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Serhij Zhadan: „Ein Buch gilt es anzupflanzen ... wie eine Kartoffel“

Es ist toll, dass wir jetzt überall gute Schokolade kaufen können. Aber warum kann der Präsident nicht mal ein Regal in jedem Laden mit Büchern auslegen?

Der Berliner Suhrkamp Verlag hat die deutschsprachige Übersetzung des Romans von Serhij Zhadan „Internat“ vorgestellt. Europäische Kritiker und erste Leser prophezeien dem Buch eine würdige Anerkennung. In Deutschland ist der Roman für den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse nominiert, die vom 15. März bis 18. März dauert. (Internat in der Übersetzung des bewährten Tandems Sabine Stöhr und Jurij Durkot erhielt in der Tat den genannten Preis, Anm. d. Übers.)

Zuvor präsentierte der Autor das Buch in der Ukraine, in Deutschland, Polen, in der Schweiz, in Rumänien und in Frankreich. Das Treffen mit ukrainischen und deutschen Lesern in Köln schien eines der wärmsten. Der Autor teilte seine eigenen Ansichten über die Situation der Ukraine und der Ukrainer in der Welt, über die Ereignisse im Osten unseres Landes und die Aussichten der ukrainischen Literatur auf nationaler und internationaler Ebene.

INSIDER veröffentlicht eine Zusammenfassung seiner Rede.

„Internat“ in Deutschland

Wie kann ich dem deutschsprachigen Publikum „Internat“ vorstellen?

Für mich ist dieses Buch etwas Besonderes, es wird, so denke ich, heute und auch künftig, getrennt vom Rest meiner 20 früheren Publikationen dastehen, sagt Serhij Zhadan, und achtet dabei darauf, für die Simultanübersetzung ins Deutsche Pausen zu machen. Dies ist ein Buch über den Krieg.

Ich habe schon 2014 darüber begonnen nachzudenken, als der ukrainisch-russische Krieg gerade begonnen hatte. Bereits in jenem Frühling habe ich versucht, etwas über diese Ereignisse zu schreiben – mir war schon damals sehr wichtig, über diese Ereignisse zu berichten und zu schreiben. Zunächst waren es verschiedene Reiseaufzeichnungen, im Grunde so etwas wie ein Reportertagebuch. Als erstes wurden diese Texte in einem Buch veröffentlicht, das in Deutschland unter dem Titel „Warum ich nicht im Netz bin“ erschienen ist. Sie waren furchtbar emotional und es gab hier keine konkrete Analyse der beschriebenen Ereignisse. Es war Ende April – Anfang Mai 2014, als im Donbass bereits die Kämpfe begannen, als Slowjansk bereits besetzt worden wurde. Mit Freunden war ich damals in Luhansk, Altschewsk, Perewalsk, Donezk – in den Städten, wo die Separatisten bereits standen.

Wir haben gesehen, wie die Verwaltungsgebäude besetzt wurden. Wie in der Stadt Krieg ausbricht. Und wir haben gesehen, wie die Mehrheit der lokalen Bevölkerung diesen Krieg nicht unterstützte. Aber sie haben ihn auch nicht gestoppt. Es erinnerte an eine Küstenstadt, deren Einwohner ans Ufer gehen und beobachten, wie sich ihrer Stadt ein Tsunami nähert. Natürlich kann der Mensch ihn nicht aufhalten. Aber er kann sich und seine Verwandten retten, wenn in ihm die Selbsterhaltungsinstinkte funktionieren. Hier aber war der völlige Mangel an solchen Instinkten, eine Art Atrophie spürbar. Der Krieg brach aus und das war etwas Unheilvolles, etwas, das nicht aufzuhalten war. Dies verursachte eine große Angst, ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Ich erinnere mich, wie ich am 3. Mai 2014 vom Flughafen Donezk nach Kiew geflogen bin. Es war ein Flugzeug voll von Geschäftsleuten, Diplomaten, Journalisten. Sie alle haben verstanden, dass etwas Unheilvolles geschieht, die Atmosphäre sich verändert, unsere Zeit sich verändert. Es war in der Luft zu spüren. Seitdem habe ich begonnen zu versuchen, über diesen Krieg zu schreiben.

