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Ein kranker Präsident ist eine Bedrohung für den Staat

Häufig wird uns eingetrichtert, der Staat brauche einen starken Anführer, der alles ins Lot bringt. Doch die Führung wird im Westen und in den postsowjetischen Staaten ganz unterschiedlich interpretiert.

Das Institut der Führung kommt nur in totalitären und autoritären Regimes deutlich zur Geltung. In demokratischen Ländern hingegen bedient man sich eher der Dienstleistungen eines Staatsbeamten.

Zugleich ist in der Ukraine das Niveau der Selbstorganisation der Bürger sehr gering. Das erlaubt es der Regierung, die öffentliche Meinung zu manipulieren, begründete Zornausbrüche im Volke zu unterdrücken und die Opposition an den Rand zu drängen.

Somit sind die Gesetze oder das politische oder rechtliche System für das Schicksal des Landes nicht entscheidend. Alles wird vom Zaren beschlossen. Er kann begnadigen oder ins Gefängnis werfen.

Daher ist die Erforschung des Phänomens der politischen Führung die Antwort auf die Frage: „Was erwartet die Ukraine in absehbarer Zukunft?“

Die Wissenschaft Biopolitik befasst sich mit der Auswirkung äußerer und innerer Faktoren auf die Subjekte der Politik – Premiers, Präsidenten, führende Politiker aus unterschiedlichen Ländern. Die äußeren Faktoren schließen die Besonderheiten des Klimas, die Jahreszeit oder den Luftdruck ein.

In diesem Artikel wird es jedoch um die inneren Faktoren gehen.

Wie die Verfasser des Buches „Politische Eliten und Anführer“ Borys Kuchta und Natalia Teplouchowa behaupten, gehört zu derlei Faktoren die Gesundheit, das Alter, die Biorhythmen und Ausdauerfähigkeit des Staatsoberhauptes. Das Vermögen, mit Stress fertig zu werden. Jegliche ernstzunehmende Normabweichungen können die Unternehmenslust des Anführers dämpfen und ihn misstrauisch stimmen, infolgedessen baut der Präsident oder Premier nur auf die „eigenen Leute“. Das Objekt schottet sich ab.

Und nun lasst uns die Vergiftungsgeschichte des Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko Revue passieren. Ein junger, vor Energie strotzender Politiker, der das Präsidentenamt bei guter Gesundheit und Humor hätte antreten können, erhielt seine Lorbeeren mit entstelltem Gesicht und angeschlagener Gesundheit.

Immer wieder wurde er Operationen unterzogen. Es bestand keine Lebensgefahr mehr, doch seine einstige Gesundheit war auch dahin. Dabei ist die Gesundheit führender Politiker stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit interessierter Parteien. Bei lang andauernder Behandlung können Nebenwirkungen auftreten, physische Schmerzen werden mit unerwünschten Arzneimitteln gelindert. Folglich erlangt ein begrenzter Personenkreis einen uneingeschränkten Einfluss auf den Präsidenten.

Die „lieben Freunde“ von Präsident Juschtschenko regierten das Land nach eigenem Belieben. Während sich die Ukrainer von ihrem Präsidenten entscheidende Schritte erhofften. Doch diese blieben aus.

Das Land hat Zeit verloren. Die Menschen ihren Glauben.

Die Verfasser des Buches „Politische Eliten und Anführer“ nennen als Beispiel eine sehr ähnliche Situation, als die ganze UdSSR Geisel der angeschlagenen Gesundheit Leonid Breschnews war, dem sich eine Krankenschwester angebiedert hatte.

