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Land der Großmeister

Ukrainische Schachspieler sind die stärksten der Welt

Der Sieg bei der 39. Schacholympiade in Chanty-Mansisk hat bewiesen, dass die ukrainischen Schachspieler die stärksten der Welt sind, doch ihre heutigen Siege haben solide historische Wurzeln.

Renaissance des Schach

Schach ist das alte und vornehme Spiel kluger Menschen. Der weltweit erste Platz im Schach ist ein eindrucksvoller Beweis des intellektuellen Potentials einer Nation. Und im Triumph der ukrainischen Schachspieler in Chanty-Mansisk liegt nichts verwunderliches. Erstens haben unsere Sportler bereits vor sechs Jahren die Schacholympiade (die alle zwei Jahre stattfindet) im spanischen Calvià gewonnen. Und zweitens lag das Team der Ukraine, für die Wassili Iwantschuk, Ruslan Ponomarjow, Pawel Eljanow, Sachar Jefimenko und Aleksandr Moissejenko antraten, in der Summe der Ratingzahlen nur hinter der ersten Mannschaft Russlands (Russland wurde auf der Olympiade durch gleich fünf Mannschaften vertreten).

Die Ukraine nimmt heute weltweit den zweiten Platz nach Anzahl internationaler Großmeister (68 Männer und 16 Frauen) ein, und unter den ersten hundert Plätzen im Rating der internationalen Schachföderation FIDE befinden sich zehn unserer Schachspieler und acht Schachspielerinnen.

Gleichwohl gibt es unter unseren Machthabenden und Oligarchen keine Liebhaber dieser Sportart, daher wurde in der Zeit der Unabhängigkeit in der Ukraine praktisch keine systematische Arbeit zur Entwicklung dieser Sportart durchgeführt.

Ein Teil der stärksten ukrainischen Profis ging aus Geldnot und mangels Unterstützung und Interesse ins Ausland. Heute spielen Aleksandr Beljawski und Anna Musytschuk für Slowenien, Aleksandr Onischtschuk für die USA und Sergei Karjakin, der mit 20 Jahren der jüngste Großmeister in der Geschichte wurde, tritt heute für Russland an.

Doch in diesem Jahr fand im Schachleben der Ukrainne ein ernsthafter Umschwung zum Besseren statt. Im April wurde der berühmte Finalist Viktor Kapustin zum Vorsitzenden der Nationalen Schachföderation, der sich daran machte, Ordnung in diesen Betrieb zu bringen, eigene Mittel investierte und Sponsoren anlockte. Die Schulden der Ukraine gegenüber der FIDE wurden beglichen, starke Spieler und Trainer angelockt und erstmals ein Budget und ein Aktionsplan für die Föderation aufgestellt.

Die Anstrengungen Kapustins brachten ihre Früchte bei der Olympiade in Chanty-Mansisk, gelang es ihm doch, in die Auswahl des Landes die stärksten Großmeister zurückzubringen.

“Der Schachbetrieb der Ukraine ist zu stark zerstört. Um ihn zu stärken, sind mindestens fünf Jahre nötig. Die Hauptsache ist Konsequenz und Vorwärtsbewegung”, findet Wiktor Wladimirowitsch Kapustin.

Helden vergangener Tage

In der Ukraine gibt es eine große Auswahl von Namen, deren Andenken künftige internationale Turniere gewidmet werden könnten. Hat doch die heutige Generation ukrainischer Schachmeister nicht wenige berühmte Vorgänger.

Von dem Moment an, als 1881 in Charkow die “Gesellschaft der Freunde des Schachspiels” gegründet wurde, schrieben talentierte Ukrainer mit goldenen Buchstaben ihre Namen in die Weltschachgeschichte. Bis zur Revolution glänzten Boris Berlinski aus Odessa und die Kiewer Fjodor Bogatirtschuk, Aleksandr Ewenson und Jefim Bogoljubow. In den Jahren 1920 bis 1930 erreichten gemeinsam mit Bogoljubow und Bogatirtschuk, von denen gesondert die Rede ist, Fedor Dus-Chotimirski, Wsewolod Rauser, Aleksandr Konstantinopolski und andere ukrainische Meister herausragende Erfolge.

Im Jahr 1950 fand das Kandidatenturnier um das Recht, gegen den Weltmeister Michael Botwinnik anzutreten statt. Die Teilnehmer waren der in Solotonoscha (Gebiet Tscherkassi) gebürtige Isaak Boleslawski und der in Belaja Zerkow gebürtige Dawid Bronstein. Als Sieger ging Bronstein hervor, der daraufhin im Titelduell mit Botwinnik remis spielte, und entsprechend dem Reglement blieb der Titel beim amtierenden Meister.

