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Der Natschalnik des Donbass

«Sie haben aus uns stolzen Slawen Sklaven gemacht»

Weswegen haben Sie in der Kindheit geweint?

„Ein Auto hat meinen Hund überfahren. Ich habe sehr geweint. Sachartschenko lacht unlustig auf. Das war mein Hund. Ich war bereit, den Fahrer des Wagens zu töten. Ich habe mich an ihm gerächt und die Reifen des Wagens durchstochen.“

Wie alt waren Sie damals?

„Acht Jahre alt. Dieses Gefühl, als das wehrlose Hündchen in meinen Händen starb – ein wildes Gefühl.“

Hatten Sie während dieses Krieges dasselbe Gefühl?

„Ich werde nicht lügen, ich habe nicht geweint. Aber mir war wild ums Herz, als ein kleines Mädchen vor meinen Augen starb. Eine Kleine. Mir war furchtbar zumute. Aber ich bin kein achtjähriger Junge mehr. Ich habe nicht angefangen, zu weinen. Nur in der Seele blieb so ein Belag zurück, wohl Rost. Ich habe verstanden, dass sich alles gewandelt hat. Dass wir nicht mehr die früheren sein werden. Dass unsere Seelen andere geworden sind. Und in mir erwachte der Wunsch … ich werde mit ihnen kämpfen. Der Wunsch, die anderen das spüren zu machen, was wir fühlen.“

Wen?

„Ich wäre sehr gerne nach Warschau gegangen“, spricht Sachartschenko in ruhigem Ton. „Ich habe noch eine Rechnung mit den Polen offen. Ich hätte gern mit dem Fernrohr auf die Stadt Lwiw geschaut. Obwohl bei mir eine ganze Einheit aus Lwiw kämpft, die Lwiwer Berkut. Und auch sie haben den starken Wunsch, zu sich in die Stadt zurückzukehren.“

Waren Sie Pionier?

„Ja, aber Komsomolze zu werden, ist mir nicht gelungen.“

Erinnern Sie sich daran, wie Ihnen das Pionierhalstuch umgebunden wurde?

„Ja, ich und ein anderer Klassenkamerad wurden ein halbes Jahr früher als die übrigen bei den Pionieren aufgenommen. Ich habe die Geschichtsolympiade gewonnen.“ Er seufzt. „Die Sowjetunion war ein großes und mächtiges Imperium, auch wenn es dort viele unrichtige Umstände gab. Und wir haben uns sicher und stolz gefühlt, wir haben mutig und offen ins Angesicht eines jeden Beliebigen geschaut. Wir haben uns nicht gedemütigt und niedergeschlagen gefühlt. Aber dann hat man unsere Psyche verändert und aus uns stolzen Slawen Sklaven gemacht.“

Haben Sie sich jemals als Sklave gefühlt?

„Zweimal in meinem Leben. Das erste Mal, als ich nicht den Menschen bestrafen konnte, der vor meinen Augen einen Menschen erschlagen hat. Ich habe alle Instanzen angerufen, aber es war nicht erfolgreich – er wurde freigesprochen. Und ich habe verstanden, dass ich für das System ein Sklave bin.“

Aber denken Sie, dass in Russland alles anders ist?

„Nein, ich sage dazu noch mehr. Der Fehler Russlands besteht darin, dass viele von euch Russen uns für Leute halten, die aus Elend und Hunger heraus zu den Waffen gegriffen haben. Tatsächlich ist der Donbass jedoch eine der reichsten Regionen der Ukraine. Und, gebe es Gott, dass jede Region Russlands so lebe, wie der Donbass vor der Ukraine gelebt hat. Wir lebten reicher und in freundschaftlicher Verbundenheit mit den Russen.“

Weswegen möchten Sie nach Russland? In Russland wird alles auf unsere Art gehen, und nicht nach eurer Art. Unser System bricht die Menschen schnell, besonders solche, wie Sie es sind.

„Warum denken Sie, dass das System mich gebrochen hat?“

Ich denke nicht, dass es Sie bereits gebrochen hat.

„Das System bricht die Menschen, die sich nicht verbiegen können. Wenn ich an die Macht kommt, bedeutet dies, dass ich mich verbiegen muss? Aber ich werde mich nicht verbiegen. Ich trete einfach von der Macht ab.“

Und Sie denken, dass man Sie lebendig loslässt?

