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Wiktor Brechunenko: Reifeprüfung

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Heute jährt sich die Schlacht von Poltawa zum 300. Mal, welche dazu bestimmt war, zu einem der Schlüsselereignisse der ukrainischen Geschichte zu werden. Ein weiteres Jubiläum in der Kette der runden Daten, welche die Ukraine am Anfang des XXI. Jahrhunderts buchstäblich eindecken. Hier sind auch der 75. Jahrestag des Holodomor-Genozids der Jahre 1932-33, der 350. Jahrestag des Rates von Perejaslaw, der Hadjatscher Union von 1658, der Schlacht von Konotop 1659 zu nennen. Der ukrainische Geschichtskalendar hört nicht auf Jubiläen “unterzuschieben”, welche geeignet sind, die Aufmerksamkeit für die nicht einfachen Seiten unserer Vergangenheit zu schärfen. Von der Höhe des heutigen Tages ist verständlich, dass Poltawa mit Perejaslaw für einige Jahrhunderte die historische Perspektive der Ukraine definierten und ebenfalls die imperiale Zukunft Russlands und die geopolitische Konstruktion Osteuropas.

Die Unterzeichnung des Vertrages mit Moskau im Jahr 1954 gab, entgegen den vollständig anderen Motiven, von denen Bohdan Chmelnyzkyj und seine nahe Umgebung geleitet wurden, den Start für die Vernichtung des ukrainischen Kosakenstaates. Ein halbes Jahrhundert später unternahm Iwan Masepa während des Nordischen Krieges (1700-1721) den Versuch die Situation zu richten und sich der für das Hetmanat zerstörerischen Oberhoheit des Zaren zu entledigen. Der Versuch ist nach denjenigen europäischen politrechtlichen Vorstellungen vollständig legitim, nach denen der Prozess des Angriffes auf die ukrainische Staatlichkeit mit ebensolchen Siebenmeilenstiefeln begann. Dabei gab eben die fatalerweise durch die Verbündeten – Schweden und das Hetmanat – verlorene Schlacht von Poltawa diesem (dem Prozess) grünes Licht.

Diese Rolle Poltawas und Perejaslaws sicherte ihnen einen stabilen Platz im Arsenal der ideologischen Instrumente, welche zur Begründung der “Natürlichkeit” und “Gesetzmäßigkeit” der russischen/russländischen Hegemonie über die Ukraine angerufen wurden. Und das Herannahen der Jubiläen wurde in Russland als bequemer Anlass für propagandistische Attacken behandelt. Die Ukrainer dagegen durchlaufen, ob sie es wünschen oder nicht, während der Zeit der runden Daten dieser Ereignisse, einen eigentümlichen Test auf Selbstgenügsamkeit, auf die Fähigkeit fremden Mythen über die eigene Vergangenheit zu widerstehen und auf diese mit eigenen Augen zu sehen. Besonders hervortretende Jubiläen zeigten das Wesen der ukrainischen Elite. In diesem Sinne zeigte der kürzliche 350. Jahrestag des Perejslawler Rates, ohne Übertreibung, die Gemeinheit des Hauptteils unserer politischen Spitzen. Ihre Ländlichkeit, Zweitklassigkeit, das unausrottbare Sowjetischsein blühte in üppigen Farben …

Erinnern sie sich dran, schmeichlerisch gab L. Kutschma einen Erlass zur Feier dieses Jubiläums aus, als ob Perejslaw im Jahr 1654 der Ukraine eine glänzende Perspektive eröffnete und keine “verlorene Zeit” darstellte, wie es seinerzeit Michail Drahomanow über die Herrschaft Russland schrieb. Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft gab an die Hochschulen und die Bildungsabteilungen die Anordnung, entsprechende pathetische Veranstaltungen durchzuführen.