Der Traum ukrainischer Schachspieler von der Weltmeisterkrone ging ein halbes Jahrhundert später in Erfüllung, im Jahr 2002. Im Finale des Turniers um den Titel des FIDE-Weltmeisters spielten zwei Ukrainer: Ruslan Ponomarjow aus Kramatorsk und Wassili Iwantschuk aus Lemberg. Der 18jährige Ponomarjow gewann und wurde zum jüngsten Weltmeister in der Geschichte des Schach.

Doch in diesem halben Jahrhundert gewannen ukrainische Vertreter eine Menge Turniere: Jefim Geller, Leonid Stein, Eduard Gufeld, Wladimir Sawon, Wladimir Tukmakow und andere.

Doch die leuchtendsten und zu Unrecht vergessenen Namen der ukrainischen Schachgeschichte sind Jefim Bogoljubow und Fedor Bogatirtschuk.

Große Verbannte

Die Kiewer Jefim Bogoljubow (1889-1952) und Fedor Bogatirtschuk (1892-1984) trafen oft hinter dem Schachbrett aufeinander. Sie spielten auch auf dem berühmten Ersten Moskauer Internationalen Turnier 1925, was als repräsentativste Meisterschaft in der Vorkriegsschachgeschichte gilt. Untereinander trennten sich die Ukrainer friedlich, und Bogoljubow wurde Sieger des Turniers und ließ damit die großen José Raúl Capablanca, Emanuel Lasker, Richard Réti, Akiba Rubinstein und viele andere Berühmtheiten hinter sich.

Das Schicksal beider Schachspieler sollte mit Deutschland verbunden sein. 1914 wurden Bogoljubow und Bogatirtschuk, die sich zum Moment des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs zu einem Turnier in Mannheim befanden, interniert. Bogatirtschuk kehrte nach Hause zurück, erhielt ein Diplom als Arzt und ging als Freiwilliger an die Front. Bogoljubow dagegen heiratete und blieb in Deutschland. 1924 kehrte er in die UdSSR zurück und gewann zweimal die Landesmeisterschaft – ein Turnier, das nach seiner Besetzung traditionell stärker war als internationale Wettkämpfe. Doch 1926 ging Bogoljubow, der schnell die “Schönheit” des sowjetischen Systems erkannte, erneut nach Deutschland, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb. Er wurde zum Verräter erklärt, die sowjetische Staatsbürgerschaft wurde ihm ebenso entzogen wie der Titel des Meisters der UdSSR (der einzige Fall in der Geschichte). Dies hindert Jefim Dmitrijewitsch Bogoljubow nicht daran, eine Reihe großer Turniere zu gewinnen und zwei Spiele mit dem Weltmeister Aleksandr Aljechin auszutragen. Nach dem Krieg spielte Bogoljubow für die Auswahl der Bundesrepublik Deutschland. Aus verständlichen Gründen wurde sein Name in der Sowjetunion nicht öffentlich gebraucht.

Ein ähnliches Schicksal ereilte Fjodor Bogatirtschuk, den sowjetischen Meister von 1927, dreimaligen Drittplatzierten bei unionsweiten Wettkämpfen, den einzigen Schachspieler, der eine positive Bilanz in Begegnungen mit Michail Botwinnik hatte (drei Siege, zwei Remis). Der Doktor der Medizin (Spezialist für Knochen und Gelenke), Autor des ersten ukrainischen Schachlehrbuchs “Schach. Lehrbuch des Spiels” und Vorsitzende der Schachföderation der Ukraine hatte in den Augen der Machthabenden einen großen Fehler – er liebte die Ukraine und hasste den Kommunismus. In den Jahren der Besatzung blieb Bogatirtschuk in Kiew und leitete die Abteilung des Roten Kreuzes. Und danach ging er mit den Deutschen, freundete sich mit General Wlassow an und unterschrieb das Prager “Manifest der Befreiungsbewegung der Völker Russlands”. 1948 ging Bogatirtschuk von Deutschland nach Kanada, wo er sich aktiv wissenschaftlich betätigte, Schach spielte und an der Arbeit ukrainischer nationalistischer Organisationen teilnahm. Sowjetische Schachspieler boykottierten internationale Wettkämpfe mit Teilnahme Bogatirtschuks, daher verlegte er sich auf Briefschach. Sein Name war in der UdSSR gänzlich verboten und bleib nur in Protokollen und Tabellen von Wettkämpfen erhalten.

Igor Lewenstein

Quelle: Weekly.ua

Übersetzer:    — Wörter: 1097

arbeitet als freier Journalist, Autor und Übersetzer in Berlin. Neben der Ukraine befasst er sich hauptsächlich mit Russland, Polen und Estland.

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