FacebookTwitterTelegramVKontakteMail

Eine Ode an Odessa

Ich fahre viel durch die Ukraine. Rede mit den Menschen, die keine politische Rolle einnehmen wollen. Mit den ganz normalen Menschen eben, keinen Gouverneuren. Erst kürzlich war ich in Odessa. Verständlicher Weise gibt es dort ebenfalls Probleme, wahrscheinlich auch ernst zu nehmende. Aber ich habe ein herkömmliches Odessa kennengelernt, eines ohne die Herren Gurwiz (ehemaliger Bürgermeister von Odessa), Kostussew (derzeitiger Bürgermeister von Odessa) und Co. Eine nette Stadt, mit schönen Häusern und Gesichtern. Kein Kiew, das durch Neubauten und geschmacklose Ideen der ungeschliffenen Neureichen zerstört wird.

Was mir vor allem von Odessa in Erinnerung geblieben ist, ist der “Ukrainische Club” mit der “Freien Universität”. Die Vorlesungen, Seminare und Runden Tische dort. Diese bescheidene Kulisse, ohne Werbetafeln, dafür mit glanzvollen Gast-Dozenten, mit denen sich auch die besten Universitäten Europas schmücken. Historiker, Kulturologen, Journalisten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ljubomir Gusar – Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Natalja Jakowenko – Historikerin, Taras Wosniak – Publizist und Politologe, Witalij Portnikow – Journalist und Publizist, Miroslaw Marinowitsch – Direktor der ukrainischen katholischen Universität, Jaroslav Grizak – Historiker, Mykola Rjabtschuk – Schriftsteller und Journalist, die beiden Moskauer Andrej Okara – Politologe, und Alexei Miller – Vorstandsvorsitzender von Gasprom, Andreas Kappeler – Wiener Historiker.

Ein befremdliches Land sind wir: In den Hochschulen des Bildungsministeriums herrscht Langeweile und Simulation. Aber in der “Freien Universität” des “Ukrainischen Clubs” da gibt’s die brillanten Geister. Es leben und funktionieren zwei Ukrainen. Wie auch zwei Odessen. Sie überschneiden und interessieren sich nicht füreinander. Der einzige Trost: Im Saal der “Freien Universität” sitzen viele junge Studenten aus den offiziellen, diplomierenden Universitäten. Sie kommen hierher, um die klugen Köpfe kennen zu lernen.

Die Idee und Finanzierung der “Freien Universität” kommt nicht vom Bürgermeister, nicht von einem der regionalen Abgeordneten. Und auch nicht von den örtlichen Oligarchen. Alles ist viel einfacher. Es gibt da den einen, nicht “großen” Geschäftsmann, Witalij Aleksandrowitsch Oplatschko. All das kommt von ihm, einem, der seine Stadt Odessa einfach liebt. Die anderen, etwas reicheren helfen ihm nicht. Wahrscheinlich sind sie auch deshalb etwas reicher, kaufen sich Jachten, Hubschrauber, Häuserchen in der Schweiz. Aber Oplatschko – der unterhält die gesamte “Freie Universität”. Odessa hat Glück gehabt. Die jungen Odessiten, die nun Kontakt zu den klugen Köpfen aufbauen können, haben sehr viel Glück gehabt. Sie können nun Fragen an die Besten stellen, die nur sehr selten ins Fernsehstudio geladen werden.

Ich erinnere mich, ich weiß: In Odessa gibt’s das Meer. Und die Mythen der Banden-Traditionen, die allesamt schon lange ihren Weg in die Literatur gefunden haben. Doch das aller wichtigste an dieser Stadt sind die Menschen. Die Menschen, die ihre Stadt lieben. Das sind die modernen Odessiten, die die großartigen Museen geschaffen und den “Internationalen Club der Odessiten” eröffnet haben, die auf die Sauberkeit in ihren Straßen achten. Sie lieben ihre Stadt, ihre Geschichte, ihre besondere kulturelle Vielfalt. Und ich habe verstanden, woher diese Liebe kommt, diese für die postsowjetische Ukraine so untypische Art der Zuneigung, weil unkommerziell und respektvoll. Sie, die Odessiten, lieben und respektieren sich selbst. Sich selbst in ihrer eigenen Stadt.

Ich will wieder nach Odessa. In den “Ukrainischen Club”. Zu den aufrichtigen Menschen, zu denen, die nicht in einer x-beliebigen Minute politisch belastet werden können.

11. Mai 2012 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Maria Ugoljew — Wörter: 550

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Was war die Regierungszeit von Präsident Petro Poroschenko für die Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: Selenskyj lässt den Dschinn aus der Flasche

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)19 °C  Ushhorod17 °C  
Lwiw (Lemberg)15 °C  Iwano-Frankiwsk16 °C  
Rachiw17 °C  Jassinja14 °C  
Ternopil17 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)16 °C  
Luzk17 °C  Riwne17 °C  
Chmelnyzkyj18 °C  Winnyzja18 °C  
Schytomyr17 °C  Tschernihiw (Tschernigow)16 °C  
Tscherkassy15 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)19 °C  
Poltawa19 °C  Sumy17 °C  
Odessa21 °C  Mykolajiw (Nikolajew)21 °C  
Cherson21 °C  Charkiw (Charkow)20 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)21 °C  Saporischschja (Saporoschje)21 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)21 °C  Donezk20 °C  
Luhansk (Lugansk)19 °C  Simferopol17 °C  
Sewastopol16 °C  Jalta16 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Leserkommentare

kauschat in Unser Sudetenland

«Interessanter Vergleich: tatsächlich so einige Parallelen. Noch hat "der Westen" nicht die Annektion auch offiziell akzeptiert....»

Wolfgang Krause in Wir müssen hier leben

«Verglichen mit anderen Kommentaren ist dieser erfreulicherweise so geschrieben das er den Versuch wagt unterschiedliche Meinungen...»

Густаво Фан Хоовен in Wir müssen hier leben

«Zunächst vermittelt der Artikel den Eindruck einer neutralen Zustandsbeschreibung. Die Bezeichnungen "pro-sowjetisch" und...»

«Ich finde den Kommentar des Übersetzers nicht ganz glücklich, da er dazu einlädt, Dinge zu "vereinfachen". Ob die Antwort...»

«Würden sich die Menschen der Ukraine doch auf die Machnobewegung besinnen, die ganze Welt könnte Hoffnung schöpfen. Der...»

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

KOLLEGGA mit 150 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 60 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 29 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 29 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

franzmaurer mit 18 Kommentaren

Mario Thuer mit 17 Kommentaren

Poposhenko mit 17 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren