Perspektivenloser Gipfel: Wie die Europäische Union den europäischen Traum der Ukraine blockiert hat

Poroschenko und JunckerEU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Präsident Petro Poroschenko, Quelle: president.gov.ua

Am späten Abend des 12. Juli trafen sich in Kiew drei Präsidenten: Pjotr Poroschenko, der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker und der Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk. Die Gäste aus Brüssel überbrachten dem ukrainischen Präsidenten eine schlechte Nachricht, die in Kiew allerdings bereits bekannt war.

Der 19. Ukraine – EU-Gipfel wurde zum zweiten Mal in der Geschichte unserer Beziehungen ohne gemeinsame Abschlusserklärung abgeschlossen. Nach den Regeln der europäischen Diplomatie ist das Fehlen einer gemeinsamen Erklärung eine Demonstration einer tiefen Krise in den Beziehungen: Die Staatsoberhäupter haben sich zwar getroffen, kamen aber zu keiner Einigung. Daher gelang es jedes Mal ein Abschlussdokument abzustimmen – sogar in den „Krisenjahren“ 2004 und 2011.

Aber jetzt ist alles anders. Ukraine hat, wie es oft bei uns geschieht, die Traditionen der europäischen Politik gebrochen.

Krise unter Freunden

Wir haben nicht umsonst die beiden „schwierigen“ Jahre erwähnt, als die Ukraine und die EU sich mit tiefem Misstrauen, beinahe feindselig, zueinander verhielten.

Im Sommer 2004 sagte die EU dem damaligen Präsidenten Kutschma ein klares “Nein“ zu seinen Bemühungen Gespräche über das Format der künftigen Beziehungen mit der Ukraine stattfinden zu lassen. Damals war Wahljahr und Wahlen standen kurz bevor, deshalb war für die EU klar, dass die Ukraine versuchen wird, die Wahl zugunsten von Wiktor Janukowitsch zu manipulieren, aus diesem Grund konnte keine Rede über Freundschaft sein. Der Gipfel im Dezember 2011 fand unter noch schlimmeren Voraussetzungen statt: Janukowitsch war schlussendlich Präsident geworden und fing mit der politischen Verfolgung der Opposition an.

Aber selbst damals konnten sich Kiew und Brüssel einigen, um eine kurze aber gemeinsame Erklärung zu veröffentlichen.

Das Jahr 2017 ist komplett anders. Jetzt geht es nicht um einen „neuen Kalten Krieg“ zwischen Kiew und Brüssel – im Gegenteil, die Zusammenarbeit ist sehr aktiv. Die „Jewropejskaja Prawda“ hatte den für den Gipfel vorbereiteten Erklärungsentwurf gesehen. Solch ein detailliertes auf sieben Seiten verfasstes Dokument hat es in der Geschichte der EU-Ukraine-Gipfel noch nie gegeben. Und alles musste wegen eines kleinen aber sehr wichtigen Problems verworfen werden.

Auf Drängen der Mitgliedstaaten (oder besser gesagt, eines Staats, dem später andere gefolgt sind), hat die Europäische Union die Tatsache in Zweifel gezogen, dass die Ukraine die Integration in die EU anstrebt. „Die Europäische Union erkennt die europäischen Bestrebungen der Ukraine an und begrüßt ihre Entscheidung für Europa, einschließlich der Verpflichtung, Demokratie und Marktwirtschaft nachhaltig weiter zu entwickeln.“ Dies ist ein Zitat aus der Präambel des Assoziierungsabkommens, das heißt aus dem Dokument, das für die Ukraine, die EU und alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union verbindlich ist.

Kiew bestand darauf, dass in der gemeinsamen Erklärung auf dieses Zitat verwiesen wird. Die EU war kategorisch dagegen (es spielt keine Rolle, dass es sich um ein Zitat aus dem Assoziierungsabkommen handelt und nicht um ein neues Dokument). Abschlussverhandlungen mit der Europäischen Union haben die Situation nur verschlimmert: Die Niederlande verlangten, neue Beschränkungen für den europäischen Traum der Ukraine in den Text aufzunehmen.

Den Haag wurde von mehreren anderen Ländern unterstützt, und schließlich wurden die Verhandlungen abgebrochen. Und der EU-Rat auf Botschafterebene entschied, dass der für den Gipfel vorbereitete Entwurf auf den Müll wandern soll.

Eben deshalb mussten sich die Präsidenten Juncker, Tusk und Poroschenko noch am Mittwochabend unverzüglich zusammenfinden und sich einigen, wie der Gipfel vom Scheitern gerettet werden kann.

Rätselhafte Niederlande

Die “Jewropejskaja Prawda“ kennt noch keine Details des Präsidententreffens, das am Mittwochabend stattgefunden hatte.

Aber es ist klar, dass sie, auch wenn sie wollten, die Entscheidung der Mitgliedstaaten darüber, dass der Gipfel ohne eine Abschlusserklärung enden sollte, nicht ändern können. Sogar in dem Wissen darüber, welche Krise in den Beziehungen zwischen der Ukraine und der EU das hervorrufen könnte. Allerdings ist es notwendig, die Ursachen des Konflikts zu verstehen und zu begreifen, wie es zu dieser Krise unter allen Beteiligten gekommen ist.

Dafür sollte man kurz in Erinnerung rufen, was jüngst geschah.

Wir alle erinnern uns an das für Kiew und Brüssel katastrophale Referendum in den Niederlanden. Ja, es ist jetzt durchaus bekannt, dass dieses Referendum nicht nur von Populisten organisiert worden war, sondern auch, dass die Propaganda gegen die Ukraine mit Unterstützung der Russischen Föderation durchgeführt wurde (siehe dazu “Wie falsche Ukrainer das Referendum in den Niederlanden beeinflusst haben“). Allerdings ändert dieses Wissen nichts an den rechtlichen Konsequenzen. Im vergangenen Jahr war nicht nur das Assoziierungsabkommen in Gefahr, sondern auch die Beschlussfähigkeit der Europäischen Union als solche – weil Brüssel nicht wollte, dass es dazu kommt, dass 0,6 Prozent der Bevölkerung der EU das bereits unterzeichnete und von den Parlamenten verabschiedete internationale Abkommen außer Kraft setzen. Daher hat die EU im vorigen Jahr alles getan, um die niederländische Krise zu lösen.

Möglicherweise haben Sie gemerkt, was am Anfang des Artikels erwähnt ist: Dieser Gipfel war der zweite, in dem die EU und die Ukraine keine gemeinsame Abschlusserklärung abgegeben haben. Zum ersten Mal hat dies im vergangenen Jahr stattgefunden.

Im November 2016, als der letzte Gipfel stattgefunden hat, erreichte die niederländische Krise ihren Höhepunkt und deshalb haben die Ukraine und die EU gemeinsam beschlossen, keine gemeinsame Erklärung abzugeben, um dem Premierminister Rutte während seiner Gesprächen mit den Abgeordneten nicht zu schaden. “Damals wusste niemand, was in die Erklärung zu schreiben ist und deshalb hat es auch keine gegeben.“, erinnern sich Diplomaten. Aber im Dezember wurde doch noch eine Lösung gefunden.

Der EU – Gipfel hat ein interessantes Dokument genehmigt, um dem niederländischen Ministerpräsidenten zu helfen – er sollte die getroffene Entscheidung seinen Wählern und Abgeordneten als seinen Sieg vorstellen. Trotz der Tatsache, dass es absolut nichts in dem Assoziierungsabkommen ändert und die Ukraine in Zusammenarbeit und Annäherung an die EU nicht einschränkt, klingen die Phrasen in diesem Dokument nicht sehr schön für Kiew.

Beispielsweise, dass „das Assoziierungsabkommen … keinen Kandidatenstatus für die EU-Mitgliedschaft vorsieht und keine Verpflichtungen über die Vergabe des Status der Ukraine in der Zukunft schafft.“

Diese Lösung hat ihre Rolle gespielt und wurde, wie es schien, zur Geschichte. Rutte überzeugte seine Wähler, dass das „Referendum über die Ukraine“ ein Akt des reinen Populismus war. Am Ende gewann er die Wahl, und das niederländische Parlament ratifizierte mit überzeugender Mehrheit erneut das Abkommen mit der Ukraine.

Können Sie sich die Überraschung der Ukraine vorstellen, als die Niederlande wieder begannen darauf zu bestehen, dass die Thesen aus dem Dezemberdokument der gemeinsamen Erklärung hinzugefügt werden!!!

Diese Information wurde der “Jewropejskaja Prawda“ von Informanten in Kiew und Brüssel bestätigt.

Außerdem war Den Haag nicht allein. Es wurde von Deutschland und Frankreich unterstützt.

Kein wertvolles Vertrauen

In den nächsten Stunden wird bekannt werden, welchen Weg aus der Krise die Präsidenten Poroschenko, Tusk und Juncker gefunden haben, und ob der Weg überhaupt gefunden wurde. Ein Worst-Case-Szenario ist auch denkbar.

Aber es kann eine traurige Tatsache festgestellt werden: Die Frage liegt nicht nur in dem Gipfel, der erfolgreich sein sollte (es ist in der Tat so!), aber es stellte sich heraus, dass der Gipfel beinahe gescheitert ist.

Das Hauptproblem ist, dass dank unserer Freunde aus den Niederlanden, das Vertrauen zwischen der EU und der Ukraine erheblich gestört ist. Und es ist unklar, wie es repariert werden soll.

Natürlich wird die Europäische Union nun argumentieren, dass es die Ukrainer sind, die sich an Details festhalten.

Aber die EU muss irgendwann einmal verstehen:

Die europäische Wahl – ist UNSERE WAHL.

Kiew hat das Recht, selbst zu bestimmen, wo unsere Zukunft liegt, und wir haben uns bereits entschieden. Darüber hinaus haben alle EU-Staaten – ohne Ausnahme – dieser Wahl zugestimmt.

Ja, die Entscheidung darüber, ob die Ukraine eines Tages auch ein Mitglied der EU werden wird, wird nicht in Kiew, sondern in der EU gefällt, wenn sie überhaupt auf der Tagesordnung stehen wird. Aber jetzt kann von der Mitgliedschaft bei Weitem keine Rede sein! Der Stein des Anstoßes war nicht einmal eine europäische Perspektive, sondern die europäischen Bestrebungen der Ukraine.

Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Situation unseren europäischen Freunden gezeigt hat: Es gibt Dinge, die nicht infrage gestellt werden können.

13. Juli 2017 // Sergej Sidorenko

Quelle: Jewropejskaja Prawda

Übersetzerin:   Ilona Stoyenko  — Wörter: 1406

Ilona Stoyenko stammt aus Krementschuk (Ukraine) und hat an der Ludwig-Maximilians Universität München das Fach Wirtschaftswissenschaften mit einem Bachelor abgeschlossen. Dem folgte ein Master-Abschluss an der Fernuniversität Hagen. Sie arbeitet als Key Account Managerin bei der RYDOS UG (haftungsbeschränkt) und von Zeit zu Zeit trägt sie zu den Ukraine-Nachrichten bei.

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Grund zur Hoffnung

Grund zur Hoffnung

Weder Vorwürfe noch Ermunterungen können den erlöschenden Glauben neu entfachen. Diese Worte einer berühmten französischen Romanautorin können voll und ganz auf die Situation in der modernen Ukraine übertragen werden. Konkrete soziologische Untersuchungen zeigen: unser Glaube erlischt mit der Notwendigkeit und Wirksamkeit von Straßenprotesten.

