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Die nationale Idee: Aus dem Land verschwinden…

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Was die Zahl der Emigranten angeht, befindet sich die Ukraine mittlerweile auf dem fünften Platz weltweit und wird nur von Mexiko, Indien, Russland und China übertroffen, was bei der großen Einwohnerzahl dieser Länder auch nicht verwunderlich ist.

Nach Daten der Weltbank befinden sich 6,6 Millionen Ukrainer im Ausland, das entspricht 15 Prozent der Bevölkerung des Landes. Unter den Emigranten sind nicht nur Hilfsarbeiter, sondern auch hoch qualifizierte Spezialisten. Und dieser Abfluss von Ideen und Arbeitskraft wird mit der Zeit nicht an Intensität verlieren.

Ist das etwa eine normale Situation? Was kann man ihr entgegenstellen und könnte man überhaupt irgendeinen Effekt erzielen? Www.from-ua.com ist bei den Vertretern der politischen Elite auf die Suche nach Antworten gegangen.

„Man muss dagegen ankämpfen und im Land normale Umstände schaffen. Dann wird die Abwanderung nachlassen“, glaubt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Partei der Regionen im Parlament, Michail Tschetschetow.

Er hält die Kategorie der „Dienstreisenden“, zu der Bürger gehören, die Geschäfte im Ausland machen oder deren Tätigkeit mit Reisen um die ganze Welt verbunden ist (Artisten, Sportler usw.), für etwas wunderbares. Aber es gibt eben auch die andere Kategorie…

„Wenn die Prozentzahl der Ausreisenden in diesem oder jenem Land bedeutend ist und die Motivation für die Ausreise damit verbunden ist, dass ihnen die Arbeits- und Lebensumstände nicht zusagen, dann ist es schon eine Frage an die Politik und die Machthaber, ernsthafte Maßstäbe dafür zu finden, dass die Menschen sich in ihrem Haus wohl fühlen“, bemerkt er.

Und als Vertreter der Machthaber und dieses Politikums selbst versichert er, dass diese Frage für Viktor Janukowitsch höchste Priorität hat. Tschetschetow zeigt sich überzeugt davon, dass die derzeitigen Machthaber alles Mögliche tun, damit die Ukrainer ihr Glück nicht mehr im Ausland suchen, und dass sie dieses Ziel auch erreichen werden.

Als nationale Schande bezeichnet die Migrationsstatistik der Vertreter der kommunistischen Partei, Leonid Gratsch.

„Die Ukraine war eine hochindustrialisierte Sowjetrepublik. In der postsowjetischen Zeit fehlte es aus Sicht der hoch entwickelten Agrar-, Industrie- und Tourismussektoren an nichts. Aber unter den Möchtegern-Hausherren ist alles verkommen. Diese Machthaber haben alles dafür getan, dass mehr als sieben Millionen Menschen emigriert sind. Dabei sind es hoch qualifizierte Leute, die, im Grunde genommen, zum Erdbeerpflücken in den Westen fahren, weil sie dort in ihrem Beruf nicht gebraucht werden“, meint Gratsch.

Der Abgeordnete der KPU betont, dass sich die Emigranten aus der Ukraine von den „Arbeitsflüchtlingen“ aus den Staaten, die im Ranking der Weltbank vor uns liegen, unterscheiden.

„Natürlich können sich die angeführten Staaten mit diesen Zahlen auch nicht schmücken, aber sie verfügen über eine wesentlich größere Bevölkerungszahl, sowohl Indien und China, als auch Russland. Eine solche Emigration gibt es dort nicht. Außerdem reisen die Russen nicht zum Spargelstechen in den Westen. Dorthin fahren Menschen mit hohem Intellekt, die Ideen mitbringen. Aber wir stellen unsere Ideen in den Geräteschuppen. Das ist eine Tragödie für das Volk und eine Schande für den Staat“, kritisiert Gratsch.