„Es gab bereits zwei Anschläge auf mich. Ich zähle dabei nicht die Kämpfe, an denen ich teilgenommen habe. Ich bin von Natur aus ein sehr hitzköpfiger Mensch und meine Einheit hat an allen größeren Gefechten dieses Krieges teilgenommen. Und bei fast allen Kämpfen war ich bei meiner Einheit. Das heißt, dass ich meine Burschen niemals hängengelassen habe. Ich bin mit ihnen gegangen, bei allen Nahkämpfen, allen Panzerattacken. Und so weiter, und so weiter und so weiter… Bei der Befreiung der Stadt Schachtjorsk. Schachtjorsk hat für uns eine ähnliche Bedeutung wie Stalingrad. Die Möglichkeit, mein Leben zu verlieren, bestand nicht nur einmal.“

«Wir müssen unseren Weg gehen, sei er schlecht oder gut»

Wann haben Sie sich das zweite Mal als Sklave gefühlt?

„Als ich im Fernsehen den Majdan angeschaut und verstanden habe, dass wir für sie Slaven sind. Sie halten uns für Sklaven. Und damit ich kein Sklave werde, habe ich eine Schaufel genommen und in meinem Garten mein Maschinengewehr ausgegraben.“

Wozu braucht ein friedlicher Bürger ein Sturmgewehr?

„Außer dem Sturmgewehr lagen dort auch noch zwei Pistolen, eine Kiste Granaten und ein Scharfschützengewehr.“

Aber Sie haben diese Waffen doch früher nicht benutzt?

„Aber das heißt nicht, dass ich sie nicht besaß. In diesem Punkt bin ich ein echter Ukrainer: damit man alles da hat, wenn man es braucht.“

Sind Sie Russe oder Ukrainer?

„Meine Mutter ist Russin, mein Vater Ukrainer. Aber möchten Sie etwas zum Lachen? Meine russische Mutter verbrachte ihr ganzes Leben in der Ukraine, und mein Vater in Russland. Wer bin ich also nun? Wer?“

Als wen fühlen Sie sich?

„Gerade ist es modern, über die Idee der Russischen Welt zu sprechen. Jeder versteht es auf seine eigene Weise. Ich weiß ganz genau, woher die russische Erde kommt. Ich verstehe sehr wohl, dass die Heilige Rus´ in Kiew gegründet wurde. Die Russische Welt bedeutet die Vereinigung aller Slawen. Nicht so, wie wir gerade leben – die Russen einzeln, die Weißrussen einzeln, die Ukrainer einzeln. Wir sollten gemeinsam leben.“ Er atmet aus. „Aber ich verstehe ausgezeichnet, dass “gemeinsam” nicht immer bedeutet, dass man gleich ist. Wir müssen aus zwei Übeln das kleinere auswählen. Und ich, der das kleinere Übel auswählt, ziehe es doch vor, die Faschisten und Nazis zu töten, die Radikalen. Ich weiß nicht, wie man sie noch nennen kann.“

Sie ohne Umschweife zu töten?

„Nun … vor dir sitzt ein Kampfoffizier. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Es gibt einfach deine Wahrheit und – die Wahrheit des Anderen. Und wenn ich nicht schieße, schießt er auf mich zuerst. Verstehst du .. es gibt eine Unterscheidung nach Gebieten, nach politischen Ansichten. Und es gibt eine Unterscheidung des Blutes .. wir sind durch das Blut getrennt.“

Was haben Sie gefühlt, als man Ihnen das Pionierhalstuch umgebunden hat?

„Stolz. Und als ich die Siegesparade am 9. Mai angesehen habe. Auf die Parade schaut man mit ganz anderen Augen, wenn man weiß, dass einer unserer Führer mit ruhigem Gewissen seinen Schuh ausziehen kann und auf der Tribüne der Vereinten Nationen mit ihm aufklopfen kann mit der Drohung: «Ich werde euch eine Lehre erteilen». Aber verstehst du, als die Frage aufkam, wohin wir uns wenden sollen, war ich – ich bin ein Mensch mit gesundem Menschenverstand, und kann wahrscheinlich nicht schlecht eine Situation analysieren, darin stimmt die Einschätzung des SBU [ukrainischer Inlandsgeheimdienst] von mir mit meiner eigenen Einschätzung überein – der einzige in meiner Umgebung, der gesagt hat: “Wisst ihr, Leute, wir dürfen weder in die Zollunion noch nach Europa”. Wir müssen unseren Weg gehen, sei er schlecht oder gut. Ein Sklave in Europa sein, ist beschämend, das ist eine Erniedrigung. Aber hingegen ein Volk zu sein, das sich mit Russland vereinigt .. Wir müssen es schaffen, dass wir auf gleicher Augenhöhe sind.“

Wenn Putin Sie zu einer Besprechung ruft, was werden Sie anziehen?

