FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Leben nach den alten Regeln

0 Kommentare

Wladimir Putin, Dmitrij Medwedjew, Wiktor JanukowitschWladimir Putin, Wiktor Janukowitsch, Dmitrij Medwedjew: "Die Ukraine ist unsere".
„Leben nach neuen Regeln“. Wie viel bittere Ironie und giftsprühenden Sarkasmus hat diese Losung bereits hervorgebracht.

Insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt, da der Jahrestag des Amtsantritts Poroschenkos im Fokus der Öffentlichkeit steht und erste Schlüsse aus seiner Regierungszeit gezogen werden. Die vereinzelt gefeierte Ämtervergabe an politische Außenseiter konnte das Blatt nicht zum Guten wenden.

Wo ist denn nun die neue ukrainische Elite? Wo die mutigen Reformen? Wo die durchgreifende Umstrukturierung? Wofür standen wir eigentlich auf dem Euromajdan?

Aber mal ehrlich – wofür eigentlich? Ohne eine Antwort auf diese Frage fällt die Bewertung der aktuellen Lage schwer. Und die Antwort auf diese Frage ist nicht so offensichtlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Im Bewusstsein der Mehrheit wird der Euromajdan mit einer Bewegung assoziiert, die für radikale Reformen und eine radikale Erneuerung des Landes steht. Aber das ist nicht ganz zutreffend – genauer gesagt, trifft dies eigentlich überhaupt nicht zu. Ganz im Gegenteil: Im Winter 2013/2014 gingen wir auf den Majdan, um gegen radikale Umbrüche zu demonstrieren. Und diese gingen vom damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch aus.

In gewisser Weise kann man Janukowytsch als bedeutenden ukrainischen Revolutionär bezeichnen. Denn genau dieser versuchte – angetrieben von seinen Kremlfreunden – die frühere Ordnung zu zerstören und etwas Neues zu erschaffen. Mit der Umkehrung der Außenpolitik um 180 Grad, der Zerstörung der internen Politkonkurrenz, mit dem Aufbau eines Polizeistaates und der Einführung einer unabsetzbaren Regierung.

Faktisch war dies eine Revolution von oben, um die Ukraine in ein Mini-Russland zu verwandeln. Und dies traf auf Widerstand – sowohl in der ukrainischen Gesellschaft als auch innerhalb der ukrainischen Elite.

Die plötzliche Abkehr von der europäischen Integration und der Sprung in die russische Umarmung schockierte uns eben deshalb so sehr, weil die Ukraine – einschließlich der Ukraine Janukowytschs – bis zu diesem Zeitpunkt jahrelang einen vollkommen anderen Kurs postuliert hat.

Die brutale Prügelattacke auf Studenten erschütterte das Land eben deshalb so sehr, weil Vergleichbares bis dato noch nie dagewesen war. In diesem Moment begriffen Millionen von Bürger, dass es künftig immer so sein würde, wenn gegen derartige „Innovationen“ kein Widerstand geleistet wird.

Vom seinem Wesen her war der Euromajdan kein revolutionärer, sondern ein konservativer Protest (im Sinne eines konservierenden).

Aber dieser konservative Charakter war von Beginn an jenseits russischer Vorstellung. Während sämtliche Züge Janukowytschs für Russland die Norm waren, spiegelten diese für die Ukraine extremistische Politik, die Zerstörung der bestehenden Ordnung und Missachtung der nationalen Traditionen wider.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

In den Jahren 2010 bis 2012 wurde mehr als einmal versucht, die Ukrainer auf die Straße zu bringen. Progressive Köpfe träumten von einer neuen Elite, mahnten Korruption und Rückständigkeit an, träumten von Reformen und der Mitgliedschaft der Ukraine in der EU.

Aber der Wunsch nach Veränderung vermochte es einfach nicht, die passive und enttäuschte Gesellschaft zu mobilisieren. Der Widerstand gegen Veränderungen hingegen schon. Hunderttausende gingen auf den Majdan, um die alte Ukraine zu verteidigen, die bei all ihren Unzulänglichkeiten bequemer und humaner war als die prorussische Chimäre, die von Janukowytsch & Co. geschaffen worden war.

Aber von einem konservativen Protest kann nicht viel erwartet werden – egal, wie viele Heldenopfer dieser forderte.

Logische Konsequenz des Euromajdans wäre die Beseitigung des extremistischen Präsidenten sowie die Rückkehr des ukrainischen Lebens in die gewohnten Bahnen.

  • Mit der traditionellen Multivektorenpolitik statt der bedingungslosen Unterordnung unter den Kreml.
  • Mit konkurrierenden Oligarchen statt der monolithischen „Familie“.
  • Mit politischen Debatten statt Barrikaden.
  • Mit Stimmzetteln statt der Schlagstöcke der „Berkut“ (aufgelöste Polizeisondereinheit) und Molotowcocktails.

Dieses Resultat wurde auch faktisch erreicht. Und nach der Flucht Janukowytschs bereitete sich das Land darauf vor, den bereits 2005 eingeschlagenen Weg erneut zu gehen. Höchstwahrscheinlich hätte der zweite Majdan dieselben Früchte getragen wie der erste und die Superaktivisten und Progressiven enttäuscht. Aber dann mischte sich die RF militärisch ein und machte deutlich, dass es für uns keinen Weg zurück gibt.

Im Februar 2014 betrat ein noch größerer und radikalerer Revolutionär als der entmachtete Janukowytsch die Bühne. Im Gegensatz zu Janukowytsch beabsichtigte Putin nicht nur die Abschaffung der gewohnten Ukraine, sondern darüber hinaus die der gewohnten Weltordnung.

