FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Während du dich unter einer Last beugst, vergrößert sich ihr Gewicht

0 Kommentare

Hass. Das ist die exakteste Definition der Stimmung auf dem Majdan seit dem 20. Februar. Er loderte in den Augen der von Qualm umgebenen Kämpfer. Er presste das Herz derer zusammen, die Verwundete trugen, Barrikaden bauten und „Molotow-Cocktails“ warfen. Er schnürte jenen die Kehle zu, die angesichts der alarmierenden Nachrichten auf den zum Massengrab umfunktionierten zerrissenen Platz eilten. Er erfüllte die Seelen derer, die den Kampf im Fernsehen verfolgten.

Manchmal mischte sich zum Hass großer Schmerz, wenn jemand im Erschossenen einen Bekannten, einen Freund oder, man möchte es nicht hoffen, einen nahestehenden Verwandten erkannte. Manchmal natürliche Ratlosigkeit, angesichts der hoffnungslosen Versuche, im Wahnsinn irgendeine Logik zu erkennen. Manchmal Angst und Schrecken, wenn von den Tribünen die Ankündigung eines möglichen Sturmangriffs erschallte.

Bei den Einen entzündete der Zorn den brennenden Wunsch nach einer umgehenden Attacke. Bei den anderen ging er in die kühle Bereitschaft über, sich bis zum Ende zu verteidigen. Doch Verdruss, Empörung und Verbitterung verließen den Majdan gleich nach den entstellten Körpern, die in die ewige Ruhe entlassen wurden. Es blieb der Hass auf das System, welches Menschen zu wilden Tieren macht, Polizisten zu Bestrafenden, harmlose Jungs zu verzweifelten Mördern, Hoffnungen zu schwarzem Rauch, das Land zu einem Schlachtfeld, und Menschenleben zu Wechselgeld für widerliche politische Händel. Jene, die nicht hassen wollen oder können, sind wahrscheinlich zusammen mit den Illusionen vom Majdan gegangen. Geblieben sind die, in deren Augen sich die Regierung endgültig vom Opponenten zum Feind gewandelt hatte. Welcher keine Gefangenen nimmt und anstelle von vergänglichem Mitleid sichtbare Kerben im Gewehrkolben von Scharfschützen bevorzugt. Der methodische Beschuss, absurd und gnadenlos, ausgeführt vom Regime, das für ebendiesen Tag die Trauer um die zuvor Getöteten ausgerufen hatte, ertränkte die letzten Illusionen in menschlichem Blut.

Hass ist nicht die beste der menschlichen Emotionen. Seine Folgen sind schwer vorherzusehen und die Liquidierung der Folgen zieht sich über Jahre, womit längst noch nicht alles beendet wäre. Es erfordert ein großes Maß an Anstrengung, um Hass in den Herzen so vieler und dermaßen verschiedener Menschen zu schüren. Ihnen ist dies gelungen, Wiktor Fedorowytsch. Ehre, wem Ehre gebührt. Sie haben es sich verdient.

Hass löscht man nicht mit Versprechen und Aufschiebungen. Denn man darf dem Feind nicht vertrauen – diese Lektion lernte nicht nur der Majdan, sondern Menschen in verschiedenen Ecken des Landes, von Wolhynien bis zum Donbass. Lesen Sie sich die Liste der Umgekommenen durch, erlernen Sie die Geografie des Todes.

Der eigene Hass wird schon nicht mehr gefürchtet. Leider. Und je schneller die Regierung begreift, dass die unmittelbare Verantwortung für das Begangene besser ist als die aufgeschobene Abrechnung für angehäufte Sünden, desto schneller kann man die Krankheit heilen. Denn Hass ist tödlich. Auch für diejenigen, die diesen Hass hervorgerufen haben. Auch für die, die ihn in sich tragen. Auch für das Land, zu welchem die natürliche Liebe im Strudel des künstlich erzeugten Hasses ertrinkt.

