| Donnerstag, der 20. Juni 2013, 01:12 Uhr |
| Freitag, 27.01.2012 | 2285 Aufrufe |
Aus den Äußerungen unserer Politiker über den Tourismus entsteht der Eindruck, dass der Tourismus zur letzten Hoffnung der Glücklosen, ja fast eine Frage des Glaubens an eine glückliche Zukunft geworden ist. Verwaltungsbeamte aller Ebenen beschreiben den Tourismus einhellig als prioritäres Gebiet der Stadtentwicklung und sehen dabei märchenhafte Einnahmen durch den Tourismus in fernen Ländern voraus.
Es gab schon viele Versuche, die Abteilung für Tourismus zu reformieren. Als Resultat dieser Versuche haben wir nun das Ministerium für Kultur und Tourismus mit entsprechenden lokalen Strukturen vor Ort. Das Ergebnis: Weder Entwicklung der Kultur, noch des Tourismus.
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Eines der Dokumente der UNESCO erläutert: „Wie bekannt ist, kann Tourismus für die Entwicklung sowohl ein tödlicher Feind, als auch ein guter Freund sein.“ Eine vereinfachte Sicht auf den Tourismus versteht ihn als Mittel Geld zu verdienen, Budgets aufzubessern oder die Infrastruktur im Dienstleistungssektor zu entwickeln. Hinter dieser rein ökonomischen Sichtweise verstecken sich Bedrohungen für kulturelle und natürliche Ressourcen, sprich für diejenigen Ressourcen, die die Ressourcen des Tourismus sind. Darüber hinaus deformiert eine an Gewinn orientierte Motivation den kulturhistorischen Kontext einer Stadt, vereinfacht Inhalte und glamourisiert Wertmittel, was wir auch in Lviv sehen. Diese Sicht ist fern davon, zeitgenössischen Standards des Tourismus oder den Interessen der Stadtbewohner zu entsprechen. Worin liegt also die Bedrohung des Tourismus?
Bedrohungen durch den Tourismus für eine historische Stadt können folgende sein:
Für eine Stadt mit reichem historischen Erbe und niedrigem Niveau an wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung sind diese Bedrohungen gefährlich.
Um dem negativen Einfluss des Tourismus auf die Entwicklung der Stadt und der Region zu entgehen und seine Möglichkeiten zu nutzen, ist eine verantwortliche Regulierung durch die städtischen Verwaltungsorgane nötig. Um die Möglichkeiten einschätzen zu können, die der Tourismus für eine beständige Entwicklung der Stadt mit sich bringt, muss sein wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und ökologischer Einfluss umfassend untersucht werden. So wie der Tourismus alle Sphären der gesellschaftlichen Aktivitäten beeinflusst, so kann er auch integraler Bestandteil der Entwicklungsstrategien verschiedener Bereiche sein und durch sie auf die Entwicklung des Tourismus einwirken.
In einigen entwickelten Ländern wird der Tourismus nicht als eigenständiger Sektor behandelt. Die Regulierung des Tourismus wird durch die Ausbildung des Personals sichergestellt, um in die Tourismus-Industrie angemessene wirtschaftliche, soziale und kulturelle Standards einzuführen, um auf dem Markt vielfältige touristische Produkte zu fördern und um eine verantwortungsbewusste Haltung gegenüber Kulturgütern auszubilden.
Welche Art von Tourismus soll in historischen Städten entwickelt werden? In der letzten Zeit formulierte man das Konzept des „Städtetourismus“, welches darauf abzielt, Städte zu besuchen und von ihnen Eindrücke zu erlangen. Es vereint in sich Kulturtourismus, Bildungstourismus und Vergnügungstourismus. Darunter fallen zwei Ansätze: zum einen der technologische (Massen-)Tourismus, der passiv, quantitativ und in der Motivation engstirnig ist (in einer bestimmten Zeit sollen möglichst viele lokale Denkmäler besichtigt werden); zum anderen der konzeptuelle (oder thematische) Tourismus, welcher sich auf das anthropologische Verständnis einer Kultur gründet, die Motivation vergrößert und die Möglichkeit gibt, sich komplexe lokale kulturelle Besonderheiten zu eröffnen.