Das Zauberwort Majdan füllt sich immer mehr mit der grauen Farbe der Enttäuschung. Und mit Schmerz bei jenen, die Angehörige und Freunde verloren haben. Und je mehr die Politiker und ihre Technokraten versuchen, das Problem der niedrigen Umfragewerte mit der Ausnutzung „ihres“ vergangenen Sieges zu lösen, desto weniger bedeutungsvoll wird für den Großteil der Ukrainer das neue Wort „Visafreiheit“. So ist die Welt konstruiert: die Worte werden müde und nutzen sich ab, wie die Menschen müde und abgenutzt werden.

Heute müssen wir unbedingt verstehen, wo die Grenze der Verwüstung verläuft. Sonst wird die Verwüstung unserer Seelen unumkehrbar. Dort, wo um soziale Gerechtigkeit gekämpft wird, ist kein Platz für Philosophie. Gerade erleben wir genau so eine Zeit, die angefüllt ist mit abgenutzten Worten und unerfüllten Versprechen der Politiker. Der schlaue Polittechnologe (oder Sozialpsychologe?) Machiavelli bemerkte: Die Menschen sind so einfältig und gehorchen so den Bedürfnissen des Augenblicks, dass jemand, der gut betrügen kann, immer solche Leichtgläubigen findet, die sich betrügen lassen. Unsere Politiker betrügen uns in der Hauptsache schlecht, primitiv und ohne Beweise und vergessend, dass ihre gestrigen verlogenen Argumente genau das Gegenteil meinten.

So war es schon immer; die Führung log, die Kirche log. Zum Beispiel befahl die Kirche im mittelalterlichen Europa, woran man glauben sollte, hat es aber wenigstens ermöglicht, ein und denselben Glauben von der Geburt bis zum Tod zu behalten. Das 20. Jahrhundert erwies sich als wesentlich „bewegter“. Die totalitäre UdSSR, die die Gedanken und Worte ihrer Bürger kontrollierte, hielt sie nicht an einem Einzigen fest. Damals wurden indiskutable ideologische Dogmen aufgestellt, die sich aber ständig im Verhältnis zu den „Klasseninteressen“ änderten. So wurden verdiente Helden und Revolutionäre, die als Vorbild für Millionen dienten plötzlich zu „Volksfeinden“ und beendeten ihr Leben in den Erschießungszellen der Gefängnisse. Rehabilitationsanzeigen erhielten ihre Kinder und Enkel.

Historiker bestätigen: Die Bücher wurden vervielfältigt, aber der Glaube der lebenslustigen Gargantua und Pantagruel daran, dass Bücher den Krieg besiegen, hat sich nicht bewahrheitet. Dennoch denken wir das, heimlich unter den Bedingungen totalitärer oder anderer Diktaturen, unerschrocken und sogar öffentlich, wenn wir in demokratischen Staaten leben. Die Welt hat sich entwickelt, wenn es früher das Recht der Spaßmacher und Dummköpfe ausschließlich in der kurzen Zeit des Karnevals war, die Wahrheit zu sagen, können wir uns heute ständig dieses Rechts bedienen. Und nicht nur während Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen. Wollen wir das? Das ist die Frage.

Der menschliche Geist, der sich ewige Seelenqualen in der Unterwelt für Sünder ausdachte, hat sich auch die zerstörte Hölle in Form der Buße ausgedacht. Um die Buße wissend lässt es sich leichter sündigen. Heute, in der posttotalitären Ukraine, hat sich das Phänomen der Buße materialisiert. „Osterchristen“ (Definition Sergej Awerinzews) sind kategorisch nichtgläubige Menschen, die sich von ihren Sünden und Fehlern durch das ständige Anhäufen privaten Kapitals und den Wechsel der Parteizugehörigkeit rein waschen. Umso mehr als es in der Ukraine ehrlich gesagt keine Parteien gibt. Wenn man sich einem ehemals verfeindeten politischen Clan anschließt, ist es nicht notwendig, die Ideologie zu wechseln. Es reicht, wenn man dem neuen Anführer „Treue bis zum Grab“ verspricht. Weil eine Ideologie in diesem besonders lukrativen Geschäft gar nicht existiert.

Vor sehr langer Zeit sagte Platon: „Der Weise braucht kein Gesetz, er hat die Vernunft.“ Eine strittige und sogar gefährliche Behauptung, insofern es immer außerordentlich wenig Nachfolger der Weisheit gibt, die sich unausweichlich auf moralische Postulate stützt. Der Großteil von uns erscheint wahrlich nicht weise. Das faktische Nichtvorhandensein eines Rechtsstaats in der Ukraine erlaubt es vielen, Willkür zu schaffen und in ihr zu leben. In einer Situation, in der der Garant der Einhaltung der Verfassung der Erste ist, der gegen die Verfassungsnormen verstößt, ist es schwer, Optimist zu sein.

Recht oft schalte ich abends oder nachts den Fernseher ein und schalte ihn stumm. Das ist ein Erwachsenen-Spiel, die Gesichter der ukrainischen Politiker zu beobachten und ihre Stimmen weg zu lassen. Mich beruhigt das.

Und trotz allem glaube ich an die Möglichkeit einer besseren Zukunft für mein Land, an die Menschen, die mich umgeben, die mit mir zusammenleben. Erst vor kurzem hat der Allerhöchste des seligen Gusar (gemeint ist der ehemalige Vorsteher der Griechisch-Katholischen Kirche Ljubomyr Husar, A.d.R.) zu sich genommen. Ich war unter den tausend Kiewern, die es als ihre menschliche Pflicht ansahen, sich von dem Weisen zu verabschieden. Fast drei Stunden habe ich auf diese paar Sekunden Abschiednehmen gewartet. In die Gesichter der Menschen schauend, die ruhig warten, bis sie mit dem Eintritt in die Kirche an der Reihe sind, Bruchstücke ihrer leisen Gespräche untereinander hörend erkannte ich: das Volk, zu dem auch ich mich zähle, ist in der Lage, seine überheblichen und bestechlichen Politiker zurechtzuweisen.

In Kiew, wo es vergleichsweise wenig Angehörige der Griechisch-Katholischen Kirche gibt, strömten Hunderttausende Einwohner zu einem für sie notwendigen Abschied von einem Menschen, den sie nicht persönlich kannten. Nicht von einem Hohepriester, von einem Menschen.

3. Juli 2017 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Anja Blume  — Wörter: 935

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

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Anti-Zaren-Impfung

Dmitri Firtasch, Igor Kolomoiski und Rinat Achmetow

Die ganze Geschichte der ukrainischen Reformen – das ist der Kampf gegen die Monopole.

Man kann lange darüber streiten, was Russland zu Russland macht, und jede neue Antwort wird das Vorherige ergänzen. Aber Alpha und Omega jeglicher Beschreibung ist die Monopolisierung – in der Politik und in der Wirtschaft, im Fällen von Entscheidungen und im Bestimmen der Zukunft.

Und es ist kein Zufall, dass die russische Vielstimmigkeit der 1990er Jahren in die Phase fiel, als fossile Brennstoffe wenig kosteten. Und die Machtvertikale Kreml konnte nur dann entstehen, als die Ölpreise Moskau von der Notwendigkeit befreiten, in Konkurrenz zu spielen.

Seinem Wesen nach verwandelte sich das Russland der „Nuller-Jahre“ in eine Öl-und-Gas-Leitung – und alles andere in ökonomisch davon abhängige Polypen. Das Geld reichte aus, um die Ineffizienz aufrecht zu erhalten. Um sie am Leben zu erhalten durch künstliche Beatmungsgeräte. Um nicht nur die darauf Angewiesenen auf staatliche Wohlfahrt zu setzen, sondern auch die Privatwirtschaft. Die nur ermöglicht wurde dank genau jener Öl-und-Gas-Leitung. Sie bediente sich entweder direkt bei ihr oder sie bediente sich bei jenen, die durch diese irgendwie Geld verdienten.

Und der Hauptstolz der Vorkriegs-Ukraine – die Oligarchie – war nur dadurch möglich, dass ein einziger sinnstiftender Rohstoff nicht vorhanden war.

Keine Exportware reichte aus, um damit alle und jeden zu erhalten. Und deshalb bildeten sich sofort statt einer mehrere Vertikale. Die, noch dazu, um Einfluss konkurrierten, und daraus begründete sich alles, worauf das Land stolz war. Das Parlament, die Massenmedien, die konkurrierenden Entscheidungszentren.

Die politische Monopolisierung nach russischem Ebenbild war in der Ukraine außerdem auch deshalb nicht möglich, weil es in dem Land kein Monopol des Geldes gab. Und gerade diese Konkurrenz führte, im Endeffekt, zu der ideologischen Vielgestaltigkeit der Ukraine. Unter anderem erlaubte sie es Janukowitsch nicht, die Macht zu halten. Sie erlaubte es dem Land aber auch, nach dessen Flucht nicht ins institutionalisierte Nicht-Sein zusammenzubrechen. Weil es ohne das Alpha-Tier im Land noch Andere gab, die ihre eigenen Interessen hatten. Die sich in einem Moment als harmonisch erwiesen mit den Interessen des Maidans. Und diese wie jene brauchten die Ukraine.

Der Winter 2013 und das Frühjahr 2014 erwiesen sich als Zeit, in denen verschiedene Interessen situativ zusammenfielen. Als die Oligarchen und die nicht gleichgültigen Ukrainer auf derselben Seite der Barrikade erschienen. Als für die Einen wie für die Anderen der Erhalt des Landes zum gemeinsamen Ziel wurde. Aber der Kampf gegen einen gemeinsamen Feind – Janukowitsch oder den Kreml – macht noch keine Gleichheit der Aufgaben aus. Weil die Ukraine des Maidans Veränderungen wollte. Und zwar genau solche, die nicht mit den Interessen der „fetten Kater“ zusammenfielen.

Aller Kampf für Reformen ist der Kampf gegen Monopole. Denn wirtschaftliche Monopole gebären politische Monopole: Die Loyalität abhängiger Menschen verursacht ihre Entscheidung in den Wahlkabinen. Und damit versuchen diejenigen, die von den Monopolen profitieren, Reformen zu torpedieren.

Die Kraft der ukrainischen Zivilgesellschaft liegt darin, dass es so einige oligarchische Drachen gibt.

Ihre Schwäche – darin, dass es trotz allem Drachen sind. Und die Rolle des Helden-Schwerts übernehmen die Memoranden des Westens, die darin übereinstimmen, den Drachen nur in dem Fall zu füttern, falls er auf eine vegetarische Diät umsteigt. Jede neue Tranche gibt es nur für den Fall, dass die Bestie sich bereit erklärt, ihren Appetit zu zügeln und ihren Lebensraum zu beschränken.

Alles, was der Westen der Ukraine vorschlägt, bedeutet die Absage an den Paternalismus. Die Aufspaltung von Interessen. Die Etablierung von Konkurrenz und Interessenskonflikten. Check-and-Balance-Systeme, genau solche, die die politische Macht und Wirtschaft in ein System mit vielfältigen Zufahrtswegen und vielfältigen Niveaus verwandeln. Wenn nicht einer aus der Interessensgruppe ein Monopol auf den politischen Schalter hat.

Je kleiner die Zahl der Menschen wird, die von der Wohlfahrt abhängen – von staatlicher oder oligarchischer – desto höher wird das politische Konkurrenz-Level.

Je größer die Zahl der Ukrainer, die eine wirtschaftliche Motivation haben, desto bewusster wird ihre politische Entscheidung sein. Und deshalb ist das Rezept der Zukunft das Kleinunternehmertum, private Unternehmerschaft, IT und Landwirtschaft. Und jegliche Dominanz des Staates und der Monopole auf dem Gebiet der Wirtschaft bedeutet, in Ärmlichkeit zu verharren.

