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Ehemalige Männer

Alles, wozu sie fähig sind, all ihr Fazit summiert sich unter der Aufforderung, die Todesstrafe wieder einzuführen. Gebt uns die Todesstrafe zurück und alles wird wieder in Ordnung sein! Ja, die eierlosen Feiglinge entpuppen sich auch noch als Sadisten.

„Ukrainische Männer sind Sadisten“. Das behauptet mein Freund Fred. Er lebte einige Jahre bei uns und hat einiges gelernt. Einst erzählte er: „Ich hatte eine Freundin, die ihren ersten Sex mit zwölf Jahren hatte. Ich wollte von ihr die Einzelheiten wissen, du musst mich verstehen, ich musste erfahren, ob sie dazu gezwungen wurde, weil es sehr wahrscheinlich unfreiwillig geschehen ist, und ich machte mir Sorgen um sie. Aber sie konnte sich nicht erinnern, kannst du dir das vorstellen? Es wäre üblich so in ihrem Land, eine gewöhnliche Geschichte. Außerdem wäre sie selbst daran schuld gewesen, behauptete sie. Sie hätte mit ihnen allen nicht in die Wohnung gehen sollen.“ Fred war sehr beunruhigt, als es mir das alles erzählte. „Selbst schuld“ – ist eine gar nicht so üble Art sich reinzuwaschen. Deswegen auch eine sehr verbreitete. Unsere Mitbürger haben weit mehr Verständnis für Vergewaltiger als für ihre Opfer. Vielleicht ist es auch der Grund, warum in den ukrainischen Gegenden, wo Hungerterror besonders gewütet hat, Gedenkzeichen an die Opfer besonders oft zerstört werden? Gott sei Dank töten nicht alle Henker ihre Opfer. Manche sterben ihren „eigenen“ Tod. Vergangenen Mittwoch (28. März) war ich noch in Barcelona und erwähnte flüchtig in einem Interview die Vergewaltigungsepidemie in unserem Land. Die Übersetzerin hat nicht verstanden, wovon ich sprach. Erst heute bekomme ich eine E-Mail von ihr: „Ich habe schließlich verstanden, was Sie meinten. Alle unsere Zeitungen schreiben über Oksana.“ Das heißt, über diesen Fall weiß man schon am anderen Ende der Welt Bescheid – in Spanien!

Spanische Frauen hatten das Glück, dass die Rote Armee 1945 nicht bis nach Spanien durchdrang. Wäre es so geworden, hätten sie auch die Erfahrung von deutschen, tschechischen oder ungarischen Frauen geteilt, wie es ist, unter den sowjetischen Befreiern zu liegen. Enkelkinder dieser Krieger mehren den Ruhm ihrer Großväter. Sie brauche aber dafür keine deutschen Frauen – ihnen genügen ihre Oksanas. Alle wissen nun alles über uns, über das kalte und unbarmherzige Land von Unmenschen. So ein Land findet so und so sein Ende, gelinde gesagt. Wir finden wirklich unser Ende, weil das Mädchen nicht irgendwelche Monster getötet haben, sondern „gewöhnliche Jungs aus einem gewöhnlichen Land“. Eigentlich normale Kerle – so ähnlich, wie dieser, der grade unweit von mir in der Marschrutka sitzt und unendlich telefoniert: „Sie war selbst schuld, es gab doch Aussagen von einer Kellnerin, dass sie selbst sie angebaggert hat. So ein Ding! Sie hätte denken sollen! Ja, genau, aber das mit Verbrennen, das war schon zu viel. Das hatten sie nicht gedurft. Aber der Dritte, der nicht vergewaltigte, sonder nur half, sie zur Mülldeponie zu schleppen, der hat eigentlich mit dem Ganzen nix zu tun. Wieso auch ihn festnehmen? Der Kerl tut mir echt leid. Nach zwei Monaten ist alles vergessen. Der muss aber in den Knast. Der hat nichts getan, sie war selbst schuld!“

An dem Tag fuhr ich nach Franyk (Iwano-Frankiwsk) zurück. Draußen wütete mit allen Winden der ukrainische arktische Frühling. Die durchdringende Kälte des zubetonierten Busbahnhofes ersetzte eine schwere Schwüle der Marschrutka. Sie war wie immer proppevoll, alles sprach, drängte, schwitze in zu warmer Winterkleidung, raschelte mit schwer bepackten Tüten. Studenten fuhren heim und nahmen ihre schmutzige Kleidung zum Waschen mit, Bauern, die unterwegs einstiegen, brachten Saatgut und Pflanzenzöglinge in die Stadt zum Verkauf. Manche von den Bäumchen waren sehr lang und sahen fast wie Ofengabeln aus. Immer wieder schaute ich zum Fahrer hin. Hinter seinem Rücken schienen wie ein Höllenwald zweipfötige Apfel-, Birnen- und Kirschbäume zu wachsen. Gewiss wird daraus später ein Fruchtbaumgarten, aber grade waren es nur noch Zweige, die sich teilten und eben wie Ofengabeln aussahen, grade gut, um heiße Töpfe aus dem Ofen herauszunehmen. Wie viele Jahre Blüte und Leben habe sie noch vor ihnen!

Der Kerl wiederholt aber immer wieder in sein Handy: „Selber schuld, selber schuld!“ Wieso hältst du dich an dieser Aussage fest, Jungchen? Ich weiß, von wem die Rede ist. Es geht nicht um Freds Freundin. Das kann jedes andere Mädchen sein. Wir haben Hunderttausende solcher Mädchen, das ist der Durchschnitt und eher schon die Norm. Es ist eine Katastrophe des Landes, wenn seine Männer weder lieben noch beschützen können. Sie selbst werden von den Machthabenden vergewaltigt. Und dann vergewaltigen sie die Mädchen dieses Landes.

Interessant, mit wem er nun redet, wen versucht er so hartnäckig zu überzeugen. Seine Mutter, seine Freundin oder Schwester? Vielleicht will er seine Zukünftige beeindrucken, weil er entschieden das Benehmen des getöteten Mädchens verurteilt? Er ist sehr prinzipientreu, dieser Kerl, richtig erzogen und streng. So eine unerhörte Tragödie hätte in der Tat die Menschen im ganzen Land dazu zwingen können, endlich mal über sich selbst nachzudenken – vor Schande aufwachen, zähneknirschend vor Ausweglosigkeit, Konsequenzen ziehen, Veränderungen anzupeilen. Und was kam? Alles, wozu sie fähig sind, all ihr Fazit summiert sich unter der Aufforderung, die Todesstrafe wieder einzuführen. Gebt uns die Todesstrafe zurück und alles wird wieder in Ordnung sein! Ja, die eierlosen Feiglinge entpuppen sich auch noch als Sadisten. Das ist ein Naturgesetz, würde Fred sagen. Die kommt noch, die Todesstrafe. Wie in Weißrussland.

Und das Mädchen auf der anderen Seite der Leitung hört weiter von der, die „selbst schuld“ ist. Vielleicht freut sich seine Freundin insgeheim – potentieller Ehemann verurteilt das, wird wohl ein richtiger Familienmensch sein. Wieso müsste er sich sonst so bemühen und so nervös, in so einem schnellen, zungenbrecherischen Tempo sie überzeugen? Wieso müssten denn alle so gemeinsam schwitzen und ihre Blicke abwenden – immer irgendwohin zur anderen Seite?

3. April 2012 // Jurij Andruchowytsch zum Fall Oksana Makar

Quelle: TSN.ua

Übersetzerin:   Lessja Jurtschenko — Wörter: 951

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