FacebookTwitterTelegramVKontakteMail

Im Rahmen des einen und des anderen Übels

Völlig unerwartet befand ich mich kürzlich in einem längeren Gespräch mit einem ernsthaften und erfahrenen Politologen. Einem aufrichtigen noch dazu, soweit man das innerhalb seiner Tätigkeit eben sein kann. Entspannt saßen wir im Schatten der Parkbäume, tranken Kaffee und Tee, jeder Schluck ein die scharfen Themen und unangenehmen Details “umfließendes” Ritual. Mein Gesprächspartner deckte leicht und dezent (sogar mit Respekt!) mein Unwissen über politische Realien auf, über die personellen Wechselbeziehungen im Innern der sogenannten politischen Elite und meine von Emotionalität geprägten Argumente, hatte ich doch mit Politikwissenschaft noch nie etwas zu tun.

Nein, ich bin kein Politologe. Überhaupt keiner. Mich langweilen jegliche Details zu den Wechselbeziehungen im Innern der “Elite”, mich interessieren die Wendungen im laut und öffentlich geführten Janukowitsch-Timoschenko-Kampf nicht, der die gesamte Aufmerksamkeit Europas auf sich zieht. Außerdem nehme ich ganz naiv an, dass der formelle Beitritt der Ukraine in die Europäische Union mit meiner persönlichen Zukunft und der meiner Familie nichts zu tun hat.

Ich bin ein Bürger der Ukraine, einer, der ehrlich gesagt, kein gutes Verhältnis zu irgendwelchen Gruppen und Clans pflegt, die sich selbst als politische Parteien bezeichnen. Ja, so ist das. Als verantwortungsbewusster und bis zu einem gewissen Grad auch aktiver Bürger der Ukraine fordere ich die Stimmzettel mit der Spalte “gegen Alle” ein. Ich lehne es kategorisch ab, das weniger Böse wählen zu müssen. Weiß ich doch, dass es beim Bösen keine Nuancen gibt.

Darüber sprachen wir auch auf der Parkbank. Ich hörte die genauen und überzeugenden Argumente meines Gegenübers, doch lehnte sie kategorisch ab. Denn ich lehne es kategorisch ab, eine Geisel der Mehrheit zu sein. Oder der Minderheit, die ich, trotz allen Widerwillens, wählen werde, will ich doch die Chancen für die Verfolgten wenigstens irgendwie verbessern.

Ich bin im Endeffekt ein sowjetischer Andersdenkender, einer, der aufgrund seines Dissidenten-Daseins einsitzen musste, einer, der zur KPdSU und zum KGB öffentlich in die Opposition getreten ist, in dem er von seinem persönlichen Bürgerrecht Gebrauch machte und ein deutliches “Nein” formulierte. Deshalb schließe ich mich nun auch der “gegen Alle”-Position an. Und all die “mathematischen” und “politikwissenschaftlichen” Argumente meines Gegenübers – wie aufrichtig und scheinbar logisch sie auch sein mochten – können an meinem Standpunkt nichts mehr ändern.

Denn ich bin es leid in dieser beschnittenen Version von Freiheit zu leben, ich bin es leid von diesem “elitären” Teufelspack manipuliert zu werden. Auf diese meine Gedanken antwortete mir mein Gesprächspartner bitter: “Was soll’s! Zumindest hat jeder von uns die Chance, von hier wegzufahren, die Ukraine für immer zu verlassen.

Ein ideales Vorhaben. Und ein sehr effektives noch dazu. Wir alle, die gesetzestreuen Bürger (die von einer in der Ukraine regierenden Dame im engeren Kreis als “Biomasse” bezeichnet wurden) verlassen ihr eigenes Land gen Arktis oder Antarktis, lassen all die Steuerzahler – achtbare Männer und Frauen – zurück. Mit anderen Worten lassen wir die Männer und Frauen ohne das Objekt zurück, durch dessen Fleiß ihr persönlicher Reichtum entstanden ist. Ein wirklich ideales Vorhaben. Nur leider unmöglich in der Umsetzung.