An den Fingern einer Hand kann man die Politiker abzählen, die sich entschieden den Absichten Moskaus intellektuellen Widerstand zu leisten, mit ukrainischen Händen im Bewusstsein des einfachen Ukrainers den russozentrischen Mythos sowjetischer Abfüllung über die Perejaslawer Rada, wie über die Kulminierung des “nicht aufhaltbaren ewigen Strebens der Ukrainer zur Vereinigung mit den Russen/Russländern”, wieder zu beleben. Und eine weitere Handvoll Historiker aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Instituten (ukrainischen und ausländischen), denen das Institut für ukrainische Archäographie und Quellenkunde namens M. Hruschewskyj der NAN (Nationalen Akademie der Wissenschaften) der Ukraine organisationstechnisch unter die Arme griff, begann das Gesicht der ukrainischen Wissenschaft zu retten. Gleichzeitig haben die Intellektuellen-Geisteswissenschaftler, die so selbstgefällig alle lehren, supermoderne wissenschaftliche Ansätze zu verwenden, sittsam geschwiegen. Und eben damals, als man alle Glocken hätte läuten müssen, um gegen die Absichten sich vor der Gesellschaft zu entehren zu protestieren, hätte man die Schlinge um die Wissenschaft selbst werfen müssen. Kein Wort hat jemand von diesen Personen gehört, auch als sich ein weiteres Mal der bezeichnende ukrainisch-russische Kampf im Bereich der Formung des historischen Gedächtnisses der Ukraine verschärfte, obgleich das Jubiläum der Schlacht von Poltawa bereits in neuen, für die ukrainische Gesellschaft günstigeren Umständen stattfindet.

Was auch immer von den Mängeln und Fehlkalkulationen Wiktor Juschtschenkos geredet wurde, eines kann man dem amtierenden Präsidenten nicht absprechen: den aufrichtigen Wunsch auf Ukrainisch auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu schauen, den Wunsch im Ergebnis trotzdem eine ukrainische Ukraine zu sehen, wie es heute beispielsweise bei den Polen ein polnisches Polen, bei den Deutschen ein deutsches Deutschland, bei den Italienern ein italienisches Italien gibt … Das unter den leitenden Vertretern der Regierungsspitze nur er den modernen Herausforderungen eine angemessene Auffassung von den natürlichen Anforderungen der ukrainischen geisteswissenschaftlichen Politik hat, das bemerkt nur derjenige nicht, der prinzipiell nichts merken will. Schwer vorzustellen, dass aus der Feder irgendeines der realen Anwärter auf den Hetmansstab wenigstens ein Ukas zur Feier des ruhmreichen Sieges der ukrainischen Waffen bei Konotop (1659) oder der Stiftung des staatlichen Ordens des Iwan-Masepa-Kreuzes käme. Und die Anstrengungen im Bereich der Anerkennung des Holodomors der Jahre 1932-33 als Genozid an den Ukrainern? Und die Gründung eines Ukrainischen Institutes des Nationalen Gedächtnisses? Eine andere Sache ist die Verwirklichung vieler Absichten im realen Leben …

Der Kurs, der derzeit im Bereich der Formung eines historischen Gedächtnisses genommen wurde, entspricht im Ganzen den natürlichen Anforderungen der ukrainischen Welt, die in der Bekräftigung einer eigenständigen Auffassung der Ukrainer von ihrer Vergangenheit endet, unbelastet von Stereotypen, eingeflößt in der Zeit der staatenlosen Existenz der Ukraine. Als ein Grundstein einer vollwertigen Entwicklung sind solche Auffassungen ohne Alternative. Andernfalls ist das Ukrainertum verdammt zur schrittweisen Auflösung in der Gesellschaft, welche fähig ist, uns ihre Version des historischen Gedächtnisses aufzuzwingen. Und dieses in der Welt wohlbekannte Axiom muss man allen hinter die Ohren schreiben, die hier keinerlei Gefahren sehen, die kurzsichtig dazu aufrufen, nicht auf den tragischen Seiten unserer Geschichte “herumzureiten”, nicht unsere Siege zu propagieren, um niemanden unbeabsichtigt zu beleidigen. Nicht versetzen lassen haben sich auch die, welche diese Linie vollständig bewusst biegen und zusätzlich sich noch in unserem verfälschten Informationsraum wie der Fisch im Wasser fühlen.

