der Finanzanalysten (UOFA)

Quelle: Lewij Bereg

Übersetzerin:   Ilona Stoyenko — Wörter: 952

Ilona Stoyenko stammt aus Krementschuk (Ukraine) und hat an der Ludwig-Maximilians Universität München das Fach Wirtschaftswissenschaften mit einem Bachelor abgeschlossen. Dem folgte ein Master-Abschluss an der Fernuniversität Hagen. Sie arbeitet als Key Account Managerin bei der RYDOS UG (haftungsbeschränkt) und von Zeit zu Zeit trägt sie zu den Ukraine-Nachrichten bei.

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Seit dem 1. Januar 2018 sind die Ukrainer verpflichtet, ihren gesamten Müll zu sortieren. Doch warum hat niemand damit angefangen?

Zigarettenkippen auf der Straße - Ukraine
Seit dem 1. Januar sind die Ukrainer verpflichtet ihren gesamten Müll nach Abfallarten zu sortieren. Müll, der zur Verarbeitung und Weiterverwendung geeignet ist, muss dann getrennt von Müll zur Vernichtung entsorgt werden. Allerdings hat faktisch niemand in der Ukraine an Neujahr begonnen ihn zu sortieren. Warum, hat „Strana“ herausgefunden.

Warum hat man sich plötzlich des Abfalls angenommen?

Die Nachricht darüber, dass der Müll ab dem 1. Januar sortiert werden muss, hatte für Tage viele Ukrainer aufgeregt. Tatsächlich wurde aber, auch wenn dies die meisten Menschen schon wieder vergessen haben, schon vor fünf Jahren über die Mülltrennung in der Ukraine gesprochen.

2012, als sich die Ukraine schon auf die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU vorbereitete, wurde eine solche Norm in das ukrainische Gesetz „Über den Abfall“ eingebracht. So brachte die Ukraine das Gesetz in Übereinstimmung mit zwei Direktiven der EU – Nr.1999/31/EU und Nr.2008/98/EU, die den Umgang mit Müll in den Ländern der EU regulieren. Artikel 32 besagt, dass es in der Ukraine ab dem 1. Januar 2018 verboten ist, unbearbeiteten Haushaltsmüll auf Müllhalden zu entsorgen.

Weder diese, noch irgendein anderes existierendes Gesetz beschreibt die Liste und Abfolge der Müllbehandlung. In der Ukraine wurden keine notwendigen, die Sortierung regulierenden Dokumente beschlossen, obwohl in der Rada in den letzten vier Jahren etwa zwei Dutzend den Bereich betreffende Entwürfe registriert wurden.

Das heißt, es gibt ein Gesetz, dass der Müll getrennt werden muss, aber wie das praktisch getan werden soll, weiß niemand. Es ist nicht verwunderlich, dass im neuen Jahr faktisch niemand in der Ukraine mit der Umsetzung des Gesetzes begonnen hat.

Wie soll die Mülltrennung aussehen?

In der Theorie soll der gesamte Müll in der Ukraine seit dem 1. Januar 2018 bevor er auf der Müllhalde landet ein strenges Casting durchlaufen. Zuerst muss man ihn nach Materialarten (Plastik, Papier, Glas, organische Abfälle, usw.) trennen. Danach trennt man die Abfälle in ungefährliche (die auf die Müllhalde kommen) und gefährliche für Lagerung oder zur Wiederverwendung geeignet. Erstere, die ungefährlichen, transportiert man einfach zur Müllhalde. Mit den beiden anderen ist es schwieriger.

Gefährlicher Müll wird zur Verarbeitung (Aufarbeitung) gebracht, um ihn unschädlich zu machen und zu speziellen Lagerstätten zu bringen. Und Abfälle, die zur Wiederverwendung geeignet sind, werden zu etwas anderem umgewandelt, je nach Technologie des Betriebes. Darunter sollen auf normalen Halden keine Abfälle gelangen, die sich biologisch abbauen. (Norm der Direktive 1999/31/EU).

Wozu dient getrennte Abfallsammlung in der Ukraine?

Nach einem Bericht des Ministeriums für Regionalentwicklung, Bau und kommunale Wohnungswirtschaft wurden im Jahr 2015 gerade mal 5,8 Prozent des gesamten Mülls in unserem Land verarbeitet: 2,71 Prozent wurden verbrannt, 3,09 Prozent zum Recycling gebracht. Zur gleichen Zeit, in der in Europa im Durchschnitt bis zu 40 Prozent der Abfälle verarbeitet werden.

Im Übrigen nehmen heute allein die offiziellen Müllhalden in der Ukraine eine Gesamtfläche von 43.000 Quadratkilometern ein, das ist mehr als das Territorium der nicht kontrollierten Gebiete im Donbass. Und jeder Ukrainer fügt täglich mindestens ein Kilogramm Müll zu dieser Gemeinschaftshalde hinzu.

Seit dem Moment des Beschlusses der neuen Norm über die Trennung und Verarbeitung des Mülls sind sechs Jahre vergangen und in dieser Zeit hat die Regierung sprichwörtlich nichts für ihre Einführung in die Praxis getan.

„Wenn man ein Haus baut, baut man zuerst das Fundament, aber unsere Regierung hat zuerst das Dach gebaut“, beschreibt der Ökologe Wladimir Borejko die Situation der Einführung der Mülltrennung in die Ukraine. Seiner Meinung nach wird sie jetzt und auch in naher Zukunft nicht funktionieren.

Wo liegt das Problem?

Die Einführung eines Systems der getrennten Müllsammlung für die gesamt Ukraine gelingt vorerst nicht – die Kapazitäten reichen nicht.

In der Ukraine gibt es bisher keinen einzigen Betrieb zur komplexen Müllverwertung. Zu Zeiten der Sowjetunion existierten in der gesamten Ukraine vier Müllverbrennungs-Betriebe, von denen nur einer übrig geblieben ist, das Werk „Energija“ in Kiew. Es gibt noch drei weitere Müllverbrennungsanlagen. Mit Werken zur Verarbeitung von Plastik ist es im Land ganz schwierig.

Ein weiteres Problem ist das Fehlen der nötigen Infrastruktur. Bei Weitem nicht alle Wohnorte verfügen über Müllsortierungs-Linien. Gar nicht davon zu sprechen, dass nicht einmal in Kiew bis jetzt bei allen Wohnhäusern Container für die getrennte Müllsammlung aufgestellt wurden.

„Gehen Sie doch durch die Straßen und schauen Sie! Stehen vor vielen Häusern Container für die getrennte Abfallsammlung? Die Mülltonnen sind voll, niemand sortiert irgendwas. Und in der nächsten Zeit fangen sie auch nicht damit an. Dieses Jahr ganz sicher nicht. Weil alles nicht durchdacht getan wird. Das ist ein Potjomkinsches Dorf“, meint Wladimir Borejko.

Der Experte beharrt darauf, dass man dieses System schrittweise hätte einführen müssen. Zuerst Behälter für die getrennte Sammlung gefährlicher Abfälle produzieren, zum Beispiel für Quecksilberthermometer, Lampen und Batterien. Das heißt für die Abfälle, die man nicht einfach auf die Müllhalde bringen darf, weil sie sehr schädlich für die Umwelt sind. Man muss sie bearbeiten oder einzeln lagern.

„Essensabfälle kann man schon jetzt getrennt sammeln, um Biogas herzustellen oder sie zu kompostieren. Und was Plastik angeht, was derzeit etwa 80 Prozent des gesamten Mülls in der Ukraine ausmacht, das würde ich vorerst nicht getrennt sammeln. Man kann es einfach nirgendwo verarbeiten. In der Ukraine gibt es nur 10-15 Betriebe, die Plastik aufarbeiten. Aber für unser Aufkommen brauchen wir ungefähr hundert Betriebe. Deshalb sehe ich im Augenblick keinen Sinn darin, Plastik in der Ukraine getrennt zu sammeln. Nur um darüber Rechenschaft abzulegen und es dann einfach wegzuwerfen?“, kommentiert Wladimir Borejko.