Die ganze Geschichte mit dem Bodenmarkt (gemeint ist die unter anderem vom IWF geforderte Freigabe des Handels mit landwirtschaftlicher Nutzfläche, A.d.R.) ist nur ein Schritt auf dem Weg, dass die Bürger mehr Subjektivität erlangen. Jene Subjektivität, die geboren wird aus dem Wissen um die eigenen Vorteile. Nur eine wirtschaftliche Motivation dient dem Wähler als Anlass, sich in die Vorwahlprogramme einzulesen – und die Frage nach Verantwortlichkeit zu stellen.

Wenn es den Krieg nicht gäbe, das alles wäre gar nicht möglich. Denn ausgerechnet der Krieg hat die alte Matrix zerstört. Die Matrix, in der Kiew unablässig Moskau und Brüssel Geld gestohlen hat, indem es seine gemachten Zusagen nicht erfüllte und immer drohte, ins andere Lager zu wechseln. Aber momentan funktioniert es nicht, Geld von der Russischen Föderation zu nehmen – und die Eliten sind gezwungen, um Kredit bei der EU zu bitten und damit in die Selbstverstümmelung einzuwilligen.

Im Übrigen bedeutet das nicht, dass sie die Veränderungen nicht torpedieren werden. Dass sie nicht versuchen werden, in die neuen Regelungen Ausnahmen für sich selbst reinzuschreiben. Dass sie nicht künstlich paternalistisch Abhängige schaffen, die in Anzeigen um Almosen betteln. Aber das vorherige System – als das Land einmal alle vier Jahre seine Zukunft auf den Wahl-Altären zum Opfer brachte – räumt nicht wenig seiner Position.

Eigentlich ist die Formel für die Zukunft einfach. Konkurrenz, Interessensaufspaltung, das Erlangen von wirtschaftlicher Motivation durch die Leute – das ist gut. Monopole, Konzentration und Paternalismus – schlecht. Diese Formeln sind völlig ausreichend, um zu erkennen, auf welcher Seite der Barrikade jeder steht. Die Rezepte für die Zukunft sind schon ersonnen. Ebenso wie die Szenarien des Verwelkens. Und der Krieg erhöht nur die Höhe des Einsatzes.

In den künftigen Geschichtslehrbüchern der Ukraine wird entweder der Erfolg beschrieben werden – oder es wird solche Geschichtsbücher gar nicht mehr geben.

16. Juni 2017 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 1024

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Die Schweiz hat sich von der Atomenergie losgesagt. Wäre dies auch in der Ukraine möglich?

Energodar, Quelle Energoatom
Im ersten Quartal 2017 haben die ukrainischen Atomkraftwerke nach Angaben von Energoatom rekordverdächtige 23,8 Milliarden Kilowattstunden produziert. Das ist die höchste Kennzahl der letzten zehn Jahre. Zur gleichen Zeit sagt man sich in vielen entwickelten Ländern von der Atomenergie los und geht zu alternativen Quellen über. Im Mai 2017 wurde eine solche Entscheidung in einem Schweizer Referendum getroffen. Könnte sich die Ukraine in naher Zukunft von ihren Atomkraftwerken trennen?

Weltatomenergie: gegenläufige Trends

Die Kernenergie wurde über einige Jahrzehnte zu einer traditionellen Branche und nahm eine führende Rolle in der Energiebalance einer ganzen Reihe von Ländern ein. Heute betreiben 32 Staaten Atomkraftwerke. Ende 2016 zählte man auf der Welt 448 Atomreaktoren mit einer Leistung von 391 Gigawatt.

Das Problem der Energiesicherheit, das sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Energiekrise verschärfte, zwang viele Länder ihre Energieprogramme zu überarbeiten. Die Entwicklung der Atomenergie begrenzte den Bedarf an organischen Brennstoffen und senkte die energetische Abhängigkeit der Länder, die nur über begrenzte eigene Ressourcen an organischen Brennstoffen haben. Zu wichtigen Vorteilen der Atomenergie wurden ihre geringen Kosten und die relative Umweltverträglichkeit im Vergleich zur Generierung mit Kohle und Erdgas.

Besonders eindrucksvoll ist nach Angaben der Internationalen Energieagentur die Verachtfachung des Anteils des atomaren Brennmaterials am weltweiten Verbrauch primärer Energieressourcen in der Zeit von 1973 bis 2015. In diesem Zeitraum wuchs die Nutzung von Erdgas gerade mal um sieben Prozent, von erneuerbaren Energiequellen um das 2,4-fache. In der Stromproduktion wuchs der Beitrag der Atomenergie in dieser Zeit auf das Dreifache.

In zwanzig Ländern macht der Anteil der Stromproduktion in Atomkraftwerken über 30 Prozent aus. Mehr als die Hälfte des Stroms beziehen Belgien, Frankreich, Ungarn, die Slowakei und die Ukraine aus der Atomenergie. Den weltweit führenden Platz im Anteil an der Gesamtproduktion nimmt Frankreich ein, mit 72 Prozent. Genaueres darüber kann man im Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde lesen. Weiter unten einige Basisinformationen.

Frankreich betreibt 58 in Produktion befindliche Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 63,1 Gigawatt (zweiter Platz weltweit nach den USA). Das Land exportiert in großem Stil Strom, betreibt aktiv Forschung in Gebieten mit Atomenergie, verfügt über Technologien zum Bau von Reaktoren und zur Verwertung von Brennstäben. Frankreich arbeitet weiter sowohl an der mengenmäßigen als auch an der qualitativen Verbesserung seines atomenergetischen Potenzials. Ein spezielles Gesetz, das 2005 beschlossen wurde, bekräftigt den Status der Atomenergie als Hauptstromquelle. Ungeachtet des Endes der Betriebslaufzeit eines Großteils der Atomkraftwerke im Jahr 2020 werden im Land schrittweise die Anlagen erneuert und ein Bauprogramm für Reaktoren der neuen Generation umgesetzt, die auf Erfordernisse der wirtschaftlichen Konkurrenz, der Umweltbehörden und der höheren Sicherheit antworten.

China betrachtet die Atomenergie als wichtigen Teil ihrer langfristigen Strategie zur Erreichung einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung und zur Begrenzung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Der Großteil der bestehenden Energieblöcke in China ist auf der Grundlage von Atomtechnologie aus Frankreich, Kanada und den USA gebaut. Dank der Erfahrungen im Bereich Sicherheit und Betriebssicherheit von Atomkraftwerken und der Testung neuer Reaktorkonstruktionen kann China einen Platz als Global Player auf dem Atomtechnologie-Markt einnehmen.

Eine ähnliche Situation besteht in Indien, wo der Anteil der Atomenergie nach Planung bis 2030 auf mehr als das Siebenfache steigen und das spezifische Gewicht der atomaren Generierung auf 25 Prozent der Energiebilanz des Landes steigen soll

Auf einer bestimmten Stufe begann das hohe Tempo der Entwicklung der Atomenergie nicht mehr mit ihrem Sicherheitsniveau übereinzustimmen. Aufgrund von Erfahrungen im Betrieb von Objekten der Atomenergie, des wachsenden wissenschaftlich-technischen Verständnisses der Prozesse und möglicher Folgen entstand die Notwendigkeit der Überarbeitung der technischen Anforderungen, was zur Erhöhung der Kapitaleinlagen und der Betriebskosten führte.

Ein ernsthafter Schlag für die Entwicklung der Atomtechnik waren die Unfälle im Atomkraftwerk „Three Mile Island“ in den USA 1979 und auch in einer Reihe anderer Objekte, was zu einer radikalen Überarbeitung der Sicherheitsanforderungen, die Verschärfung bestehender Normen und die Überarbeitung des Entwicklungsprogramms für Atomkraftwerke auf der ganzen Welt führte.

Die Katastrophe im Tschernobyler Atomkraftwerk in der Ukraine im Jahr 1986, die auf der internationalen Skala der Atomunfälle als Katastrophe höchsten Ausmaßes eingestuft wurde und eine ökologische Katastrophe in einem riesigen Gebiet hervorrief, zerstörte das Vertrauen der Weltgemeinschaft in die Atomenergie.

Die umfangreiche Havarie in der japanischen Atomstation Fukushima in 2011 veranlasste viele Länder zu realen Maßnahmen zur Begrenzung der Entwicklung der Atomenergie. Zum ersten Land innerhalb der entwickelten Länder der EU, das den Vektor der Atomenergieentwicklung radikal änderte, wurde Deutschland. In dem Land, in dem nur ein halbes Jahr vor der Havarie der Beschluss über die Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke gefasst wurde, stoppte außerplanmäßig sieben Reaktoren, die vor den 1980er Jahren in Betrieb gegangen waren. In Juni 2011 wurde der Beschluss gefasst, die Betriebslaufzeit aller Atomkraftwerke nicht zu verlängern. In Japan selbst blieben von 54 Reaktoren nur zwei in Betrieb.

Im Sommer 2011 wurde in Italien ein Referendum durchgeführt und eine erdrückende Mehrheit der Bevölkerung stimmte für einen Ausstieg des Landes aus der Atombranche. Italien wurde das einzige Land, das alle eigenen Atomkraftwerke schloss und vollständig auf Atomenergie verzichtet.

Im Mai 2017 erklärte die Regierung Frankreichs, dass der Anteil der in Atomkraftwerken produzierten Elektroenergie an der der Energiebilanz des Landes bis 2025 auf 50 Prozent begrenzt werden soll. Belgien, Spanien und die Schweiz verwirklichen eine langfristige Politik des Verzichts auf Atomenergie.

Allerdings reagierten nicht alle europäischen Länder so entschlossen. In den Ländern Osteuropas wurden außerplanmäßige Überprüfungen und Expertenuntersuchungen der bestehenden Blöcke durchgeführt. Praktisch überall waren die Ergebnisse zufriedenstellend. In Übereinstimmung mit den vorhandenen Prognosen sind diese Länder wie Polen, Rumänien, Tschechien, Slowakei, Bulgarien und Slowenien unter bestimmten Umständen in der Lage, die Atombranche der EU zu aktivieren. Der Bau neuer Atomkraftwerke erlaubt diesen Ländern einige der wichtigsten Aufgaben gleichzeitig zu lösen: relativ kostengünstigen Strom in bedeutendem Umfang zu erhalten, die gestellten Umweltziele zu erreichen und die Energiesicherheit zu garantieren.

Der Verzicht auf die Atomenergie erfordert sie gegen alternative Energieressourcen zu tauschen, unter anderem gegen erneuerbare Energiequellen. Die Entwicklung der Erneuerbare-Energien-Industrie erfordert langjährige und milliardenschwere Finanzausgaben. Billiger Strom wird jedoch jetzt gebraucht.

Deshalb können sich den atomfreien Status bisher nur reiche Länder leisten. Die anderen müssen sich mit dem zufrieden geben, was sie haben, oder dem, wofür das Geld reicht.

Der ukrainische Atom-Vektor

Die Atomenergie der Ukraine ist vielen von der Tschernobyler Katastrophe 1986 bekannt, die sowohl dem ukrainischen als auch dem sowjetischen Atomstrom einen schlechten Ruf einbrachte. Aber neben dem Tschernobyler Atomkraftwerk sind der Ukraine als Erbe aus der Sowjetunion noch vier andere Kraftwerke geblieben, inklusive des Saporoschjer Atomkraftwerks, des leistungsstärksten in Europa.

Die Ukraine gehört zu den zehn führenden Ländern im Bereich der entwickelten Atomenergie. In vier Atomkraftwerken werden 15 Energieblöcke mit einer Leistung von 13,8 GW betrieben: das Chmelnizkyjer AKW (2 Blöcke), AKW Riwne (4 Blöcke), AKW Süd-Ukraine (3 Blöcke) und das Saporoschjer AKW (6 Blöcke). Dabei hat sich der Anteil des Stroms, der in den Ukrainischen Atomkraftwerken produziert wird, von 1996 bis 2016 stabil von 43,8 Prozent auf 52,3 Prozent erhöht.

