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Die einzige Waffe von Nadeschda Sawtschenko

Nadija SawtschenkoNadija Sawtschenko Foto: Radio Swoboda
Halbwahrheiten sind schrecklicher als Lügen. Falsche Liebe schlimmer als Hass. Ich weiß, ich bin sicher: Die politische Führung meines Landes fürchtet den Tod von Nadeschda Sawtschenko (ukrainisch: Nadija Sawtschenko) nicht. Mehr noch ist sie an ihrem heroischen Tod interessiert. Denn in diesem Fall wird die zivilisierte Welt noch einmal vor der Brutalität Wladimir Putins erschaudern.

Eine gewöhnliche junge Frau wurde unerwartet für die Welt und für sich selbst zum Symbol von Konsequenz und Würde. Sie wurde dazu von ukrainischen Politikern gemacht, die ihre äußerst eigennützigen Ziele verfolgen. Heute widersteht sie, einsam und schwach, dem weltweiten Bösen in Gestalt des Menschen mit dem Namen Wladimir Putin. Ihre Waffe ist der Tod, der eigene Tod. Sie hat dieses Recht, das Recht auf Tod. Niemand außer die ihr nahestehenden Menschen haben das Recht sie dazu zu überreden ihren Protesthungerstreik zu beenden, auf die einzige ihr zur Verfügung stehende Verteidigungswaffe zu verzichten. Sie, Nadeschda Sawtschenko, wird von der Ukraine, leider Gottes, nicht gebraucht, so laut auch ukrainische Politiker das Gegenteil behaupten. Lebend wird sie nicht gebraucht.

Es ist das geschehen, was geschehen ist. Das fast namenlose Spielzeug wurde zum Wechselgeld. Sie hätte gebrochen werden, einen Kompromiss eingehen können. Sie konnte nicht, wollte nicht, eben daher stieg ihr Wert in den Augen des Henkers ins Unermessliche. Es gab eine Zeit, zu der sie Putin hätte besiegen können. Das war die Zeit ihres ersten Hungerstreiks. Gute ukrainische Politiker, die die Regeln eines moralischen Lebens und des Gefühls der eigenen Würde nicht kennen, überredeten sie dazu den Hungerstreik zu beenden. Die brutale Wahrheit besteht darin, dass dies der Tag des Sieges für Putin war. Und er stand damals kurz davor, einen anderen Entschluss zu fällen …

Spiel mit fremden Leben. Darin besteht all unsere „Politik“. Endlose Intrigen, falsche Parlamentsprügeleien und sich in reichhaltigem Fluss ergießende Lüge. Damals glaubte Nadeschda Sawtschenko, sie wollte unbedingt leben. Ebenso wie Giordano Bruno, Jan Palach und mein Lagerfreund Walerij Martschenko inständig leben wollten.

Eine schreckliche Zeit. Unerwartet für mich selbst kehrte ich in die feuchte, dunkle Zelle im Lager im Ural zurück. Damals als ich hungerte. Für mich war es leichter, ich hatte keine Hoffnung. Wir waren nur zwei – ich und die von mir abgeschottete Welt, ohne Radio, Zeitungen, Fernsehen. Manchmal rannte eine Ratte vorbei, die aus einer Ritze in der Ecke gekrochen war.

Ich lebte mit der Erinnerung. Die Abschiedssonate von Haydn (gemeint ist die 45. Sinfonie, A.d.Ü.), dem süßen Nachgeschmack von Wieniawski. Für mich war es leichter, ich hatte keine Zukunft. Die Welt reizte mich nicht mit ihrem Alltag. Jedoch, am 114. Tag, spürte ich das Nahen des Todes. Er wartete geduldig mein völliges Auslöschen ab. Das begreifend, Ihn aus dem Augenwinkel in der Ecke hinter dem Lokus erblickend, stellte ich den Hungerstreik ein. Das war eine sehr einfache Wahl – sterben oder leben. Damals war ich allein gegen die ganze mir gegenüber gleichgültige Welt, die nichts von meinem Protesthungerstreik wusste. Ich wählte das Leben.

Die Situation von Nadeschda Sawtschenko ist schwieriger, schlechter. Sie hat eine Wahl. Verwandte, Anwälte, Menschenrechtler reizen sie mit Möglichkeiten. Sie sind, das nicht wünschend, auf der Seite Putins. Antike Heldin? Ja, das ist so. Kann sie im trockenen Hungerstreik sterben? Ja, auch das ist die Wahrheit. Kann sie siegen? Leider Gottes ist es nicht möglich, Putin zu besiegen. Oder fast unmöglich. Was machen, was tun? Ich weiß es nicht, hier sind keine rationalen Entscheidungen möglich.

Ich weiß, eines weiß ich bestimmt: Wenn sie stirbt, werden sich die ukrainischen Politiker leise freuen. Über einen fremden Tod lässt es sich leichter hinweggehen. Denn an allem wird Putin Schuld sein, allein Putin. So ist es doch oder?

7. März 2016 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 646

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