„Das damalige Staatsoberhaupt Breschnew hat aufgrund einer fortschreitenden Erkrankung des zentralen Nervensystems ab 1973 angefangen, starke Beruhigungsmittel zu gebrauchen. Diese wurden ihm von der Krankenschwester N. verabreicht, was nach Tschesows Worten den psychischen Verfall des Generalsekretärs beschleunigte. Doch konnte man die Krankenschwester nicht loswerden, trotz der Einmischung des KGB-Chefs Andropow. Letzendlich wurden wichtige Geheimangelegenheiten in Anwesenheit von N. erörtert, manchmal unter ihrer Beteiligung, was auf die Gefühle Breschnews gegenüber N. zurückzuführen war. Als man es endlich schaffte, die beiden zu trennen, war es so, als würden sie voneinander nicht im von der ganzen Welt isolierten Sawydow, sondern in einer Stadt, die von Terroristen nur so wimmelt, Abschied nehmen.“

Ein wichtiger Faktor ist das Alter des Oberhauptes.

Junge Staatsmänner neigen mehr zu entschlossenen Taten wie Revolutionen, die in reifem Alter sind zu Reformen bereit, während ältere Herrschaften nur darauf bedacht sind, ihre Pfründen schön einzurichten.

Heute ist der ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch 61. Seine Jugend ist längst vorbei. Die Reifezeit definieren die Psychologen wie eine Übergangsetappe zwischen 40 und 60 Jahren.

Dieser Rahmen ist natürlich relativ. Aber die alten Tage rücken unentwegt näher. Dementsprechend ändern sich die Prioritäten. Der Präsident wird zunehmend von Komfort und Stabilität angezogen. Die Fotos des Präsidentenhauses in Meshyhirja sprechen Bände darüber, in welcher Lebensphase sich Wiktor Janukowytsch befindet.

Der emotionale Zustand Janukowytschs lässt sich an seiner Erklärung zu den Bürgerprotesten für soziale und wirtschaftliche Reformen ablesen: „Die Polizei berichtet mir, dass das Volk sich mit Waffen versorgt für den Fall bewaffneter Angriffe“.

Was ist das? Angaben aus einem operativen Bericht oder Misstrauen und Angst?

Vielleicht hat der Präsident die Erklärung Oleksandr Turtschynows zu sehr zu Herzen genommen, Tymoschenko regiere ihre Partei nach wie vor auch aus dem Gefängnis?

Fachleute im Bereich Biopolitik behaupten: Paranoia kennzeichnet einen Anführer, der konservativ geworden ist, dem Volk sein Recht auf Protest abspricht und sich überall von Gegnern umlauert wähnt.

Ich hoffe, diese Definition gilt keineswegs für den Präsidenten der Ukraine.

Doch die schroffe Attacke Wiktor Janukowytschs gegen die Tschornobyl-Liquidatoren, die nach Kiew kamen, um ihre sozialen Vergünstigungen zu verteidigen, legt nahe, dass sich unser Land auf harte Repressionen und Demokratieabbau zubewegt.

„Die Menschen haben ihre Angst und ihre Gewissen verloren. Wer organisiert das? Wohl kaum die, die es am schwersten haben. Nein, sie schweigen, warten, sind geduldig“, erklärte Janukowytsch.

Es sei bemerkt: der Präsident fordert von den Menschen Geduld, verliert aber die eigene Selbstbeherrschung. Ein allzu emotionaler Zustand des Oberhauptes kann seinen gesunden Menschenverstand bei Beschlussfassung beeinträchtigen, so die Experten. Nicht das Wohl der Gesellschaft, sondern eigene Ziele rücken in den Vordergrund.

Blamagen des politischen Anführers prägen sein Image sowohl nach innen als auch nach außen hin. Normalerweise werden sonderbare Erklärungen großer Staatsmänner als kleine Ausrutscher abgetan, wie beispielsweise der Satz Janukowytschs bei dem Treffen mit dem russischen Präsidenten Medwedew: „Wir wollen nicht vom Schlechten reden, lieber tun wir es“.

Die Ukrainer würden so gerne glauben, dass Achmetowa statt Achmatowa, der große ukrainische Dichter Tschechow, Brasilien und Kuba in Nordamerika oder Israel in Europa nur harmlose Entgleisungen des Präsidenten sind.

Doch die Geschichte gibt Stoff zum Nachdenken. Ein treffendes Beispiel ist Lenin.