Als diese Zeilen geschrieben wurden, war die Reaktion des Majdan auf den von Regierung und Opposition geschlossenen Kompromiss noch nicht bekannt. Doch selbst wenn die „Führer“ auch das erwünschte „Ja“ vom blutbefleckten Platz hören, wird dies wohl kaum die erbarmungslose Hass-Reproduktionsmaschinerie aufhalten. Niemand wird jemandem etwas verzeihen. Der Majdan verzeiht der Regierung die Toten nicht. Die Wähler verzeihen den Oppositionsführern ihre Schwäche nicht. Die Regierung, wenn sie zu Atem kommt und gewinnt, verzeiht niemandem irgendetwas. Und wenn sie verliert (dazu wird es kommen, früher oder später), wird man sie an alles erinnern.

Was merkwürdig ist: Es gibt im Land ständig Leute, die richtige und zeitgemäße Rezepte vorschlagen, doch die verantwortungslosen Politiker machen davon mit derartiger Verspätung Gebrauch, dass die getroffenen Maßnahmen bereits nicht mehr wirken. Wenn Janukowytsch Anfang Dezember die Regierung mit Asarow an der Spitze hätte zurücktreten lassen? Wenn der Westen vor den Weihnachtsferien punktuelle Sanktionen verhängt hätte? Wenn sich die Opposition in der ersten Etappe der Übernahme der Verwaltungen ernsthaft an die Bildung eines Volksrates und eines Exekutivkomitees gemacht hätte? Wenn man vor dem ersten Blut zu Verfassungsänderungen und einer Koalitionsregierung gelangt wäre? Aber selbst nach dem Blutvergießen haben Weisheit und Verantwortung nicht die Oberhand gewonnen.

Am 18. Februar wurden wir Zeugen, wie von Politikern ein Matrjoschka-ähnliches System gegenseitiger verdeckter Ausnutzung ausgebaut wird. Die Einen wollten unbedingt in die Regierung und sie kündigten einen „friedlichen Angriff“ an, der die Bewachung der Rada vorsah. Währenddessen gab es weder eine klare Aufgabe noch eine Mobilisierung des Selbstverteidigungskaders des Majdan. Stattdessen Abwarten der vorprogrammierten Konflikte und folglich die Zuspitzung der Situation. Und als Ausweg daraus die Möglichkeit, dem Majdan die Geschichte mit der Koalitionsregierung anzudrehen, an welcher angeblich auch der Präsident interessiert ist. Die Selbstverteidigungsbewegung macht sich auf den Weg zum friedlichen Angriff, die vorhergesehenen Kämpfe beginnen. Die Kräfte breiten sich aus, sie entblößen die rückwärtigen Stellungen, was zum Verlust der Basis – des Oktoberpalastes und des Ukrainischen Hauses – führt. Doch die scharfe Zuspitzung der Situation nutzt jener, der in Wirklichkeit gar keine Koalitionsregierung, sondern alles in seinen Händen und Taschen aufbewahren wollte, so wie früher auch schon, als Vorwand für „Säuberungen“ aus. Was nur durch die Installierung von gewaltsamer Kontrolle über die Situation möglich war. Dies wiederum war Janukowytschs Beratern aus dem Kreml sehr recht, deren Leitung sich die Abspaltung der Ukraine von der zivilisierten Welt zum Hauptziel gemacht hat, über den Weg der vollständigen Diskreditierung der Banken und der staatlichen Instrumente in den Augen der EU und den USA. Die Einen wollten handeln, die Anderen aufsteigen, der Dritte steuern, der Vierte ein Imperium aufbauen. Und das alles auf Blut, Schmerz, Tränen und Leid.

Am Tag der hundert Tode hatten Achmetow und Firtasch keine Lust, Janukowytsch mitzuteilen, dass „die Wache ermüdet ist“. Und die Abgeordneten waren gerade mal imstande sich so zu erschrecken, dass sie die schwächliche Verordnung über die Einstellung des Feuers annahmen. Das war alles. Für diese Tage fielen im Land mehr Lenine, als aus der Fraktion der Partei der Regionen im Parlament austraten. Eine halbe Tonne Blut dafür, dass Halbstarke Spielzeug seriöser parlamentarischer Vollmachten der Verfassung von 2004 bekamen und Janukowytsch eine kleine Pause – um seine Wunden zu lecken, zur Konzentration der Kräfte und für den Angriff auf „die Armleuchter“. Am Tag, als die Einheit Berkut und das Heer des Inneren zu Tausenden von Janukowytsch wegliefen, schenkten ihm die „Führer“ der Opposition faktisch eine Chance auf Rettung.