„Ich weiß gar nicht, was man zu Putin anzieht.“

Und was werden Sie anziehen?

„Einen Anzug.“

Wohin ziehen Sie noch einen Anzug an?

„Ich bin zur Arbeit im Anzug gegangen.“

Kaufen Sie extra für Putin einen Anzug?

„Ich habe einen Anzug, der gut genug ist. Ich war nicht bedürftig.“

Aber Europa kann einen Menschen, der losgegangen ist und aus dem Blumenbeet ein Sturmgewehr ausgegraben hat, nicht anders als einen Wilden ansehen.

„Sie sehen uns nicht deswegen als Barbaren an, weil wir für sie Barbaren sind. Sie sehen das Bild unserer Leute, das Sie ihnen aufgedrängt haben. Und dieses Bild ist barbarisch. Für sie sind wir Diebe, korrupt, wehmütige Bären.“
[…]

„Nicht der Tod selbst ist unheimlich. Furchtbar ist, wie man danach über dich reden wird.“

Was sollte nach Ihrem Tod nach Ihrem Wunsch denn über Sie gesagt werden?

„Gib mir deine Hand.“ (Ich reiche ihm meine Hand und er dreht meine Handfläche nach oben.) „Du wirst lange leben, garantiert lange.“

Und Sie?

„Ich bin zwischen Zigeunern aufgewachsen und lese nicht schlecht aus der Hand. Aber mir selbst kann ich nicht aus der Hand lesen. Warum hast du gedacht, dass du mich verstehen kannst, wenn du mit mir redest?“

Das ist nicht unser erstes Gespräch.

„Ich erinnere mich.“

Im Haus der Regierung bin ich im Juli auf sie zugegangen, da ich dachte, dass Sie ein Leibwächter von Igor Strelkow sind. Sie hatten eine eingegipste Hand. Ich habe Sie gefragt, ob sie Ihnen weh tue.

„Und ich habe “Nein” geantwortet. Wir haben uns damals bei Borodaj befunden, Strelkow und ich. Und ich habe mich mit ihm über den Abzug aus der Stadt Slawjansk heftig gestritten. Es war einfach ein ungestümer Skandal. Und bevor ich aus dem Zimmer gegangen bin, habe ich folgenden Satz zu ihm gesagt: “Sie, Igor Iwanowitsch, haben nicht unseren Stallgeruch.““

Weil er aus Moskau ist?

„Nein.“

Warum?

„Weil mir das Abreißen eines neunstöckigen Hauses am Stadtrand von Donezk wild erscheint.“

Und hat er das Haus abreißen lassen?

„Wir haben es ihm nicht erlaubt.“

Weil er ein Schlachtennachsteller ist und den Krieg als Spiel begreift?

„Weil nach seiner Meinung die Verteidigung in Ruinen geschickter wäre. Weil er hier nicht lebt. Aber ich verstehe sehr gut, was du gerade versuchst: herauszubekommen, was ich über ihn denke. Aber das ist mein Inneres.“

War er Ihr Kampfgefährte?

„Er war ein Mensch, der an unserer Seite gekämpft hat. Aber seine Ansichten, wie man den Kampf zu führen habe, wurden von 90 Prozent seiner Kämpfer nicht geteilt.“
Da sie als zu grausam angesehen wurden?

„Nein, als zu verschieden. Er ist Offizier und versteht den Krieg wie ein Dogma. Aber hier findet eine andere Art von Krieg statt. Wir haben versucht, ihm dies zu erklären, dass unserer Krieg ein anderer ist, dass er sich nicht in taktischen Ausfällen, dem Verteilen von Schlägen und einer brutalen Verteidigung erschöpft. Das darf man nicht tun. Wenn man den Kriegsdogmen folgt, hätten an der Verteidigung von Slawjansk mindestens zwanzigtausend Soldaten teilnehmen müssen. Dann wäre die Stadt auf keinen Fall vom Gegner eingenommen worden. Aber er hatte nur etwa 6000 Leute bei sich, deswegen musste die Verteidigung anders aufgebaut werden. Er ist auf seine Art und Weise ein Held. Er hat die Fahne gehoben und ähnliche Dinge getan. Wir haben deswegen Achtung vor ihm. Nur in solchen Fragen, die er in Bezug auf das Leben unserer Landsleute zu entscheiden versuchte, – wir hätten es anders gemacht.“

Sie hätten die Leben geschont?