Der Großteil der ukrainischen Reaktoren ging in der Zeit der Sowjetunion ans Netz. Dementsprechend sind ihre projektierten Laufzeiten abgelaufen oder kurz vor dem Ablaufen. Und wenn keine kurzfristigen Maßnahmen ergriffen werden, führt die Abschaltung dieser Blöcke zu einer Verringerung der Gesamtleistung der Atomenergie um 75-80 Prozent, was den Verlust von etwa 40 Prozent der gesamten Stromgeneration im Land bedeutet.

Der Höhepunkt der Inbetriebnahme von AKWs in der Welt lag in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bis Beginn der 1980er Jahre. Das mittlere Alter der in der Welt existierenden Reaktoren beträgt 28,5 Jahre. Das älteste von ihnen befindet sich in der Schweiz und läuft seit 45 Jahren.

Heute werden von 441 existierenden Atom-Reaktoren in der Welt fast die Hälfte in verlängerter Laufzeit betrieben (218 sind älter als 30 Jahre, davon 58 Blöcke mehr als 40 Jahre). Außerdem werden nach Angaben der IAEO 112 Energieblöcke auf eine Verlängerung der Betriebszeit vorbereitet. Die Verlängerung der Betriebszeit ist ein Komplex aus Modernisierungen, die einige Jahre dauern. An einem Energieblock sind das etwa 40 Modernisierungsmaßnahmen an den thermomechanischen Anlagen und 30 Modernisierungsmaßnahmen an den elektrotechnischen Installationen notwendig.

Um sich von der wahrhaften Durchführung all dieser Arbeiten zu überzeugen, werden die Vorbereitungen zur Verlängerung von Vertretern spezieller Kontrollorgane im Bereich der Atomenergie kontrolliert. Sie arbeiten in Verantwortung und auf Anweisung der internationalen Atomenergieorganisation IAEO.

In der Ukraine wurde der älteste noch betriebene Block 1980 in Betrieb genommen. Das ist der erste Block vom AKW Riwne. 2010 wurde die Betriebslaufzeit des ersten und zweiten Blocks um 20 Jahre verlängert, bis 2030. 2017 werden die Arbeiten für die Laufzeitverlängerung des dritten Blocks durchgeführt. Genaueres über den Zustand der ukrainischen Atomreaktoren kann man im vor zwei Jahren erschienenen Artikel bei Forbes Ukraine nachlesen.

Der letzte Schritt im Lebenszyklus eines Atomreaktors ist seine Außerbetriebnahme. Entsprechend der internationalen Praxis und Empfehlungen der IAEO gibt es zwei grundlegende Strategien für die Abschaltung einzelner Blöcke.

  • den direkten Rückbau
  • den sicheren Einschluss

Der direkte Rückbau beginnt gleich nach der Bestätigung des Stadiums der Außerbetriebsetzung. In der weltweiten Praxis schließt diese Etappe das Verständnis von „endgültiger Abschaltung“ und „Übergangsperiode“ als unbedingt notwendig zur Vorbereitung der Umsetzung der Stilllegung ein.

Der sichere Einschluss ist die Strategie, nach der nach der Bestätigung des Stadiums der Außerbetriebsetzung die Einrichtung für einige Jahrzehnte in einen sicheren Zustand überführt wird, wonach im Rahmen des nächsten Schritts die Vorbereitungen zur Demontage und der Rückbau erfolgen.

Die Verlängerung der Laufzeit von Atomreaktoren ist genauso wie ihre Stilllegung eine ziemlich teure Angelegenheit. Die geschätzten Ausgaben für eine Laufzeitverlängerung eines Reaktors betragen 4-6 Milliarden Hrywnja (etwa 135-200 Millionen Euro). Die Kosten für die Stilllegung eines AKW liegen um Einiges höher. Außerdem sind, wie die Erfahrungen bei der Durchführung ähnlicher Arbeiten am AKW Tschernobyl zeigen, für die Sicherstellung der Strahlen- und Umweltsicherheit laufend weitere Ausgaben für eine lange Zeit notwendig. Die Anfangskosten für den Bau eines neuen Energieblocks betragen 200 Milliarden Hrywnja (etwa 6,8 Milliarden Euro). Der Bau neuer Atomkraftwerke ist überhaupt ein großer Luxus für jedes Land, weil solche Maßnahmen außerordentlich teuer sind.

Nach dem Zerfall der UdSSR blieben auf dem Gebiet der Ukraine einzelne Betriebe mit radioaktivem Brennstoffkreislauf zurück. Allerdings fehlen der Ukraine die industriellen Möglichkeiten der Brennstab-Herstellung völlig. Die Versorgung der inländischen Atomkraftwerke mit Brennmaterial obliegt der „TWEL“ AG (Russland) und der Westinghouse Company (Japan, USA). Die Kosten für den Kauf der Brennstoffe machen etwas 40 Prozent des Preises für den Strom aus, den die Atomkraftwerke produzieren und liegen bei 600 Millionen Dollar im Jahr. Der Anteil der russischen Lieferungen erreicht 53 Prozent.

Zukunft der Atomenergie

Mit dem Ziel der Beendigung der atomaren Abhängigkeit vom aggressiven Nachbarn hat die ukrainische Regierung im Jahr 2016 ein Konzept eines zielgerichteten staatlichen Wirtschaftsprogramms zur Entwicklung eines Atomindustrie-Komplexes bis 2020 beschlossen, in dem die Produktion von radioaktivem Brennmaterial im Land vorgesehen ist. Wie die Erfahrung zeigt, könnte das Hauptproblem dieses Programms seine Finanzierung werden. Das vorangegangene zielgerichtete Programm „Radioaktiver Brennstoff Ukraine“ (2009-2013) wurde nur zu zehn Prozent finanziert. Das heißt, dass seine Umsetzung gescheitert ist.

Die Zukunft der Atomenergie ist im Projekt Energiestrategie der Ukraine bis 2035 beschrieben, wo sie als eine der ökonomisch effektivsten und an Kohlendioxid ärmsten Energiequellen betrachtet wird. Es wird prognostiziert, dass der Anteil der atomaren Generation am Gesamtvolumen der Stromproduktion steigen wird. Allerdings zeigt uns die Analyse der zahlenmäßigen Fakten der Branche etwas anderes: Der Anteil der Atomenergie an der Bereitstellung primärer Energieressourcen soll um 0,5 Prozent sinken und der spezifische Anteil in der Stromproduktion soll von 56 Prozent in 2015 auf 48 Prozent in 2035 begrenzt werden.

Man könnte annehmen, dass dieser Widerspruch mit der Erkenntnis darüber zu tun hat, dass es keine realen Mittel zur Entwicklung der Atomenergie in der Ukraine gibt, und deren Auftauchen nicht vorauszusehen ist. 2016 gab der Betreiber der ukrainischen AKWs, die staatliche Energoatom als Kapitalinvestition wenig mehr als 200 Millionen Dollar aus. Das reicht, um den derzeitigen Zustand der Objekte zu erhalten. Die Laufzeitverlängerung der Atomreaktoren wird hauptsächlich durch ausländische Kredite finanziert.

Laut dem Projekt der Energiestrategie soll die Leistung der heimischen Atomenergie um sieben Prozent steigen. Für den gleichen Zeitraum nimmt man an, dass die ‚Produktion von Strom mittels erneuerbarer Energien um mehr als das 12-fache steigt. Aber wie die weltweite Erfahrung mit diesen „Rennen“ in der Entwicklung der erneuerbaren Energien zeigt, sind dafür Investitionen von zig Milliarden Dollar jährlich notwendig. Im Zusammenhang damit kann man nur an die Worten im einem Lied Wladimir Wyssozkijs erinnern: „Wo ist das Geld, Sin?“

22. Juni 2017 // Walerij Schtscherbina, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Anja Blume  — Wörter: 2129

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

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Komfortzone

Komfortzone
„Wir haben Krieg“ – so zumindest lautet das ukrainische Kernargument der letzten Jahre. Es ist universell einsetzbar. Und immer aktuell – egal, worum es geht: um journalistische Richtlinien und Zensur, um Sprachenpolitik und die Visaregelungen mit der Russischen Föderation, um die Blockierung der Sozialen Netzwerke und TV-Quoten oder um Dekommunisierung und den Schuchewytsch-Prospekt.

Je kontroverser die Entscheidung, desto lauter wird mit der militärischen Notwendigkeit argumentiert. Nicht selten hört man, dass der Krieg die Ukrainer gezwungen habe, Ihre Komfortzone zu verlassen – unseren gewohnten Lebensraum, in dem wir uns sicher und geschützt fühlen. Für Psychologen ist klar, dass die Komfortzone den Menschen gefangen nimmt und die weitere Entwicklung ausbremst. Der Hybridkrieg mit Russland zwinge uns dazu, uns zu verändern, Bekanntes und Bequemes hinter uns zu lassen, uns Gewalt anzutun – und schließlich zu wachsen.

Aus dieser Perspektive sind alle durch Krieg hervorgebrachten Veränderungen ein Wohl für die ukrainische Gesellschaft. Und jede Kritik an dem, was gerade geschieht, ein Zeichen von Schwäche und der mangelnden Bereitschaft, persönlich für die Gemeinschaft ein Opfer zu bringen.

Es gibt nur ein winzig kleines Problem: Der Krieg kann ebenfalls zu einer psychologischen Komfortzone werden. Insbesondere dann, wenn wir es mit einem sich hinziehenden Hybridkrieg zu tun haben, in dem ein Großteil der Bevölkerung von Blut, Dreck, Hunger, Beschüssen und Bombardements verschont blieb.

Seit mehr als drei Jahren hat man sich in der Ukraine daran gewöhnt, jeden strittigen oder kontroversen Schritt irgendwie mit dem Krieg in Verbindung zu bringen. Zugleich haben wir aber dabei nicht gelernt, zwischen zwei sehr grundlegend verschiedenen Situationen zu differenzieren: Einerseits kann dich der Krieg dazu bringen, etwas zu tun, das du nicht möchtest und andererseits kann dir der Krieg erlauben, zu tun, was du schon immer machen wolltest, aber bisher nicht möglich war.

Nur ein einfaches Beispiel: Bekanntermaßen zwingt ein Krieg häufig zur Lebensmittelrationierung. Der unverantwortliche Mann der Straße ist deshalb wütend und beschwert sich. Der pflichtbewusste Patriot weiß hingegen, dass dies notwendig ist und nimmt diese notwendige Maßnahme stoisch hin.

Allerdings ist schwer vorstellbar, dass jemand die Lebensmittelmarken mit „Hurra! Endlich! Wird auch endlich Zeit!“ begrüßt. Noch schwerer ist es, sich folgende Reaktion vorzustellen: „Natürlich – Brot, Butter und Fett nur auf Lebensmittelmarken – gut so, aber sind Zucker und Salz noch nicht aus dem freien Verkauf verschwunden? Wir sind doch im Krieg oder nicht?!!“

Übrigens reagieren viele von uns auf irgendwelche angeblich durch den Krieg erforderlich gewordenen Maßnahmen genau so – jauchzend und frei nach Iwan Wassiljewitsch die Fortführung des Banketts fordernd. Denn tatsächlich geht es nicht um ein Opfer für den Sieg über Putin, nicht um freiwillige Selbstbeschränkung, sondern um Dinge, die Freude bringen.

Die harten Verbote und strengen Quoten, die drastischen Vorschriften und lauten Umbenennungen sind nicht an Unannehmlichkeiten für die, die diese am lautesten fordern, gekoppelt – ganz im Gegenteil. Das alles hat in Wirklichkeit nichts mit „der Krieg erfordert“ zu tun, vielmehr mit „der Krieg ermöglicht“.