Der Westen ist zufrieden: Es wurde eine Lösung gefunden, die die Situation in legitime Gefilde führt. Doch die Sache ist die, dass es solche Gefilde nicht gibt. Majdan – das ist ein Aufstand der Menschen gegen einen Staatsmechanismus, welcher seine Funktionen nicht erfüllt: wo der Präsident nicht reformiert, sondern einkassiert; wo die Miliz einen nicht schützt, sondern abzieht; wo die Gerichte nicht die Wahrheit feststellen, sondern Urteilssprüche verkaufen; wo die Staatsanwaltschaft nicht ermittelt, sondern für viel Geld verurteilt. Das Volk hat beschlossen, sich dieser Krätze zu entledigen. Und nun bietet man ihm an, die Befugnisse neu zu verteilen zwischen Milben-Parasiten und der Chance auf eine Dampfsauna im Dezember?

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Der Majdan entscheidet anders…

21. Februar 2014 // Julija Mostowa, Serhij Rachmanin

Quelle: Dserkalo Tyshnja

Übersetzerin:   Annegret Becker — Wörter: 1155

Annegret Becker hat Slawistik und Linguistik, insbesondere Ukrainisch und Tschechisch, in Greifswald studiert. Sie übersetzt vor allem journalistische, historische und Sachtexte aus dem Ukrainischen.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 4 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)37 °C  Ushhorod33 °C  
Lwiw (Lemberg)32 °C  Iwano-Frankiwsk31 °C  
Rachiw27 °C  Jassinja28 °C  
Ternopil32 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)31 °C  
Luzk31 °C  Riwne31 °C  
Chmelnyzkyj33 °C  Winnyzja31 °C  
Schytomyr33 °C  Tschernihiw (Tschernigow)31 °C  
Tscherkassy32 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)35 °C  
Poltawa34 °C  Sumy32 °C  
Odessa29 °C  Mykolajiw (Nikolajew)35 °C  
Cherson34 °C  Charkiw (Charkow)32 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)35 °C  Saporischschja (Saporoschje)34 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)34 °C  Donezk32 °C  
Luhansk (Lugansk)31 °C  Simferopol27 °C  
Sewastopol29 °C  Jalta28 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„In der Region Lwiw, wo ich unterwegs bin, sind 10 Hrywen unterschied je Liter keine Seltenheit. Ausgangs Lwiw z.B., kostete ein Liter Diesel 58,5 UAH und in Jaworiw habe ich für 49 UAH getankt. Tanke...“

„Hallo, Ich wollte einmal fragen ob ihr Tipps zum günstigen Tanken in der Ukraine habt? Gibt es Apps zum Preise vergleichen? Bei meiner Suche habe ich soetwas nicht gefunden. Oder gibt es spezielle Marken...“

„@naru gut zu wissen, dass die EU Privilegien weiter gelten, ich war mir nur nicht sicher, allerdings geht es eben nur wenn man mit EU Pass reißt und kein ukrainische Staatsbürger mit im Auto sitzt. Mir...“

„Das ist mit klar. Es gibt keinen Friedensvertrag mit Putin. Darum sollte es auch gar nicht mehr gehen. Der einzige Zweck eines Angebotes eines Vertrages durch die Ukr. soll die moralische Überlegenheit...“

„Interessant, dass es das nicht mehr geben soll, bzw. keinen Vorteil bringen soll. Ich bin im März über Krakowez nach UA eingereist. An der ersten Schranke auf der Autobahn waren alle gleich. Auf dem...“

„@naru also damit ich Deine Frage aber genau beantworte, ich gehe aber davon aus, dass Du mit ukrainischen Staatsbürgern im Auto diesen Service, sprich EU Spur wirst NICHT wahrnehmen dürfen. Habe mich...“

„Aus eigener Erfahrung muss ich jetzt aber noch einen Einwand machen, zum Grenzübergang Dorohusk–Jahodyn (Ягодин) In beide Richtungen gab es 2021 noch eine EU Spur, die waren beide erheblich schneller,...“