„Bereits im Mai 1922 hat Lenin auf Bitte der Ärzte, 12 mit 7 zu multiplizieren, eine falsche Antwort gegeben. Einen Monat später billigte er die Verordnung des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees ‘Über außergerichtliche Beschlüsse der Staatlichen Politischen Verwaltung bis hin zu Erschießungen’, definierte eine neue Strategie und Taktik der Komintern, beschloss, die russische Intelligenzija des Landes zu verweisen“ – dies ist ein Zitat aus dem Buch „Politische Eliten und Anführer“.

Vergleiche zwischen Lenin und Janukowytsch sind fehl am Platz. Weder die Dimension noch die Essenz sind ähnlich.

Während der Erstere Millionen Menschenleben auslöschte um seiner „Überidee“ willen, lässt sich der Letztere von „liberalen Werten“ leiten. Auf Englisch heißt es “liberal values”, was das ukrainische Wort „lave“ (Kohle) in der Gaunersprache geprägt hat.

Doch es gibt etwas, was Lenin und Janukowytsch gleichermaßen kennzeichnet – ihre Machtgier.

Hier ist ein weiteres Zitat aus dem Buch Kuchtas und Tepluchowas angebracht: „Ein namhafter Machtforscher soll einmal bildlich gesagt haben, die Ausübung der Macht unterwerfe sich den gleichen Regeln wie die Drogensucht: ‘Machtzunahme gibt dem Subjekt niemals die vollkommene Befriedigung’, je mehr Macht einem zuteil wird, desto mehr möchte man noch dazugewinnen“.

Wolkohonow beruft sich auf die Beschreibung Lenins durch Schriftsteller Mark Aldanow: ‘Lenin war Mann einer Idee, eines Buches, einer Zeitung, einer Partei. Vorausgesetzt, dies war seine Idee, seine Zeitung und natürlich seine Partei. Die Idee Lenins, von der er rund um die Uhr besessen war, lässt sich in einem Wort fassen: Macht.‘“

Was tat Wiktor Janukowytsch nach seinem Wahlsieg?

Über das Verfassungsgericht hat er die Verfassungsreform außer Kraft gesetzt. Die ganze Exekutive ist nun in seinen Händen. Doch die Daumenschrauben werden weiterhin angezogen.

Und so wird es sein, bis der Präsident begreift, dass immer mehr Macht seine Gier nicht stillen wird.

Jeder Anführer muss die eigene Funktion im Staat begreifen. Begreifen, dass er im Dienste des Volkes ist, und nicht umgekehrt.

Kurzum, der Anführer soll kein despotischer Tyrann sein, sondern ein Manager.

„Ein vorsichtiger Fachmann und Realist, der sich mit dem Ziel der Gesellschaft identifiziert“, sagen die Experten.

Anderenfalls wird der Anführer den Volkszorn auf sich ziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange die Geduld der frustrierten Menschen noch ausreicht. Vielleicht hat der Anführer doch recht und sie decken sich schon jetzt mit Waffen ein?

3. November 2011 // Myroslaw Otkowytsch, Journalist beim Sender TVi

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzerin:   Iryna Tsyumrak  — Wörter: 1418

Iryna Tsyumrak stammt aus der westukrainischen Stadt Lwiw/Lemberg. Dort hat sie ihren Master in Angewandter Linguistik erlangt, zur Zeit studiert sie Konferenzdolmetschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz/Germersheim

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«Ganz ehrlich, worauf wartet unsere Bundesregierung? Ich bin in Deutschland geboren und fahre sehr gerne in die Ukraine. Die...»

«Ach so. Sie wollen uns mitteilen, daß Annexionen und hybride Kriegsführung erlaubt sind, wenn das angegriffene Land nicht...»

«Sie schreiben "... sollte zuerst einmal die Ukraine beweisen ..." - sind Sie noch bei Sinnen? Ob die Ukraine zu auch nur...»

«Und dann sollten wir das Öl von Saudi Arabien kaufen gell? Denn deren mörderische Angriffe auf Zivilisten im Jemen finden...»

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