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Skandal um „Wołyn“: „Wenn es kein ukrainisches Kino gibt, wo sollen unsere Jungs dann mitspielen?“

Fedir Stryhun

Der Film „Wołyn“ über die massenhafte Ermordung von Polen durch Ukraine (das sogenannte „Massaker von Wolhynien“), der vorige Woche in den polnischen Verleih kam, vermochte es bereits das Image eines Skandalfilms zu erwerben. Um ihn herum nehmen die heftigen Diskussionen sowohl in Polen als auch in der Ukraine kein Ende und er wurde bereits als ukrainefeindlich gebrandmarkt. Obgleich er in der Ukraine keinen Verleih fand und überhaupt nicht gezeigt wird. Doch mehr als alles andere erregt viele, dass bei den Dreharbeiten auch ukrainische Schauspieler beteiligt waren, deren Liste gestern veröffentlicht wurde.

Unter ihnen sind für Schauspieler des Lwiwer Marija-Sankowezka-Theaters. „Strana“ hat sich mit dem künstlerischen Leiter und Chefregisseur des Theaters – Fedir Stryhun – in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, wie die Schauspieler zu den Dreharbeiten des Films über das „Wolhynische Massaker“ kamen und warum sie sich einer Treibjagd ausgesetzt sehen,

- Wissen Sie von der Teilnahme Ihrer Theater-Schauspieler an den Dreharbeiten zu „Wołyn“, den gerade viele als antiukrainisch bezeichnen?

Ja, ich weiß davon. Das sind junge Burschen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Gerade sind sie Schauspieler unseres Theaters. Ja, sie haben in diesem Film mitgespielt. Und was sollten sie sonst tun?

- Haben sie ihre Beteiligung an den Filmdreharbeiten in irgendeiner Weise mit der Theaterleitung abgestimmt oder war das ihre persönliche Initiative?

Als sie zu den Dreharbeiten eingeladen wurden, dann kamen sie zu mir um Rat zu suchen. Sie haben damals noch nicht einmal bei uns im Theater gearbeitet; ich wollte sie gerade erst einstellen. Ich sagte ihnen: „Jungs, schaut, beschmutzt Euch nicht. Lest das Drehbuch. Wenn es ein antiukrainischer Film ist, dann macht nicht mit.“ Doch ich kann nur raten. Ich kann ihnen nicht verbieten mitzuspielen, verstehen Sie? Und sie brauchten doch auch Geld. Wovon sollen sie leben? Hat ihnen der Staat irgendwelches anderes Geld zum Leben gegeben? Nun, sie haben das Drehbuch gelesen und gesagt, dass dort nichts derartiges ist. Der Regisseur versprach, dass es im Film nichts antiukrainisches geben wird.

- Doch jetzt, wo der Film erschienen ist, halten ihn viele eben für antiukrainisch und werfen den Schauspielern Ihres Theaters vor, dass sie mitgespielt haben.

Und was, dass sie in ihm mitgespielt haben? Und haben Sie Bohdan Stupka gefragt, als er im polnischen „Ogniem i mieczem“ („Mit Feuer und Schwert“, 1999 A.d.Ü.) mitspielte? Fragten Sie ihn, als er im antiukrainischen „Taras Bulba“ (russischer Film von 2009 A.d.Ü.) mitspielte? Wie konnte er überhaupt in Russland mitspielen?! Warum haben Sie ihn damals nicht gefragt? Und hier stürzen sich gleich alle auf die jungen Schauspieler – ai, ai, ai! Wenn mich morgen einer nach Moskau zum Drehen einlädt, dann werde ich extra hinfahren! Allen zum Trotz! Gehälter werden nicht gezahlt, irgendwelche Reformen gemacht, um das Theater endgültig runterzuwirtschaften – das kümmert keinen. Doch hier, seht ihr nicht, dass jemand nicht an der richtigen Stelle und nicht richtig spielte! Dann geht einfach nicht in den Film und schaut ihn nicht! Ich beispielsweise gehe nicht in Filme, die ich nicht sehen möchte. Wenn ich weiß, dass dort etwas antiukrainisches ist. Ja und dann, man muss auch seinen Feind kennen. Wie er vorgeht.

- Bedauern die Schauspieler, dass sie an den Dreharbeiten teilgenommen haben?

Sie haben ja noch nicht einmal selbst den Film gesehen! Sie sind doch Schauspieler, haben gedreht und das war’s dann. Haben sie den Film etwa geschnitten und vertont? Nein! Warum sollten sie sich dann sorgen und etwas bedauern? Der Regisseur schneidet doch selbst, was er möchte. Vielleicht hat der Regisseur sie auch betrogen. In jedem Fall wird das für sie eine gute Erfahrung werden.

- Und halten Sie selbst den Film für antiukrainisch?