Theoretisch soll die ukrainische Gesellschaft aus ihrer Komfortzone treten, um in einem Kampf mit einem äußeren Feind zu überleben. Aber in der Praxis können wir immer häufiger etwas anderes beobachten: Ein Teil der Gesellschaft soll seine Werte opfern, damit der andere Teil seine eigene Komfortzone finden kann.

In dieser Komfortzone ist das Gefühl der Sicherheit und des Selbstvertrauens an die legitimierte Gewalt über die anderen gekoppelt. Wenn man anderen seinen Willen diktieren kann, muss man sich nicht mit Toleranz belasten, kann man jede Kritik als Feindpropaganda abbürsten, dann kann man alles, was einem unangenehm ist, verbieten und unterbinden.

Faktisch ist der Krieg für die Ukraine zu einem voll geöffneten Overton-Fenster geworden. Die Grenzen des Möglichen haben sich drastisch erweitert und erlauben, dass das vorher nur Gewünschte Wirklichkeit wird. Und während sie Veränderungen fordern, sind viele radikale Patrioten nicht bereit, sich selbst zu ändern – sie versuchen, die sie umgebende Welt an ihr schon seit Langem vorherrschendes Weltbild anzupassen.

Und seien wir doch ehrlich: Es gibt ihn nicht … den bescheidenen Historiker Wladimir Wjatrowytsch, der von einer reinen Wissenschaft träumt, aber gezwungen ist, seine Lieblingssache dem Krieg zu opfern, und der, sich selbst überwindend, die für die Heimat erforderliche Dekommunisierung übernimmt.

Nein, es ist genau anders herum: Dank dem Krieg kann der Direktor des Ukrainischen Instituts für die Nationalen Gedenken genau das tun, was er schon immer machen wollte, das, wovon er schon immer träumte, aber in der Vorkriegszeit nicht umsetzen konnte.

Daraus folgt allerdings nicht, dass die Dekommunisierung nicht notwendig wäre. Daraus folgt lediglich eines: Die russische Aggression hat unseren Dekommunisierern eine neue Realität geschenkt, in der sie sich wahrhaft behaglich fühlen. Damit dieser psychologische Komfort erhalten bleibt, darf allerdings die Bedeutung der Geschichte als Instrument des Hybridkriegs nicht nachlassen.

„Des einen Tod ist dem andern Brot“ – in Wirklichkeit berührt diese Binsenweisheit nicht nur findige Leute, sondern auch absolut uneigennützige. Der Hybridkrieg mit Russland hat den einen erlaubt, ihre Ideen populär zu machen, anderen, die eigene Bedeutung zu spüren, Dritten alte Komplexe zu nähren, vierten die angeborenen Aggressionen auszuleben.

All dies vermag das Leiden, die Tränen und Schmerz der anderen nach und nach in den Hintergrund zu drängen. Und so wird der Krieg zur Gewohnheit – neben anderen Freuden des Lebens. Und die Suche nach inneren Feinden und sowie die Forderung nach einem Anziehen der Schrauben wird genauso zu einem wohlgefälligen Ritual wie der morgendliche Kaffee oder Aperitif zum Abendessen.

Das Paradoxe ist, dass die vom Hybridkrieg erzeugte Komfortzone keinen Sieger hervorbringt.

Der hypothetische Zusammenbruch des Putinschen Regimes, die Rückgabe der Krim, die Deokkupation des Donbass – tatsächlich wäre dies für viele aktive Ukrainer ein ernsthaftes Problem.

Sobald die russische Gefahr neutralisiert ist, wird der gewohnte und bequeme Lebensraum zusammenbrechen.

Die eigenen Wünsche zu begründen, indem man auf den Krieg verweist, würde nicht mehr erlaubt sein! Irgendwelche Gewaltakte mit dem Krieg zu rechtfertigen, würde nicht mehr gelingen! Jeden Gegner als verkleideten Kreml-Agenten zu deklarieren, würde nicht mehr funktionieren! Der ganze propagandistische Müll, der mit so viel Vergnügen zusammengestrickt und zitiert wird, wäre nicht mehr aktuell! …

Das Verlassen der Hurra-patriotischen Komfortzone wird nicht weniger schmerzhaft sein, als der erzwungene Abschied der prorussischen Bevölkerung von der „russischen Welt“. Und ganz sicher wird sich bald jeder von uns fragen müssen: Möchtest du wirklich den Sieg und bist du auch wirklich zu diesem bereit? Oder möchtest du in der Tiefe deiner Seele, dass der Hybridkrieg mit Moskau nie enden mag?

24. Juni 2017 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 1115

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

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ELB-MAIDAN: Antiwestliche Komparatistik aus der Volxküche

Telepolis: Hamburg und der Maidan in Kiew
Es wurde eigentlich schon aller Schwachsinn über die Krawalle von Hamburg gesagt – aber noch nicht von jedem.

Nun kommt also ein gewisser Florian Rötzer mit der rechten linken Gesinnung und behauptet mit Krokodilstränchen im Knopfloch, der einzige Unterschied zwischen dem Schanzenviertel und dem Kiewer Majdan sei der, dass die vermummten Majdan-Gewalttäter von westlichen Regierungen unterstützt worden seien, während die Gewalttäter in Hamburg mit ihrem Protest auf sich gestellt seien – “auch die russische Regierung” unterstütze sie nicht.

Unheiliger Sankt Florian, schütze unser besetztes Haus, zünd andre dafür an. Ich will mich gar nicht lange mit den eklatanten Unsinnigkeiten dieser Gleichsetzung aufhalten; es genügt, darauf zu verweisen, dass die mit Bauarbeiter- und Motorradhelmen, Holzschilden und Latten Bewaffneten auf dem Majdan sich diese Montur zulegten, NACHDEM Dutzende Regierungsgegner durch Polizei-Prügel schwerstverletzt, in Wälder bei Kiew verschleppt, nackt ausgezogen und gefoltert wurden, oder aus Krankenhäusern abgeholt wurden, um sie in Polizeirevieren derselben Behandlung zuzuführen.

Es genügt, auf die Nuance hinzuweisen, dass die westlichen Regierungen auch damals jede Gewaltanwendung verurteilten und hohe Politiker zur Vermittlung nach Kiew entsandten, aber außerstande waren, die bereits entfesselte Dynamik zu stoppen.

Es genügt, daran zu erinnern, dass auf unbewaffnete Demonstranten scharf geschossen wurde. Unter ihnen waren einige Dutzend ukrainische Benno Ohnesorgs, die ihren Uni-Schreibtisch, ihre Arztpraxis, ihr Ingenieursbüro, ihre Hörsaalbank aus Protest gegen eine Prügelperser-Kleptokratie verlassen hatten, welche dabei war, das ukrainische Staatsvermögen auf offshore-Konten zu privatisieren.

Vielleicht sollte man auch daran erinnern, dass die Kiewer Revoluzzer keine Supermärkte, Sparkassen und Drogerien plünderten, sondern dass Kiewer Omas ihr Sparkonto plünderten, um in den Supermärkten und Drogerien Lebensmittel und Hygieneartikel zu kaufen und diese an die Demonstranten zu verteilen. Na, fällt der Groschen?

Aber gerne können wir natürlich auch, wenn schon von Regierungssympathien für gewalttätige Protestbewegungen die Rede ist, auf die Rolle der “russischen Regierung” zu sprechen kommen. In diesem Falle sollte unser Florian seinen feind-fixierten Blick von der Roten Flora einmal nicht nach Kiew, sondern in den Donbass schweifen lassen.

Dort hat nämlich die “russische Regierung” vorexerziert, wie man es richtig macht, und hat sozusagen die Schwarzblock-Lehre von Hamburg antizipiert. Diese Lehre besteht aus zwei Aussagen und funktioniert folgendermaßen:

  1. Eine zu allem entschlossene kleine Minderheit von 1000-2000 Gewalttätern kann das zivilisierte Gemeinwesen eines urbanen Raums binnen Stunden in einen rauchenden Aschehaufen verwandeln. Die Voraussetzung dafür ist, dass die ansässige Bevölkerung diesem Treiben keinen Widerstand entgegensetzt, sei es aus begründeter Angst, sei es aus Opportunismus; ferner, dass die Polizei, aus welchen Gründen auch immer, die ihr zur Verfügung stehenden Machtmittel nicht ausschöpft.
  2. Wenn dieser zu allem entschlossene Haufen von Gewalttätern außerdem von einem Außenakteur mit Kriegswaffen ausgestattet wird, kann er die Staatsgewalt stürzen und sein Terrorregime zum Alltag machen.

Und genau dies ist im Donbass geschehen: Die russische Regierung hat die Gewalt in die Städte am Ostrand der Ukraine injiziert, indem sie einheimische, gewaltsam protestierende Gruppen unterstützte und mit Kriegsgerät versorgte. Mehr noch: sie hat aus dem eigenen Land in Gestalt von Söldnern und regulären Truppen Verstärkung geschickt.

Sogar einen schwarzen Block gab es: nur heißt so was in Russland und der Ukraine černosotency, “Schwarzhunderter”. Gemeint sind jene Rechtsextremisten aus vor-1917-Tradition, welche ihre Pogromgewalt mit Ikonen, Zarenbannern, Fantasieuniformen und antisemitischen Parolen gegen die “Judenregierung” in Kiew garnieren. Nebenbei auch mit Folterzentren in den Kellern von Fabriken, in Kasernen, Turnhallen und Universitäten. Wie aus dem Lehrbuch der Pinochets und Videlas – oder sollen wir sagen, der Dzeržinskijs und Berijas?

Was deutsche Linke, auch im Parlament vertretene, nicht daran hindert, die “Volksrepubliken” am Ostrand der Ukraine, die mit Volk und Republik genauso wenig gemein haben wie die Hamburger autonomen Volxküchen mit Volk oder Küche, als antifaschistisches (weil antiwestliches) Projekt zu euphemisieren, teilweise sogar zu hofieren. Einer der wenigen Punkte übrigens, wo sich unsere Linken mit der AfD einmal einig sind. Kommt ein Krim-Urlaub dabei heraus, ist man in der Lage, auch mal ein Auge zuzudrücken.

Und hier schließt sich auch der Kreis zu unserem Möchtegern-Komparatisten Rötzer. Ein Gewaltakteur und -entrepreneur, der gegen die Westernisierung kämpft, kann allemal auf klammheimliche Freude – und Freunde – im linken Salon rechnen. Ob Elbe, ob Dnjepr.

8. Juli 2017 // Anna Veronika Wendland

Quelle: Facebook

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DIE EIGENEN: Ukrainische Geschichtspolitik - Fortsetzung

Screenshot der Website des "Instituts des nationalens Gedächtnis"
An meinem Beitrag Der Eigene über ukrainische Geschichtspolitik als Huldigung an den integralen Nationalismus schieden sich vor einigen Wochen die Geister. Wer schadet der Ukraine – die Kritiker dieser Politik oder ihre Anhänger? Unten hänge ich eine sachliche Übersicht an, die Andreas Umland im Frühjahr publizierte. Wer sich in die Kontroverse einlesen möchte, findet hier alle nötigen Literaturhinweise.

Und nun kommt meine unsachliche Zusammenfassung:

In Kiew gibt es eine leider unterfinanzierte seriöse Geschichtswissenschaft ohne großen öffentlichen Einfluss. Außerdem gibt es eine regierungsamtlich gehätschelte National-Geschichts-Manufaktur unter dem seriösen Namen “Institut des nationalen Gedenkens”.