Ich beschloss, über die Leute zu schreiben, deren Stimmen normalerweise nicht gehört werden, die man nicht bemerkt. Während des Zweiten Weltkriegs schrieb der polnische Dichter und Nobelpreisträger Cesław Miłosz den Gedichtzyklus „Stimmen der Armen“. Das sind sehr beängstigende und sehr starke Gedichte – über Menschen, die in Nachrichten nicht erwähnt wurden, die außerhalb der Aufmerksamkeit der Presse oder der Politiker standen. Diese „armen Leute“ sind eigentlich der Hintergrund des Krieges, seine Grundlage. Krieg ist tatsächlich genau das, was gerade mit ihnen passiert. Und wenn man nicht über sie spricht, sie nicht bemerkt, dann haben wir wirklich gar keine vollständige Vorstellung vom Krieg.

Ich verstehe, dass man auch über die ukrainische Armee sprechen muss, man muss auch sie unterstützen. Wir machen das mit unseren Freunden und Freiwilligen. Aber gleichzeitig ist es notwendig zu verstehen, für wen unsere Jungs kämpfen. Sie kämpfen nicht für den Präsidenten oder für die Abgeordneten. Sie kämpfen für diese unerwähnten, namenlosen Menschen, die unsere Landsleute sind, mit denen wir zusammen eine einzige Gesellschaft bilden. Eigentlich habe ich meinen Roman über diese Leute geschrieben.

Der Protagonist des Buches hat keinen militärischen, sondern den wohl zivilsten Beruf von allen möglichen, er ist ein Schullehrer. Und um sein Leben komplett schwierig zu machen, entschied ich, dass Pawlo in einer kleinen Schule in der Nähe eines Bahnhofs im Donbass Ukrainisch unterrichten sollte. Und es ist klar, dass selbst er im Alltag nicht ukrainisch spricht. Nur im Klassenzimmer, in den Pausen aber wechselt er in den Schulkorridoren mit den Schülern ins Russische. Und diese Zerrissenheit charakterisiert ihn ziemlich erschöpfend – eine weltanschauliche, mentale und verhaltensbezogene Zerrissenheit, die sich gerade in seinem Beruf niedergeschlagen hat. Ich würde daher sagen, er ist so ein absolut unheroischer Held. Er interessiert sich nicht für Politik. Er versteht diesen Krieg nicht, er versteht nicht, wer mit wem kämpft. Und es ist nicht so, dass er gegen die Ukraine war. Er versteht einfach nicht, was diese Ukraine ist.

Und so kommt es, dass der Krieg, den er ignoriert und nicht bemerkt, eines Tages in sein Haus kommt. Der Bahnhof, wo er arbeitet, befindet sich in der Nähe einer großen Industriestadt, die sich in der Oberhand der Separatisten befindet. Von dort zieht sich die ukrainische Armee zurück. In dieser Stadt ist leicht Debalzewe im Winter 2015 zu erkennen. Meinen Held aber hätten diese Veränderungen nicht berührt, wenn nicht Folgendes gewesen wäre: Sein dreizehnjähriger Neffe war im Waisenhaus dieser besetzten Stadt geblieben. Pawlo muss eine Wahl treffen – entweder er rettet den Jungen oder er bleibt einfach in der Hölle des Krieges.

Er wägt ab und überquert die Frontlinie, um seinen Neffen mitzunehmen und nach Hause zu bringen. Und so beginnt seine Reise – ein dreitägiges Laufen im Kreis. Womit die Geschichte endet, können Sie in dem Buch herausfinden.

Ukrainisches Europa

Wir, die Ukrainer, kennen oft nicht und haben Angst vor unserer eigenen Geschichte. Wir sprechen oft über unseren europäischen Kontext als etwas Erträumtes, einen Plan für eine Art ferne Zukunft. Aber wenn Sie unsere Geschichte näher betrachten, sehen Sie, dass dieser europäische Kontext in der Ukraine an jeder Ecke ist. Seit der Sowjetzeit begannen wir den Donbass aus irgendeinem Grund als pro-russisches Territorium wahrzunehmen, und dann als eine Art sowjetische Gedenkstätte, indem wir die elementaren Fakten vergaßen. Wer hat den Donbass aufgebaut? Wer war John Hughes, der Donezk gegründet hat? Er war ein Waliser. Wer waren die Donezker Unternehmer im 19. Jahrhundert? Sie kamen aus Belgien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Wir haben jetzt folgendes Paradox. Die Europäer haben uns den Donbass gebaut, den Putin heute irgendwie als „russische Welt“ ansieht.