Zwanzig Jahre lang wurde die Ukraine gezielt ausgenommen. Zwanzig Jahre voller Lügen, serviert in süßlicher Propaganda-Sauce. Zwanzig Jahre ohne Reformen, ohne Modernisierung von Industrie und Landwirtschaft. Zwanzig Jahre unverschämte, unverhohlene und unersättliche Korruption wie zu Sowjetzeiten. Mein Beileid gilt Raissa Bogatyrjowa, die den Gesundheitshaushalt retten soll, obwohl das Land gerade untergeht. Jemand vor ihr (es ist bekannt, wer) fing einst an, in gutem Glauben zu reformieren. Aber Wunder passieren nicht von allein, sie müssen vorbereitet werden.

In den 1970er Jahren sagte ich mal: “Der König ist nackt!” Daraufhin buchtete man mich ein. Wie naiv ich damals war, wollte ich doch lediglich mitreden, Fragen stellen, Zweifel anbringen. Die Zeiten liegen nun hinter mir. Ich darf jetzt mitreden, sogar schreiben. Doch erneut nur im Rahmen des Erlaubten, im Rahmen des einen und des anderen Übels. Ich will aber “gegen Alle” sein.

18. Mai 2012 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Maria Ugoljew — Wörter: 668

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Haben Präsident Wolodymyr Selenskyj und die ukrainische Regierung nach dem Abschuss der ukrainischen Boeing 737 bei Teheran korrekt gehandelt?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Selenskyj lässt den Dschinn aus der Flasche

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)2 °C  Ushhorod-2 °C  
Lwiw (Lemberg)1 °C  Iwano-Frankiwsk4 °C  
Rachiw-1 °C  Jassinja-2 °C  
Ternopil2 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)2 °C  
Luzk-1 °C  Riwne-1 °C  
Chmelnyzkyj1 °C  Winnyzja1 °C  
Schytomyr1 °C  Tschernihiw (Tschernigow)1 °C  
Tscherkassy1 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)2 °C  
Poltawa0 °C  Sumy0 °C  
Odessa2 °C  Mykolajiw (Nikolajew)2 °C  
Cherson2 °C  Charkiw (Charkow)2 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)1 °C  Saporischschja (Saporoschje)1 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)1 °C  Donezk0 °C  
Luhansk (Lugansk)1 °C  Simferopol4 °C  
Sewastopol6 °C  Jalta1 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Hallo liebe Community, meine Frau und ich haben vor einiger zeit das Visa zur Familienzusammenführung beantragt es war mitte Oktober. Ich habe bis jetzt immer noch keine Antwort bekommen. Ich war schon...“

„Seit März 2019 wurde die ukrainische Griwna um ein Sechstel aufgewertet. Im Deutschlandfunk kam am Freitag, den 17. Januar 2020 um ca. 13.15 bis 13.22 Uhr ein Bericht über das Rücktrittsverlangen des...“

„Das ist nur meine Meinung bzw. Erfahrung, suche Dir eine Frau, welche auch Deine Sprache versteht, besser gesagt aus Deiner Heimat. Der größte Teil der Frauen hier, hat sich dem System nach 1990 bis...“

„Dieser Artikel in dem Blatt ist doch nur Nonsens, keine Fakten werden genannt, wie zb.: Finanziert die Familie ihren Lebensunterhalt selbst, wie sind die Sprachkenntnisse usw. und so fort. Wenn das alles...“

„In solchen Fragen sind die Botschaften, bzw. Konsulate sowieso immer die einzig ausschlaggebenden Institutionen. In einem Forum, wo kaum mal jemand nach Südostasien kommt, eine solche Frage zu stellen,...“

„Hallo, falls die Frage bez. Adoption noch aktuell ist, weiss ich was dazu. Ich wohne in der Ukraine, habe frueher mit einer Adoptionsvermittlungsstelle mitgearbeitet und die Familie, die in der Ukraie...“

„Das muß natürlich ein armer Irrer sein, der so etwas tut, und glauben würde ich die Summe von 3.500 € auch nicht, vielleicht meinte er ja Griwna? Fairarweise muß ich aber auch sagen, daß ich diese...“

„Bin auf der Suche nach der Sage der Berehynia. Könnte jemand vielleicht knapp erzählen, worum es in ihrer Sage ist und welche Geschichten/Mythen und "Märchen" sich um sie ranken? Gibt es vielleicht...“

„Hallo, mein Vater wurde in Schadowa oder Umgebung Ukraine geboren. Ich suche jemanden der dort in Nähe wohnt der Deutsch und Ukrainisch spricht. Der Lust hast zu forschen ein schwieriger Fall den der...“