Ein Schlüsselmoment, den der Gesetzgeber verpasst hat, wäre, der Wirtschaft eine ökonomische Motivation zur Trennung und Aufarbeitung von Müll zu geben. Zum Beispiel könnte man Steuernachlässe für die ersten zehn Jahre der wirtschaftlichen Tätigkeit einführen. Aber wenn die Wirtschaft kein Interesse daran hat Müll zu verarbeiten, wird aus dem Vorhaben nichts werden, meint Borejko.

Wird es Strafen geben?

Unabhängig davon, dass die Infrastruktur der Ukraine bei Weitem nicht bereit für die getrennte Abfallsammlung ist, droht man den Ukrainern für das Wegwerfen unsortierten Mülls mit Strafen. So zieht das Lagern unsortierter Haushaltsabfälle eine Strafe von 340 – 13.360 Hrwynja (gerade 10 – 380 Euro) – nach sich und für Unternehmer von 850 bis 1700 Hrwynja (etwa 24 – 49 Euro). Für wiederholte Gesetzesverstöße im Laufe eines Jahres eine Strafe von 1360 bis 1700 Hrwynja, für Unternehmer bis 3400 Hrwynja. Diese Gelder sollen die Kreisbudgets auffüllen.

In Wirklichkeit zweifelt Wladimir Borejko daran, dass man Gesetzesbrecher wirklich bestrafen wird. Man weiß überhaupt nicht, wie man sie überführen soll. „Jedes Gesetz sollte eine wirtschaftliche Basis und eine Bestrafung für Nichteinhaltung beinhalten. Im gegebenen Fall ist überhaupt nicht klar, wie die Ukrainer bestraft werden sollen. Wer soll sie bestrafen? Auf der Straße fangen mit dem Müllbeutel in der Hand? Wer wird Protokoll führen, konkret? Irgendeine Inspektion, die Polizei, die Abteilung „Wohnkomfort“ – wer? Und vor allem – wofür? Ich gehe aus dem Haus, gehe zur Mülltonne, aber es gibt keine Spezialcontainer. Wofür soll man mich bestrafen, wenn ich den Müll nirgendwo hinwerfen kann? Haben Sie vor jedem Haus Behälter für die Mülltrennung gesehen? So sieht’s aus“, sagt der Ökologe

6. Januar 2018 // Anastassija Towt

Quelle: Strana

Übersetzerin:   Anja Blume — Wörter: 1244

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

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Sechs Neuerungen im Jahr 2017, die von wichtigen Veränderungen in der Ukraine zeugen

Rückblick 2017 Ukraine
Das Jahr 2017 lässt sich nicht als ruhig bezeichnen.Bereits das vierte Jahr herrscht Krieg im Osten sowie in den Regierungskabinetten und unter den Füßen das Gefühl der Schwerelosigkeit, das einen in Unsicherheit darüber versetzt, was morgen wird. Im Jahr 2017 gab es jedoch auch viele positive Wandlungen im Land. Sie geben uns die Chance, dass wir in einigen Bereichen den richtigen Weg gehen. Langsam beginnen wir, für das Recht auf qualitative Gesundheitsversorgung und Bildung zu kämpfen, die Rechte von Kindern zu schützen und häusliche Gewalt zu bekämpfen sowie zu begreifen, dass Tierquälerei nicht in die Welt gehört, in der wir leben wollen.

Die „Ukrajinska Prawda. Schyttja“ erzählt von sechs wichtigen Neuerungen im Jahr 2017, die Veränderungen in der Ukraine zeigen.

Bildung

Anfang September verabschiedeten die Parlamentarier ein wichtiges Gesetz „Über die Bildung“. Es öffnet den Weg für die Umsetzung der Reform der „Neuen ukrainischen Schule“, die vom Team des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft entwickelt wurde. Die Lehrer bekommen mehr Freiheit für Kreativität und neue Ansätze beim Unterrichten, sie dürfen nach von ihnen selbst entwickelten Bildungsprogrammen arbeiten. Außerdem verspricht die Reform, ihre Qualifikation und ihre Löhne erheblich zu erhöhen.

Kinder, die ab 2018 zur Schule gehen, lernen nicht elf, sondern zwölf Jahre. Kinder mit Behinderungen können jetzt in allgemeinbildenden Schulen lernen, sie werden von einem Assistenten des Lehrers unterstützt.

Schuldirektoren werden in Wettbewerben ausgewählt – für maximal zwei Kadenzen – bis zu zwölf Jahre. Dabei werden sie das Recht haben, ihre eigenen Stellvertreter und das Lehrpersonal selbst zu ernennen.

Wir haben ausführlich darüber geschrieben, was das Gesetz für Kinder und Lehrer ändert.

Außerdem begann in der Ukraine ein wunderbares Projekt „Lehren für die Ukraine“. Menschen, die lehren wollen und gründliche Kenntnisse in mindestens einem Fach haben, unterrichten in den Regionen, die es wirklich brauchen.

Medizin

Nach langwierigen Debatten, Protesten und Wellen des Widerstands verabschiedeten die Parlamentarier auch die medizinische Reform des Teams von Uljana Suprun (geschäftsführende Ministerin für Gesundheitsschutz der Ukraine, A.d.Ü.), die offiziell den Start für Änderungen gab.

Präsident Petro Poroschenko versprach, das angenommene Dokument in naher Zukunft zu unterschreiben (am 28. Dezember 2017 geschehen, A.d.R.).

Das bedeutet, dass das Geld „für den Patienten gehen“ wird, der Staat zahlt nicht für Betten, sondern für bestimmte medizinische Leistungen an bestimmte Menschen, die Hilfe benötigen. Der Patient wählt selbst einen Hausarzt, und der Staat bezahlt dem Mediziner seine Leistungen.

In der Ukraine wird eine von lokalen Behörden oder dem Ministerium für Gesundheitsschutz unabhängige Gesundheitsbehörde eingerichtet – der nationale Gesundheitsdienst, der medizinische Leistungen bestellen wird. Krankenhäuser werden autonom und können selbst entscheiden, was sie brauchen. Es gibt jedoch bestimmte Bedrohungen für diese Autonomie.

Ein weiterer medizinischer Sieg ist das elektronische Insulinregister. Es könnte nicht nur 35.000 tote Seelen identifizieren, für deren Behandlung wir aus eigener Tasche bezahlt haben, sondern wird es dem Staat erlauben, selbst für Insulin eine halbe Milliarde Hrywnja (knapp 14 Millionen Euro) jährlich zu sparen. Dies ist ein Beispiel dafür, wie E-Health im gesamten Gesundheitssystem funktioniert.

Zum ersten Mal werden erwachsene Patienten mit Blutkrebs zu 100 Prozent auf staatliche Kosten behandelt.

Auch startete der Staat eine vereinfachte Registrierung von Arzneimitteln, die es qualitativen europäischen Arzneimitteln erlaubt, auf den ukrainischen Markt zu gelangen, und die Preise für Medikamente im Allgemeinen bald senkt.

Die Parlamentarier verabschiedeten auch das Gesetz von Petro Poroschenko über die ländliche Medizin. Gesondert ist im Dokument das Programm der Unterstützung der Telemedizin in Dörfern in der Ukraine vorgeschrieben. Was die Telemedizin ist, die in ländlichen Gebieten eingeführt werden soll, finden Sie in der Erklärung des Ministeriums für Gesundheitsschutz.

