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Die letzte Pflicht

Der Sohn meiner Freunde verlässt das Land. Das ist jetzt leicht und man braucht keinerlei Abteilungen für Visa- und Registrierung (OWIR), keinen KGB oder weitere „erlaubende“ Behörden dafür. Er ist Majdan-Aktivist und Teilnehmer an den Kämpfen im Osten der Ukraine (er war verwundet, kehrte nach dem Hospital zurück nach Hause) und macht sich nun vor der Zukunftslosigkeit davon. Vor der eigenen Zukunftslosigkeit in einem Land, für das er sein Blut vergossen hat. Der qualifizierte IT-Spezialist wird im Ausland leicht eine Arbeit finden.

Er fährt nach den vorgezogenen Parlamentswahlen. „Vor dem Abschied, möchte ich meine Stimme abgeben. Ein letztes Mal. Das ist meine Pflicht, ich erfülle sie.“ Die Wunde am Oberschenkel ist verheilt. Die Wunde in der Seele schmerzt. Sie schmerzt heftig. Das sind seine Worte: „In der Ukraine gibt es zwei Kriege. Einer gegen einen äußeren Feind. Der wird wohl bald zu Ende sein. Schrecklicher ist der zweite, sein Ende ist nicht absehbar, es ist ein Krieg der Herrschenden des Landes gegen die eigene Bevölkerung.“

Zwei Tage lang begleiten mich die Eindrücke der dreistündigen Unterhaltung mit diesem jungen Europäer. Intelligent, klug mit fließenden Französisch- und Englischkenntnissen hat er ruhig von sich erzählt. Am meisten über sich im Kampf. Er hat getötet. Zwei genauso junge Leute wie er. Der dritte hat ihn verletzt. Und heute, Monate später, erinnert er sich an die Gesichter der getöteten Feinde und an die Blutfontäne aus dem Hals des einen von ihnen. Nein, er bereut nichts. Er hat sein Land verteidigt, seine Heimat. Diese zwei waren Fremde, ungebetene Eroberer. Meiner Meinung nach ist das eine absolute Erklärung, ein absolutes Argument. Putin hat seine eigene Erde, sein eigenes Land.

Er fährt nicht vor Putin davon. Nüchtern und sehr bitter hat er mir ein Bild unserer nahen Zukunft gezeichnet, wo die Parlamentssitze der Kommunisten und sinnlosen Swoboda-Leute von zielstrebigen, brutalen Radikalen (gemeint ist die sogenannte “Radikale Partei” von Oleg Ljaschko A.d.R.) eingenommen werden, die weder Gewissen, noch Ideologie haben, die zynisch Hassgefühle gegenüber den Mächtigen imitieren, in Wirklichkeit jedoch gierig nach der Macht streben.

Oleg LjaschkoOleg Ljaschko
Er sagte mir: „Sie werden sehen, diese werden die schlimmsten sein. Sie werden die ukrainische Staatlichkeit zerstören. Ich fahre weg, weil ich nicht unter Millionen von Leuten leben möchte, die weder ihre eigenen noch fremde Lektionen gelernt haben. Kein Poroschenko hält sie auf. Es ist für ihn leicht, freundschaftliche Beziehungen zu Obama und den Europäern zu pflegen, doch in unserer jetzigen Situation ist solche Freundschaft nicht viel wert. Ich bitte sie, distanzieren sie sich von den eigenen Emotionen, schauen sie sich die Situation aus der Ferne an. Sehen sie wirklich nicht, wie durch die Konturen Poroschenkos immer mehr Gorbatschow in Erscheinung tritt, im Westen beliebt und bei den Bewohnern seines Landes verhasst? Erinnern sie sich, wie der geniale Manipulator Beresowskij Putin gefunden und gefestigt hat, sehen sie wirklich nicht, dass ein lächerlicher und kleiner Mensch, der sich selbst als Radikaler bezeichnet, bald die Ukraine lenken wird? Und dann wird er, wie es sich gehört, mit den Leuten abrechnen, die sein ‚radikales‘ Projekt finanziert haben. Alles wiederholt sich, nur die Details werden sich unterscheiden.“

Mir fällt es schwer, mich von meinen Emotionen zu distanzieren. Seit zwei Tagen streite ich in Gedanken mit meinem vis-à-vis. Ich weiß, dass er im Unrecht war. Seine ungewöhnlichen Argumente sind auf dem Sand der nackten Vernunft gebaut. Auch ich mag unsere plötzlich auftauchenden Radikalen nicht und beobachte mit wachsender Anspannung, wie ihre Popularität wächst. Nein, nein. So etwas ist hier nicht möglich. Die Ukraine ist, wie man weiß, nicht Russland. Im Übrigen…

29. September 2014 // Semjon Glusman – Arzt, Mitglied des Kollegiums des Staatlichen Dienstes für Strafvollzug der Ukraine

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Helena Maier — Wörter: 613

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