FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Das provinzielle Leben

0 Kommentare

Das Leben in der Provinz ist wärmer, aufrichtiger als in der Hauptstadt. Zwei Tage war ich in dem verschneiten Luzk und genoss die Gesichter. Studenten, Lektoren, einheimische Intelligenz. Sie machten mir Freude und strömten Wärme aus. Ich habe dort die Zukunft gesehen, nicht meine, sondern meines Landes, das heute unfähig und gereizt versucht die Mechanismen der Demokratie zu beherrschen.

So war es immer: die Hauptstadt saugt das Intellekt und die Kraft des eigenen Landes ein. Sie vergisst, die Fortschritte mit anderen zu teilen. Ihr, der kalten und noch stärker gesichtslosen Hauptstadt, geht es besser. Hier ist es leichter die Sünde, die Leere, die eigene Dummheit zu verbergen. Hier, in der Hauptstadt, gibt es mehr Brot und mehr Schauspiel. Und weniger echte Menschengesichter.

Ich wurde von den örtlichen Journalisten eingeladen. Zwei Tage haben sie mich mit ihrer Stadt bekannt gemacht, mit ihren Einwohnern. Hauptsächlich mit der Jugend, die unpolitisch ist, die den Kiewer Wohlstand nicht hat, und die Kiewer Sättigung von den Eindrücken. Sie haben das gleiche Fernsehen, die gleichen pseudopolitischen Shows im Fernsehen, das Ergebnis ist aber ein anderes – die Bewahrung der eigenen Reinheit. Aufrichtige, unpolitisierte Fragen (ich habe dort das Buch über meine Gefängniserinnerungen präsentiert), taktvolle Reaktion auf eine offensichtliche Müdigkeit und das Unwohlsein des Autors. Und, ein weicher, nicht aggressiver, im Vergleich zu Kiew, taktvoller Wunsch sich zusammen zu fotografieren.

Provinz. Dort, nicht in Kiew, wird die künftige Ukraine gebaut. Wo es mich und die Parteiideologen und Dienstgendarmen, die mich in den jungen Jahren gequält haben, nicht geben wird. Wo sie leben werden, die frei Geborenen, frei von Ideologie und Sozialangst. Die, die weder Lenin, noch Solschenizyn kennen. Ich verstehe, dass einige durch Drogen sterben werden, andere – vom Alkohol. Andere fahren zum fremden Glück, nicht dem ukrainischen. Die Mehrheit wird bleiben. Hier arbeiten, leben, Kinder zur Welt bringen. In Luzk habe ich diese Gesichter, diese Augen gesehen. Ich habe erzählt und gehört, auf ihre offenen Fragen geantwortet, und mit Schmerz im Herzen gedacht: „Wie schade, dass ich diese plötzliche Freude mit meinen gestorben Freunden, Iwan Swetlischnyj und Walerij Martschenko, nicht teilen kann“.

Luzk ist nicht völlig ideal. Ich habe auch ein großes rotes Spruchband am Bürogebäude der örtlichen kommunistischen Partei bemerkt. Alles, wie immer in der Ukraine, es gibt keine Denkmäler von Lenin und Stalin, jedoch deren Geist. Der stinkende Geist der verstümmelten ukrainischen Vergangenheit, der heute ziemlich wohlbehaltene „Kämpfer gegen die Oligarchen“ ernährt.

Ich war sehr müde. Ich wollte nach Hause, zu meinen Büchern, zu meinen Schriften. Zu meiner üblichen Kiewer Bitterkeit. Ich wurde gebeten, mit örtlichen Unternehmern zusammen zu essen. Sie waren nicht viele, vier. Junge Leute, dreißig – vierzig Jahre alt, die sich unter die Studentenmassen während meiner Präsentation gemischt haben. Ich konnte nicht „nein“ sagen. Mein Kopf tat weh von Müdigkeit und hohem Blutdruck, ich sehnte mich nach Ruhe. Ich war höflich und nicht sehr gesprächig. Ich befürchtete eine leere Tischplauderei, mit langweiligen politisierten Fragen…

Es war aber alles anders. Wir sprachen von Rilke, der Übersetzung seiner Werke ins Ukrainische von Stus und Fischbein. Mein neuer junger Bekannter, früher Arzt, erzählte uns, wie er seine Kinder – Erstklässler nach Tscherniwzi gefahren hat, zu den Überresten der früheren Kultur und Architektur dieser heute grauen Stadt. Und er erzählte über Paul Celan, den großen und tragischen Celan.