Dessen Akteure, allen voran der Geschichtsbeamte Volodymyr Vjatrovyč, sind medial sehr präsent. Sie bezeichnen sich als Historiker, sind aber bestenfalls patriotische Publizisten. Ihr Projekt ist der Form nach national, in der Sache sowjetisch.

Ihr Ziel ist die Substitution der sowjetischen Idole mit Blut an den Händen durch national-ukrainische Idole mit Blut an den Händen. Sie sind der Meinung, dass Blut an den Händen zum patriotischen Geschäft gehöre und beim Hobeln eben Späne fielen. Internationale wissenschaftliche Reputation genießen sie nicht. Sie sind, wie ihre russisch-patriotischen Kollegen, auch stolz darauf. Wissenschaftlich begründeter Kritik begegnen sie, wie jene, mit einer Whataboutery-Strategie über selektive Erinnerung und blutige Geschichtshelden in anderen Ländern. Das funktioniert gut in einem Land, das sich im Krieg befindet.

Derweil wiederholt sich in der Ukraine, was wir bereits unter Juščenko erlebt haben: während die meisten Bürger Wichtigeres zu tun haben, als sich mit Geschichte zu beschäftigen – meist sind sie mit dem ökonomischen Überleben beschäftigt – entfremdet die Rehabilitierung eines seinerzeitigen Projektes der ethnischen Flurbereinigung der Ukraine – nichts anderes war das Programm der OUN der 1930er und 1940er Jahre – die heutigen Ukrainer untereinander.

Denn auch bei Leuten, die weder die teuren Produkte fremdsprachiger Forschung lesen noch die Heftchen aus der Geschichtsmanufaktur, bleibt eines zuverlässig hängen: der eigene Staat ehrt historische Gestalten, die, lebten sie noch, einen Gutteil der modernen Ukrainer wegen politischer Unzuverlässigkeit und fehlenden ethnischen Reinheitsgrades außer Landes treiben würden, und deren Wertekanon mit den Werten des Majdan von 2014 nicht vereinbar ist.

Überflüssig zu sagen, dass die russische Seite in diese Kontroverse aus den eigenen trüben Quellen regelmäßig ihre hausgemachten Geschichtslegenden einspeist. Bis dato ließ ich mich daher immer zur Diagnose verleiten, ukrainische Nationalisten betätigten sich als unfreiwillige Helfer des Kremls beim Projekt “Destabilisierung und Diskreditierung der Ukraine”.

Aber wir sollten die Ukrainer als Subjekte ihrer Geschichte wahrnehmen. Nicht die Russen machen die ukrainische Geschichte im Jahre 2017. Sondern die Ukrainer sind gerade dabei, sei es durch Handeln, sei es durch Unterlassen, ihr eigenes Land zu spalten. So wie die Einigkeit und Hoffnung in der großen Bewährungsprobe von 2014/15 nur von innen kommen konnte, so kann sie auch nur von innen heraus zerstört werden. Vielleicht schafft Vjatrovyč, was Putin versagt blieb.

7. Juli 2017 // Anna Veronika Wendland

Quelle: Facebook

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Das ukrainische lateinische Alphabet - Warum die Lutschukiwka (Lučukivka)?

"Kobsar" von Taras Schewtschenko auf Ukrainisch mit lateinischen BuchstabenDer "Kobsar" von Taras Schewtschenko auf Ukrainisch mit lateinischen Buchstaben
Zur Illustration führe ich wenigstens eine interessante historische Tatsache aus der Literatur an. Die kirchenslawische Sprache in der ukrainischen Redaktion lernten unsere Vorfahren als Gegenstand, als eigene Literatursprache. Ihr Name war im Lwiwer Priesterseminar Lingua Ruthenica, doch nicht alle wollten sie lernen. Auf der Basis festgehaltener Bezeugungen schrieb Mychajlo Terschakowez darüber: «Als im Jahr 1834 die Seminarleitung Dr. Ilnyzkyj anwies die Seminarteilnehmer das Lesen von kyrillischen Texten beizubringen, begrüßten die Schüler ihn mit Knüppeln und Rufen: Co to, chce nas zrobić Azyatami! Precz z nim, Mongołem, Tatarzynem (auf Polnisch: Was soll das, das macht uns zu Asiaten! Hinweg mit ihm, dem Mongolen, Tataren, A.d.Ü.)». Und lediglich das Genie Markijan Schaschkewytsch brach aus dieser Situation aus, in der die heiligen Söhne sich oft nicht richtig gemäß den Gebräuchen bekreuzigen, keine kyrillischen Ausgaben lesen konnten und es kam auch vor, dass die Priester Liturgiebücher nutzten, in denen die Texte mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben standen.

Es existieren verschiedene Varianten der «Latinisierung» des ukrainischen Alphabets – ältere und neuere, bessere und schlechtere, jedoch kann keine von ihnen als komplett zufriedenstellend angesehen werden. Ich zolle allen vorliegenden Projekten meinen Tribut, von denen ich lediglich die zweifache Harvard-Variante der Transliteration des ukrainischen Alphabets («non-linguistic», mit Nutzung englischer grafischer Übereinstimmungen, die bequemste in der Anwendung in E-Mails, in denen diakritische Zeichen nicht akzeptiert werden; und «linguistic», hinreichend gut anwendbar bei der Transliteration der ukrainischen Sprache in lateinische Schriftzeichen), den offiziellen Standard der Transliteration in lateinische Schriftzeichen (der in Reisepässen angewendet wird, in Lwiw sind in ihm die Bezeichnungen einiger Straßen transliteriert). Es gibt noch einige andere Varianten, die überwiegend scheußlich ausschauen.

Die Wiedergabe der phonetischen Besonderheiten der ukrainischen Sprache mit den Mitteln der lateinischen Schrift kann sich natürlich nicht nur auf die Anwendung des Alphabets beschränken. Die grafische Lösung muss mit orthografischen Regeln begründet werden. Daher kam seinerzeit auch der allgemeine Bedarf an der Formulierung wenigstens einer kurzen Rechtschreibung auf der Basis lateinischer Schriftzeichen auf. So entstand auch meine «Lutschukiwka». Meine Lutschukiwka (ich betone: Rechtschreibung, und nicht nur ein latinisiertes Alphabet) stellte ich bereits im Jahr 2000 zusammen. Sie wurde unter dem Namen «Ukrajinśka latynka. Korotkyj pravopys» (Ukrainische lateinische Schriftsprache. Kurze Rechtschreibung) erstellt. Als Basis wurden die geltende Rechtschreibung die vierte (1993) und die fünfte (1996) Ausgabe und ebenfalls der Entwurf der neuesten Redaktion der ukrainischen Rechtschreibung (1999) genommen. Nach der entsprechenden Ausarbeitung wurde aus diesen Ausgaben das Basismaterial genommen und dieses mit eigenen Regelungen und Illustrationen ergänzt.

Im Vergleich mit der geltenden Rechtschreibung und dem Entwurf ihrer neuesten Redaktion hat meine kurze Rechtschreibung eine ganze Reihe von Unterschieden allgemeinen Charakters. Vor allem wurden für ihre Erstellung andere Schriftzeichen verwendet – auf der Basis der lateinischen. Bei dieser Gelegenheit lohnt es sich die Aufmerksamkeit auf die Hauptmerkmale der Übereinstimmung des ukrainischen kyrillischen Alphabets mit der von mir vorgeschlagenen Variante der Anwendung lateinischer Schriftzeichen auf das ukrainische Alphabet zu richten, dabei alle weitere orthografische Argumentation einbeziehend. Für die Mehrzahl der kyrillischen Buchstaben (а, б, в, г, ґ, е, ж, и, і, й, к, м, о, п, у, ф, х, ч, ш) existieren Entsprechungen in der einheitlichen Variante (a, b, v, h, g, e, ž, y, i, j, k, m, o, p, u, f, x, č, š). Einige Buchstaben mit der Bedeutung konsonantischer Laute haben jeweils zwei Entsprechungen – eine harte und eine weiche: д – d, ď; з – z, ź; л – l, ľ; н – n, ń; р – r, ŕ; с – s, ś; т – t, ť; ц – c, ć. Das ist dadurch bedingt, dass diese Konsonanten in verschiedenen Positionen auf zweierlei Weise ausgesprochen werden – hart oder weich und dementsprechend in lateinischen Schriftzeichen mit verschiedenen Buchstaben gekennzeichnet werden. Hier ist hervorzuheben, dass der weiche Konsonant vor dem i in der Schrift nicht weich gemacht wird, sondern seine harte schriftliche Variante beibehält. Die Buchstaben я, ю, є werden ebenfalls auf zweierlei Weise übertragen, entweder als Buchstabenkombination ja, ju, je oder als a, u, e nach weichen Konsonanten. Der Buchstabe ї wird lediglich als Buchstabenkombination ji übertragen, die, außer in Positionen am Wortanfang oder nach einem Vokal, lediglich nach einem harten Konsonanten stehen kann.

Die getrennte Aussprache nach harten Konsonanten vor я, ю, є, ї wird im Kyrillischen durch ein Apostroph gekennzeichnet, das in der lateinischen Version in der Form fehlt. Das Weichheitszeichen (ь) dient in im Kyrillischen als Kennzeichnung der Weichheit der Konsonanten, anstelle dessen wird in der lateinischen Variante in diesen Situationen ein gesonderter Buchstabe für die Kennzeichnung der weichen Konsonanten verwendet: ď, ź, ľ, ń, ŕ, ś, ť, ć. Der Buchstabe щ wird mit der Buchstabenkombination šč übertragen. Falls man auf die umgekehrte Variante schaut, das heißt auf die kyrillischen Entsprechungen der Buchstaben des ukrainischen lateinischen Alphabets, so sind hier lediglich zwei Momente hervorzuheben. Die Buchstaben a, e, u haben jeweils zwei Entsprechungen: а/я, е/є, у/ю. Dagegen begnügen sich alle Konsonanten, die eine harte und eine weiche Variante haben, mit einem Entsprechungszeichen, nach denen im Fall der weichen Aussprache in der kyrillischen Variante я, ю, є oder das Weichheitszeichen erscheinen.

Ich habe nach diesen vielen Jahren erneut meine eigene Rechtschreibung des ukrainischen lateinischen Alphabets (meine eigene Lutschukiwka) aufmerksam gelesen, dabei lediglich das Vorwort verbessernd. Und bin wie ein verzauberter Hirsch erstarrt. Erinnern Sie sich an den Gesichtsausdruck des Wundertäters aus dem Film „Das fünfte Element“ von Luc Besson, als er Leeloo schuf, dabei aussprechend: «Die Vollkommenheit an sich»? Das ist es.

Mit einem Wort, die Einhaltung des Hauptprinzips jedem Laut entspricht ein Grafem, doch ohne diakritische Zeichen kommt man dieses Mal nicht aus. Ich träume bereits seit langem davon, dass seriöse Computerfachleute sich meiner Lutschukiwka annehmen. Nun und ich hab mir das erträumt, dass die Lutschukiwka als offizielle Variante der ukrainischen lateinischen Schrift genommen wird. Nun soll der Herrgott unser Kälbchen den Wolf fressen lassen.