Übrigens, zeigten sich auch die ersten Schwalben/Anzeichen der Überwindung der verfälschten, minderwertigen Auffassungen über unsere Geschichte, die bis vor kurzem kontinuierlich in die Köpfe der Ukraine von der Maschine des Kremlimperiums eingerichtert wurden. Wie mir scheint, zeugen die ersten 20 im Fernsehprojekt “Welyki Ukrajinzi/Große Ukrainer” (das Problem des Siegers klammere ich aus) eindringlich davon, dass die Ukrainer auf ihre Vergangenheit mit eigenen Augen zu blicken beginnen und nicht mit den Augen des Nachbarn oder aus der Position der nationalen Selbstzerfleischung. Die unter die ersten 20 geratenen Stepan Bandera, Simon Petljura, Iwan Masepa, Jurij Schuchewitsch und andere Figuren, auf die in der UdSSR ständig ideologisches Schmutzwasser geschüttet wurde, sind ein klares Anzeichen für die Formung eines historischen Gedächtnisses neuen Typs im Staat. Die Stimme für diese Menschen abgebend, haben die Ukrainer tüchtig diejenigen übertrumpft, die hartnäckig von einer unüberwindbaren Spaltung der Ukraine reden und ihr eine apokalyptische Zukunft zeichnen. Übrigens gibt es noch eine Menge Arbeit, überall sind die alten Klischees noch vorhanden, besonders unter den Staatsangestellten, deren Mehrheit noch Zöglinge des sowjetischen Systems sind. Das Herannahen des Jubiläums der Schlacht von Poltawa 1709 deckte das zur Verwunderung klar auf.

In einer normalen Gesellschaft, die sich respektiert und nüchtern auf die eigene Vergangenheit blickt, würde ein solches Jubiläum keinerlei Vorbehalte oder außerordentliche Aufmerksamkeit hervorrufen. Den Jahrestag hätte man mit Würde, ohne paranoide Feier des fremden Sieges oder Jammerei über unser ungerechtes historisches Schicksal, welche nur den kollektiven Willen paralysiert, begangen. Die Niederlage der eigenen Streitmacht auf der eigenen Erde, mit wem sie auch immer verbündet war, wird überall eindeutig eben als Niederlage aufgefasst, unabhängig davon, was der Sieger erreicht hat. Und wenn das Schicksal der eigenen Staatlichkeit auf dem Spiel stehen würde, dann noch mehr. Nicht wirklich hat irgendjemand irgendetwas von den Problemen der kürzlichen Jubiläen – der 350-jährigen polnischen Überflutung 1655, als die Schweden einen großen Teil Polens eroberten oder die vernichtende Niederlage eben jenes Peter I. bei Narwa (1700) gehört?

Wenn man auf die Schlacht von Poltawa vom ukrainischen Glockenturm aus sieht, kommt kein Zweifel auf, dass die Niederlage der schwedisch-kosakischen Streitmacht einen großen Teil der Elite demoralisierte und den Weg zur Auflösung des Hetmanats im Russischen/Russländischen Imperium mit allen trostlosen Folgen für die nahe und ferne Perspektive öffnete. Von den harten politischen Repressionen Peter I., der von ihnen ausgeworfenen ökonomischen Schlinge und des offenen Kurses der Russifizierung der Kosakenanführer bis zur vollständigen Vernichtung der ukrainischen Staatlichkeit und der unmenschlichen kommunistischen Experimente des XX. Jahrhunderts – als solcher erwies sich der bittere Kelch der Schlacht von Poltawa 1709 für die Ukraine. Was soll man hier feiern, wenn man – natürlich – ein Gefühl der eigenen Würde hat und sich selbst respektiert, wie es jede zivilisierte Nation tut? Nicht wirklich feiert Deutschland die Niederlage in Berlin 1945, infolge dessen es seine territoriale Integrität und Staatlichkeit verloren hat? Oder feiert Russland feierlich die Niederlage bei Kluschino 1610, wonach die Polen Moskau besaßen und die Bojaren, die Einwohner der Hauptstadt und anderer Städte dem Sohn des polnischen Königs Władysław die Treue schworen, der zum Zaren gewählt wurde (das Original der Schwururkunde ist erhalten geblieben)?