„Nein. Grausamkeit ist beiderseitig vorhanden. Ich sage nicht, dass wir weniger grausam sind als er. Wir wären vielleicht sogar noch härter gewesen. Aber wir hätten uns in bestimmten Gebieten eingekrallt und wären niemals von dort abgezogen. Weil sich dort die Lebenssicherung für die Menschen, die sich hinter deinem Rücken befinden, befand. Aber er hat das nicht gewusst, einfach nicht gewusst. Aber wir wussten es. Als wir Kramatorsk verteidigten, wussten wir, dass wir den bedeutendsten Energieknoten der Donezker Oblast verteidigen. Indem wir Kurachowo verteidigten, verteidigten wir das einzige Wärmekraftwerk, das Donezk versorgt. Als wir nicht von den Wällen in Slawjansk zurückwichen, wussten wir, dass wir dort das Wasser der ganzen Donezker Oblast trinken. Weswegen ist Bes [gemeint ist Igor Besler] nicht aus Gorlowka zurückgewichen? Weil dort das “Stirol”-Werk steht. Bes war verwundet, musste liegen. Aber seine Truppe hat er dort gelassen. Weißt du warum? Weil Bes von hier ist.“

[…]

„Ich bin der Enkel meines Großvaters. Und auch der Urenkel meines Urgroßvaters. Bei mir zuhause liegen ihre Orden. Ich sehe sie oft an, und ich verstehe, dass wenn Großväter und Urgroßväter es konnten, dann kann ich es auch. Und wenn ich zu ihnen eingehe, dann wird es mich nicht beschämen, dass ich den Familiennamen beschmutzt habe. Wir stehen ihnen an Alter nach. Aber ich werde zwischen ihnen nicht wie ein Kind sein, ich werde dort als Mann stehen. Sie überprüfen meinen Lebensweg. Ich habe wahrscheinlich eine Menge Fehler gemacht. Aber nur der macht keine Fehler, der nichts macht.“

Auf welche Weise verbinden sich in Ihnen Güte und eine solche Grausamkeit?

„Das müssen Sie besser wissen.“

Fühlen Sie in sich Grausamkeit?

„Ich kann grausam sein.“

Mit wem?

„Mit dem Feind.“

Der Feind ist ein Mensch?

„Er ist ein Mensch. Deswegen lasse ich auch zweihundert Feinde frei – weil sie Kinder zwischen achtzehn und einundzwanzig sind. Aber ich behalte die Offiziere, das Bataillon Donbass, Asow und Ajdar. Ich behalte die Scharfschützen und die Zielbeobachter für Artillerie.“

Um sie zu töten?

„Wir tauschen sie. Wir haben keinen einzigen Gefangenen erschossen, keinen einzigen.“

Wessen Idee war die Parade der Kriegsgefangenen?

„Meine.“

Eine grausame und demütigende Parade.

„Wahrscheinlich weil in mir eine wilde Grausamkeit mit Güte zusammenkommt.“

Tat es ihnen nicht leid?

„Weswegen Marina?“

Wegen ihrer menschlichen Würde.

„Lass mir dir ein großes Geheimnis anvertrauen – wir hätten an diesem Tag fast siebenhundert Gefangene auf die Straßen jagen können. Siebenhundert! Das war die Anfangsidee. Aber wir haben achtundsechzig auf die Straße getrieben. Offizier, Söldner, Scharfschützen, Artillerie-Zielbeobachter, die ich nicht für Menschen halte.“

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

„Ich habe Fernsehen geschaut. Poroschenko hat gesagt, dass er am 24. August einen Siegesmarsch durchführen wird.“

Und Ihnen ist das Blut in den Kopf gestiegen?

„Ja, der Gedanke war augenblicklich geboren.“

Tut ihnen die Parade im Nachhinein leid?