Vor Kurzem kam die Initiative auf, sich ernsthaft mit dem ukrainischen lateinischen Alphabet zu befassen. Als Initiator trat der IT-Fachmann Jurij Naumko auf. Und am 27. Mai versammelte sich in der Kneipe «Batjar» auf der Menzynskoho (in Lwiw) die Quadriga der Interessierten – Naumko selbst, Wolodymyr Pawliw, Borys Jawir aus Ternopil und ich. Es kam die Idee auf ein angenommenes «Institut für die Einführung der lateinischen Schriftzeichen für die ukrainische Sprache» zu gründen. Wir einigten uns auf die Bezeichnung «Institut für die lateinischen Schriftzeichen». Wir gründeten eine geschlossene Gruppe bei Facebook, hoben gewisse strategische Vektoren hervor (die Schaffung einer Webseite usw.). Der Initiator Jurij Naumko soll ein entsprechendes Computerprogramm für die Transliteration des ukrainischen Kyrillischen in das ukrainische lateinische Alphabet schaffen. Für mich sind diese Computerdinge wie eine chinesische Urkunde. Doch sollte ein «Roboter» für die automatische Umschrift (ebenso in umgekehrter Richtung) geschaffen werden. Es versteht sich, dass als Basis meine Lutschukiwka als vollständigste Variante des ukrainischen lateinischen Alphabets genommen wurde. Es wird eine «reife» dichterische Fibel vorbereitet. Ich habe bereits meine «Spielerische Fibel für Kinder» vorbereitet. Es wird ebenfalls die Ausgabe des Buches «Lučukivka. Ukrajinśka latynka. Korotkyj pravopys» vorbereitet. Dann wird man weiter sehen.

Insgesamt wird es mir imponieren, wenn das «Institut für die lateinischen Schriftzeichen» ebenso «Institut Lutschukiwka» genannt werden würde.

26. Juni 2017 // Iwan Lutschuk

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1139

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Sich an alles erinnern

Euro-2012 Ukraine
In der Ukraine liebt man sich an die Vergangenheit zu erinnern – sowohl die weit entfernte, als auch die erst kürzliche. Einerseits die Ereignisse der Jahre 1917-1921, den Zweiten Weltkrieg, den sowjetischen Totalitarismus. Andererseits den Euromaidan, die Annektion der Krim und die ersten Monate des Krieges im Donbass.

Doch zwischen den nahen und fernen historischen Dramen hat ein Zwischenspiel Platz gefunden, dass von unserer Aufmerksamkeit übergangen wird. Ein Abschnitt der neueren ukrainischen Geschichte, der nicht durch irgendetwas Heroisches gekennzeichnet ist und schrittweise aus dem kollektiven Gedächtnis gespült wird – obgleich er auf seine Weise wichtig und aufschlussreich ist. Eben mit ihm ist das Jubiläum verbunden, an das sich heute nur wenige erinnern.

Vor fünf Jahren, am 1. Juli 2012, endete in der ukrainischen Hauptstadt die Europameisterschaft im Fußball.

Ein Ereignis, das zum epochalen Meilenstein für unseren Staat erklärt wurde und in einem gewissen Sinne wirklich bedeutsam war. Die sattsam bekannte Euro-2012 wurde zum Entwicklungshöhepunkt, dem Glanzpunkt der vorherigen Ukraine – einer amorphen, stagnierenden, mehrvektoriellen und mit inneren Widersprüchen überfüllten.

Das war das größte Trugbild, das sich ein Land schaffen konnte, das mit Illusionen lebte. Für einige Wochen vereinigten sich in einem einzigen entschlossenen Ruck alle: der eitle Janukowitsch, die egoistischen Oligarchen, die korrupten Beamten, die oppositionellen Eurooptimisten, die von Stolz beseelten Patrioten, die an die Fernsehbildschirme gefesselten Normalbürger.

Von der Seite konnte es scheinen, dass dies das echte Leben ist, der ständige Fortschritt, die unverfälschte Annäherung an Europa – und so wird es weiter gehen.

Wenn in diesem Moment ein zufälliger Gast aus der Zukunft den Ukrainern von Scharfschützen auf der Institutskaja, „grünen Männchen“ auf der Krim oder Kämpf um den modernisierten Donezker Flughafen erzählt hätte, so wäre seine Erzählung als schizophrener Schwachsinn abgetan worden. Doch derweil waren alle Voraussetzungen für die kommenden Erschütterungen bereits vorhanden.

Wiktor Janukowitsch machte einen friedlichen Regimewechsel bereits unmöglich, indem er die ehemalige Ministerpräsidentin und den ehemaligen Innenminister hinter Gittern versteckte. Der Preis der Trennung von der Macht stieg jäh an, uns ein unvermeidliches Blutvergießen verheißend.

Wladimir Putin seinerseits machte die Beibehaltung der ukrainischen Mehrvektorenpolitik oder ein friedliches Driften in Richtung Westen unmöglich. Die Kremlführung ging die Errichtung der UdSSR-2 unter der Hülle der Zollunion bereits an und erprobte bereits vorher in Georgien die militärischen Methoden des Kampfes mit den Unnachgiebigen.

Derweil wollten wir glauben, dass alles sich auflöst und sich entwickelt, dass alle unlösbaren Widersprüche sich irgendwie auflösen und wir glaubten an das Beste.

Solange sich die Oberen die illusionäre Stabilität genossen, gaben sich die Unteren mit der illusionären Eurointegration in Form des pompösen Fußballfestes zufrieden.

Die Ukraine der fünfjährigen Vergangenheit bewies, dass das klar an der Wand hervortretende „Mene, mene, tekel, u-parsin“ (Menetekel, A.d.Ü.) überhaupt nicht dabei stört zu tafeln und sich des Lebens zu freuen.

Doch der Exkurs in die neuere Inlandsgeschichte erinnert nicht nur an die einstigen Irrungen, die Kurzsichtigkeit und den Nichtwunsch die Zeichen der sich nähernden Katastrophe zu sehen. Außerdem demonstriert er, inwieweit naiv die Erörterungen über die unveränderliche „nationale Mentalität“ sind, welche die Entwicklung des Landes vorbestimmt.

Es reicht sich daran zu erinnern, wie wir 2012 waren und wie wir uns und die umgebende Welt jetzt sehen.

Jetzt ist genau bekannt, dass der Ukrainer vor allem ein geborener Krieger ist, ein Nachkomme der furchtlosen Kämpfer der UPA (Ukrainische Aufstandsarmee, 1942 gegründete westukrainische Partisanenarmee, die bis 1954 vor allem gegen die Sowjets kämpfte, A.d.Ü.), der geistige Bruder der tapferen Männer der Zahal (Armee der Verteidigung Israels, A.d.Ü.).

Noch vor fünf Jahren wurden gewaltlose Kampfmethoden als typische ukrainische Eigenschaften angesehen. Der samtenen Ukraine wurde gern das Russland mit den Moskauer Kämpfen von 1993 und den Tschetschenienkriegen gegenübergestellt. Als Beispiel wurde der erste idyllische Maidan angeführt und nur wenigen kam in den Sinn, dass sein friedlicher Charakter nicht so sehr der „Weisheit unseres Volkes“, als der Verweigerung des anrüchigen Kutschmas einer gewaltsamen Lösung, geschuldet war.

Und als idealer ukrainischer Politiker wurde zu dieser Zeit ein eigener Václav Havel oder Mahatma Gandhi gesehen und darüber schrieben die Meinungsführer, die heute über die Geburtsähnlichkeit der Ukraine mit dem wehrhaften Israel schreiben.

Jetzt machen wir uns über die russischen Oppositionellen lustig, die ziellos auf den Straßen marschieren und nicht in der Lage sind auf die Einsatzpolizei (OMON) auch nur einen unglücklichen Molotowcocktail zu werfen. Hier ist sie, die sklavische Natur des Nachbarn in all ihrer Schönheit!

Doch vor fünf Jahren wurde es in der Ukraine als Axiom gesehen, dass nur ein friedlicher Protest gegen die Regierung effektiv sein könne.

Die progressive Öffentlichkeit stritt darüber, ob es gelingt die apathischen Ukrainer aufzurütteln und auf die Straße zu bringen, wenigstens einige Zehntausend friedliche Protestierende.

Man meinte, dass es für sie ausreichend ist, auf dem Maidan zu stehen und das Regime Janukowitschs überlebt das nicht.

Doch die nicht zahlreichen Radikalen, die bereit zu aktiveren Handlungen waren, wurden ohne Umschweife zu „Provokateuren“ erklärt, die Moskau angeblich für die Diskreditierung der ukrainischen Nationalbewegung angeworben hatte.

Jetzt verfolgen wir gierig die Weltereignisse, verwandeln uns dabei leicht in Experten für die USA, Frankreich oder den Nahen Osten. Die Ukrainer sind aufrichtig gekränkt, wenn sie mit dem Unverständnis für unsere Probleme im Westen, mit der Unterschätzung der Gefahr aus dem Kreml, mit der unzureichenden Aufmerksamkeit der Europäer für die Geschehnisse im Donbass und auf der Krim konfrontiert werden.

Doch vor irgendwelchen fünf Jahren bedeutete uns das ungezählte Tor Marko Dewitschs (Dević) im Spiel Ukraine-England unvergleichlich mehr, als die verschärften Kämpfe um die syrische Hauptstadt.

Die damaligen Ukrainer konnte die Ermordung Oxana Makars oder die Erschießung von vier Wächtern im Einkaufszentrum Karawan aufrütteln, doch nicht der Sturm von Idlib, der Beschuss von ar-Rastan oder die Abschlachtung der Zivilbevölkerung in der Provinz Homs. Die fremdländischen Dramen bewegten nicht nur den inländischen Normalbürger nicht, sondern auch die aufgeklärten, nicht gleichgültigen, tiefsinnigen Bürger.

Nur wenige von uns konnten sich vorstellen, dass die Vorgänge in dem anderen Teil des Planeten in unmittelbarer Beziehung zur ukrainischen Zukunft stehen.

Ja, die Zeiten ändern sich, wir ändern uns gemeinsam mit ihnen und man braucht nicht so zu tun, als ob die Ukraine ihre Weltsicht aus der Tiefe der Jahrhunderte hervorbrachte. In vielem ist unsere jetzige „nationale Mentalität“ die Frucht einer beschleunigten Evolution, die lediglich dreieinhalb Jahre einnahm.

Für die heutigen Ukrainer ist es tatsächlich schwierig eine gemeinsame Sprache mit den russischen Liberalen zu finden und zum Teil mit den europäischen Gutmenschen. Doch wenn wir uns selbst nur fünf Jahre in die Vergangenheit begeben, wäre es für uns nur wenig leichter eine gemeinsame Sprache mit uns selbst zu finden.

1. Juli 2017 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1175

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Das ist Krieg: Die Ukraine wurde von der größten Cyberattacke ihrer Geschichte erschüttert

Cyberangriff auf die Ukraine
Am 27. Juni startete in der Ukraine gegen Mittag eine massive Cyberattacke, die mithilfe einer modifizierten Version des Virus „WannaCry“ – Petya.A ausgeführt wurde und mindestens einen Monat lang vorbereitet wurde.

Die E-Mails, in denen das Virus enthalten war, wurden sorgfältig maskiert als Geschäftskorrespondenz und trafen mehrere Tage, teils Wochen vorher ein.

Es gibt die Information darüber, dass Datum und Startzeit des Virus im Code verschlüsselt waren – 27. Juni 11:00 Uhr.

Am Vorabend des Tages der Verfassung (in der Ukraine ist heute ein Feiertag, A.d.Ü.) geschah die größte Cyberattacke auf Computersysteme von Finanzinstituten, Energieunternehmen, Massenmedien, Objekten der Transportinfrastruktur, Telekommunikationsnetze und andere große Organisationen in der Geschichte der Ukraine.

Auf den Rechner geratend, verschlüsselte das Erpresservirus alle Daten und forderte 300 Dollar in Bitcoins zu zahlen. Nach der Überweisung versprachen die Kriminellen, den Schlüssel für die Entschlüsselung zu schicken.

Von der Cyberattacke waren mehr als 100 Unternehmen in der gesamten Ukraine betroffen. Das erste war die Oschtschadbank (Sparkasse), ihr folgten die UkrPotschta (Ukrainische Post), die Nowaja Potschta, UkrEnergo, UkrTelekom, das Ministerium für Infrastruktur, das Energieministerium, der 24. Kanal, Inter, der Erste Staatliche Kanal und viele andere.

