google+FacebookVKontakteTwitterMail

Wir geben Lehrstunden!

Es wäre ratsam, im Schaufenster unseres Staatswesens folgende Bekanntmachung zu annoncieren: „Wir geben Unterricht.“ Ergänzt um ein Zitat der zerknitterten wie besudelten Ehre russischer Staatlichkeit von Pjotr Tschadajew: „Wir sind ein Ausnahmevolk. Wir gehören zu einer Nation, die einzig existiert, um der Welt einst eine Lehrstunde zu geben.“ Beeilen wir uns, diese Stunde noch heute zu geben. Als Entgelt erbitten wir lediglich Kredite, die man uns auch gewährt.

Unter dem sowjetischen Regime war es strengstens verboten, marktwirtschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Ich erinnere mich noch gut an die Samstagsausgabe der Wetschernij Kiew in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die beinahe in jedem Exemplar wütende Beschuldigungen des gerade fälligen und bereits zum Tode verurteilten Genossen abdruckte. Anschuldigungen allein dafür, dass er es gewagt hatte, ohne Erlaubnis der Moskauer Planungsbehörden seine Produktion unerhört effektiv voranzutreiben, beispielsweise aus drei Kaninchenfellen nicht zwei ohnehin zu wenig vorhandene Wintermützen, sondern ihrer drei zu nähen.

Heute haben wir Marktwirtschaft. Freie Marktwirtschaft, wie uns der Premierminister und sein Stab aufklären. Was wir aber sehen, ist folgendes: Diese Marktwirtschaft ist seltsam; jedenfalls ihrer Produktivität nach zu schließen. Eine Marktwirtschaft arbeitet offensichtlich nur dann produktiv, wenn Land wie Staatlichkeit kulturell und psychologisch dazu bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Eine Marktwirtschaft ist nur dann produktiv, wenn Land wie Staatlichkeit zu einem ehrlichen marktwirtschaftlichen Unternehmertum bereit sind. Beide müssen den Willen zeigen, sich den Weberschen „uneigennützigen“ Kapitalismus zu eigen machen zu wollen. Nun, Weber haben wir immerhin schon gelesen. Gorbatschow hat uns erlaubt, sich mit diesem protestantisch-bürgerlichen Aufrührer bekannt zu machen. Aber auch nach dem Studium dieses Klassikers bleiben wir die, die wir waren. Deswegen erscheint uns die Marktwirtschaft seltsam.

Man bedauert uns. Man möchte uns helfen. Sie laden uns in ihr europäisches Haus ein. Ungeachtet dessen, dass unser Verhalten alles andere als passend für den europäischen Stuhl ist. Aber wir fahren fort, Lehrstunden zu geben.

Wie bringt man sein Land dazu, argentinisches Fleisch billiger zu bekommen als das eigene. Auf welche Weise zerstört man den traditionellen Gartenbau, damit die Apfelernte aus Nachbars Garten um einiges teurer wird als tropische Bananen. Wie gelingt es, innerhalb einer Stunde die gesamte üppige Handelsflotte zu zerstören…

Bei uns gibt es viele nützliche und beeindruckende Lehrstunden – stets unter der Devise: Wie man es nicht machen sollte.

Pjotr Tschadajew hat schließlich wehmütig sein Leben gelebt, nachdem das zeitgenössische Russland seine Hoffnungen zerstört und seine Gedanken verschmäht hat. Sehr ähnlich war übrigens auch das Ende Gogols, dessen Vertrauen in die Zukunft sich in der historischen Realität verlor.

Pessimismus, Optimismus, Futurologie, Politologie…das sind seltsame und fremde Worte. Was sind wir im Vergleich zu den europäischen Erwartungen. Wir hoffen von uns schon nichts Gutes mehr. Wir sind selbst an allem schuld durch unseren passiven und faulen Verstand. Nehmen wir Kiew: eine durch Intellekt vorangebrachte und gesättigte Stadt und Europa deutlich näher als Tschop. Und dennoch entscheidet man sich in vollkommen freien Bürgermeisterwahlen zweimal für Tschernowezkij … Eine uns aus dem Leben unseres Parlaments bereits bekannte Person. Und schon damals war mit ihm alles klar.

Und so, fahren wir fort, Stunden zu geben? Bevor wir deren Inhalt selbst verinnerlicht haben.

7. Oktober 2013 // Semjon Glusman­

Quelle: Lb.ua

Übersetzerin:   Adina Böhme  — Wörter: 552

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Karikaturen

Andrij Makarenko: PrivatBank

Wetterbericht

Kyjiw (Kiew)-4 °C  Ushhorod-8 °C  
Lwiw (Lemberg)-9 °C  Iwano-Frankiwsk-4 °C  
Rachiw-4 °C  Ternopil-7 °C  
Tscherniwzi (Czernowitz)-5 °C  Luzk-3 °C  
Riwne-3 °C  Chmelnyzkyj-5 °C  
Winnyzja-4 °C  Schytomyr-4 °C  
Tschernihiw (Tschernigow)-2 °C  Tscherkassy-5 °C  
Kropywnyzkyj (Kirowograd)-6 °C  Poltawa-5 °C  
Sumy-4 °C  Odessa0 °C  
Mykolajiw (Nikolajew)-2 °C  Cherson-2 °C  
Charkiw (Charkow)-5 °C  Saporischschja (Saporoschje)-7 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-7 °C  Donezk-2 °C  
Luhansk (Lugansk)-5 °C  Simferopol-2 °C  
Sewastopol0 °C  Jalta1 °C  
Daten von World Weather Online

Leserkommentare

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Das russische volk ist stolz, es verlässt sich nur auf sich selber, einmal hatten sie, die selben Situation wie heute in...»

«Eine kluge und weitsichtige Aussage zur aktuellen Lage. Zu mehr Hilfe für die Ukraine werden sich die wohlgenährten, vor...»

«Sir, as an ingenieur how did you become a bilionair? The former presidents son was a dentist. I think "your kind" is the...»

«wow...noch nie so viel bullshit in einem Text gelesen. Wie wäre es mal zu formulieren WARUM es zerbrechen würde? ein paar...»

«Zerfall Russlands ? Träumen Sie weiter ! Vielmehr droht der Ukraine noch mehr Chaos !»

«Ich finde den artikel sehr interessant. 1st was sagen die 5 millionen ukrainischen Staatsbürger die in Russland arbeiten...»

«womit bewiesen ist das der Glaube zumindest den Erdgasbedarf decken kann.»

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 22 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren

E Siemon mit 16 Kommentaren

stefan 75 mit 15 Kommentaren

pauleckstein mit 15 Kommentaren

Anatole mit 11 Kommentaren

SorteDiaboli mit 10 Kommentaren

Dirk Neumann mit 9 Kommentaren

hanskarpf mit 8 Kommentaren