Schutz der Menschenrechte

In der Ukraine erschienen „Polina“ genannte mobile Brigaden , um häuslicher Gewalt entgegenzuwirken. Dies sind ausgebildete Polizeipatrouillen, die auf Anrufe bezüglich häuslicher Gewalt reagieren. Gegenwärtig arbeitet “Polina“ im Stadtteil Darnyzja in Kyjiw, im Stadtteil Malynowskyj in Odessa sowie in Sewerodonezk. Fast 5.000 Anzeigen gingen innerhalb von vier Monaten bei diesen Einheiten ein, 22 Strafverfahren wurden eröffnet. Insgesamt meldeten sich innerhalb von neun Monaten mehr als 80.000 Opfer dieses Problems bei der Polizei ein. Es sind nur zehn Prozent aller Fälle von häuslicher Gewalt, andere sind immer noch im Dunkeln. Im Jahr 2018 wird das Projekt auf mehrere andere Regionen ausgeweitet.

Ein weiterer äußerst wichtiger Schritt ist der kürzlich verabschiedete Gesetzesentwurf „Über Verhütung und Bekämpfung häuslicher Gewalt“. Er sieht eine Reihe von Neuerungen vor, um dieses Problem umfassend anzugehen: von der Schaffung eines einzigen staatlichen Registers für Fälle häuslicher Gewalt bis hin zur Schaffung von Programmen für Opfer und Täter.

Auch verabschiedete die Werchowna Rada ein Gesetz, das die Verantwortung für die Nichtzahlung von Alimenten erhöht. Jetzt kann es dem Schuldner, der Alimente seit mehr als sechs Monaten nicht bezahlt, verboten werden, Auto zu fahren, ins Ausland zu reisen, Waffen zu haben, usw. bis zur vollständigen Begleichung von Zahlungsrückständen. Er kann auch zur Sozialarbeit verurteilt werden, und wenn der Mensch sie nicht erledigt, kann er eine kurzzeitige Gefängnisstrafe erhalten.

Reform der Kinderheime

Die Ukraine hat offiziell begonnen, Kinderheime zu reformieren. Während der Zeit der Unabhängigkeit ist dies der dritte Versuch und es besteht die Chance, dass es endlich gelingen wird. Die Kinderheime zerstören das Leben von 106.000 Kindern, die jetzt dort leben. 92 Prozent von ihnen haben Eltern oder Erziehungsberechtigte. Die Kinderheime zerstören nicht nur die emotionale, sondern auch die psychische Gesundheit von Kindern, wie zahlreiche Studien zeigen.

Bis zum Jahr 2025 werden stattdessen Dienstleistungszentren für Familien geschaffen – Dienstleistungen für Kinder mit Behinderungen, Sprachtherapeuten, Defektologen, Psychologen sowie Unterstützung für Eltern. Kinder kehren in die Familie zurück, mit denen Sozialarbeiter arbeiten werden.

Tierschutz

Die Werchowna Rada verabschiedete ein Gesetz über die Tierquälerei, indem sie Aktivisten und alle, die sich um die humane Behandlung von Tieren kümmern, zufriedengestellt hat. Jetzt kann man für Tierquälerei bis zu acht Jahren ins Gefängnis kommen. Das Gesetz verbietet auch deutlich mobile Menagerien und Zirkuszelte mit Tiere. Trotz des Gesetzes touren die Zirkuszelte weiter.

Aber es gibt positive Änderungen. Im Jahr 2019 könnte in allen Schulen in Kyjiw ein Unterricht über die humane Behandlung von Tieren einführt werden. In Lwiw werden sie bereits eingeführt. Und in Odessa wurden Katzen überhaupt als Teil des Ökosystems der Stadt anerkannt. Aber nach wie vor bleiben die Fragen der Tiere in Zirkussen ungelöst.

Ukrainischquoten im Fernsehen

Von nun an sollten nicht weniger als 75 Prozent der Sendungen auf den landesweiten Fernsehkanälen ausschließlich auf Ukrainisch ausgestrahlt werden. So beschloss es die Werchowna Rada im Mai dieses Jahres. Regionale und lokale Kanäle müssen mindestens 50 Prozent der Inhalte in ukrainischer Sprache haben.

Und alle Filme in einer fremden Sprache sollten in der Ukraine mit Ausnahme von sowjetischen Filmen auf Ukrainisch synchronisiert oder vertont werden. Wir erinnern daran, dass seit Herbst 2016 ukrainische Sprachquoten im Radio gelten.

Wir hoffen, dass das nächste Jahr nicht weniger fruchtbar sein wird, die verabschiedeten Gesetze zu funktionieren beginnen und wir alle etwas freundlicher sein werden.

Ihre „Ukrajinska Prawda. Schyttja“ :)

21. Dezember 2017 // Iryna Andrejziw

Quelle: Ukrajinska Prawda. Schyttja

Übersetzerin:   Roksoliana Stasenko — Wörter: 1222

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Wie Lemken und Bojken ihre Gemeinde im Donbass bauen

griechisch-katholische Kirche in Swaniwka, Gebiet Donezk

„Ich wusste nicht einmal, wohin wir fahren. Wir wurden in die Güterwagen geladen. Zuerst wurden junge Leute zur Baustelle gebracht. Ich erinnere mich, es gab drei Züge von uns… Und dann kamen andere Dorfeinwohner“, erzählt die 81-jährige Julia auf dem Weg von der Kirche.

Sie wurde in Liskowate geboren (bis 1951 – ein Dorf im Gebiet Drohobytsch, gehört mittlerweile zum Kreis Bieszczady, Wojewodschaft Podkarpackie (Karpatenvorland) der Republik Polen, hrsg.), lebt aber seit mehr als 65 Jahren in Swaniwka, Oblast Donezk.

1951 wurden im Rahmen des Gebietsaustausches zwischen der UdSSR und Polen alle Bewohner von Liskowate, wo Lemken und Bojken wohnten, in die Oblast Donezk umgesiedelt, während in das Dorf Polen aus der Ukrainischen SSR gebracht wurden.

„Ich ging damals noch in die Schule. Wir wurden von dorthin mit ganzen Familien abgeholt, man gab uns hier Häuser mit zwei Zimmern.

Ein Dorf wurde irgendwo in die Nähe von Mariupol umgesiedelt, unser Dorf war sehr groß, deswegen wurde es beim Umzug in drei geteilt – Swaniwka, Werchnokamjanske und Rosdoliwka“, – erinnert sich Julia.

alte Frauen in Swaniwka

Die Dörfer sind circa 35 Kilometer von der Frontlinie der Antiterroroperation entfernt. Die Gemeinde hat über 3.000 Einwohner. Von dem Regionszentrum- Bachmut – kann man hierher mit dem Bus und mit dem Zug kommen.

Aus den Karpaten in die Steppe

Die Menschen wollten nicht umziehen, aber sie waren gezwungen, ihre Häuser und all die Dinge, die nicht mit in den Zug genommen werden konnten, zu verlassen und umzusiedeln.

„Obwohl es ein stalinistisches, ein banditisches, ein terroristisches Regime war, haben sie nichtsdestotrotz alles gut organisiert – sie stellten uns einen Zug zu Verfügung, brachten uns zum Zug, transportierten alles.

Dann gaben sie allen sogenannte Umsiedlungsausweise und stellten etwas Geld zur Verfügung. Zwei Familien bekamen einen Wagen, wo man alles, sogar eine Kuh, mit Ausnahme von Hühnern und Katzen laden konnte“, – erzählt einer der aktivsten Einwohner von Swaniwka, ein sozialer Aktivist, Gründer des „LEMKO-Zentrums“ und Leiter der öffentlichen Organisation „Spadschtschyna!“ (Erbe, A.d.R.) Andrij Tymtschak.