Ich wollte Luzk nicht verlassen. Der Blutdruck hat sich normalisiert, irgendwie von allein, ohne Medikamente. Ich konnte aber hier nicht bleiben. Danke dir, Luzk! Ich komme wieder!

1. April 2013 // Semjon Glusman, Arzt, Mitglied des Staatlichen Ukrainischen Kollegiums für die Medizinische Versorgung von Strafgefangenen

Quelle: Lb.ua

Übersetzerin:    — Wörter: 590

Olena Ryeznikova arbeitet als freiberufliche Übersetzerin/Dolmetscherin

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-20 °C  Ushhorod-1 °C  
Lwiw (Lemberg)-15 °C  Iwano-Frankiwsk-12 °C  
Rachiw-4 °C  Jassinja-4 °C  
Ternopil-16 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)-13 °C  
Luzk-17 °C  Riwne-18 °C  
Chmelnyzkyj-19 °C  Winnyzja-19 °C  
Schytomyr-24 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-23 °C  
Tscherkassy-19 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-16 °C  
Poltawa-17 °C  Sumy-20 °C  
Odessa-8 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-10 °C  
Cherson-9 °C  Charkiw (Charkow)-22 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-12 °C  Saporischschja (Saporoschje)-10 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-13 °C  Donezk-9 °C  
Luhansk (Lugansk)-9 °C  Simferopol-6 °C  
Sewastopol-6 °C  Jalta-2 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

„Bin am 24.12.25 in Zosin/Ustyluh in die Ukraine eingereist, war das erste und einzige Auto, in ca. 45 Minuten durch gewesen. Ausreise nach Polen, ca. 10 PKW zu der Zeit.“

„Typisch Russenkasper welche vom korrupten Putin und der Machtelite um ihn herum verarscht werden. Zu mehr als zivile Ziele in Städten zu zerstören reicht es nicht.“

„Warum sollten die sich auch trollen?? Für mich ist es immer wieder eine Offenbarung, wenn man mal wieder feststellen kann, mit welch limitierten Fähigkeiten und Qualitäten jene Russlandfans unterwegs...“

„Hallo Hendrij, habe mal ne Frage zu der neuen Zugverbindung Leipzig - Krakau - Przemyel. Wir fahren ja seit vielen Jahren immer mit dem Wohnmobil und im Winter mit dem Bus nach Lwiw. Da wir unweit von...“

„Meine Ehefrau ist eine Ukrainerin, und ich kenne sie schon seit dem 4. Oktober 2016. Das ist der Grund, weshalb ich mich als deutscher Zivilist in der Ukraine aufhalte. Als Gerhard Schröder noch Deutschlands...“

„Irgendwas stimmt mit dieser Meldung wohl nicht. Katar ist schon seit mehreren Jahren in der Tat aus der OPEC ausgetreten. Warum wird diese offenbar längst überholte Nachricht jetzt wieder aufgewärmt...“

„Danke. Ergänzend dazu habe ich heute gelesen daß es wohl auch noch eine Truppe "Achmat Ost" im Gebiet Saporischschija geben soll.“

„Achja, das Großmaul Kadyrow.ist auch noch da. Das Blatt scheint sich zu wenden. Von den angeblichen Heldentaten seiner Kadyrowzy in der Ukraine ist ja schon länger nichts mehr zu hören. Weiß jemand...“

„@kobmicha Besonders helle scheinst Du nicht zu sein. Falsches Forum für Dich, geh Dich bei den Russen anbiedern, Troll.“

„Tauchen hier eigentlich immer neue Idioten auf oder sind das die gleichen? Offensichtlich sind es immer die gleichen Idioten die hier Schreiben.Sieht man ja an Ihnen. Sie,wahrscheinlich; heldenhafter Ukrainer....“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.