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Meiner Meinung nach muss man in Lviv den Kulturtourismus aktiv vorantreiben, der verschiedene Arten des Tourismus mit integralen kulturellen Angeboten verbindet. Denn es ist die architektonische Substanz, die die Touristen nach Lviv zieht, vielmehr zieht sie nicht nur an, sondern bezaubert sie. Und wir müssen sie mit neuen Kontexten füllen, mit Inhalten und Veranstaltungen, also mit Produkten des Kulturtourismus, welche die Bedeutung Lvivs eröffnen, die besondere Atmosphäre und die Seele der Stadt wiederbeleben. Und dies nicht nur für Gäste, sondern auch für die Einwohner Lvivs.
Kulturell motivierter Tourismus ist eine Folge der Umwandlung von Kapital. In ökonomischen Kategorien ist dieser Tourismus durch kulturelles Angebot und kulturelle Nachfrage bestimmt. Folglich erhöht ein Produkt des Kulturtourismus die Umwandlung ökonomischen Kapitals in objektiviertes soziales, symbolisches und kulturelles Kapital, die Interessen von Kultur und Wirtschaft vereinend.
Kulturtourismus ist Prestige-Tourismus. In Europa hat er als distinguierter Tourismus eine lange Tradition für das Erleben anderer Kulturen: die sogenannte Grand Tour im England des 16. Jh. oder die Italien-Reisen (J. W. v. Goethe). Das Ideal des Reisens hatte das Ziel einer zusätzlichen besonderen Bildungserfahrung, der Erweiterung des Wissens, und des Erlebens romantischer Abenteuer. Ich glaube, dass auch Lviv zu seiner Zeit Ziel dieser Wanderungen war. Und genau diese Motivation gilt es auch jetzt in Lviv zu entwickeln.
Der Kulturtourismus stimuliert die Nutzung kultureller Ressourcen und aktiviert die soziale Funktion der Kultur, die sich nicht nur an Touristen, sondern auch an die Stadtbewohner richtet. Dies geschieht durch das Zusammenspiel der Kulturen (der sogenannte Aspekt der vier Kulturen: Kultur als Herkunftsort des Touristen, Kultur der Erholungszeit, Kultur der Dienstleistungen, Stadtkultur), das die Bedrohungen des Massentourismus verringert.
Kulturtourismus stimuliert das Verständnis der kulturellen Ressourcen einer Stadt, und zwar:
Kulturtourismus ist ein Mittel für internen Einsatz auf allen Gebieten und Anpassung an die Bedingungen des Markts.
Kulturtourismus bedeutet nicht das Verdienen von Geld, sondern ist eine Methode gemeinsame Aufgaben und Tätigkeitsstrategien unter neuen Bedingungen zu identifizieren.
Kulturtourismus ist die Möglichkeit, offene Beziehungen zur äußeren Umgebung aufzubauen und Aufgaben von sozialer Bedeutung zu erfüllen, beispielsweise Wissen zu verbreiten und Symbole und Werte der soziokulturellen städtischen Umgebung zu interpretieren, um eine Haltung des Menschen zur Welt auszubilden.
Kulturtourismus ist also nicht als Allheilmittel zu betrachten, sondern lediglich als Möglichkeit den Bedrohungen des Massentourismus zu entgehen, der auf Gewinn abzielt, der auf Kosten städtischer Ressourcen bis zur völligen Abnutzung basiert.