Lemko-Zentrum Andrij Tymtschak

Andrij hat vier Kinder. Seine Eltern wurden 1951 auch hierher umgesiedelt. Andrij selbst wurde bereits in Swaniwka geboren.

Im Wohnzimmer seines Hauses gibt es zwei Flaggen – eine blau-gelbe und eine rot-schwarze, die ganze Bibliothek pro-ukrainischer Bücher wurde hier geschaffen. Er ist überrascht, wenn ich darauf hinweise, dass in Swaniwka alle Ukrainisch sprechen.

„Und was ist so interessant daran, welche Sprache sollen wir sonst sprechen? Wir leben ja in der Ukraine!“, antwortet er rhetorisch.

Aus den Geschichten seiner Eltern erinnert er sich daran, wie schwierig es für die Umgesiedelten war, sich an das andere Klima zu gewöhnen.

„Die Menschen fuhren mehrere Wochen in Güterwagen in die Oblast Donezk. Und wenn es im Sommer in den Karpaten oft regnet, die Luftfeuchtigkeit hoch, die Luft sauber ist, dann war es dort, wo sie kamen, mehr als 30 Grad Hitze.

Leute versteckten sich in Kellern. Es war unmöglich, nachmittags auf die Straße zu gehen, aber man musste in den Kolchos arbeiten gehen.

Es gibt in den Karpaten fast keinen Wind, und hier gab es oft trockenen Wind, die Waldplantagen waren noch nicht da – die Steppenläufer rollten. Manchmal kamen sie zusammen und erreichten drei Meter im Durchmesser“, erzählt Andrij.

Davor wurde eine Brigade junger Leute von den Grenzgebieten in die Oblast Donezk geschickt, um Häuser für diejenigen zu bauen, die hierher kamen.

Es wurden Holzhäuser gebaut – Flechtwerkwände aus Schwartenholz (zweiklassige unbeschnittene Bretter) und Ton unter einem Strohdach, und in eine Hütte, 6×7 Meter groß, wurden drei oder vier Familien einquartiert.

„Es wurde erzählt, dass diese Häuser im Frühling zu sprießen begannen. Das Korn, das im Stroh war, wurde nass und wand sich durch die Wände in den Häusern.

Dann gewöhnten sich die Menschen ein und begannen, ihre eigenen Häuser zu bauen“, sagt der Aktivist.

Häuser im Donezker Gebiet

Die Häuser, die Lemken und Bojken bauten, unterschieden sich wesentlich von denen der Einheimischen – sie waren aus Ziegeln, größer. Sogar jetzt heben sie sich von anderen Dörfern in der Oblast Donezk ab. Das bemerken alle, die nach Swaniwka oder Werchnokamjanske kommen.

„Wir haben uns daran gewöhnt und achten nicht darauf. Die Armeeangehörigen, die zu uns aus der Westukraine kamen, und davor in anderen Dörfern in der Oblast Luhansk und Donezk waren, sagen, dass sie solche Dörfer noch nicht gesehen haben. Die Umsiedler haben dennoch ihren Beitrag eingebracht“, sagt der Vorsitzende der Gemeinde von Swaniwka Oleksandr Bilyzkyj.

„Ich merke das nicht, ich bin daran gewöhnt, weil ich hier aufgewachsen bin, doch alle Leute, die hierher kommen, sagen, dass wir hier ungewöhnliche Häuser haben.

Es wurde nun begonnen, massiv zu bauen, und 1990 gab es in den umliegenden Dörfern kleine Häuser, aber die Umsiedler aus der Westukraine bauten große Häuser.

Viele beneideten diese Schönheit, und die Menschen konnten einfach ihre Häuser mit Holz sowie mit Schnitzerei schmücken, indem sie jeden Ziegel hart abarbeiteten“, macht Andrij Tymtschak darauf aufmerksam.

Oleksandr Bilyzkyj

Eigene Kirche und Traditionen

Sofort nachdem die Ukraine unabhängig wurde, wurde in Swaniwka eine griechisch-katholische Kapelle gebaut.

Im Laufe der Zeit sammelten die Bewohner des Dorfes Geld und bauten eine große Kirche. Das Gebäude ist bereits fertig, aber innen nicht komplett verziert.

Am Sonntagmorgen wird hier der Gottesdienst abgehalten. Der Priester liest die Parabel, dass es nicht notwendig sei, arm zu sein, um Gottes Liebe zu verdienen, dass es gut sei, reich zu sein.

Beim Gottesdienst in der Kirche gibt es ältere Menschen, junge Menschen sowie sehr kleine Kinder. Der Gottesdienst ist auf Ukrainisch und endet mit einem Gebet für die Ukraine mit den Worten „Unser Gott, der große, der einzige, behüte uns die Ukraine“.

Die Bewohner von Swaniwka pflegen die gleichen Traditionen wie in ihrer kleinen Heimat – sie gehen in die Kirche, kommunizieren auf Ukrainisch.

„Wissen Sie, wir sprechen so, wie wir zu Hause sprachen. Ich kann und verstehe Russisch, wir lernten es in der Schule, aber sprechen kann ich es nicht … Besser Ukrainisch“, sagt die Bewohnerin von Swaniwka Halyna auf dem Weg von der Kirche.

Die Wahlergebnisse bei den Wahlen zeigen den klaren Unterschied im Wahlverhalten der Einwohner von Swaniwka und Werchnokamjanske. Die Unterstützung der proukrainischen Kandidaten war hier immer beträchtlich höher als in der gesamten Oblast Donezk.

So erhielt bei den Parlamentswahlen im Jahr 2014 über 40 Prozent der Stimmen in Werchnjokamjanske und mehr als 25 Prozent in Swaniwka der Vertreter der Partei „Swoboda“ (ukrainische rechtsradikale nationalistische Partei, A.d.Ü.) Andrij Losa.

Für proukrainische politische Kräfte – den Block Petro Poroschenko „Solidarität“ und „Narodnyj Front“ (Volksfront) stimmte in diesen beiden Dörfern 40 Prozent der Wähler, während die durchschnittliche Höhe der Unterstützung im Kreis Bachmut und allgemein in der Oblast Donezk weniger als 15 Prozent betrug.

Bushaltestelle in Swaniwka

Donezker Krippenspiel

Die Umsiedler aus den Karpaten brachten in die Oblast Donezk nicht nur ukrainische Sprache und Traditionen des alltäglichen Lebens, sondern auch ihre Weihnachtstheateraufführung – das Wertep/Krippenspiel.

Zuerst gab es sie nur in Swaniwka, und später begann sie in der Oblast Donezk und darüber hinaus zu reisen.

„Ich nahm seit der vierten Klasse am Wertep-Theater teil. In der Tat war es eine gleichartige Aufführung. An solchem Spieltheater nahm ich jedes Jahr teil, bis ich circa 30 wurde. Später begann ich, Kinder zu trainieren. Die Uniform nähte jeder für sich selbst…“, sagt Andrij Tymtschak.

Er erzählte, dass im Jahr 1988 zum ersten Mal neue Kostüme organisiert genäht wurden. Dann versammelten sich Leute, die über 50 Jahre alt waren.

Zum zweiten Mal wurden 2011 Kostüme genäht – Andrij und seine Frau entwarfen das Projekt „Club der Kinderfreizeit: Ukrainische Feste und Traditionen“ für den Internationalen Fonds „Widrodschennja/Renaissance“ und gewannen ein Stipendium. Für dieses Geld kauften sie guten Stoff.

Sternsinger - Krippenspiel in Swaniwka

„Seit 2011 begannen wir, unser Wertep außerhalb von Swaniwka darzustellen. Zunächst fuhren wir durch das Gebiet.

Meine Frau Julia und ich entschieden uns, das Wertep denjenigen zu zeigen, die es nicht sehen können – den Kindern von Internaten, Schulen, „Häusern des Kleinen“ – so wurde die Idee der Wohltätigkeitsaktion „Weihnachtliches Krippenspieltheater für alle im Donbass“ geboren.

Dank diesem Projekt fuhren wir dieses Jahr nach Lwiw, traten in der Dominikanerkirche bei der „Welyka Koljada“ (allukrainischem Festival der Weihnachtschöre „Großes Sternsingen“, A.d.Ü.) auf, erzählt Andrij Tymtschak.

Ungefähr seit dieser Zeit begann das Wertep sich zu transformieren.

Andrij glaubt, dass das Wertep – eine Art der Kommunikation mit der Welt sei, und er muss den Veränderungen in der Gesellschaft entsprechen.

„Wenn man älter wird, beginnt man zu verstehen, dass wenn man das Wertep in das „Haus des Kleinen“ bringt, und Herodes sagt: „Alle Kinder unter drei Jahre werden getöten „, dann haben die Kinder Angst.

Ich habe dann verstanden, dass man etwas ändern muss, und schrieb buchstäblich in 45 Minuten den neuen Text für das Wertep, während ich mit dem Zug von Bachmut nach Swaniwka fuhr“, – sagt Andrij Tymtschak.

Diese Version des Wertep gefiel den Teilnehmern so sehr, dass sie dann immer wieder erschien. Die nächste Version des Wertep wurde für Soldaten der Antiterroroperation geschrieben.

„Wenn die Ukraine sich entwickelt, dann sollte sie sich ändern“, glaubt Andrij Tymtschak.

Krippenspiel in Swaniwka

„Lemko-Zentrum“

Vor einigen Jahren begannen die Bewohner von Swaniwka, sich aktiver für ihre Herkunft zu interessieren. Es war dann, dass die Medien zu sagen begannen, dass in der Oblast Donezk Lemken und Bojken wohnen.

Laut Andrij Tymtschak, waren alle Leute, die 1951 nach Swaniwka umgesiedelt wurden – entweder Lemken oder Bojken.

„Nur sehr wenige Leute identifizieren sich stolz mit Lemken, aber es gibt solche. Wir hatten eine Großmutter, die vor dem Tod sagte: „Vergesst nicht, dass wir Lemken sind.“

Der Mensch lebte das Leben durch und konnte sich nicht als Lemko entdecken, aber wenn er stirbt und das seinen Kindern sagt, dann wissen das dankbare Kinder und werden damit leben.

Ich werde bald 50 Jahre alt und bis vor kurzem, sagen wir, noch vor zwei Jahren, sprach man über dieses Thema überhaupt nicht. Und als der Krieg im Donbass ausbrach, schlug ich meiner Frau vor zu zeigen, dass im Donbass keine Russen, sondern Ukrainer, einschließlich Lemken und Bojken leben“, sagt er.

Derzeit führen Andrij und seine Frau Julia (Leiterin der NGO „Tschariwni Runy/Magische Ruhnen“) die Idee des „Lemko-Zentrums“ ins Leben ein – das ist das ökologische jugendliche Lemko-Kultur- und Bildungsinnovationszentrum. Es befindet sich direkt auf dem Hof der Familie Tymtschak.

„Wir beschäftigen sich sowohl mit Workshops für Handwerk als auch mit Schulungen zu Projektmanagement, mit Kultur- und Bildungskartierung, mit der Umsetzung innovativer Technologien, mit dem Mülltrennen, alternativen Energiequellen,“ grünem „Tourismus, wir vermitteln die Informationen über die Reform der Dezentralisierung der Bevölkerung unserer Gemeinde, wir schreiben die Entwicklungsstrategie der Gemeinde von Swaniwka“, sagt Julia Tymtschak.

Basteln im Lemko-Zentrum

Geplant ist, eine Kunstschule und ein Kinderzimmer im LEMKO-Zentrum zu eröffnen, eine Webseite und Gemeinschaftszeitungen zu schaffen. Es besteht auch die Idee, ein innovatives Jugendzentrum auf der Basis des Kulturhauses von Swaniwka zu schaffen.

Julia Tymtschak erzählt, dass in diesem Jahr das Team von „Tschariwni Runy“ mehr als 50 Zuschussanträge einreichte, und bereits in 11 von ihnen gewann.

Das „LEMKO-Zentrum“ wird in die Richtung der Entdeckung des Vergessenen arbeiten“, sagt Andrij.

„Ostern ist im Frühling. Aber Schtschedriwky (ukrainische Volkslieder, die zum orthodoxen Neujahrsfest gesungen werden und in welchen man den Familien Reichtum, Wohlstand, reiche Ernte etc. wünscht; von ukrainisch schtschedryj – „großzügig“, A.d.Ü.) sollten auch im Frühling gesungen werden – „Schtschedryk, Schtschedryk, Schtschedriwotschka, letila lastiwotschka“ (bekanntes ukrainisches Lied, das vom ukrainischen Komponisten Mykola Leontowytsch komponiert wurde, erzählt über die Geschichte einer Schwalbe, die einem Mann viel Gutes für das nächste Jahr prophezeit, A.d.Ü.). Doch lastiwotschky (die Schwalben) fliegen nicht im Winter. Wir müssen Stereotype brechen und dieses Thema aufgreifen. Genau zur Zeit der Wesnjanky (alte slawische rituelle Lieder, die mit dem Beginn des Frühlings und der nahenden Frühlingsfeldarbeiten verbunden sind; von ukrainisch Wesna – „Frühling“, A.d.Ü.) sollte dieser Schtschedryk gesungen werden.“

Eigene territoriale Gemeinden

In diesem Jahr gewannen die Einwohner von Swaniwka und Werchnokamjanske das Recht auf ihre eigene Gemeinde.

Die Dörfer, wo Lemken und Bojken leben, sollten mit dem nahe gelegenen Ort Siwersk verbunden werden. Allerdings wollten die Bewohner sich in ihre eigene Gemeinde vereinigen, was die Gebietsverwaltung Donezk verweigerte.

Wie die stellvertretende Leiterin des Departments für Innenpolitik der Gebietsverwaltung Ljudmyla Bytschenko damals erklärte, haben die zwei Dörfer, die „rebellisch“ wurden, weder menschliche noch finanzielle Ressourcen, um eine wohlhabende vereinigte territoriale Gemeinde zu schaffen.

„Seid Ihr Separatisten, dass Ihr Euch abgrenzen wollt?“, erstaunte sie dann mit ihrer Antwort die „rebellischen“ Menschen.

Dann kamen mehr als 100 Einwohner von Swaniwka und Werchnokamjanske zu einer Demonstration nach Kramatorsk bei der Gebietsverwaltung Donezk. Und drei Tage nach der Demonstration erhielten sie doch eine lang erwartete positive Zustimmung der Gebietsverwaltung, auf welche die Bewohner anderthalb Jahre warteten.

Die Gebietsverwaltung war gezwungen, Zugeständnisse zu machen. Und im Oktober fanden in der Gemeinde von Swaniwka die Wahlen statt, bei denen Oleksandr Bilyzkyj gewann, der zuvor als stellvertretender Dorfbürgermeister gearbeitet hatte.

Er ist überzeugt, dass die Vereinigte territoriale Gemeinde von Swaniwka nicht nur kulturell und organisatorisch, sondern auch finanziell fähig ist.

„Das Budget der Gemeinde wuchs deutlich. Früher betrug das Budget von Swaniwka 1,3 Mio. Hrywnja (ohne Steuern auf das Einkommen natürlicher Personen). Im Zusammenhang mit der Bildung der Gemeinde wird es rund 15 Millionen Hrywnja von zwei Dorfräten betragen“, sagt der Vorsitzende der Vereinigten territorialen Gemeinde von Swaniwka.

