OK!

Diese Website setzt Cookies für personalisierte Werbung und statistische Zwecke ein und es werden Daten zeitweilig gespeichert. Mehr Informationen zum Datenschutz

FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Ukrainische Barrikaden oder Warum Krieg leichter ist als Frieden

0 Kommentare

Vor zwei Jahren war es in gewisser Weise sogar leichter.

Als versucht wurde, dass Schicksal des Landes durch Kanonendonner im Osten zu entscheiden, zog sich nur eine einzige Kluft durchs Land. Und die lief auf die Frage hinaus, ob du eine unabhängige Ukraine willst oder nicht?

Die Debatte über die Wertvorstellungen im Jahr 2014 erinnerte an die Initiationsszene der Kosaken in Taras Bulba: „Also, du glaubst an Christus? Und auch an die heilige Dreifaltigkeit? Dann bekreuzige dich! Nun gut, dann geh nun zu der Kosakeneinheit, die du schon kennst.“

Nur fragten sie in der Ukraine anstatt der Glaubensfrage, wem du den Sieg in dem eben begonnenen Krieg wünschst? Und vor zwei Jahren konnte man die Antworten auf die Frage durch ein grobes Netz mit nur zwei Maschen darstellen. Ukraine oder Kleinrussland? Souveränität oder Vasallentum?

In zwei Jahren hat sich alles verändert. Die Optik des Krieges hat der komplizierten und beschwerlichen Optik des Friedens Platz gemacht. Zwar bleibt die wichtigste Testfrage dieselbe. Bloß löst man durch ihre Beantwortung noch längst nicht alle Probleme. Denn das Netz ist feiner geworden und hat jetzt mehr Maschen.

Bist du für die europäische Perspektive oder gegen sie? Sozialstaat oder Liberalismus? Minsker Abkommen oder seine Aufkündigung? Niedrige Steuern oder Wohlfahrtsstaat? Waffenfreiheit oder Staatsmonopol? Gleichgeschlechtliche Ehe oder Homophobie? Privates Eigentum an Boden oder das auf gar keinen Fall? Diese Liste könnte man bis ins Unendliche fortsetzen.

Im Krieg haben all diese Fragen keine Bedeutung: im Schützengraben kämpft man für den Traum von der eigenen Zukunft. Wobei dieser Traum sehr abstrakt und konturlos ist. Doch jeder Waffenstillstand gibt Zeit, Konturen erkennbar werden zu lassen und Wünsche zu äußern. Und die, die eben noch im Schützengraben geträumt haben – wie ihnen schien, ein und denselben Traum – entdecken auf einmal, dass sie im Traum ihres Mitkämpfers nicht einmal vorkommen.

Diese Leute können alle den Sieg Kiews wollen.

Doch einer dieser Leute träumt vielleicht von der Enteignung der Oligarchen, der Nächste vom Klerikalismus, und ein Dritter vom „polnischen Weg“. Der Vierte ist Liberaler und der Fünfte kompletter Anarchist, der nichts und niemanden anerkennt. Der Sechste ist für die Legalisierung der eingetragenen Lebenspartnerschaft, der Siebte für den Wiederaufbau des Kernkraftpotenzials. Der Achte wünscht sich einen „dritten Maidan“, der Neunte eine Rückkehr des Kubans (Territorium in Südrussland, A.d.R.) zur Ukraine. Und der Zehnte ist für einen Sozialstaat nach dem Vorbild Nordeuropas.

Gewohnheitsmäßig prangern wir die Andersdenkenden als „Konservierer“ an und setzen sie auf die Liste der „Agenten des Kreml“. Von Zeit zu Zeit stimmt das auch tatsächlich mit der Realität überein, aber eben nicht immer. Und zwar aus einem einfachen Grund.

Die ukrainischen Widersprüche sind nicht linear. Sie erinnern an ein Netz mit Maschen verschiedener Größen. Wenn man diese aufeinanderlegt, versteht man, dass es im Land nicht nur zwei Schützengräben gibt, sondern wesentlich mehr. Und, dass es jetzt und in Zukunft zu den wunderlichsten Allianzen zwischen Für- und Gegensprechern aus den unterschiedlichsten Lagern kommen kann.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Im Prinzip ist das nicht überraschend: Das Land versucht grad im Schnelltempo, eine Abmachung über sich selbst und seine Eigenheiten zu treffen.

Dieser Prozess ist nie einfach. Umso weniger, wenn man bedenkt, dass die Ukraine diesen Kurs, den andere Staaten zu durchlaufen viele Jahre gebraucht haben, quasi im Fernstudium absolviert. 23 Jahre vorheriger Diskussion über die Zukunft sind im Archiv verschwunden: sie ist, aufgrund des Krieges und der daraus folgenden kriegerischen Tektonik, veraltet. Und eine neue Diskussion ist grade erst im Beginn begriffen.

Wir werden eine dramatische Zeit erleben: der alte Gesellschaftsvertrag verschwindet im Nichts, und ein Neuer ist noch nicht verhandelt.

Bisher sehen wir nur eine sehr allgemeine Kontur: der postsowjetischen Logik entkommen, sich des alten Zentrums erwehren, auf die eigenen Beine kommen und das Land lebenswert machen. Geeint hat sich das Land zu Beginn in dem, was es nicht will. Jetzt gilt es den Kurs für die erhoffte Zukunft abzustecken. Und das ist vielleicht das allerschwierigste.

Schwierig vielleicht, aber nur folgerichtig. Denn kein Land, in dem das Leben lebenswert ist, marschiert im Gleichschritt.

Diskussion ist immer besser als völlige Einmütigkeit. Während in Polen die Gegner Kaczynskis mit Absichtsvermutungen die Gegner Tusks beobachten, antworten jene, indem sie es Ihnen gleichtun. Aber dabei unterzieht sich die wichtigste Frage im Verlauf der Unabhängigwerdung eines Staates weder Reflexion noch Korrektur.

Das Etikett „Agenten des Kremls“, mit dem sich verschiedene Lager gegenseitig brandmarken, kommt noch aus dieser Zeit. Aus der nicht allzu fernen Zeit, als es wirklich nur zwei Lager gab und das Farbspektrum noch schwarz-weiß war.

Heute jedoch trifft sie schon nicht mehr immer zu. Sicher ist der Kreml nicht einfach verschwunden – ebenso wie seine Pläne zum Zusammenbruch der Ukraine – aber der Terminus von der „normierten Zukunft“, der Prokreml-Sprecher durch ihre Ablehnung entlarven soll, funktioniert heute nicht mehr. Und auf diese Art kann der Kreml nicht so sehr auf bewusst Verbündete vertrauen, sondern vielmehr auf „nützliche Dummköpfe“.

Zu dieser Kategorie zählen: Die, die bereit sind, im Kampf um die persönliche Freiheit die kollektive zu opfern. Die, die daran gewöhnt sind, die Komplexität der Realität nicht zu sehen und sich lieber als politisch Farbenblinde ausgeben. Die, die bei komplizierten Fragen auf das Diktat einfacher Antworten vertrauen. Die, die mit verbundenen Augen einen Elefanten am Rüssel betasten und auf Grundlage ihrer eigenen Beobachtungen zu dem Schluss kommen, dass der Elefant eine Schlange ist.

Das ist die Schlacht zwischen gesundem Menschenverstand und Kurzsichtigkeit. Zwischen Wissen und Bolschewismus. Zwischen Arithmetik und Aberglaube.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Und in diesem Wettstreit kann sich derjenige auf der anderen Seite der Barrikade plötzlich als der erweisen, den man noch vor kurzem zu seinen Verbündeten gezählt hat. Und wenn Sie denken, das Schlimmste hätten wir hinter uns, dann irren Sie!

3. Juni 2016 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Franziska Jokisch — Wörter: 940

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.7/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Werden die von Trump eingeleiteten Friedensgespräche erfolgreich sein?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)14 °C  Ushhorod12 °C  
Lwiw (Lemberg)11 °C  Iwano-Frankiwsk10 °C  
Rachiw8 °C  Jassinja8 °C  
Ternopil12 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)11 °C  
Luzk11 °C  Riwne13 °C  
Chmelnyzkyj12 °C  Winnyzja12 °C  
Schytomyr13 °C  Tschernihiw (Tschernigow)13 °C  
Tscherkassy10 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)14 °C  
Poltawa13 °C  Sumy12 °C  
Odessa10 °C  Mykolajiw (Nikolajew)17 °C  
Cherson18 °C  Charkiw (Charkow)13 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)15 °C  Saporischschja (Saporoschje)17 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)14 °C  Donezk15 °C  
Luhansk (Lugansk)15 °C  Simferopol17 °C  
Sewastopol16 °C  Jalta15 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„"§ 107 Wahlbehinderung (1) Wer mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt eine Wahl oder die Feststellung ihres Ergebnisses verhindert oder stört ..." Hat mit seinem Anliegen irgendwie gar nix zu tun na...“

„Toleranz ist das Stichwort und im Grunde befindet er sich zum großen Teil unter Gleichgesinnten und erkennt es nicht, sehr schade, allerdings sind seine Umgangsformen etwas eingeschränkt, was ebenso...“

„@tombi Die Meinung anderer zu achten ist nicht so Dein Ding, Du musst sie ja nicht teilen. Dies ist aber eine grundlegende Regel einer Diskussion, daher macht die Diskussion mit Dir wenig Sinn, offensichtlich...“

„... keine macht den Drogen ... such dir mal Hilfe“

„@tombi, das Land hat andere Probleme als Dir Deine Wahlunterlagen hinterher zu tragen. Soll auch so bleiben, kostet nur unnötig Steuergelder! Soweit alles Verstanden? Aha, wieder so ein Widerling der...“

„Handrij, ich vermute Du bist ein FSB-Agent, da ich mit Euch Moördern nicht zusammen arbeiten möchte, und mir Deine Zensur zu peinlich ist: gehe ich, ich verlasse Dich & Deine Desinformation, deine...“

„Wer ist eigentlich so naiv, und verbreitet immer noch putinsche Propaganda Meldungen, in diesem Forum? Ihr wisst doch genau, dass der keinen mehr hoch bekommt. Ausser Lügen stemmt der doch gar nichts...“

„Quatsch, Kellogs muss nur Putin überzeugen, die Ukraine zu verlassen, und sein Morden einzustellen. wer schreibt diesen hinterhältige Putinschen Propaganda Artikel eigentlich, sind diese dämlich? Geht...“

„Wohl eher umgekehrt. Putin würde es aus Angst vor amerikanischen Atomwaffen niemals wagen Alaska oder andere US-Territorien direkt anzugreifen. Von angeblicher Rechtlosigkeit der dort noch ansässigen...“

„Wohl eher umgekehrt. Putin würde es aus Angst vor amerikanischen Atomwaffen niemals wagen Alaska oder andere US-Territorien direkt anzugreifen. Von angeblicher Rechtlosigkeit der dort noch ansässigen...“

„Mich würde es Interessieren, ob die Amis sich auch raushalten, wenn der Zwerg Alaska besetzt oder Teilbesetzt. Es könnte ja zu einem Atomkrieg kommen, wenn die Amis Truppen schicken. Sie senden anscheinend...“