Die Pauken aufgrund des Jubiläums zu schlagen, kann sich nur Russland erlauben. Ihm hat Poltawa 1709, auf Kosten der Ukraine, die Frage über die Existenz in Form eines Imperiums abgenommen, zumal sie den Weg zur Umgestaltung in eine mächtige europäische Kraft säuberte, den zukünftigen “Gendarm Europas”. Daher ist Poltawa für die Russen/Russländer Symbol ihrer Größe und völlig natürlich schreibt diese Projektion sich in ihr historisches Gedächtnis ein. Als selbstgenügsame Nation sollte man das völlige Recht der Russen/Russländer auf eine pompöse Feier ihres Sieges anerkennen. Nur sollte diese in zivilisierter Form von statten gehen, das heißt auf dem Territorium Russlands und nicht in Poltawa, wie dies die Russen/Russländer anfänglich wollten, da dies eine Beleidigung für die Würde der Ukrainer und der Schweden geworden wäre. Die Feier unserer Niederlage auf unserem Territorium zuzulassen – eine größere Erniedrigung kann man sich schwer vorstellen. Kann man sich vorstellen, dass die Deutschen es Russland erlaubt hätten, den Sieg im Zweiten Weltkrieg selbst vor Berlin zu feiern? Und was wenn die Engländer, Franzosen, Italiener (Sarden) und Türken sich überlegen ihren Sieg über Russland im Krimkrieg der Jahre 1853-1856 groß in Sewastopol zu feiern? Und das der gesunde Menschenverstand reichte um das für den moralischen Zustand der Nation mörderische Szenario zu unterbinden, zeugt vom Erscheinen “ukrainischer” Winde auch in den oberen Etagen der Macht.

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Heute einige Jahre zurückblickend, kann man den eigenen Gedanken nicht fassen, dass von dort trotzdem einige annehmbare Impulse hervorgingen. Nicht ohne Fehlkalkulationen und leider beleidigender Erscheinungen der Geringschätzigkeit und von Ungereimtheiten, wurde die Linie der Übertragung der ukrainischen Sicht der Ereignisse ausreichend konsequent von der Zentralmacht durchgeführt. Noch im Jahr 2007 tauchte ein Erlass des Präsidenten der Ukraine “Zur Feier des 300. Jahrestages der Ereignisse, in Verbindung mit dem militär-politischen Auftritt des Hetmans der Ukraine, Iwan Masepa, und dem Schluss der ukrainisch-schwedischen Union der Jahre 1708-1709 auf”?, der den Ton der Vorbereitungen diktierte. Das Institut des nationalen Gedächtnisses organisierte eine Reihe von Veranstaltungen, welche die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die entsprechende Sichtweise lenkte. Im Herbst letzten Jahres und in der vorletzten Woche in Poltawa fanden zwei solide internationale Konferenzen statt, die Iwan Masepa und der Schlacht von Poltawa gewidmet waren. Der Stadtrat von Poltawa beschloss endlich die Errichtung eines Denkmals für Iwan Masepa in der Stadt und die Verwaltung der Oblast Poltawa begann mit dem Bau eines Museums der Geschichte des Kosakentums im Dorf Shuki. Das staatliche kulturgeschichtliche unter Denkmalschutz stehende “Schlachtfeld von Poltawa” begann man von den Anzeichen der nationalen Selbstzerfleischung zu reinigen. Die Ernennung einer neuen Direktorin (Natalja Bilan) gab den Anstoß für die lang erwartete Rekonstruktion des Ausstellungsplatzes. Es wurde bereits der Saal “Kosakenstaat von Bohdan Chmelnyzkyj bis zum Großen Nordischen Krieg (1648-1700)” eingerichtet, für Mittel des Stadtrates wurde eine große Rotunde für die auf dem Schlachtfeld Gefallenen errichtet, Gräber der russländischen/russischen Kämpfer instand gesetzt usw.