Er fügte auch hinzu, dass die Gebietsverwaltung einen Beschluss zur Änderung des Perspektivenplans vorbereitet, der direkte Zwischenhaushaltsbeziehungen mit dem Staat eröffnet. Dadurch kann man legale Zuschüsse für Bildung und Medizin für die Gemeinschaft erhalten.

Auch werden hier die Entwicklungsmöglichkeiten auf Kosten von Zuschüssen aktiv genutzt.

Mit Unterstützung der US-Agentur für internationale Entwicklung plant die USAID den Bau einer kleinen Milchfabrik für die Gemeinde im Dorf Werchnokamjanske.

„Auf einer der Sitzungen schlugen wir Andrij und Julia Tymtschak vor, sich freiwillig mit Zuschüssen zugunsten der Gemeinschaft zu beschäftigen.

Das konnten weder ich noch andere Bewohner des Dorfes tun, und sie hatten damit mehr zu tun und verstanden diese Fragen.

Sie stimmten zu und gewannen für das Dorf einen Zuschuss von USAID über fast 7 Millionen Hrywnja für den Bau einer Milchfabrik. Dies ist eines der größten Projekte, und sie schreiben viele von ihnen“, sagt der Dorfbürgermeister Oleksandr Bilyzkyj.

Ein weiteres Förderprojekt auf Initiative der lokalen Bevölkerung ist die Schaffung eines Museums im Kulturhaus von Swaniwka. Das Museum wird sehr symbolisch „Einheit der Ukraine“ genannt.

Es werden zwei Kulturen gezeigt – die Menschen, die vor 66 Jahren aus der Westukraine kamen, und die, die hier in den letzten 700 Jahren gelebt haben.

13. Dezember 2017 // Wolodymyr Rychlizkyj, Bewegung „Starke Gemeinden“

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzerin:   Roksoliana Stasenko — Wörter: 2467

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In eigener Sache zum Jahreswechsel 2017/2018

Liebe Leserinnen und Leser,

auch 2017, das zehnte Jahr des Bestehens von Ukraine-Nachrichten, war mit dem fortdauernden Krieg in der Ostukraine, der Eurovision, Visafreiheit und dem Theaterstück um Micheil Saakaschwili ein ereignisreiches Jahr in der Ukraine und der Jahreswechsel bietet die Gelegenheit Bilanz zu ziehen. Trotz der erwähnten Ereignisse gab es kein größeres Interesse an der Ukraine und die Besucherzahl der Website verharrte auf Vorjahres- beziehungsweise Vormaidanniveuau. Über das ganze Jahr hinweg gesehen, besuchten etwa noch 160 000 Menschen die Seite. Der besucherstärkste Tag war 2017 mit dem 1. Februar ein Mittwoch, nachdem Kiewer Medien freimütig über Offensivhandlungen der Armee im Donbass berichteten. Unter den Besuchern dominierten mit über 62 Prozent weiter diejenigen aus der Bundesrepublik. Verzerrt wurde die Statistik durch etwa 19 Prozent amerikanische Besucher, was auf Proxies und Betrachtungen innerhalb von Apps zurückzuführen sein wird. Die Ukraine folgte an dritter Stelle, danach kamen Österreicher und Schweizer.

Den langjährig geschürten Erwartungen geschuldet war der populärste Artikel 2017 der Beitrag „Ohne Visum, aber nicht ohne Regeln: Wie wird die Visafreiheit mit der Europäischen Union in der Praxis funktionieren?“ zur praktischen Umsetzung der Aufhebung der Visumspflicht für Ukrainer bei Reisen in die Europäische Union. Zum meist gesuchten Schlagwort wurde im vergangenen Jahr die Suche nach dem Einkommen der Ukrainer. In den Umfragen erwies sich die Befragung zur Einreisesperre für die Russin Julia Samoilowa zur Eurovision in Kiew als am zugkräftigsten. Knappe 56 Prozent der 686 fanden das Verbot nicht richtig. Für die etwas mehr als 180 Beiträge über das Jahr waren wieder mehr als 25 Übersetzerinnen und Übersetzer und Autorinnen und Autoren verantwortlich. Auf diesem Wege allen noch einmal ein gesonderter Dank.

Der Anteil der mobilen Nutzer mit Smartphones und Tabletcomputern stieg 2017 weiter an. Fast 42 Prozent der Besucher kommen inzwischen mit einem mobilen Gerät auf die Seite. Die Zahl der Kommentare wurde von einigen wenigen Kommentatoren aufgrund einiger sehr polarisierender Artikel auf im Schnitt 30 pro Monat angehoben. Für Anregungen oder Kritik in diesem Bereich sind wir selbstverständlich offen.

Wie gehabt suchen wir auch ständig nach neuen Beiträgen und neuen Mitgliedern für das Übersetzerteam. Kontaktmöglichkeiten und die Voraussetzungen finden Sie weiter im Bereich Mitarbeit.

Der Weiterbetrieb der Seite ist natürlich mit Kosten verbunden. Alle Übersetzerinnen und Übersetzer beteiligen sich freiwillig und ehrenamtlich. Bisher lassen die Werbeeinnahmen auch nur eine geringe Aufwandsentschädigung für den doch erheblichen Zeitaufwand des Übersetzens zu. Daher möchten wir auf diesem Wege diejenigen, die am Fortbestehen der Seite Interesse haben, darum bitten, doch vielleicht eine Spende für die Übersetzungstätigkeit in Betracht zu ziehen. Möglichkeiten uns Geld zukommen zu lassen, finden Sie weiterhin auf der Spendenseite.

In diesem Sinne wünscht das Team von Ukraine-Nachrichten Ihnen einen guten Start ins neue Jahr 2018!

P.S. Nachfolgend finden Sie noch eine kleine Übersicht der erwähnten Statistiken.

Herkunftsländer

PositionHerkunftslandProzent
1.Deutschland62,26
2.USA19,06
3.Ukraine6,13
4.Österreich3,72
5.Schweiz2,87

Die populärste Umfrage vom April/Mai 2017: Ist das Einreiseverbot für die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilowa richtig?

OptionProzentTeilnehmer
Ja!41284
Nein!56386
Weiß nicht216
Stimmen insgesamt686

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PositionBeitragstitel
1.Ohne Visum, aber nicht ohne Regeln: Wie wird die Visafreiheit mit der Europäischen Union in der Praxis funktionieren?
2.Das Russland, das wir verlieren werden
3.Zehn Fakten über die Visafreiheit mit der EU
4.Gegenschlag: Die Armee der Ukraine drängt die Russen und die Freischärler im Donbass zurück
5.Operation Belarus: Russlands Zwischenstation zu einem großen Krieg?

Populärste Stichworte

PositionStichwort
1.Einkommen
2.Visafreiheit
3.Donbass
4. Krim
5.Donezk

Autor:   Andreas Stein — Wörter: 585

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Ukrainische Inflationsrate 2017 bei 13,7 Prozent

ukrainische Inflation Januar 2006 - Dezember 2017

2017 endete in der Ukraine mit einem Anstieg der Verbraucherpreise über den Erwartungen von Regierung und Zentralbank. Die Inflationsrate lag Ende Dezember bei 13,7 Prozent. Ursprünglich waren die Institutionen von Preissteigerungen von etwa acht Prozent ausgegangen. Die Produzentenpreise erhöhten sich gleichzeitig um 16,5 Prozent. Seit März 2014 verteuerten sich Produkte und Dienstleistungen zusammengefasst um über 120 Prozent.