Die Aussendung der E-Mails mit dem Virus fand an Firmenadressen statt, doch gab es auch Fälle der Ansteckung von privaten Computern.

Die Regierung meint, dass das Virus dafür gestartet wurde, um die Situation in der Ukraine zu destabilisieren, doch sagte Ministerpräsident Wladimir Groisman: „Die Attacke wurde abgewehrt und die Verbrecher aufgedeckt.“

Spezialisten für Cybersicherheit haben bereits Maßnahmen zur Stabilisierung der Situation ergriffen, versuchen herauszufinden, woher das Virus stammt und versuchen ebenfalls Unternehmen dabei zu helfen, die Folgen der Attacke zu beseitigen.

Es wird hervorgehoben, dass Computer mit dem Betriebssystem Windows 7 und darunter in Mitleidenschaft gezogen wurden. Computer, die mit Windows 10 und anderen Betriebssystemen arbeiten, haben nicht unter der Attacke gelitten.

In der Zone des besonderen Risikos

Den Worten des CEOs des Unternehmens SOC Prime, Andrej Beswerchij, nach hat das Virus nicht nur die Ukraine angegriffen, sondern auch andere Länder darunter die Niederlande, Polen und Frankreich.

Seinen Worten nach haben Spezialisten für Cybersicherheit bereits Indikatoren für die Attacke herausgefunden. In Verbindung damit wird erwartet, dass Microsoft ein kostenloses Updatepaket für Windows innerhalb der nächsten zwei Stunden herausgibt. Außerdem entdecken 13 Antivirusprogramme das Virus bereits und ihre Zahl steigt ständig.

Im gegenwärtigen Moment ist nicht zuverlässig bekannt, wie das Virus auf die Computersysteme gelangte. Doch auf diese Frage wird nach der Durchführung eines Reverse-Engineerings des Quellcodes der Schadsoftware eine eindeutige Antwort gegeben werden.

Bislang werden drei Ansteckungsszenarien in Betracht gezogen:

  1. ein Link in einer E-Mail, der auf die Seite mit dem Download der Schad-Software führt
  2. eine Ansteckung über die Systeme des elektronischen Dokumentenverkehrs (die ukrainische Cyberpolizei hält diese Variante über die Updatefunktion der Buchhaltungssoftware M.E.Doc
    für am Wahrscheinlichsten, A.d.Ü.)
  3. ein Hack des Updatesystems von Windows, doch das liegt bisher auf der Ebene von Gerüchten

Andrej Beswerchij zufolge haben Spezialisten bisher keine Beweise, dass das Virus eine neue Modifikation von WannaCry ist. Bisher zeigt die Schadsoftware Anzeichen einer älteren Ransomware, die Petya heißt. Jedoch schließt Beswerchij nicht aus, dass das Virus Teile des Quellcodes von Petya und WannCry enthält.

Derweil meint der technische Direktor von Zillya!, Oleg Sytsch, dass das Virus dennoch eine neue Modifikation von WannaCry ist.

„Man kann es unterschiedlich benennen, beispielsweise schreiben sie auf der Seite der UkrPotschta, dass sie vom Trojaner Petya.A angegriffen wurden“, meint Sytsch. „Doch geht die Rede eher von WannaCry. Ungeachtet dessen, dass die neue Modifikation bedeutend verbessert wurde, gibt es offensichtliche Übereinstimmungen.“

Seinen Angaben nach fanden die ersten Ansteckungen per E-Mail statt.

Die Kriminellen sendeten Spam-Mails mit Arbeitsangeboten aus. Nach der Ansteckung des ersten Rechners drang der Trojaner, Verwundbarkeiten des Betriebssystem Windows ausnutzend, in lokale Netze ein und steckte alle anderen Computer des Netzes an.

Nach der Attacke von WannaCry im Mai hat Windows ein Update herausgebracht, das die Schwachstelle des Systems schloss, über das sich das Virus verbreitete. Bislang ist nicht gesichert bekannt, ob das neue Virus Systeme angriff, die nicht erneuert wurden, doch einigen Anzeichen nach kann man darauf schließen, dass das Virus eine neue Schwachstelle gefunden hat – die betroffenen Nutzer beteuern, dass ihr Windows vollständig up to date war. Wenigstens war der Patch für die WannaCry-Lücke installiert.

„Dabei kommt die Frage auf, warum das Virus so viele Personalcomputer ansteckte?“, sagt der technische Direktor von Zillya!. „Die Aufmerksamkeit verursacht auch die Tatsache, dass mehr als andere Unternehmen mit großen internen Netzen, die eine verzweigte Struktur haben, betroffen waren.“

Die Büros dieser Unternehmen sind physisch über das ganze Land verteilt, doch so organisiert, dass sie in einem einheitlichen Netzwerkraum arbeiten. In diesem Fall, wenn es an irgendeiner Stelle einen Einbruch gibt, das heißt ein Nutzer einen Trojaner bei sich startet, dann steckt der Trojaner alle Unterabteilungen unabhängig davon an, wo diese sich territorial befinden. Das Virus nutzt die logistische Struktur des lokalen Netzwerks. Daher haben vor allem große Unternehmen ein hohes Ansteckungsrisiko.

Hervorzuheben ist, dass das Trojanerprogramm nicht nur Arbeitscomputer ansteckt, sondern auch Server, die mit dem Betriebssystem Windows arbeiten und der Verlust von Informationen auf den Servern ist noch schmerzhafter.

Verhüten und Besiegen

Den Worten des Architekten des Sicherheitssystems des Unternehmens IT-Integrator, Alexej Schwatschki, nach nutzt das Virus die Windows-Schwachstelle unter der Bezeichnung MS17-010 aus.

Spezialisten bestätigen, dass diese Schwachstelle seit März 2017 bekannt ist und dass Microsoft bereits seit Langem einen Sicherheitspatch herausgebracht hat, darunter auch für die bereits nicht mehr unterstützten Windows Windows XP / Vista / 2003 / 2008.

„Wenn Sie eine dieser Versionen des Betriebssystems Windows nutzen, müssen sie unbedingt den Patch installieren, der unter der Adresse http://www.catalog.update.microsoft.com/Search.aspx?q=4012598 zur Verfügung steht.

Für aktuelle lizenzierte Versionen des Betriebssystems Windows wird das Update automatisch installiert. Wenn es aus irgendeinem Grund nicht ausgeführt wird, dann kann die Anleitung zur Installation hier finden: https://support.microsoft.com/de-de/help/4023262/how-to-verify-that-ms17-010-is-installed

Wenn es den Verdacht gibt, dass Ihr Computer bereits infiziert ist, dann müssen unbedingt schnell wichtige Daten auf einen externen Datenträger kopiert werden, der danach unbedingt ausgeschaltet werden muss.“

Denjenigen, die bisher nicht infiziert wurden, empfiehlt Oleg Sytsch per Firewall die Ports 135 und 139 zu sperren. Auf diese Weise können Nutzer keine Verzeichnisse und Datenträger im Netz öffnen, doch alle anderen Transportprotokolle bleiben zugänglich. Sowohl Internet, als auch Messenger und E-Mail funktionieren weiter. Der Dateiaustausch wird nicht funktionieren, doch damit ist die Ausbreitung des Trojaners blockiert.

Denjenigen, die bereits betroffen sind, empfiehlt Oleg Sytsch alle Festplatten von den Arbeitsplattformen zu entfernen und sie einzulagern. Anstelle dessen sollten neue Festplatten mit frischen Betriebssystemen installiert werden.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die Daten dennoch entschlüsselt werden können, existiert“, sagt der technische Direktor von Zillya!.

Bleibt zu erwähnen, dass nach der Attacke von Petya im April 2016 kostenlose Dechiffrierer der verschlüsselten Dateien auftauchten. Diese wurden von mehreren Spezialisten aus unterschiedlichen Ländern erstellt, nachdem der Code des Verschlüsselungserpressers geknackt wurde.

Übrigens, damit man nachher nicht auf das Auftauchen eines Entschlüsselprogramms hoffen muss, ist es besser, die Basisregeln für die Arbeit mit E-Mail und verschickten Dateien zu lernen. An diese Regeln wurde im Unternehmen Kyivstar erinnert, das von der Attacke nicht betroffen war:

  1. Öffnen Sie keine Links auf Webseiten, die sie in verdächtigen E-Mails oder SMS erhalten haben. In keinem Fall Programme starten, die auf derartige Weise heruntergeladen oder installiert werden sollen. Kriminelle können den Empfänger mit Gewinnspielen, der Nutzung von Logotypen bekannter Unternehmen, dem Aufruf zu unverzüglichen Handlungen und anderen Methoden der sozialen Manipulation hereinlegen.
  2. Überprüfen Sie aufmerksam die Adresse von Webseiten oder die Absenderadresse von E-Mails. Besonders aufmerksam muss man in dem Fall sein, wenn Sie aufgefordert werden Login und Passwort einzugeben.
  3. Öffnen Sie keine E-Mail-Anhänge, die von unbekannten Absendern stammen. Wenn es den kleinsten Verdacht bezüglich des Inhalts der E-Mail gibt, überprüfen Sie den Anhang unbedingt mit einem Antivirusprogramm. Im Fall des Entdeckens eines Virus löschen Sie die E-Mail unbedingt und leeren den „Papierkorb“.
  4. Installieren Sie auf Computern und mobilen Geräten keine Programme aus inoffiziellen Quellen. Die Programme können versteckte schädliche Funktionen enthalten, die von Schutzsystemen nicht entdeckt werden.
  5. Gehen Sie mit Bedacht mit ihren Passwörtern um, nutzen Sie schwierige Passwörter, nutzen Sie nicht ein und dasselbe Passwort bei verschiedenen Systemen, sowohl bei Unternehmensadressen als auch bei persönlichen Adressen. Setzen Sie unbedingt ein Passwort für die Blockierung Ihres mobilen Geräts.

Und für Anhänger radikaler Lösungen dient das Beispiel der PrivatBank. Sie wurde 2013 zum größten Unternehmen in der Welt, welches das Betriebssystem Linux nutzt.

„Für unsere Softwarekomplexe und -systeme existieren zum heutigen Tag keine Bedrohungen durch Hacker, in vielem dank der Konfiguration der Systeme und der Arbeit der Abteilung für elektronische Sicherheit“, teilte heute der Pressedienst der PrivatBank mit.

27. Juni 2017 // Wsewolod Nekrassow, Alina Poljakowa

Quelle: Ekonomitscheskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1503

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«Sicher. Nur dass die Ukraine vor dem 1.weltkrieg noch nicht mal existiert hat, geschweige den es ein "ukrainisches" Volk...»

«"wenn der Russe aus der Ukraine verschwinden würde" Dann müssten ja die hälfte der Ukrainer aus der Ukraine raus :D Zumal...»

«Und die Ukaine ist in diesen Ranking so viel besser? Ich glaube nicht. Zumal die Ukraine massive Probleme mit der Abwanderung...»

«Sie waren noch NIEMALS in Russland. Sonst würden sie nicht so einen eloquenten Unfug schreiben. Rangliste der Pressefreiheit;Russland...»

«Nun,sie haben meine beiden Fragen verneint... Somit müssten sie eigentlich nun pro-ukrainisch argumentieren... Denn, 1)...»

«nun ihr Beitrag zeigt das sie Teil des Konfliktes sind. Dafür können sie nichts. Insofern nehme ich ihr Polemik als teil...»

«aktuell ist Russland ein Land das es trotz seiner vielen Ethnien schafft im inneren Stabilität zu erhalten. Das ist deutlich...»

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