Auch die entstehende Zivilgesellschaft schlief nicht: es wurde ein Allgemeiner Ausschuss zur Feier des 300. Jahrestages des Aufstandes für die Unabhängigkeit der Ukraine unter der Führung von Iwan Masepa (1708-1709) und der Schlacht von Poltawa gegründet, der sich aktiv für erhellende Arbeiten und die Koordination der Anstrengungen der nicht Desinteressierten einsetzte. In Massenauflagen wurden qualitative populärwissenschaftliche Bücher zu diesem Zeitraum von ukrainischen Forschern herausgebracht: Jurij Myzyk, Taras Tschuchlib, Oleksij Sokyrko und Olha Kowalewska.

Sogar bei der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats redete man von der Möglichkeit der Aufhebung des so genannten Kirchenbanns gegenüber Iwan Masepa, der gemäß des Kirchenkanons, nur für Verbrechen gegenüber der Kirche erlassen wird. Die riesigen Dienste des Hetmans gegenüber der Orthodoxie berücksichtigend, erscheint das Anathem/der Kirchenbann, der durch die schwere Hand Peters I. verhängt wurde, als Oxymoron.

Jedoch ohne Rückfall in Minderwertigkeitskomplexe konnte es nicht von statten gehen, genauso wie ohne Sticheleien – nennen wir die Dinge beim Namen – der fünften Kolonne. Entgegen dem gesunden Menschenverstand, ertönten in der Ukraine Stimmen über eine gemeinsame Feier mit Russland. Es gab Versuche die abgenutzten russländischen/russischen Mythen von Iwan Masepa als Verräter und von Poltawa 1709 als unserem gemeinsamen Sieg wiederzubeleben. Den Sieg über wen schlug man in der unabhängigen Ukraine zu feiern vor, die sich erst 1991 aus der engen Umarmung des Kremls lösen konnte? Über Ukrainer, die unter Führung des Hetmans Iwan Masepa die Idee der Unabhängigkeit des ukrainischen Kosakenstaates von eben jenem Russland verteidigten und danach in der Emigration unermüdlich internationale Verbindungen suchten, um, wie Pylyp Orlyk sagte: “Ariadne aus dem Labyrinth der schrecklichen Sklaverei herauszuführen – unser Heimatland, welches der Moskauer Drache belauert und ihm die frühere Freiheit zurückzugeben”.

Es gab auch Versuche die bereits tüchtig langweilende Fabel über die angebliche Existenz einer gesellschaftlichen Spaltung in der Ukraine zu Masepas Zeiten anzuwenden. Vom Herbst des Jahres 2004 an flüstern uns dies, zum Vorteil russischer Interessen, als “Vaterunser”, bei der erstbesten Gelegenheit äußerst Gelehrte aus den Reihen der Abgeordneten, der Politologen, der sogenannten Experten – der eigenen und der angereisten – ein. Den Dienst der Kosaken in der Streitmacht Peters I. versucht man als Zeugnis der damaligen Teilung der ukrainischen Elite zu verwenden, auf die “richtigen” prorussischen/prorussländischen Kräfte und die feindlichen proukrainischen hinweisend. Nichts seltsames, wenn man darauf kam, irgendwelche “gesellschaftlichen Spaltungen” in für jedes Land gewöhnliche regionale Heterogenitäten bei den Wählersympathien und in bestimmte regionale Differenzen der Weltsicht der Bürger (und diese Unterschiede sind sogar Gesellschaften mit jahrhundertelangen staatlichen Traditionen eigen) zu sehen. Warum spricht man in Deutschland nicht von einer gesellschaftlichen Spaltung, wo man beispielsweise in Bayern ständig die CSU vorzieht, wenn im Lande bereits einige Wahlperioden die Sozialdemokraten an der Macht waren. Von der traditionellen Abstimmung unterschiedlicher Staaten in den USA vorzugsweise für Vertreter der einen oder der anderen politischen Kraft rede ich erst gar nicht.