Genau dasselbe Wort – „Tragödie“ – benutzt auch die Führerin der progressiven Sozialisten, Natalja Witrenko, in ihrer Analyse der Situation.

„Die Abwanderung von Menschen aus der Ukraine ist die Tragödie unseres Landes, denn es reisen arbeitsfähige, intellektuell vollwertige Leute aus, welche den nationalen Reichtum der Ukraine real steigern könnten. Sie reisen aus und arbeiten dort unter schwierigen Umständen für eine fremde Wirtschaft, für den Reichtum anderer Länder. Für diese Zeit lassen sie ihre Familien zurück, die Kinder wachsen zu moralischen Krüppeln heran“, sorgt sie sich.

Für dieses Elend gibt es, wie die Politikerin glaubt, einige Gründe. Dazu zählen auch der Zusammenbruch von Produktions- und Wissenschaftsverbindungen mit Russland, Weißrussland und anderen Republiken der ehemaligen UdSSR, und die Unfähigkeit der Ukraine, diese Beziehungen durch entsprechende mit dem Westen zu kompensieren.

„Es gibt keinen Bedarf an den Endprodukten ukrainischer Unternehmen, die in den westlichern Markt einsteigen könnten. Im Resultat können die Menschen nirgends ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einbringen – es gibt keine Arbeit. Zweitens kann man von dem Geld, das in der Ukraine gezahlt wird, unmöglich leben. Wir stehen heute vor offiziellen Zahlen, nach denen das Pro-Kopf-Einkommen für einen Ukrainer bei 2700 Dollar im Jahr liegt, in Weißrussland beträgt es 6000 Dollar. Aber in Weißrussland gibt es keine Oligarchen, keine solche Polarisierung der Gesellschaft nach Einkommen. In der Ukraine ist diese Polarisation ungeheuerlich. Das bedeutet, dass die Oligarchen, die über den Löwenanteil des nationalen Reichtums verfügen, den Übrigen nur jämmerliche Knochen hinwerfen. Es ist für einen jungen Menschen, der ins Leben treten und eine Familie gründen will, unmöglich, von 200 Dollar zu leben. Deswegen flüchtet man ins Ausland, um gebraucht zu werden und fürs Leben zu verdienen“, urteilt Witrenko.

„Sie reisten aus und werden es auch weiterhin tun. Diesen Prozess kann man nicht aufhalten“, glaubt der Vertreter von „Unsere Ukraine-Nationale Selbstverteidigung“, Gennadij Moskal´. Seiner Meinung nach besteht das Problem im Fehlen bestimmter Orientierungspunkte – der Staat hat keine klare Vorstellung von seiner Zukunft.

„Heute spricht niemand davon, wohin wir gehen – nach Europa, in die GUS, nach Russland oder sonst wohin. Diese Ungewissheit treibt die Leute in die Auswanderung. Heute haben viele Menschen ein europäisches Ausbildungs- und Kulturniveau. Einer meiner Bekannten, der ausgereist ist, sagte mir: ‘Wenn die Machthaber sich dazu entschließen, mit ‘Zombie-Abgeordneten’ eine Koalition zu schmieden, warum kann ich dann nicht individuell in die EU gehen und Europäer werden?’. Wissen Sie, warum heute kein staatliches Migrationsamt geschaffen wird? Damit man das nicht zeigen muss. Alle beziehen sich auf westliche Untersuchungen, in der Ukraine gibt es diese nicht. Viele Menschen befinden sich heute in einer solchen Depression, dass sie nur noch den einen Wunsch haben – irgendwohin ausreisen. Dabei sind das hoch gebildete Leute, die verstanden haben, dass ihr Land sie nicht braucht. Jeder entscheidet sich gegen den Patriotismus und für den Pragmatismus. Wenn ihm ein Land auch nur ein minimales Auskommen garantiert, fährt er dorthin. Alles andere zählt heute nicht. Wenn früher noch einige an Juschtschenko geglaubt haben, so haben heute alle verstanden, dass die Ukraine keine Perspektiven für einen EU-Beitritt hat, deswegen darf man sich nicht täuschen lassen, muss individuell agieren und sein Glück jenseits der ukrainischen Grenzen suchen“, sagt Moskal´.