Die Annexion der Krim und der hybride Krieg im Donbass verdrehten unsere Vorstellung von der Wirklichkeit. Statt der Rückkehr in die alte Komfortzone fanden wir uns in äußerst extremen Bedingungen wider.

Und die frühere Ukraine – nachgiebig, entspannt, zahnlos, kompromissbereit – ist nun nicht mehr überlebensfähig.

Es wird weitestgehend davon ausgegangen, dass vom Euromajdan „nicht die Leute“ profitierten, die auf die Bankowaja und den Gruschewskij-Straße gingen. Das ist so nicht ganz richtig.

Konservativ in seinem Wesen hat der Majdan genau diejenigen an die Macht geführt, die er auch dorthin führen sollte – Politiker des alten Formats. Aber in der neuen militärischen Realität mussten diese eine für sie vollkommen untypische Rolle übernehmen.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Gerissene Geschäftsleute mussten zu bedingungslosen Patrioten werden, behäbige Beamte zu fähigen Befehlshabern, Meister des politischen Ränkespiels zu genialen Strategen. Und sie taten dies, ehrlich gesagt, nicht wirklich überzeugend.

Das ukrainische Establishment erinnert an eine der Figuren des Films „Herz aus Stahl“ – an den jungen Stenografen, der aus Versehen zum Kanonier einer M4-Panzer-Besatzung wurde. „Mir wurde beigebracht, 60 Worte in der Minute zu tippen. Nicht Deutsche totzuschießen“, beschwert sich der glücklose Held.

Die ukrainische Elite hatte ebenso nichts von dem gelernt, was für das Überleben der Ukraine in der jetzigen Situation erforderlich wäre. Das Wissen und die Fähigkeiten, die in den Korridoren der Werchowna Rada erworben wurden, sind nicht nur im Donbass, sondern auch in Minsk wertlos.

Gemäß der ukrainischen Führungsspitze bremst der Krieg die Reformen und hindert daran, nach neuen Regeln zu leben. In Wirklichkeit verhindert der Krieg das Leben nach den alten Regeln.

Und wenn wir ehrlich sind, wünscht sich dies nicht nur die herrschende Elite, sondern auch ein bedeutender Teil der Gesellschaft. Jedenfalls sah Porosckenko, der fast zehn Millionen Stimmen auf sich vereinte, bereits zum Zeitpunkt seines Amtsantritts nicht wie ein couragierter Reformator aus. Vielmehr verbanden viele Wähler seine solide Gestalt mit friedlichen Zeiten, mit unserer ruhigen Vorkriegsexistenz.

Aber leider hat sich ein Jahr nach dem Amtsantritt Poroschenkos herauskristallisiert, dass eine Rückkehr in die Vergangenheit nicht möglich ist. In der neuen Weltordnung nach der Annexion der Krim ist kein Platz mehr für die frühere Ukraine. Es bleibt nur, nach vorn zu gehen, um von den Rädern der Zeit nicht zermalmt zu werden.

Die jetzige Ukraine ist kein revolutionäres Land, das von einem konservativen Nachbarn unterdrückt wird. Sie ist nicht das Ungarn von 1956 oder die Tschechoslowakei von 1968. Die ukrainische Tragödie ist anderen Ursprungs.

Die Ukraine war ein Land, das mit dem Status quo vollkommen zufrieden war. Sie lebte leise und bescheiden, tolerierte Korruption und Stagnation, beschimpfte träge die Machtinhaber, war zufrieden mit ihrer relativen politischen Freiheit und der postulierten Bewegung Richtung Europa. Aber die Erbauer eines neuen Imperiums haben beschlossen, dass ohne dieses Land das ehrgeizige imperialistische Projekt nicht realisiert werden könnte.

Dem Land ist keine Wahl geblieben. Und jetzt muss sich dieses Land verändern oder ist dem Untergang geweiht – einen Mittelweg gibt es nicht.

19. Juni 2015 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 1151

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 4.5/7 (bei 12 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)3 °C  Ushhorod13 °C  
Lwiw (Lemberg)11 °C  Iwano-Frankiwsk8 °C  
Rachiw7 °C  Jassinja8 °C  
Ternopil4 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)6 °C  
Luzk9 °C  Riwne8 °C  
Chmelnyzkyj3 °C  Winnyzja4 °C  
Schytomyr3 °C  Tschernihiw (Tschernigow)0 °C  
Tscherkassy5 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)8 °C  
Poltawa4 °C  Sumy2 °C  
Odessa7 °C  Mykolajiw (Nikolajew)11 °C  
Cherson10 °C  Charkiw (Charkow)2 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)11 °C  Saporischschja (Saporoschje)11 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)8 °C  Donezk7 °C  
Luhansk (Lugansk)6 °C  Simferopol7 °C  
Sewastopol11 °C  Jalta8 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Guten Tag, ich habe Kontakt zu einem Unfallchirurgen aus Sumy, der zur Zeit in einem Fronthospital arbeitet. Durch meinen Beruf habe ich aus Kliniken 10 Kisten (130kg) chirurgische Instrumente und Implantate...“

„Hallo, die Heirat an sich ist nicht sonderlich aufwändig und Bürokratisch, wenn man in der Ukraine heiratet. Bei Anreise Montag oder Dienstag, kann die heirat am Donnerstag oder Freitag derselben Woche...“

„Hallo zusammen, ich (Deutscher und wohne in Süddeutschland) bin seit fast 4 Jahren mit einer Ukrainerin zusammen. Sie ist bei Kriegsbeginn aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. Sie wohnt aktuell...“

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.