Bei der Schlacht von Poltawa reicht es, sich zu erinnern, dass im März 1709, das heißt nach den Massenrepressionen und den propagandistischen Anstrengungen Peters I., nach der barbarischen Vernichtung der Hauptstadt des Hetmanats Baturin durch Menschikow, sich Karl XII. und Masepa die überwiegende Mehrheit der Saporoshjer (bis zu 8.000 Menschen) unter Führung des Koschewoj Kost Hordijenko anschloss. Und nach der Niederlage von Poltawa gingen die Saporoshjer Kosaken gemeinsam mit Masepa in die Emigration und Kost Hordijenko blieb bis zum Ende Gegner der russischen/russländischen Macht. Besonders zieht die Tatsache Aufmerksamkeit auf sich, dass bis dahin die Streitmacht der Saporoshjer Unteren ständig in Konflikt mit Masepa war, gegen die zentrale Politik des Letzteren protestierend, nichtsdestotrotz, als sich das Schicksal des Hetmanats entschied, setzte man sich über die internen ukrainischen Zwistigkeiten hinweg und vereinigte sich mit dem ehemaligen Opponenten. Was für eine “Spaltung”. Doch vielleicht ist das ein würdiges Beispiel zur heutigen Popularisierung in der ukrainischen Gesellschaft, besonders unter den Polit- und Wirtschaftsspitzen, wo ein bedeutender Teil sich bei der Jagd nach der Macht und eigenen Einkünften nicht schämt, offen mit den strategischen Interessen der Ukraine zu handeln.

Jedoch, diese für die Formung des historischen Gedächtnisses der Ukrainer günstigen Beispiele bemerkt man hartnäckig nicht. Im Austausch versucht man Gegenteiliges zu finden, es ist unbekannt, warum man annimmt, dass die moderne Ukraine sich sogar bei der Frage von Poltawa teilen soll: ein Teil soll die Seite von Masepa einnehmen, ein anderer den der Kosaken, die sich in der russischen/russländischen Streitmacht befanden. Tatsächlich ist die widersprüchliche Beziehung zu Masepa ausschließlich eine Folge des langen Aufenthalts der Ukrainer unter dem Druck russischer/russländischer Ideologen und keiner natürlichen Ablehnung des Kampfes um die Unabhängigkeit, der von Masepa im Rahmen der damaligen Auffassungen von der Unabhängigkeit und den Wegen ihrer Erlangung geführt wurde. Derzeit muss man geduldig und eingängig den voreingenommen gestimmten erklären (das sind zumeist ältere Leute), welches Ziel Masepa hatte, wie sich die Handlungen des ukrainischen Hetmans in die damaligen Auffassungen von Staatlichkeit, Unabhängigkeit und den Beziehungen zwischen den Herrschern unterschiedlicher Ebenen einfügen, welche die Umstände und die Logik des Erscheinens eines Teiles der Kosaken im Lager von Peter I. war. Und zugleich verständlich machen, dass der Aufenthalt der Kosaken auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade überhaupt nicht von einer Spaltung im Hetmanat zeugt und teilweise von taktischen Fehlkalkulationen Masepas herrührt, teilweise von operativen Umständen, die sich in der Ukraine nach dem Einmarsch der Streitkräfte Karls XII. einstellten. Ganze Kosakenregimenter konnten sich damals physisch dem Hetman nicht anschließen, da sie über das riesige Territorium von Smolensk bis zum Don verteilt waren. Sie erwiesen sich als abgeschnitten von Masepa oder befanden sich in der russischen/russländischen Streitmacht. Unter denen, die sich un-freiwillig im Lager von Peter I. befanden, war beispielsweise der später bestrafte Hetman Pawlo Polubotok, der später enttäuscht die Staatlichkeit des Hetmanats vertreten wird, offen gegen die vereinheitlichende Politik St. Peterburgs eintritt und in den Kasematten der Festung Petropawlowsk stirbt.