„Kein bisschen. Und die ganze Welt hat über mein Handeln aufgeschrien. Da bin ich wahrscheinlich berühmt geworden. Und ich stand dort und habe mir die Parade angeschaut.“

Was haben Sie empfunden?

„Mitleid.“

Aber waren nicht genau Sie auch derjenige, der dem Ganzen hätte Einhalt gebieten können?

„ Aber ich habe Mitgefühl nicht gegenüber den Gefangenen verspürt, sondern mit denen, die sie hierher geschickt haben. Neben mir stand ein Mensch, dessen zwei Söhne gestorben sind. Und eine Mutter, deren Sohn von ihnen erwürgt worden ist.“

[…]

„Dieser Krieg ist schlimmer als der Bürgerkrieg von 1917. Soll ich sagen warum? Weil es ein Krieg gegen die Eigenen ist.“

Sie sehen die Feinde als Ihre Leute an?

„Ja, warum sollten sie nicht unsere sein? Viele unserer Nachbarn kämpfen auf der anderen Seite. Sie teilen nicht unsere Überzeugungen. Die Mehrzahl der Kriegsdienstleistenden auf der anderen Seite sind im Donbass geboren. Und sie lenken auch das Feuer auf sich, genauso wie wir es in Saur-Mogila [umkämpfte Anhöhe, die Ende August 2014 von den Separatisten erobert wurde] getan haben.“

Wer sind Sie für diese Stadt?

„Hm, ich sage besser, was diese Stadt für mich ist. Ich will hier leben und sterben. Ich habe vor kurzem mit einem Priester gesprochen, als er die Tochter eines gefallenen Kämpfers taufte. Er nahm mich zur Seite und stellte mir nur eine Frage: wann vernichten wir die Leute, die im Flughafen barrikadiert sind? Du verstehst, dass mich das ein Priester gefragt hat: wann werden wir sie vernichten? – Aus ihm sprach in diesem Moment nicht der Priester oder der Mensch, sondern der Bürger von Donezk. Und die Donezker Bürger sind ganz andere Menschen.“

Glauben Sie an Gott?

„Ja.“

Gott hat die Parade der Kriegsgefangenen gesehen?

„Ja. Er hat die Parade gesehen und hat mich dort gesehen. Gott hat gesehen, dass ich in diesem Moment gesündigt habe.“

Haben Sie gesündigt?

„Natürlich. Aber ich sage eines. Diese Parade hat das Bewusstsein der ganzen Welt auf den Kopf gestellt. Und in erster Linie das Bewusstsein der Leute, die hierher ihre Söhne schicken. Bei vielen Menschen habe ich einen Widerspruch hervorgerufen. Viele wollten mich wie einen räudigen Hund zerreißen … Ich war der unglücklichste Mensch bei dieser Parade. An diesem Tag habe ich mich tatsächlich betrunken. Aber richten Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, wie sich nach der Parade die politische Konjunktur geändert hat – sogar in Russland. Alle haben verstanden, dass hier Krieg stattfindet und keine Anti-Terroroperation.“

«In Minsk hatte ich die Wahl – Verrat oder kein Verrat. Ich habe keinen Verrat begangen»

Sie seufzen unaufhörlich. Was ist mit ihrem Herzen?

„Mit ihm ist alles in Ordnung, es schmerzt einfach: Als ich während der Parade auf meine Männer blickte, wollte ich sie alle schützen, damit sie niemals selbst bei einer solchen Parade als Gefangene mitlaufen müssten. Schau mal, ihr haltet diesen Krieg doch nicht für erschreckend. Für euch ist ein erschreckender Krieg Hunderttausende Getötete, Konzentrationslager. Aber die Welt hat sich geändert. Und auch der Krieg hat sich geändert.“

Erzählen Sie von Ihrem Großvater.

„Er ist immer in seiner Militäruniform herumgegangen. Man sagt, dass ich ihm ähnlich bin. Mein Urgroßvater Stepan Sachartschenko hat den Krieg um halb fünf Uhr morgens als Kommandeur einer Haubitzen-Batterie bei Brest begonnen und ihn in Prag beendet … Ich will, dass alles beendet wird und Friede schneller herrscht.“

Können Sie dies bewerkstelligen?