Im Einzelnen haben sich Lebensmittel und nichtalkoholische Getränke im Jahresvergleich um 17,7 Prozent und im Monatsvergleich um 1,5 verteuert. Am stärksten stiegen der Statistik zufolge die Preise für Früchte mit 34,5 (2,0 zum Vormonat) und für Fleisch und Fleischprodukte mit 29,4 (0,5) Prozent. Überdurchschnittlich teurer wurden auch Gemüse mit 24,7 (7,1), Milch mit 23,1 (4,0), Eier mit 21,2 (6,8), Butter mit 20,6 (2,3) und Brot mit 20,1 (1,8) Prozent. Über das Jahr verbilligte sich lediglich Zucker um 7,4 (-3,7) Prozent.

Preissteigerungen wurden nach weiteren Steuererhöhungen auch bei Alkohol- und Tabakwaren festgestellt. Diese wurden im Jahresvergleich um 20,7 Prozent und im Vergleich zum Vormonat um 0,6 Prozent teurer.

Die Preise für Schuhe und Kleidung blieben den Statistikern zufolge im vergangenen Jahr mit einem geringen Anstieg um 0,9 Prozent relativ stabil und im Vergleich zum November sanken sie sogar um 2,4 Prozent.

Die Wohnkosten erhöhten sich den Angaben des Statistikamtes zufolge um 10,6 Prozent im Vergleich zum Dezember 2016 und lagen mit 0,3 Prozent leicht über dem Novemberniveau. Hervor stechen die Preissteigerungen für Gebäudeinstandhaltung und Grundstückspflege mit einem Anstieg um 47,5 (0,2) Prozent, Elektroenergie mit 28,1 Prozent, Wasser mit 20,2 (-1,2) und Abwasser mit 15,1 (-1,2) Prozent.

Preisanstiege wurden im Jahresvergleich ebenfalls bei den Kosten für Bildung mit 14,9, Transport mit 16,7 (1,7) und im Gesundheitsbereich mit 7,5 Prozent (0,8) verzeichnet. Restaurant- und Hotelbesuche schlagen mit 17,3 Prozent (1,8) mehr zu Buche. Kommunikationskosten und die Preise im Erholungs- und Kulturbereich stiegen mit 9,1 (0,6) beziehungsweise 4,5 Prozent (0,1) ebenfalls an.

Nach 24,9 und 43,3 Prozent für 2014 und 2015 nach einer kriegsbedingten massiven Abwertung der Landeswährung Hrywnja war die offizielle Inflationsrate 2016 zunächst auf 12,4 Prozent zurückgegangen. Die Rate zum Ende von 2017 von 13,7 Prozent lag damit über den Erwartungen von Regierung und Zentralbank zum Jahresbeginn, die eine Inflation von etwa acht Prozent erwarteten. Auch spätere Korrekturen nach oben lagen unter der tatsächlichen Inflationsrate. Im Vergleich der Periode Januar-Dezember 2017 zum Vorjahreszeitraum stiegen die Preise sogar um 14,4 Prozent. Grund könnte vor allem die Verdopplung des Mindestlohnes zum Anfang des Jahres 2017 auf 3200 Hrywnja (derzeit etwa 94 Euro) und die generell steigenden Löhne aufgrund der massiven Arbeitsmigration sein.

2018 begann mit einer Erhöhung der Stromtarife für Industrie um 8-11 Prozent. Zu Beginn des Jahres wurde der Mindestlohn ebenfalls auf 3723 Hrywnja (etwa 110 Euro) erhöht, was die Unternehmen zu großen Teilen über die Preise an die Verbraucher weiterreichen werden. Aktuell steigen nach einem weiteren Abwertungsschub vor allem die Benzinpreise, was bereits zu Fahrpreiserhöhungen in öffentlichen Transportmitteln führte. Für 2018 erwartet die Regierung dennoch mit neun Prozent geringere Preissteigerungen. Die Zentralbank ist noch optimistischer und geht von 7,3 Prozent mit weiter sinkender Tendenz in den Folgejahren aus.

Nachfolgend die Konsumentenpreise im Vergleich zum Vorjahr von 1991 bis heute, zum Vorjahresmonat von 2006 bis heute und im Vergleich zum Vormonat von 1992 bis heute.

Jahresinflationsraten seit 1991

JahrInflationsrate (von Dezember zu Dezember)
1991290,0
19922000,0
199310156,0
1994401,0
1995181,7
199639,7
199710,1
199820,0
199919,2
200025,8
20016,1
2002-0,6
20038,2
200412,3
200510,3
200611,6
200716,6
200822,3
200912,3
20109,1
20114,6
2012-0,2
20130,5
201424,9
201543,3
201612,4
201713,7

Konsumentenpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat seit 2006

Monat20062007200820092010
Jan.9,810,919,422,311,1
Feb.10,79,521,920,911,3
März8,610,126,218,111,0
Apr.7,410,530,215,69,7
Mai7,310,631,114,78,5
Juni6,813,029,315,06,9
Juli7,413,526,815,56,8
Aug.7,414,226,015,38,3
Sep.9,114,424,615,010,5
Okt.11,014,823,214,110,1
Nov.11,615,222,313,69,2
Dez.11,616,622,312,39,1
Monat2011201220132014201520162017
Jan.8,23,7-0,20,528,540,312,6
Feb.7,23,0-0,51,234,532,714,2
März7,41,9-0,83,445,820,915,1
Apr.9,40,6-0,86,960,99,812,2
Mai11,0-0,5-0,410,958,47,513,5
Juni11,9-1,2-0,112,057,56,915,6
Juli10,6-0,10,012,655,37,915,9
Aug.8,90,0-0,414,252,88,416,2
Sep.5,90,0-0,517,551,97,916,4
Okt.5,40,0-0,119,846,412,414,6
Nov.5,2-0,20,221,846,612,113,6
Dez.4,6-0,20,524,943,312,413,7

Konsumentenpreise im Vergleich zum Vormonat seit 1992

Monat199219931994199519961997199819992000
Jan.285,273,219,221,29,42,21,31,54,6
Feb.15,328,812,618,17,41,20,21,03,3
März12,122,15,711,43,00,10,21,02,0
Apr.7,623,66,05,82,40,81,32,31,7
Mai14,427,65,24,60,70,80,02,42,1
Juni26,571,73,94,80,10,10,00,13,7
Juli22,137,62,15,20,10,1-0,9-1,0-0,1
Aug.8,321,72,64,65,70,00,21,00,0
Sep.10,680,37,314,22,01,23,81,42,6
Okt.12,466,122,69,11,50,96,21,11,4
Nov.22,045,372,36,21,20,93,02,90,4
Dez.35,190,828,44,60,91,43,34,11,6
Monat2001200220032004200520062007200820092010
Jan.1,51,01,51,41,71,20,52,92,91,8
Feb.0,6-1,41,10,41,01,80,62,71,51,9
März0,6-0,71,10,41,6-0,30,23,81,40,9
Apr.1,51,40,70,70,7-0,40,03,10,9-0,3
Mai0,4-0,30,00,70,60,50,61,30,5-0,6
Juni0,6-1,80,10,70,60,12,20,81,1-0,4
Juli-1,7-1,5-0,10,00,30,91,4-0,5-0,1-0,2
Aug.-0,2-0,2-1,7-0,10,00,00,6-0,1-0,21,2
Sep.0,40,20,61,30,42,02,21,10,82,9
Okt.0,20,71,32,20,92,62,91,70,90,5
Nov.0,50,71,91,61,21,82,21,51,10,3
Dez.1,61,41,52,40,90,92,12,10,90,8
Monat2011201220132014201520162017
Jan.1,00,20,20,23,10,91,1
Feb.0,90,2-0,10,65,3-0,41,0
März1,40,30,02,210,81,01,8
Apr.1,30,00,03,314,03,50,9
Mai0,8-0,30,13,82,20,11,3
Juni0,4-0,30,01,00,4-0,21,6
Juli-1,3-0,2-0,10,4-1,0-0,10,2
Aug.-0,4-0,3-0,70,8-0,8-0,3-0,1
Sep.0,10,10,02,92,31,82,0
Okt.0,00,00,42,4-1,32,81,2
Nov.0,1-0,10,21,92,01,80,9
Dez.0,20,20,53,00,70,91,0

