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Ein Plan für morgen

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Ein Plan für Morgen
Der Planungshorizont der Ukrainer liegt bei drei Monaten. Und damit muss etwas gemacht werden.

Die Ukraine ist ein Land mit nicht vorhersagbarer Zukunft. Jede neue Wahl verwandelt sich in einen neuen Bifurkationspunkt: Wir können lediglich verschwommen sagen, wie der Kurs nach der Stimmauszählung aussehen wird. Anhänger des parlamentarischen Systems tauchen nicht selten unter denen auf, die müde von der Schicksalhaftigkeit der Präsidentschaftskampagnen sind.

Der Wahlzettel ist eine Lotterie. Hinter jedem Kandidaten stehen Tonnen an Exzentrik und Kubikmeter an Unvorhersagbarkeit. Die derzeitigen Umfragefavoriten bei Präsidentschaftswahlen sind drei sich absolut nicht überschneidende Zukunftsbilder für die Ukraine (an erster Stelle liegt Julia Timoschenko, gefolgt von Pjotr Poroschenko, Jurij Bojko und Wadim Rabinowitsch, A.d.Ü.).

Als Recke am Scheideweg stehend, sich in die in Stein gehauenen Zeilen einlesend, ist keine dankbare Aufgabe. Die Hauptlehre der vergangenen vier Jahre besteht darin, dass der Preis der Ukraine für Fehler unzulässig hoch ist.

Heute erinnert die Ukraine an einen Menschen, der eine schräge Wendeltreppe hinaufsteigt. Ein vor dem Abgrund schützendes Geländer fehlt. Es gibt lediglich eines entlang der Wand. Lässt du es los, fällst du runter.

In einer derartigen Situation sind die Indikatoren für Angemessenheit hinreichend einfach. Jegliche Erörterungen darüber, dass „der Hauptfeind nicht im Kreml sitzt“ und „die Ukraine selbst schuld ist“ – gehen mit dem sicheren Fall einher.

Sehr viele Albernheiten in der Welt erklingen aus dem einfachen Wunsch etwas Neues zu sagen, doch für seine Illusionen hat das Land bereits mit verlorenen Territorien und zehntausend Menschenleben bezahlt.

Jede abstrakte Friedensstiftung ist gefährlich. Eine Antikriegsdemonstration in Moskau heißt: „Es reicht, mit der Ukraine zu kämpfen“. Jede Antikriegsdemo in Kiew heißt: „Es reicht, die Ukraine zu verteidigen“. Kriege werden nicht einseitig beendet, sondern im Regime aktiver Verteidigung und können sich überhaupt über Jahrzehnte erstrecken. Jede Überlegung darüber, dass die Ukraine auf Donbass und die Krim verzichten sollte, ist unzulässig. Der Traum von der „Chirurgie des Glücks“ ist eine Illusion. Die Besetzung des Osten ist kein Selbstzweck, sondern Mittel. Der Verzicht auf Donezk und Lugansk führt lediglich dazu, dass sich die Front auf Saporoshje und Charkow zubewegt. Denn der Gegner braucht nicht den Donbass, sondern die Ukraine.

Aufrufe die Zusammenarbeit mit dem Westen zu kompromittieren sind ein Schritt ins Nichtsein. Der Löwenanteil der Reformen im Land wurde nur dadurch möglich, dass die Ukraine gezwungen war, Geld aus dem Weltfinanznachtschrank gegen Auflagen zu nehmen. Alle Fahrräder sind schon lange erfunden und die Aufrufe „seinen eigenen Weg zu gehen“ gleichen dem Versuch das quadratische Rad zu patentieren.

Die Beziehungen zu den „Minsker Vereinbarungen“ sind ein Test auf Angemessenheit. Es macht keinen Sinn zu jammern, dass sie nicht funktionieren. Denn sie wurden lediglich dafür abgeschlossen, um die aktive Phase des Krieges einzufrieren. Damit die tägliche Zahl der an der Front Gefallenen sich nicht mit zweistelligen, sondern einstelligen Ziffern messen lässt. Um Zeit für die Wiederaufrüstung zu gewinnen. Die Minsker Vereinbarungen sollten der Ukraine nicht den Donbass zurückbringen – das war eine Geschichte der Atempause. Und ihre Effektivität zu bewerten, lohnt sich nur aus dieser Sicht.

Die ukrainische Straßenpolitik hat sich in ein Zarenreich der Emotionen verwandelt. Ja, sie ist beeindruckend effektiv und fähig Städte zu erobern. Doch das Problem des Emotionalen besteht darin, dass es nicht analysiert werden kann – entweder mag man es oder verflucht es. Das Emotionale mobilisiert ohne Recht auf Fragen stellen.

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Dabei vermögen es die Ukrainer auf unterer Ebene eindrucksvoll fleißig zu sein. Besonnen und sparsam. Rational bis ins Detail. Doch auf der Ebene des kollektiven Landes setzen sie dennoch damit fort, Traumverkäufern hinterherzurennen.

Vielleicht liegt der Grund darin, dass das „Kollektive“ als Wert erst vor Kurzem in unser mentales Gepäck eingeschrieben wurde. Und viele setzen althergebracht damit fort ,den Raum des intimen persönlichen Erfolgs vom Schicksal des kollektiven Projekts zu trennen. Doch darin liegt auch die Besonderheit, dass der Krieg diese Aufteilung aufhob. Der politische Kampf kann nicht und sollte nicht gleich dem Kampf mit dem Staat sein. Denn dem institutionellen „Fremden“ kann nur das institutionelle „Eigene“ entgegenstehen. Alles andere ist von Übel.

Zu lernen ein „Stolz“ zu sein (deutschrussische Figur aus dem Roman „Oblomow“ von Iwan Gontscharow, A.d.Ü.). Die logischen Ketten zu sehen. Die Folgen zu begreifen. Argumente abzuwiegen. Langstreckenläufe zu machen. Den Staat als den eigenen betrachten. Wenn die Ukraine 1917 das alles gekonnt hätte, dann würde sie heute den hundertsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern.

26. August 2017 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 721

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