Wäre es berechtigt, ein Gleichheitszeichen zwischen die Wörter „Ukraine“ und „Griechenland“ zu setzen? Und was ist mit der Ukraine und Argentinien? Oder Venezuela? Um den großen Schriftsteller Lew Tolstoi zu diesem Thema zu paraphrasieren: sind alle unglücklichen Länder auf ihre eigene Weise unglücklich oder gibt es Ähnlichkeiten zwischen ihnen?
In einem Punkt sind sich die Ukraine und Griechenland tatsächlich ähnlich: beide Länder befinden sich in einer schweren Wirtschaftskrise und zu deren Überwindung sind sie auf finanzielle Hilfen von außen angewiesen. Damit hören die Ähnlichkeiten zwischen ihnen aber auf.
Zum einen ist das Ausmaß der Probleme in beiden Ländern nicht zu vergleichen. Das Verhältnis von Staatsverschuldung und Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Griechenland beträgt 180 Prozent. Das ist eine riesige Zahl. In der Ukraine ist dieser Wert praktisch um die Hälfte niedriger. Nach unseren Prognosen wird die Staatsverschuldung Ende 2015 bei 95 Prozent des BIP liegen. Außerdem muss die griechische Regierung bis Ende des Jahres 18,7 Milliarden Euro (inklusive der überfälligen Rückzahlung von 1,6 Milliarden Euro an den IWF) an die Geldgeber zurückzahlen. Für die Ukraine liegt diese Zahl bei lediglich sechs Milliarden Dollar (ohne Berücksichtigung möglicher Restrukturierungen von Eurostaatsanleihen).
Zum zweiten hat Griechenland die Unterstützung seiner wichtigsten Geldgeber (IWF, EU) verloren und hat keine alternativen Quellen für finanzielle Unterstützung von außen. Die Ukraine hingegen wird das Kooperationsprogramm mit dem IWF (Extended Fund Facility) im Umfang von 18 Milliarden Dollar verlängern. Gerade letzte Woche hat der IWF mitgeteilt, dass die formalen Vereinbarungen für die Auszahlung einer zweiten Kredittranche im Umgang von 1,7 Milliarden Dollar erfüllt wurden. Zusätzlich wird die Ukraine bis Ende des Jahres noch einmal 3,3 Milliarden Dollar vom IWF erhalten, sofern die im Programm festgelegten Fristen eingehalten werden. Die Erfüllung der Bedingungen des IWF sichert der Ukraine auch den Zugang zu Finanzressourcen anderer Geldgeber im Gesamtwert von 4,7 Milliarden Dollar bis Ende 2015.
Zum dritten kann man im Fall Griechenland getrost von einem Scheitern der Strukturreformen sprechen, die nach dem ersten Hilfspaket der internationalen Organisationen 2010 angestoßen wurden. Die Maßnahmen zur Stärkung der Produktivität, der Haushaltsdisziplin und der Stabilität des griechischen Bankensystems sind ohne Erfolg geblieben. Und so wurden die Strukturreformen im Grunde auf Kosten einer tiefen Rezession durchgeführt, die zu einem Fall der Lebensniveaus und zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit von 7,8 Prozent in 2008 auf 26,5 Prozent in 2014 geführt hat. Die Unterstützung für die Reformen in der Bevölkerung ging in der Folge rapide zurück. Das ist auch ein Grund dafür, dass Populisten an die Macht gekommen sind, die allen und jedem das Blaue vom Himmel versprechen.
Gleichzeitig hat die ukrainische Regierung bereits einige radikale Schritte zur grundlegenden Transformation des Wirtschaftssystems unternommen. So wurden Maßnahmen getroffen, um den Finanzmarkt von nicht zahlungsfähigen Finanzinstituten zu bereinigen, es wurden Gesetze zur Haftung von Eigentümern und Managern bei der Pleite von Banken und für mehr Transparenz in den Eigentümerstrukturen von Banken beschlossen. Weiterhin hat die Regierung die Gaspreise für die Bevölkerung erhöht, ein Online-Portal für Ausschreibungen von staatlichen Institutionen eingeführt, ein Anti-Korruptions-Büro gegründet, usw. Ja, Reformen sind ein schwieriger und schmerzhafter Prozess, der nur funktionieren kann, wenn er von allen beteiligten Seiten grundsätzlich unterstützt wird. Allerdings glaube ich, dass es in der Ukraine zurzeit ein Verständnis dafür gibt, dass das vorige Wirtschaftsmodel sich vollkommen diskreditiert hat und der Übergang zu einem neuen Model unbeliebte, aber unumgängliche Strukturreformen erfordert. Ein solches Verständnis gibt es in Griechenland weder in der Bevölkerung noch in der Regierung.