Quelle:
Ukrainisches Komitee für Statistik – Vergleich zum Vorjahresmonat
Ukrainisches Komitee für Statistik – Vergleich zum Vormonat
Ukrainisches Komitee für Statistik – Produzentenpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat

Autor:   Andreas Stein — Wörter: 669

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Drei Signale Wladimir Putins

Wladimir Putin auf seiner Pressekonferenz 2017Wladimir Putin auf seiner Pressekonferenz 2017, Quelle: Kremlin.ru
Auf dem ersten Blick brachte die finale Pressekonferenz Wladimir Putins keine neuen Akzente für die Ukraine-Politik des russischen Staatsführers. Putin sprach wie gewohnt von „einem Volk“, beschuldigte die „Kiewer Regierung“ aller möglichen Sünden, warnte vor der Gefahr eines Blutbades auf dem Territorium des Donbass, wenn die durch Russland okkupierten Gebiete wieder unter die Kontrolle der Ukraine gebracht werden.

Dies wäre der Fall, wenn wir den politischen Stil Putins nicht berücksichtigen würden. Sein Bestreben, mit Signalen zu sprechen. Und darin, dass er für die Aussendung solcher Signale seine eigene Tagesshow auswählte, die unverständlicherweise „Pressekonferenz“ genannt wird, ist auch so ein eigentümliches Signal. Es besteht darin, dass Putin beginnt, die öffentliche Meinung Russlands für eine neue Wende vorzubereiten. Wenn der russische Präsident nämlich sein Signal an den Westen oder Kiew richten wöllte, hätte er ein anderes Format gewählt.

Das erste und wichtigste Signal Putins auf dieser Pressekonferenz ist seine Einwilligung für eine volle internationale Kontrolle über das Territorium des Donbass. Ja, diese Einwilligung ist bedingt durch die gewöhnliche Forderung der Implementierung der Minsker Abkommen und der Gewährung eines besonderen Status für die okkupierten Gebiete. Ja, die Rede ist auch von der Abwesenheit russischer Truppen auf dem Donbass – das gewöhnliche „es gibt sie da nicht“. Doch alleine der Fakt der Möglichkeit der Kontrolle, einschließlich der an der Grenze, sagt aus, welche Variante einer Regulierung der Kreml im nächsten Jahr wählen könnte. Es ist nicht die Variante der Absorption. Es ist die Variante des Abzugs mit der Nichtzulassung der Wiederherstellung ukrainischer Kontrolle mittels Ersatz der Besatzer durch UNO-Friedensschützer. Und das ist das, was Putin in den Kontakten mit den Amerikanern versuchen wird zu erreichen.

Übrigens, zu den Amerikanern. Das zweite Signal, welches Wladimir Putin aussandte, ist die Anerkennung der amerikanischen Rolle in der ukrainischen Regelung. Eine vollwertige Rolle, wie es der russische Staatsführer selbst sagte. Putin versichert, dass er niemals gegen eine solche Teilnahme protestiert habe, aber wir können uns noch gut daran erinnern, dass es nicht so war. Das Normandie-Format (Russland, Frankreich, Deutschland, Ukraine A.d.R.) selbst wurde genau deshalb geschaffen, da der Kreml sich verzweifelt gegen eine amerikanischen Beteiligung an der Lösung der Krise widersetzte. Die Worte Putins zeugen davon, dass er über den Donbass mit den Amerikanern verhandeln will, und nicht mit den Europäern oder mit uns. Das Normandie-Format war für Putin ein politischer Einflusshebel auf die Situation. Konsultationen mit den Amerikanern sind der Weg für den Erhalt von Garantien, darunter auch persönlichen. Aber zumindest wird klar, welchen Weg genau Putin einschlagen will.

Das dritte wichtige Signal, das Putin aussandte, hat mit der faktischen Anerkennung des Rechtes der Ukraine auf Unabhängigkeit und eine selbstständige Entscheidung zu tun. Ja, dieses Signal war in die vertrauten Sprüche über „ein Volk“ eingewickelt worden. Abgesehen davon, dass es nicht schwer war zu merken, dass das Auditorium genau diesen Worten des Staatsführers applaudierte. Jenes darf man ebenfalls nicht ignorieren: Chauvinismus ist keine persönliche Krankheit Putins. Chauvinismus ist wie ein Krebsgeschwür, mit dem der ganze russische nationale und der russische öffentliche Organismus infiziert sind. Nichtsdestotrotz muss der Chauvinist Putin dem Politiker Putin Platz machen. Putin sprach von ukrainischen Besonderheiten, den „westlichen Grenzen Russlands“ und vom Recht auf die eigene Wahl mit sichtbarem Ekel und es war klar, dass diese wandelnde Leiche ganz anders denkt. Aber es sagte es! Und das wird ebenfalls ein Teil seines politischen Programms nach den Wahlen sein. Die zweite Frage: wie sieht Putin eine selbstständige Ukraine, wie sieht er ihre Wahl. Denn die Ukraine Medwedtschuks oder Bojkos (Wiktor Medwedtschuk und Jurij Bojko sind ukrainische Politiker mit russlandfreundlichen Ansichten, A.d.R.) ist für Putin auch Ukraine, wie das Land es auch unter Janukowitsch und Asarow war. Aber hier ist vieles von uns selbst abhängig, und nicht von ihm.

Auf diese Weise haben wir auf der finalen Pressekonferenz Putins seine eigentümliche Skizze seiner möglichen politischen Wendung in der Ukraine-Frage gesehen. Ja, vieles wird von ihm abhängig sein, zu welchen Bedingungen Putin sich mit dem Westen, genauer mit Washington, einigt. Nicht ausgeschlossen sind eine Abkehr vom gewählten Kurs und der Versuch der Eskalation dafür, um die Gegner gesprächsbereiter zu machen und die Schwäche des ukrainischen Staates zu demonstrieren.

„Natürlich ist ein wichtiger Teil des Putin’schen Ansatzes die Destabilisierung der Ukraine mithilfe von internen Agenten und Provokationen. Das hat Putin freilich nicht erwähnt.“

Und dennoch können wir sagen, dass die Entscheidung darüber, wie in ukrainischer Richtung vorgegangen werden soll, von Putin getroffen wurde und er auch bereit ist, diese in die Tat umzusetzen.

14. Dezember 2017 // Witalij Portnikow

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Yuliya Komarynets — Wörter: 799

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Leserkommentare

«Schade, dass in diesem Beitrag kein Wort über die Rolle des Deutschen Reiches (gr.1871) gefallen ist. Um die "Wahrheit"...»

«Rumheulen? Weil ich auf Fakten verweise? Jeder macht sich eben so gut lächerlich wie er kann...»

«Willst du jetzt rumheulen wer ist schuld ala Kindergarten? Glaube da hast du vieles nicht verstanden. Putin soll sich nur...»

«Irgendwie uralte Message. Aber Putin Drecksack Warum lässt du die Menschen nicht in Frieden leben ?????????????»

«Klasse Video, echt, argumentativ brillant. Und zum nachlesen für Sie: http://www.faz.net/aktuell/...»

«Georgien betreffend ist das mit ziemlichen Scheuklappen geschrieben. Russland war ja vorher schon da, die brauchten gar nicht...»

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