Mit dem Herannahen des Jubiläums verschärften sich auch andere Erscheinungen des unüberwindbaren Komplexes der Minderwertigkeit. Seien wir offen, die Iwan-Masepa-Straße in Kiew erschien aus wohlbekannten konjunkturellen Erwägungen und nicht daher, dass die Abgeordneten des Kiewer Stadtrates auf einmal reiften, da hunderte anrüchige Bezeichnungen nicht geändert wurden. Und in Poltawa wurde beispielsweise Kurs auf eine Popularisierung der Schlacht von Poltawa als eigentümliche Visitenkarte der Stadt genommen. Darüber redet und schreibt man offen. Auf der Hauptstraße ist hier und da die Darstellung des Emblems der “Schlacht von Poltawa 1709” sichtbar, sogar in Kiosken auf Lebensmitteln platziert. Dem Vorhaben nach, soll diese Propaganda der Schlacht Touristen anziehen, doch bleibt die Frage ausgeklammert: Zu welchem Preis? Tatsächlich ist es zum Preis einer weiteren Beschleunigung eines Minderwertigkeitsempfindens in den Köpfen der Ukrainer. Reklamiert wirklich irgendjemand in der Welt seine Niederlagen und strebt danach, daran zu verdienen? Propagieren muss man Siege, wie man das überall tut. Gegenüber seinen Niederlagen muss man sich zurückhaltend verhalten und Gebete für die Gefallenen bestellen (was man, übrigens, trotzdem heute plante in Poltawa zu machen), notwendig ist es, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die inneren Ursachen unserer Misserfolge zu lenken – sowohl für eine nationale Konsolidierung, als auch dafür, um unter neuen Umständen neue Fehler zu machen. Das staatliche kulturgeschichtliche Denkmal “Schlachtfeld von Poltawa” soll eben diese Funktion erfüllen. Und die Touristen werden dieses nicht weniger besuchen, sondern öfter.

Es verwundert auch die Tatsache, dass sowohl in Kiew, als auch in Poltawa Stimmen ertönen, dass die Allgemeinheit die Schlacht von Poltawa vom außerideologischen Standpunkt her betrachtet. Das ist schlau, da es vom Prinzip her nicht möglich ist. Ob wir es wünschen oder nicht, jede Erinnerung an Poltawa 1709 wird eine ideologische Färbung tragen. Erstens, weil es auf eine von den vorherigen Umständen gut vorbereitete Erde trifft und zweitens, gehört der russozentrische historische Mythos über die Schlacht von Poltawa zum heutigen Tag zu den Grundideologemen, zu welchen Russland sich bekennt, dabei in den letzten Jahren mit dreifacher Energie beginnend, diese eigentlich imperialen im historischen Gedächtnis der Russen/Russländer einzuhegen. Es ist nicht sonderbar, dass bei der Eröffnung der internationalen Konferenz in Poltawa der Mitarbeiter der russischen/russländischen Botschaft diesen angeblich allgemeinmenschlichen Aufruf unterstützte, derweil in Russland selbst sich eine mächtige Propaganda zur Schlacht von Poltawa 1709 als berühmten Sieg entfaltete – mit Büchern, Spielfilmen und Dokumentationen, Informationsaufträgen im Nachrichtenbereich. Daher erinnert der erwähnte Vorschlag schmerzhaft an den bekannten listigen Aufruf Lenins zur Unnötigkeit einer regulären Armee für das Glück der Menschheit, auf den fatalerweise nur die Führer der ukrainischen Zentralrada setzten, die Möglichkeit zur Gründung einer mächtigen ukrainischen Streitmacht verpassend. Die trostlosen Folgen dieses schrecklichen Fehlers sind wohlbekannt.