Auch ein weiterer Vertreter der Opposition, der Abgeordnete des BJuT (Block Julia Timoschenko), Aleksander Gudyma, sieht keinen Sinn im Kampf gegen die Emigration.

„Man sollte nicht dagegen ankämpfen. Warum sollten wir uns mit Ukrainern auseinandersetzen, die im Ausland ein besseres Los suchen? Für sie kämpft die Regierung auch so, denn sie will, dass sie ihre Steuern bezahlen. Dass heißt, sie möchte einen Teil des von jenen verdienten Geldes eintreiben“, beschreibt er das Interesse des Staates an den Steuern zahlenden Bürgern.

Nach Meinung des Abgeordneten ist die Migrationswelle eine vorübergehende Erscheinung.

„Es gibt nur eine Möglichkeit des Kampfes – man muss hier Arbeitsplätze schaffen. Niemand fährt unter Zwang dorthin. Es gibt bei uns noch keine politischen Repressionen, sie fahren also wegen des Einkommens. Das haben Länder wie Polen schon durchgemacht. Ich war 1989 in Toronto/Kanada, dort war jeder zweite, der etwas auf der Straße verkaufte, Pole. Aber sie haben es überlebt und machen ihren Platz jetzt für die Ukrainer frei. Aber vor einiger Zeit führten sie die Liste noch an. Man muss das also durchstehen. Jeder Ukrainer, der in Italien, Portugal oder Russland lebt, träumt von einer Rückkehr in die Ukraine. Aber diesen Traum kann nur die Regierung Wirklichkeit werden lassen. Ich spreche nicht von dieser Regierung, sondern von einer ukrainischen Regierung. Aber wann sie damit anfangen, kann ich nur schwer sagen“, sagt Gudyma.

Zur Bekräftigung seiner Worte wäre eine Statistik über die „Rückkehrer“ nicht schlecht. Denn bei weitem nicht alle der, von der Weltbank aufgeführten, 6,6 Millionen Ukrainer, die sich derzeit im Ausland befinden, haben mit der Heimat gebrochen oder möchten nicht zurückkehren. Ein bedeutender Teil der Emigranten sind Zeit- und Gelegenheitsarbeiter. Sie wären nicht nur bereit, zurückzukehren, wenn sie „hier“ nicht um ein vielfaches weniger verdienen würden als dort. Sie könnten das erworbene Kapital auch noch in die vaterländische Wirtschaft investieren, neue Arbeitsplätze schaffen, ihr eigenes Business aufbauen… Gäbe es entsprechende Voraussetzungen vonseiten des Staates.

Die glaubhafteste Überprüfung der Effektivität einer Regierung wird nicht die Verkündung einer bestimmten Ideologie oder die Farbe der Flaggen während der Wahlkampagne sein, sondern die reale Interessiertheit der Bürger in das Leben und Arbeiten im eigenen Staat. Der Indikator ist offensichtlich: Sobald die Ukrainer beginnen, aus den „besseren Ländern“ nach Hause zurückzukehren und nicht mehr irgendwohin fahren, um ihr „Glück“ zu suchen, betreibt der Staat die richtige Politik. Keine pro-russische oder pro-westliche, keine national-bekennende oder russifizierende, sondern eine tief pro-ukrainische. Eine Politik des bequemen Lebens für die Bürger des Landes namens Ukraine. Darin liegt eigentlich nichts unmögliches, insofern es schon jetzt mit einem gehörigen Maß an Ironie sogar von jenen angenommen werden kann, die nicht mit gepackten Koffern in der Registrierungsschlange für einen internationalen Flug am Flughafen „Borispol“ stehen…

Andrej Generalow

Quelle: From-ua

Übersetzer:   Stefan Mahnke — Wörter: 1462

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