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Zur Causa Julia Timoschenko: Jetzt ehrlich verhandeln!

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Zwischen der Bundesregierung und der ukrainischen Regierung gibt es derzeit ein Tauziehen um die Ausreise von Julia Timoschenko. Dies sollte auch in der Ukraine nicht unbeachtet bleiben, weil das Thema jetzt in Deutschland auch in die Leitmedien vorgedrungen ist. Der Chefneurologe der Charité, Professor Max Einhäupl, erklärt, dass Julia Timoschenko wegen eines chronischen Bandscheibenvorfalls in der Ukraine nicht adäquat behandelt werden könne. Auch sehe er eine eventuelle Behandlung durch Ärzte der Charité in der Ukraine äußerst skeptisch. Dies teilte er auf einer kürzlichen Pressekonferenz mit.

Es ist immer schwierig, bei solchen medizinischen Themen als Außenstehender eine Meinung zu äußern. Auch im Falle Timoschenkos bleibt vieles unklar. Einhäupl erklärt die notwendige medizinische Versorgung von Frau Timoschenko nicht näher, was einerseits verständlich wirkt, da es sich um persönliche Details handelt. Andererseits geht er mit dem Fall an die Öffentlichkeit, um Druck gegen die ukrainische Regierung aufzubauen. Er tut dies offensichtlich in enger Abstimmung mit der Bundesregierung, da auch Angela Merkel bereits durch die Blume persönliche Sanktionen ankündigen lässt. Sie würde möglicherweise nicht die Ukraine während der EM besuchen. Ein bevorstehender Besuch durch den Bundespräsidenten anlässlich eines Treffens der Präsidenten Zentraleuropas wurde jetzt ebenfalls in diesem Kontext abgesagt. Gauck kommt nicht in die Ukraine.

Wir haben es also ohne Zweifel mit einem Politikum zu tun, der sich um die ehemalige ukrainische Regierungschefin entwickelt hat. Passend dazu sei Julia Timoschenko nun in den Hungerstreik getreten. Sie wirft den Behörden einen gewaltsamen Transport in eine Klinik vor, durch welchen sie Verletzungen davon getragen habe. Sie verweigert nun jede Behandlung.

Schwer durchschaubar ist in dieser Situation die innere Haltung von Julia Timoschenko. Möchte sie einfach nur adäquat behandelt werden und traut dies der ukrainischen Medizin nicht zu? Will Timoschenko vielleicht ihre Ausreise nach Deutschland erzwingen? Leidet sie, oder kämpft sie politisch? Auch Julia Timoschenko erklärt sich nicht ausreichend, um die Situation zu verstehen.

Die medizinische Strategie in der Behandlung von Bandscheibenvorfällen ist relativ leicht zu recherchieren. Sie besteht in einer effektiven Schmerztherapie mit Medikamenten und einer guten Physiotherapie durch Krankengymnasten. Wenn Nervenschädigungen mit Lähmungen auftreten, ist eine Operation angezeigt. Von einer Operation war aber nicht die Rede. Einhäupl sprach von einer komplexen Therapie. Dies spricht für die erste Behandlungsvariante.

Nun sind Bandscheibenvorfälle in aller Regel chronisch, d.h. sie bilden sich in aller Regel nicht zurück. Nur die Folgeerscheinungen können durch die Behandlung gebessert werden. Überall, auch in der Ukraine, gibt es unzählige Menschen mit Bandscheibenvorfällen. In der Ukraine gibt es Schmerzmedikamente und es gibt auch ausgebildete Krankengymnasten. Wo liegt also das Problem?

In dieser komplizierten und festgefahrenen Verhandlung um die Causa Timoschenko sehe ich nur noch zwei Deutungsmöglichkeiten.

Möglicherweise versucht die Bundesregierung den Konflikt um die Verurteilung Timoschenkos nun mit Hilfe der Mediziner zu lösen, was aus meiner Sicht fatal ausgehen muss. In diesem Falle würde die Regierung Janukowitsch sehr wahrscheinlich nicht nachgeben. Die Folge wäre, dass Timoschenko in diesem Konflikt an die Grenze ihrer physischen Möglichkeiten kommen würde und durch den zusätzlichen Hungerstreik möglicherweise auch ihr Leben in Gefahr geraten könnte. Ich hoffe, dass eine solche fatale Eskalation ausbleibt.

Möglicherweise wird aber auch die eigentliche Diagnose Timoschenkos verschwiegen. Es spricht einiges für eine sehr häufige psychiatrische Diagnose, die tatsächlich in der Ukraine nicht adäquat behandelt werden kann. Ich meine eine schwere depressive Episode, die auch im Zusammenhang mit dem Bandscheibenvorfall aufgetreten sein kann. Eine solche schwere depressive Episode würde eine komplexe psychotherapeutische und medikamentös antidepressive Behandlung in einer entsprechend ausgestatten Klinik erfordern. Solche Kliniken, die europäischen Qualitätsstandards entsprechen, gibt es meines Wissens in der Ukraine nicht.

Eine schwere depressive Episode ist eine schwerwiegende Erkrankung, die auch lebensbedrohlich werden kann. Keine Bagatelle. Neben einer missgestimmten gedrückten und teilweise auch aggressiven Stimmungslage, können Appetitlosigkeit mit erheblichem Gewichtsverlust, Schlafstörungen, eine erhöhter Muskeltonus, innere Unruhe, Verzweiflung und Selbstmordgefährdung auftreten. Dazu kommt eine erhöhte Schmerzwahrnehmung und damit auch die Möglichkeit, dass sich Symptome im Rahmen eines Bandscheibenvorfalls erheblich verstärken können. Nicht selten leiden Menschen mit Depression unter schweren Schmerzsyndromen, die dann nicht rein symptomatisch durch Schmerzmittel behandelbar sind. Zu dem Thema habe ich mich bereits in dem Artikel „Vielschichtige Therapie“ geäußert.

In Ländern ohne eine hoch entwickelte psychiatrische Versorgung werden gerade solche Depressionen häufig bagatellisiert, auch von Ärzten. Die Ukraine könnte zu diesen Ländern gehören.

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Ich sehe also Gründe, warum eine solche, mögliche Diagnose Timoschenkos bisher nicht geäußert wurde, auch wenn sie vielleicht besteht.

Wie auch immer, wäre es ein schwerer Fehler, im Falle Timoschenkos, eine solche Diagnose zu verschweigen. Der Regierung Janukowitsch kann man wesentlich einleuchtender erklären, warum ein komplexes psychisch-somatisches Störungsbild im westeuropäischen Ausland besser behandelt werden kann, als in der Ukraine. Die ukrainische Psychiatrie ist einfach noch nicht so weit und die Psychosomatik dort faktisch nicht existent.

Sollten meine Vermutungen stimmen, wäre dies jetzt der dringend gebotene Zeitpunkt, die Karten auf den Tisch zu legen und ehrlich zu verhandeln. Das könnte Julia Timoschenko durchaus das Leben retten.

Autor: Sönke Paulsen

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