Im Unterschied zu Griechenland kann die Ukraine den Wechselkurs als Korrekturmechanismus nutzen. Die internationale Erfahrung zeigt, dass eine Kombination aus Währungsabwertung, Ausgabenkürzungen (eine sogenannte innere Abwertung) und Strukturreformen zur Produktivitätssteigerung tatsächlich gute Ergebnisse bringen. Als Mitglied der Eurozone hat Griechenland nicht die Möglichkeit, den Wechselkurs zu benutzen und die innere Deflation hat, anders als in Lettland 2009, keine Ergebnisse gebracht. Die Ukraine kann auf alle drei Mechanismen zurückgreifen. Allerdings spielen Strukturreformen die wichtigste Rolle und sind in vielerlei Hinsicht die Voraussetzung für positive Effekte aus innerer und äußerer Abwertung.
Zuletzt ist auch wichtig zu verstehen, welche Konsequenzen es für beide Länder hat, falls sie ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen können. Für Griechenland sind sie zwangsläufig ruinös, insofern als Griechenland ein Mitgliedsstaat der Eurozone ist und der Großteil seiner Verpflichtungen in Euro ausgewiesen ist. Im Fall eines Staatsbankrotts verliert das Land schlichtweg den Zugang zu finanziellen Ressourcen in dieser Währung, was automatisch die gesamte Wirtschaft betreffen wird, den Bankensektor, den Staatshaushalt und das Rentensystem eingeschlossen.
In der Ukraine ist die Schuldensituation um einiges einfacher und leichter. Die laufenden Verhandlungen mit den Geldgebern betreffen nur einen relativ kleinen Teil der ukrainischen Auslandsschulden. Dies hängt in keiner Weise mit dem inländischen Finanzmarkt zusammen, wo sowohl die Aktiva als auch die Verpflichtungen in der nationalen Währung nominiert sind. Außerdem haben eine ganze Reihe von ukrainischen Unternehmen und Banken erfolgreiche Verhandlungen mit ausländischen Geldgebern über eine Umschuldung ihrer Auslandsverpflichtungen geführt haben. Das stützt die Prognose, dass die Verhandlungen zu den Staatsschulden ebenfalls erfolgreich verlaufen werden.
Wir sollten nicht vergessen, dass es weit mehr positive Beispiele für Restrukturierungen von Auslandsschulden gibt, als negative. Denken wir uns nur einmal an die Ukraine 1999, Uruguay 2003 und Ecuador 2009. Mit einer Restrukturierung der Auslandsschulden hört das Leben nicht auf, und wenn die Verhandlungen erfolgreich verlaufen, wird das Land auch bald wieder Zugang zu weltweiten Kapitalmärkten erhalten (Uruguay hat dies zum Beispiel bereits nach einem Jahr geschafft). Die Wirtschaftslage kann sich dabei schnell wieder verbessern. So hat die Restrukturierung der ukrainischen Auslandsschulden 1998-1999 die Ukraine nicht daran gehindert, bereits 2000 wieder zu positiven BIP-Wachstumsraten zurückzukehren.
Trotz aller Unterschiede zwischen Griechenland und der Ukraine sollten wir uns nicht zu sicher fühlen, dass das griechische Szenario in unserem Land nicht möglich sei. Das griechische Beispiel zeigt klar und deutlich, was und wie man es nicht machen darf. Leider wirkt es manchmal so, als ob in der Ukraine nicht alle bereit sind, aus fremden Fehlern zu lernen und weiterhin alles auf die harte Tour aus eigenen Fehlern lernen wollen. Die skandalöse Abstimmung für das Gesetz zur Umwandlung von Fremdwährungskrediten letzte Woche war ein ideales Beispiel für Populismus nach bestem griechischen Vorbild. Unsere Parlamentarier sollten deshalb einen wichtigen Grundsatz nicht vergessen: Der Weg zur Hölle ist mit guten, populistischen Vorsätzen gepflastert.
07. Juli 2015 // Dmitrij Sologub, Stellvertretender Leiter der Nationalbank der Ukraine
Quelle: Lewyj Bereg


Forumsdiskussionen
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Die Ukraine hat Sanktionen gegen die Macher der Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“ verhängt
„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Die Ukraine hat Sanktionen gegen die Macher der Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“ verhängt
„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?
“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Die Ukraine hat Sanktionen gegen die Macher der Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“ verhängt
„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“
Awarija in Ukrinform • Re: Russland attackiert erneut Grenzübergang zu Moldau in Region Odessa, Verkehr gesperrt
„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?
“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Hallo julib77,
Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.
Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)
Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.
Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.
“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“
julib77 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.
“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht"
“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“
Eric in Recht, Visa und Dokumente • Re: Deklaration gebrauchter Kleidung beim Zoll
„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“
Anuleb in Recht, Visa und Dokumente • Re: Seit Anfang des Jahres haben die Zollbeamten Verstöße im Wert von fast 11 Milliarden aufgedeckt
„Am besten wäre natürlich, wenn die Frau mit dabei ist. Alleinreisende Männer stehen schließlich immer unter Verdacht.“