12. Januar 2012 // Senowij Masuryk
Quelle: ZAXID.NET
Übersetzerin: Constanze Aka — Wörter: 1102
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Kultur | Lwiw | Tourismus | Unesco
2 Personen haben bereits geantwortet.
Peter Koller meinte am 28. Januar 2012, 21:48 Uhr:
Ich kann dem Artikel voll und ganz zustimmen. Vor allem denke ich, dass Lviv in dieser Hinsicht auf einem guten Weg ist. Die Frage ist auch, ob die Altstadt von Lviv so schön restauriert worden wäre, hätte es keinen Tourismus gegeben. Was in der Ukraine nur leider völlig fehlt ist eine touristische Infrastruktur außerhalb der Städte. Warum gibt es keinen Radweg am Dnister, warum gibt es keinen Kajakverleih am Slutsch, wo sind die markierten Wanderwege und die Hütten in den Karpaten? Warum gibt es bei Novhorod Siverskyi und dem Mezynskyi-Nationalpark keinen Fahrradverleih. Wo sind die ganzen Zeltplätze, die es überall sonst auf der Welt gibt?
Was die touristische Entwicklung betrifft, fehlt es in der Ukraine noch an fast allem.
Dabei ist es gerade diese Art von Natur- Aktiv- und Kulturtourismus die das Land voranbringen könnte, ohne es durch übertriebenen Massentourismus zu zerstören. Auch für das Image der Ukraine wäre eine vernünftige, nachhaltige touristische Infrastruktur ein großer Gewinn.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das was in Polen innerhalb weniger Jahre nach der Wende aufgebaut wurde in der Ukraine nicht auch möglich sein soll.
ein Deutscher, in Lviv wohnend meinte am 2. Februar 2012, 08:33 Uhr:
Der vorherige Leserbrief-Schreiber hat grundsaetzlich recht … was waere alles moeglich, wenn …!
Aber Lviv schafft es ja noch nicht einmal, seinen Oeffentlichen Personennahverkehr (OePNV) auf die Reihe zu bekommen.
Und mit den Verhaeltnissen im OePNV der Stadt MUSS man unzufrieden sein. Diese Unzufriedenheit resultiert aus der Tatsache, dass die gesamte Serviceleistung des staedtischen ÖPNVs schlichtweg – entschuldigen Sie bitte diesen Ausdruck! – eine Katastrophe ist! Mit diesem „Angebot“ kann man vielleicht in einem Dritteweltstaat wie Papua-Neuguinea beeindrucken – wie um alles in der Welt verträgt sich dieses jedoch mit normalen Ansprüchen an eine europäische Großstadt, welche auch noch in naher Zukunft Gäste aus anderen europäischen Staaten zu dem sportlichen Großereignis der Fußball-EM 2012 einladen möchte!?
Bei allem notwendigem Respekt: Besonders ärgerlich dabei ist, dass für Außenstehende der ÖPNV von Lviv im Wesentlichen nicht zum Nutzen der Fahrgäste arbeitet, sondern auf politische Hahnenkämpfe offenbar spätpubertierender Kommunalpolitiker, auf die Verteidigung wirtschaftlicher Eigeninteressen und der damit korrespondierenden korrupten Strukturen, auf das vorsätzliche Ignorieren von Recht und Gesetz, auf die billigende Hinnahme gefährlicher Verkehrssituationen, auf die offenbar sakrosankte postsowjetische Bequemlichkeitsmentalität sowie auf die nicht nur mentale Faulheit der Stadtverantwortlichen (einige WENIGE dort tätige Personen ausgenommen!) und des (Service-)Personals ausgerichtet scheint! Kurzum: Fast alles, was bisher zum ÖPNV von Lviv bekannt wurde, zeugt von Desinteresse, Pflichtvergessenheit, Verantwortungslosigkeit und sogar Skrupellosigkeit!
Neue, junge und frische Kraefte in der Stadtverwaltung moegen ja willig sein, aber wie soll gegen den tagtaeglich praktizierten Widerstand von politischen Egoisten und “Selbstbedienern” allein schon die Basis fuer einen rudimentaeren Tourismus geschafft werden?
Und dieses Problem setzt sich krakenhaft ueber die ganze Stadt Lviv (und auch das ganze Land) fort…!
Grundsaetzlich optimistisch denkend sehe ich aber nicht den Hauch eines Fortschritts in der Mentalitaet dieser Stadt. LEIDER!
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