Es ist in Poltawa nicht alles einfach mit dem Denkmal Iwan Masepas, dem Hetman, der so viel nicht nur für die Ukraine, sondern auch indirekt für die Stadt selbst getan hat. Nach der unter Qualen getroffenen Entscheidung des Stadtrates, wurde die Sache aufgrund fehlenden Geldes gestoppt. Man war nicht in der Lage die im letzten Jahr angewiesenen 9 Mio. Hrywnja (ca. 900.000 €) aufzutreiben. Fast hätte man mit einer Mütze herumgehen (betteln) müssen. Wenn es nicht die Anstrengungen des Parlamentsabgeordneten Mykola Kultschynskyj des Organisators einer Spendensammlung für das Denkmal gegeben hätte, wenn es nicht die tatsächliche staatliche Position einer Reihe von Musikgruppen (Vopli Vidopliassova, Tartak und anderer) gegeben hätte, die anschaulich bewiesen, dass sie die Ukraine nicht nur bis zur Tiefe ihrer Seele lieben, sondern auch bis in die Tiefe ihrer Tasche, dann wäre die “Fuhre” aller Wahrscheinlichkeit auch heute noch dort. Obendrein entschied man sich in Poltawa dieses Denkmal heute nicht zu eröffnen, damit man nicht möglicherweise irgendetwas provoziert oder irgendjemanden beleidigt. Als ob die Stadt auf dem Territorium von Russland läge, wo ein Denkmal für einen ukrainischen Hetman tatsächlich diese vollständig verständliche Reaktion hervorrufen könnte. Doch warum fürchten wir uns bei uns zu Hause endgültig die Deichsel in die ukrainische Richtung zu drehen? Und die Ehrerweisung an Masepa in Poltawa eben heute, stimmen sie zu, würde einen mächtigen Effekt abgeben.

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Wiktor Brechunenko // 27.06.2009

Dr. der Geschichtswissenschaften und Professor am Institut für ukrainische Archäographie und Quellenkunde namens M. Hruschewskyj der NAN (Nationalen Akademie der Wissenschaften) der Ukraine

***

“Und darauf schwöre ich”, sagte Iwan Masepa, ein Jahr vor seinem Ausmarsch, seinem Mitstreiter Pylyp Orlyk, “dass ich nicht zu privatem Nutzen, nicht für höhere Ehren, nicht für großen Reichtum, nicht für irgendwelche anderen Grillen, sondern für alle, die ihr unter meiner Herrschaft und meinem Regiment stehen, für eure Frauen und Kinder, für die allgemeine Güte der Mütter meines Heimatlandes – der armen Ukraine, der gesamten Streitmacht der Saporoshjer und des kleinrussischen Volkes und für die Erhöhung und Erweiterung der Rechte und Freiheiten der Krieger möchte ich es mit Hilfe Gottes schaffen, dass ihr mit Frauen und Kindern und das Heimatland mit der Streitmacht der Saporoshjer sowohl von Moskauer Seite, als auch von schwedischer Seite nicht umkommen”. Dankbare Nachkommen bleiben nur die, welche ehrfürchtig diesen Hetman auf einen würdigen Platz im neueren historischen Gedächtnis der Ukrainer stellen.

Quellen:
Dserkalo Tyshnja – ukrainisch
Serkalo Nedeli – russisch

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 3778

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