Politiker reden gerne viel über die europäische Integration, über den europäischen Vektor der Ukraine – aber das klingt, wie mir scheint, zu abstrakt und populistisch. Während sie über die europäische Integration nachdenken, hören ukrainische Politiker nicht auf, aus dem Staatshaushalt zu stehlen. Aber Schriftsteller stehlen nicht aus dem Haushalt. Vielleicht deshalb, weil man sie nicht an den Haushalt heranlässt.

Ukrainer sind oft darüber empört, dass man in anderen Ländern nichts über uns weiß. Aber ich denke so, Ausländer verstehen uns einfach deshalb nicht, weil wir nichts über uns selbst erzählen können. Vorzugsweise fangen wir entweder an, um etwas zu bitten oder uns zu beschweren oder zu drohen. Aber es anzupacken und interessant von sich zu erzählen und Interesse zu wecken, das ist eine sehr schwierige Fähigkeit, die mit Selbstwertgefühl und dem Fehlen von Komplexen, Selbstverliebtheit und Selbstbezogenheit verbunden ist. All das Letztere gibt es aber meiner Ansicht nach bei uns, und das sind eher unsympathische Züge.

Wir denken aus irgendeinem Grund, dass alle alles über uns wissen und unsere Probleme kennen sollten. Aber wir vergessen eine sehr einfache Sache, dass uns im Grunde niemand irgendetwas schuldet. Und gerade die Überwindung dieser Ignoranz, der Entfremdung – das geschieht am besten unter Feldbedingungen, im Gebiet der Praxis. Wenn jemand in die Ukraine kommt und sie kennenlernt, Menschen sieht, die Umstände versteht – eben dann ergeben sich die tiefsten Eindrücke. Ein Teil meiner deutschen Freunde (und dies sind ziemlich bekannte Leute) hat noch 2014 die Ereignisse in der Ukraine als „Bürgerkrieg, den Amerika gegen Russland führt“, betrachtet. Dann sind sie mehrere Male nach Charkiw gekommen, haben mit Leuten sich unterhalten. Heute ist ihre Position ausgeglichener und adäquater. Daher können persönliche Kontakte in solchen Fällen schwer überschätzt werden, und ich beziehe mich hier auch auf die Aktivitäten, die das Nürnberger Haus in Charkiw und das Kopelew-Forum in Köln unternehmen, das sind sehr wichtige Initiativen.

Nation von Lesern

Ich wurde in Starobilsk geboren, im Norden der Region Luhansk. Das ist nicht der echte Donbass, sondern eher die Sloboda-Ukraine. Dort bei uns sprechen die meisten Leute kein Russisch. Und sie sprechen auch nicht Ukrainisch. Auch meine Eltern sprechen Surschyk (eine Sprachmischung, Anm. d. Übers.). Interessant ist aber, dass das Surschyk auf ukrainischer Basis gründet, es kommen zwei ukrainische Wörter, und das dritte ist Russisch.

Meine Tante Olexandra Kowalowa, die mir eine Menge beigebracht hat, war mir immer sehr wichtig. Sie gab mir die ersten Bücher zu lesen, las meine ersten Gedichte, war eine sehr interessante Dichterin und Übersetzerin aus dem Deutschen.

Was das Sprachenproblem anbetrifft – schauen wir uns beispielsweise die Region Lugansk an. Tatsächlich ist auch sie nicht vollständig russifiziert oder ukrainophobes Land. Dies ist nur ein weiteres Klischee, als ob im Osten die Staatssprache für alle fremd ist. Wir haben vor kurzem das Buch „Poroda“ (Rasse) veröffentlicht, eine Anthologie der ukrainischen Literatur des Donbass. Das sind Texte von mehr als 60 Autoren, von (Wolodymyr) Sosjura und (Wassyl) Stus – bis hin zu modernen 20-jährigen Dichtern. Lesen Sie es mal und sehen Sie, wie reich die ukrainische literarische Tradition in der Ostukraine ist.