„So schlecht ist der Vorschlag sicherlich nicht! Die Abrüstung der Waffen/Militärgeräte könnte die Ukraine und Helfer... Nato in der Art umgehen, dass das ganze Material z.B. in Polen eingelagert wird,...“

„Von der Ukraine kommend und nach Polen ( EU) einreisend, gibt es keine direkte EU Spur. Alle stehen, außer CD, in einer Schlange und wie von Handrij geschrieben, wird man in einer Abfertigsspur zugewiesen....“

„Seit den visumfreie Reisen in den Schengenraum für Ukrainer sind mir da gar keine speziellen EU-Spuren mehr aufgefallen. Gibts das überhaupt noch?“

„Kurze Frage. Muss man bei der Einreise in die EU, an der polnischen Grenze, mit deutschen Fahrer und deutschen Kennzeichen, aber weiteren Ukrainern im Auto, auf die Spur für alle, oder darf man auf die...“

„Zur Diskussion - könnte so ein realistisches Angebot der Ukraine an Russland aussehen? Wie würde Russland reagieren - auf einige Forderungen/(fiktiven) Ängste Russlands wird hier ansatzweise Rücksicht...“

„Was will Faschisten-Russland schon eskalieren? Haben die nicht sogar Truppen von den NATO-Grenzen abgezogen weil es eng wird?“

„Den direkten Konflikt mit Russland gibt es doch schon lange. Natürlich ist das kein heißer Konflikt. Aber, gesprengte Pipelines, diverse Hackerangriffe, Morde an in Europa lebenden russischen Migranten...“

„Die Einwanderung ist inzwischen leichter geworden. Siehe: unbefristete-aufenthaltsgenehmigung-ein ... 48448.html Ansonsten halt der übliche Kram: Ehe, KInd, ukrainische Ahnen, Ostfronteinsatz. Aber dann...“

„Die temporäre Aufenthaltsgenehmigung hat vor allem den Nachteil, dass du für die jeweilige Erneuerung jedes Mal eine Grundlage brauchst, deren Bedingungen sich ändern können. Mit einer befristeten...“

„In der Praxis habe ich auch noch von keinem Einwanderer hier gehört, dass er seinen ausländischen Führerschein umgetauscht hat. Allenfalls, dass sich Leute einen zweiten ukrainischen zugelegt haben....“

„Liebe Alle ich habe an anderer Stelle einiges zum Thema gelesen, jedoch nicht die wirklich passende Antwort gefunden. Vielleicht hier? Muss man wirklich, wenn man eine Aufenthaltserlaubnis für die Ukraine...“

„Hat jemand eine Idee wie ich mein Bike von köln beispielsweise nach krementschuk schicken kann? Gibt es jemanden der Transporte in die Ukraine macht? Dankeeee“

„Hatte gestern so eine Situation. Nach einer Mautstelle, stand polnische Policia und verfolgte mich anschließend mit Blaulicht. Bitte folgen, das war in Kattowitz. Sie meinten, ich hatte kein Licht an,...“

„Hallo Forengemeinde, bin heute früh 6 Uhr über Korczowa in die Ukraine eingereist. 1,5 h ohne Probleme. Straßen, sind teilweise sehr marode“

„Scheidungsurteile sind unbegrenzt gültig. Auch nach 10 oder 20 Jahren. Aus dem einfachen Grund, weil der Inhalt, also die Entscheidung, sich ja nicht mit Zeitablauf ändert. Normalerweise jedenfalls nicht....“

„Klingt irgendwie nach Wunschkonzert. Die Person erscheint mir wenig Schutz zu benötigen, reist ja immer hin und her. Paragraph 24 bedeutet, Du benötigst den Schutz, Du bleibst hier, Du lernst Deutsch,...“

„Ja das ist Blödsinn dass die Waffen nicht gegen Russland selbst eingesetzt werden sollten. Die bekloppten Russen-Faschisten fragen doch auch nicht ob sie ukrainische Zivilisten mit Iran-Drohnen beschiessen...“

„Hallo Waldi, im Grunde bin ich voll bei Dir! Da aber die Unterstützer der Ukraine ihre Rüstungsindustrie nicht hochfahren, die Produktion von Munition ist viel zu gering, wird es wohl nichts mit einem...“