google+FacebookVKontakteTwitterMail

Andreas Umland: "Die Ukraine ist allein viel zu schwach, um Russland in seine Schranken weisen zu können."

Die Hintergründe und Ziele von Russlands neuer Eskalation der Spannungen in der Ukraine: Interview für „Die Tagespost“

FRAGE: Russland behauptet, es habe ukrainische Angriffe auf die Krim gegeben. Gibt es dafür Belege, Beweise oder plausible Indizien?

Die meisten uns vorliegenden Informationen zu diesem angeblichen Terrorangriff kommen vom Kreml. Der ukrainische Präsident Poroschenko hat erklärt, dass die Ukraine zwar eine Rückführung der Krim in den ukrainischen Staatsverband anstrebt, dafür jedoch keine terroristischen Mittel anwendet. Die Ukraine vermeldet zudem, dass ein von den russischen Medien präsentierter angeblicher ukrainischer Terrorist von russischen Spezialeinheiten aus der Festlandukraine entführt worden (wie das früher schon einmal mit einem estnischen Sicherheitsbeamten der Fall gewesen war). Die Kremlmedien verlauten, dass der vom FSB vereitelte angebliche Terroranschlag die Tourismussaison auf der Krim torpedieren sollte. Allerdings neigt sich die Sommerurlaubsperiode bereits dem Ende zu.

FRAGE: Welches Kalkül Putins steckt hinter solchen Behauptungen?

Im schlimmsten Fall dienen sie der Einstimmung der russischen Öffentlichkeit auf eine neuerliche Invasion tiefer ins ukrainische Staatsgebiet – und diesmal womöglich offen mit regulären Truppen. Ziel könnte etwa die Herstellung einer Landverbindung zwischen der Krim und den von Russland bereits okkupierten Teilen des ukrainischen Donezbeckens sein. Vielleicht dient die Eskalation jedoch auch nur dazu, auf die Ukraine und den Westen psychologischen und politischen Druck auszuüben.

FRAGE: Hat sich Kiew mit dem Verlust der Krim abgefunden? Oder gibt es erkennbare Pläne zur Rückholung bzw. Rückeroberung der Krim?

Es gibt zwar das ukrainische Bestreben einer Wiedereingliederung der Krim, jedoch keine konkreten Planungen oder Aktionen Kiews dazu. Die Herbeiführung solch einer Entwicklung liegt letztlich auch nicht in ukrainischen Hand. Die Ukraine ist allein viel zu schwach, um Russland in seine Schranken weisen zu können. Daher beschränkt sich die ukrainische Aktivität bislang vor allem auf die Unterstützung der krimtatarischen und anderen Flüchtlinge aus der Krim. Mit dem Sieg der krimtatarischen Sängerin Jamala für die Ukraine beim Eurovisionswettbewerb ist diese Problematik nun auch in Westeuropa bekannter geworden.

FRAGE: Wie präsent oder aktiv ist Russland derzeit in der Ost-Ukraine?

In den vergangenen Wochen hat es eine merkliche Zunahme sowohl der Kampfhandlungen als auch russischer Militärtechnik im Donezbecken geben. Vielleicht will Russland damit nur Druck ausüben, vielleicht jedoch dient all dies der Vorbereitung eines neuen Großangriffs über die bislang okkupierten Gebiete hinaus.

FRAGE: Geht es Putin um eine Destabilisierung der Ukraine – also darum, aus der Ukraine einen gescheiterten Staat zu machen? Oder welche Ziele verfolgt er hier?

Ja, die Ukraine scheitern zu lassen, ist wahrscheinlich das letztliche Hauptziel Putins. Ein spektakulärer ukrainischer Kollaps würde das derzeitige russische Regime stärken und der russischen Bevölkerung demonstrieren, wozu demokratische Revolutionen und europäische Integration führen.

FRAGE: Wirken die EU-Sanktionen gegen Russland überhaupt? Sollte die EU sie einstellen, oder fortsetzen, oder steigern?

Die derzeitigen Sanktionen erfüllen angesichts der an und für sich viel größeren potenziellen und bislang weitgehend ungenutzten ökonomischen und anderen nichtmilitärischen Hebel der EU eine Feigenblattfunktion. Das 2014 eingeführte Sanktionsregime des Westens ist überschaubar und belässt den Großteil der wirtschaftlichen Interaktionen zwischen der EU und Russland intakt. Es hat seine dann doch merkliche Wirkung hauptsächlich durch das unerwartete Zusammenspiel der Handels- und anderen Beschränkung mit dem parallelen rapiden Verfall der Energiepreise entwickelt. Durch den Ölpreisabsturz kam es zu einem Einbruch der russischen Exporteinnahmen, einer tiefen Rezession sowie einer Beschädigung des wirtschaftlichen Images Russlands – Effekte die auch ohne die Sanktionen eingetreten wären, aber nun durch sie verstärkt werden. Die EU bleibt jedoch u.a. Großimporteur russischer Energieträger und ein wesentlicher Faktor in der russischen Budgetstabilität. Durch die hohe Bedeutung der Exporteinnahmen für den russischen Haushalt ist der Westen damit auch indirekter Kofinanzierer der russischen militärischen Abenteuer in Osteuropa, im Südkaukasus und in Nahost.

Zuerst erschienen in „Die Tagespost“.

Autor:    — Wörter: 653

Andreas Umland (1967), Dipl.-Pol., M.A. (Stanford), M.Phil. (Oxford), Dr.phil., Ph.D. (Cambridge) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Euro-Atlantische Kooperation Kiew, Herausgeber der Buchreihe „Soviet and Post-Soviet Politics und Society“, Dozent für Deutschlandstudien an der Kiewer Mohyla-Akademie, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Europa-Ausschusses des ukrainischen Parlaments, Senior Expert bei WikiStrat und Mitglied des Deutsch-Ukrainischen Forums, Waldaj-Klubs sowie Expertenrates des Komitees für europäische Integration des ukrainischen Parlaments. Beiträge u.a. in „The Wall Street Journal“, „The Washington Post“, „Harvard International Review“, „The National Interest“, „World Affairs Journal“, „Die Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und „Die Welt“.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 4.3/7 (bei 8 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Ist das Einreiseverbot für die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilowa richtig?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: PrivatBank

Wetterbericht

Kyjiw (Kiew)6 °C  Ushhorod6 °C  
Lwiw (Lemberg)8 °C  Iwano-Frankiwsk10 °C  
Rachiw6 °C  Ternopil6 °C  
Tscherniwzi (Czernowitz)9 °C  Luzk7 °C  
Riwne7 °C  Chmelnyzkyj6 °C  
Winnyzja5 °C  Schytomyr3 °C  
Tschernihiw (Tschernigow)1 °C  Tscherkassy3 °C  
Kropywnyzkyj (Kirowograd)4 °C  Poltawa2 °C  
Sumy0 °C  Odessa11 °C  
Mykolajiw (Nikolajew)8 °C  Cherson9 °C  
Charkiw (Charkow)7 °C  Saporischschja (Saporoschje)9 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)6 °C  Donezk6 °C  
Luhansk (Lugansk)1 °C  Simferopol6 °C  
Sewastopol6 °C  Jalta7 °C  
Daten von World Weather Online

Leserkommentare

Russia Good in Das Ende des Donbass

«Die Ost Ukraine ist die reichste Region in der Ukraine, wer ist hier der dumme und Rückständig? Das ist ein herber Verlust...»

«Kollega und Horst ihr seid einfach nur dumm und könnt nicht auf Arguemente antworten, deine Karte ist auch Falsch mit der...»

«In Ihrem Bericht fehlt, wie Herr Achmetow zu seinem Reichtum kam und es fehlt auch wie er es täglich vermehrtß?!! Mit welchen...»

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Haha ich glaube meine bildung in sachen Wirtschaft übersteigt ihren Hauptschulabschluss»

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Das ich den Kapitalismus nicht verstehe, halte ich für ein gerücht. Wenn sie wüssten hahahhaaha»

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Ja nordkorea ist riesig, es ist so riesig, gigantisch, ich habe noch nie so ein riesenland gesehen. Bald wird Russland zum...»

«Einer der Hauptabnehmer dürfte Storaenso sein und das Holz über Tschechien (bahn) nach Österreich - Waldhausen bei Zwettl,...»

KOLLEGGA mit 131 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 55 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 23 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 20 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren

franzmaurer mit 16 Kommentaren

E Siemon mit 16 Kommentaren

stefan 75 mit 15 Kommentaren