Man sagt, dass die Ukrainer eine Nation sind, die sehr wenig liest. Wie überleben denn Schriftsteller heute in der Ukraine? Meiner Meinung nach sehr gut. In Lwiw nahmen mehr als 1.000 Leser an der Vorstellung von „Internat“ teil, in Kiew 1.500. Wenn ich diese überfüllten Säle sehe, denke ich nicht an Ukrainer als eine Nation, die nicht viel liest. Ich behandle Ukrainer als potenzielle 40 Millionen Leser, und ich möchte, dass sie alle meine Bücher lesen. Ich verstehe, dass diejenigen nicht lesen können, für die ein Buch schwer zugänglich bleibt.

Die Verbreitung von Büchern ist ein gewaltiges Problem für uns. Buchhandlungen gibt es nur in großen Städten. Im gesamten Donezk gibt es nur einen ukrainischen Buchladen. Übrigens gibt es dort auch nur wenig Russisches. So ist es nicht verwunderlich, dass man dort nicht liest. Aber wenn Schriftsteller dorthin kommen, dann kommen Hunderte von Menschen, um sie zu hören. Ich glaube, dass man ein Buch (Weltliteratur, ukrainische, klassische und moderne Literatur) einfach anpflanzen muss. Ungefähr so, wie Peter I. Kartoffeln im Russischen Reich anpflanzte. Bücher sollten für jedermann verfügbar sein – sie sollten an Bahnhöfen, in Kirchen, Unterführungen, Zügen, Flugzeugen sein. Natürlich ist das ein globaler Trend – die Menschen lesen weniger. Aber es ist zu früh, die Literatur zu verstecken, und die ukrainische um so mehr, sie hat ein riesiges Potenzial.

Der Präsident der Ukraine öffnet aktiv überall seine „Roshen“-Geschäfte. Es ist toll, dass wir jetzt überall gute Schokolade kaufen können. Aber warum kann der Präsident nicht mal in einem Regal in jedem Laden Bücher auslegen? Man sollte das Petro Oleksijowytsch anraten.

Bücher und Krieg

Literatur in Zeiten des Krieges. Natürlich kann Literatur zu jeder Zeit Propaganda sein. Aber solche Bücher mag ich persönlich nicht. In der Tat spielt im Kontext des Konflikts in der Ukraine Literatur eine äußerst wichtige Rolle. Heute können Autoren Chronisten werden, Zeugen, als solche, die etwas gesehen und als solche, die darüber vor Gericht aussagen können. Ich glaube, dass, wenn dieser Krieg vorbei ist und die Ukraine die besetzten Gebiete zurückgewinnt und wir beginnen werden uns zu damit zu beschäftigen, was das war und wie es passiert ist, dass dann die Literatur in diesem Prozess ein sehr wichtiger Zeuge sein wird. Im Gegensatz zum Politiker hat der Schriftsteller einen großen Vorteil – er muss nicht lügen. Und diese einfache Sache macht Kultur und Kunst immer noch wichtig und relevant. Darüber hinaus kann die Kultur in diesen Realitäten eine therapeutische Wirkung haben. Wir fahren ständig mit Performances und Konzerte an die vorderste Front und spüren, wie das für die Menschen wichtig ist, die dort leben. Und das nicht deshalb, weil wir so gute Schriftsteller sind. Sondern deshalb, weil es für Menschen selbst unter den schrecklichsten und unerträglichsten Bedingungen wichtig ist, einige wichtige menschliche Dinge aufrechtzuerhalten, und das ist insbesondere Kultur. Normalerweise bittet man uns dort, nicht über den Krieg zu lesen – sie erleben ihn auch so – aber sie wollen etwas Licht und Lyrisches.

Im Großen und Ganzen werden wir nicht von den Präsidenten und nicht von den Ministerpräsidenten erzogen. Was wir sind, sind wir durch Schriftsteller, Komponisten, Filmemacher. Und Leser verstehen das in der Tat.

15. März 2018 // Serhij Zhadans Vortrag wurde von Olena Opanassenko aufgeschrieben

Quelle: The Insider

Übersetzer:   Christian Weise — Wörter: 2165

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