„Falls es Verrat geben sollte, werde ich es nicht schaffen. Eine furchtbare Sache in der Tat: Verrat. In Minsk hatte ich die Wahl – verraten oder nicht verraten. Ich habe keinen Verrat begangen.“

Dabei sind viele Kämpfer nun damit unzufrieden, dass ihre Häuser auf Gebiet verblieben sind, das unter der Kontrolle der Ukraine steht.

„Ja … Ich verstehe es als normaler Militär, dass unsere Armee erschöpft ist. Denkst du, wir hätten keine Verluste? Wir haben Verluste. Eine Auffüllung der Kräfte findet statt, aber diese sind nicht ausgebildet. Die Dauer der Ausbildung beträgt zwei Monate.“

Die russische Armee hilft Ihnen nicht?

„Das ist der zweite Irrtum der Russen. In Russland gibt es viele liberale Strömungen. Und wenn du diese Strömungen beobachtest, fängst du an, zu verstehen, dass dieser Sieg, den wir erkämpft haben … Lass uns nicht weiter darüber sprechen. Damit du mich verstehst – ab dem Zeitpunkt meiner Unterschrift unter das Abkommen vom 5. September bis zum 2. Oktober 2014 haben wir achtunddreißig Siedlungen zurückerobert.“

Das heißt, dass Sie den Waffenstillstand gebrochen haben?

„Nein! Nicht ein einziges Mal! Wir haben zurückgeschossen! Immer und durchgängig. Nicht einmal als erste.“

Und wen haben Sie in Minsk nicht verraten?

„Man hat von uns erwartet, dass wir die Linie festsetzen, und dass wir die Gebiete hinter dieser Linie, die wir eingenommen hatten, wieder abtreten mussten. Ich habe mich geweigert, das zu unterschreiben. Das wäre ein Verrat gewesen gegenüber den Menschen, die dort leben. Gegenüber denjenigen, die dies alles im Kampf erobert haben. Ich sage dir noch etwas … Ich habe gerade eben ein Rücktrittsgesuch eingereicht. Du sitzt gerade neben dem Menschen, der in zweieinhalb Stunden bereits nicht mehr Premierminister sein kann. Und du bist der einzige Journalist, der hierüber weiß. Ich kann meine Leute nicht verraten.“

[…]

«Wir bezahlen für unsere Freiheit mit Blut. Und jemand anderes kauft sich mit Geldern los»

Bist du darauf vorbereitet, dass man dich verrät?

„Natürlich.“

Dass du von denen verraten wirst, denen du vertraust?

„Und das wäre der schmerzhafteste Verrat. Aber dem muss man ruhig entgegen gehen, anders kann man nicht überleben. Die Freiheit hat einen unterschiedlichen Preis. Wir bezahlen für die Freiheit mit Blut. Und jemand anderes kauft sich mit Geldern los…. Was denkst du, ist Putin in den Augen der ganzen zivilisierten Welt ein Barbar? Er ist für sie ein Barbar. Aber wenn ich auf diesen Menschen stolz bin, dann kann mir dies doch egal sein? Dank ihm wurde das geweckt, was in den Seelen meiner Generation schlummerte. Er hat uns die Chance gegeben, etwas zu verändern. Wenn uns dies nicht gelingt, dann werden wir sterben – nicht physisch, aber moralisch. Der moralische Tod – das ist das fürchterlichste. Unser Geist stirbt dabei.“

Und wenn Putin Verrat begeht?

„Du stellt eine provokatorische Frage. Putin wird uns niemals verraten. Das spüre ich.“

Wie hast du dich während der Unterzeichnung des Minsker Abkommens gefühlt?

??„Ich habe mich unwohl gefühlt. Ich habe zugeschaut und gelernt. Ich habe alle mit meinen Fragen gequält. Danach haben sie gesagt, dass ich dumm sei, allglatt und … schamlos. Ich habe gesagt, dass falls das Schicksal meines Gebiets in einem Duell entschieden werden könnte, ich ohne darüber nachzudenken, eure ganze Delegation niedermetzeln und jetzt in Warschau sitzen würde. Sie sind alles Hänflinge. Sie habe als einziges Gefallen daran, alles zu zerstückeln … Die Menschen, die für ihr Land sterben, gehen ins Paradies ein, ohne in der Schlange zu stehen.

[…]

9. Oktober 2014 // das Interview führte Marina Achmedowa

Quelle: Expert

Übersetzerin:   Jasmin Söhner  — Wörter: 3536

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