Ich habe ihn nicht gesehen. Ja niemand hat diesen Film überhaupt schon gesehen. Allenfalls ein paar Bohemien, die einen Computer haben, haben ihn im Netz gefunden. In der Ukraine hat diesen Film bisher niemand gesehen und wird ihn auch nicht sehen. Und wenn doch, dann wird derjenige, der schlau ist für sich klären, was für ein Film das ist, ein antiukrainischer oder nicht.

Und für die Schauspieler übernehme ich die Verantwortung, ich bin ja schließlich ihr künstlerischer Leiter. Und ich weiß, dass sie Patrioten sind. Und sich auf Scheiße nicht einlassen. Und wenn es jemandem nicht gefällt, dann soll er ukrainische Filme finanzieren. Damit diese Jungs in ukrainischen Filmen mitspielen können. Doch wenn es kein ukrainisches Kino gibt, wo sollen sie dann mitspielen? Darüber muss geredet werden und nicht darüber, dass irgendwelche Jungs in einem antiukrainischen Film mitspielten! Wenn Filme ukrainischer Produktion im Fernsehen gezeigt werden, so sind sie alle in russischer Sprache. Diese Jungs können kein Russisch. Doch polnisch können sie. Denn sie sind zu einer Zeit geboren, als Russisch schon nicht mehr in der Schule gelehrt wurde.

Das sind sehr talentierte Jungs, sehr fähig. Kiew braucht sie nicht. Und das ukrainische Kino braucht sie nicht. So werde ich sie jetzt speziell zum Drehen nach Hollywood schicken, sogar in antiukrainische Filme. Zum Trotz. Und ich selbst werde anfangen mitzuspielen.

- Wurden die Schauspieler mit Aggression oder Verfolgung wegen ihrer Beteiligung am Film „Wołyn“ konfrontiert?

Ich frage natürlich morgen die Jungs, doch bisher kam niemand zu mir und hat sich über irgendeine Verfolgung beschwert. Die Liste wurde ja gerade erst veröffentlicht. Niemand wusste, dass sie in diesem Film mitspielten. Doch wenn den Jungs irgendwas passiert, werde ich sie verteidigen.

- Gerade schlagen Journalisten, Kritiker, Politiker und Aktivisten Alarm, dabei erzählend, dass dieser Film Ukrainer und Polen verfeinden könnte. Was meinen Sie?

Ja, wovon reden Sie! Gott helfe, dass die Polen einen solch genialen Film drehen, der irgendeinen verfeinden könnte! Die Polen haben mir nie etwas gesagt, wenn wir anreisten und in polnischen Städten das Stück „Haidamaki“ von (Taras) Schewtschenko aufführten. „Warum stecht ihr den Polaken nicht ab?“ – „Wir stechen ihn ab, Vater!, schrieb Schewtschenko. Und was, die Polen haben mir deshalb keinerlei Vorwürfe gemacht. Bei uns gibt es noch den ukrainischen Film „Die eiserne Hundertschaft“, dort töten die Polen Ukrainer und siedeln sie um. Und nichts, niemand hat sich deswegen bisher zerstritten. Glauben Sie mir, ich war hunderte Male in verschiedenen polnischen Städten mit Aufführungen. So oft haben wir mit Polen zusammen am Tisch gesessen. Bis zum dritten Gläschen ist immer alles normal. Und nach dem dritten Gläschen beginnen wir bereits zu klären, wer von uns Haidamak ist und wer Banderowez! So war es immer und so wird es sein. Doch wir haben immer eine gemeinsame Sprache gefunden.

- Warum hat dann jetzt wegen dieses Films eine solche Konfrontation begonnen?

Das wird speziell getan, damit niemand die tieferen Probleme bemerkt.

- Welche?

Aggression sucht immer der talentlose Mensch. Damit ihm Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das ist Reklame, verstehen Sie. Das ist alles PR. Es finden sich solche Politabenteurer, die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen. Jetzt beginnt der Lärm in der Presse … oi! Sie werden zu klären beginnen, welche Schauspieler bei uns ehrlich sind und welche unehrlich. Ja, gehen Sie zu den Ukrainern, die in Moskau gerade an den Theatern arbeiten, in Filmen mitspielen. Warum fragen Sie die nicht? Wurden ein paar Ternopiler und Lwiwer Jungs gefunden, junge Schauspieler, die ein paar Dollar verdienen wollten, denn auch sie müssen ja von irgendwas leben und schon geht’s los. Doch bei uns sind die Kulturtätigen sehr ehrlich, solch ehrliche … Sie suchen immer nach Dritten. Für jemanden ist der Lärm von Vorteil. Doch uns, die Dummen, hetzt man aufeinander los. Und wir beginnen einander wie Hunde anzubellen. Das ist alles Politik. Eine schmutzige Sache.

18. Oktober 2016 // Anastassija Pasjutina

Quelle: Strana

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1279

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