Hass. Das ist die exakteste Definition der Stimmung auf dem Majdan seit dem 20. Februar. Er loderte in den Augen der von Qualm umgebenen Kämpfer. Er presste das Herz derer zusammen, die Verwundete trugen, Barrikaden bauten und „Molotow-Cocktails“ warfen. Er schnürte jenen die Kehle zu, die angesichts der alarmierenden Nachrichten auf den zum Massengrab umfunktionierten zerrissenen Platz eilten. Er erfüllte die Seelen derer, die den Kampf im Fernsehen verfolgten.
Manchmal mischte sich zum Hass großer Schmerz, wenn jemand im Erschossenen einen Bekannten, einen Freund oder, man möchte es nicht hoffen, einen nahestehenden Verwandten erkannte. Manchmal natürliche Ratlosigkeit, angesichts der hoffnungslosen Versuche, im Wahnsinn irgendeine Logik zu erkennen. Manchmal Angst und Schrecken, wenn von den Tribünen die Ankündigung eines möglichen Sturmangriffs erschallte.
Bei den Einen entzündete der Zorn den brennenden Wunsch nach einer umgehenden Attacke. Bei den anderen ging er in die kühle Bereitschaft über, sich bis zum Ende zu verteidigen. Doch Verdruss, Empörung und Verbitterung verließen den Majdan gleich nach den entstellten Körpern, die in die ewige Ruhe entlassen wurden. Es blieb der Hass auf das System, welches Menschen zu wilden Tieren macht, Polizisten zu Bestrafenden, harmlose Jungs zu verzweifelten Mördern, Hoffnungen zu schwarzem Rauch, das Land zu einem Schlachtfeld, und Menschenleben zu Wechselgeld für widerliche politische Händel. Jene, die nicht hassen wollen oder können, sind wahrscheinlich zusammen mit den Illusionen vom Majdan gegangen. Geblieben sind die, in deren Augen sich die Regierung endgültig vom Opponenten zum Feind gewandelt hatte. Welcher keine Gefangenen nimmt und anstelle von vergänglichem Mitleid sichtbare Kerben im Gewehrkolben von Scharfschützen bevorzugt. Der methodische Beschuss, absurd und gnadenlos, ausgeführt vom Regime, das für ebendiesen Tag die Trauer um die zuvor Getöteten ausgerufen hatte, ertränkte die letzten Illusionen in menschlichem Blut.
Hass ist nicht die beste der menschlichen Emotionen. Seine Folgen sind schwer vorherzusehen und die Liquidierung der Folgen zieht sich über Jahre, womit längst noch nicht alles beendet wäre. Es erfordert ein großes Maß an Anstrengung, um Hass in den Herzen so vieler und dermaßen verschiedener Menschen zu schüren. Ihnen ist dies gelungen, Wiktor Fedorowytsch. Ehre, wem Ehre gebührt. Sie haben es sich verdient.
Hass löscht man nicht mit Versprechen und Aufschiebungen. Denn man darf dem Feind nicht vertrauen – diese Lektion lernte nicht nur der Majdan, sondern Menschen in verschiedenen Ecken des Landes, von Wolhynien bis zum Donbass. Lesen Sie sich die Liste der Umgekommenen durch, erlernen Sie die Geografie des Todes.
Der eigene Hass wird schon nicht mehr gefürchtet. Leider. Und je schneller die Regierung begreift, dass die unmittelbare Verantwortung für das Begangene besser ist als die aufgeschobene Abrechnung für angehäufte Sünden, desto schneller kann man die Krankheit heilen. Denn Hass ist tödlich. Auch für diejenigen, die diesen Hass hervorgerufen haben. Auch für die, die ihn in sich tragen. Auch für das Land, zu welchem die natürliche Liebe im Strudel des künstlich erzeugten Hasses ertrinkt.
Als diese Zeilen geschrieben wurden, war die Reaktion des Majdan auf den von Regierung und Opposition geschlossenen Kompromiss noch nicht bekannt. Doch selbst wenn die „Führer“ auch das erwünschte „Ja“ vom blutbefleckten Platz hören, wird dies wohl kaum die erbarmungslose Hass-Reproduktionsmaschinerie aufhalten. Niemand wird jemandem etwas verzeihen. Der Majdan verzeiht der Regierung die Toten nicht. Die Wähler verzeihen den Oppositionsführern ihre Schwäche nicht. Die Regierung, wenn sie zu Atem kommt und gewinnt, verzeiht niemandem irgendetwas. Und wenn sie verliert (dazu wird es kommen, früher oder später), wird man sie an alles erinnern.
Was merkwürdig ist: Es gibt im Land ständig Leute, die richtige und zeitgemäße Rezepte vorschlagen, doch die verantwortungslosen Politiker machen davon mit derartiger Verspätung Gebrauch, dass die getroffenen Maßnahmen bereits nicht mehr wirken. Wenn Janukowytsch Anfang Dezember die Regierung mit Asarow an der Spitze hätte zurücktreten lassen? Wenn der Westen vor den Weihnachtsferien punktuelle Sanktionen verhängt hätte? Wenn sich die Opposition in der ersten Etappe der Übernahme der Verwaltungen ernsthaft an die Bildung eines Volksrates und eines Exekutivkomitees gemacht hätte? Wenn man vor dem ersten Blut zu Verfassungsänderungen und einer Koalitionsregierung gelangt wäre? Aber selbst nach dem Blutvergießen haben Weisheit und Verantwortung nicht die Oberhand gewonnen.
Am 18. Februar wurden wir Zeugen, wie von Politikern ein Matrjoschka-ähnliches System gegenseitiger verdeckter Ausnutzung ausgebaut wird. Die Einen wollten unbedingt in die Regierung und sie kündigten einen „friedlichen Angriff“ an, der die Bewachung der Rada vorsah. Währenddessen gab es weder eine klare Aufgabe noch eine Mobilisierung des Selbstverteidigungskaders des Majdan. Stattdessen Abwarten der vorprogrammierten Konflikte und folglich die Zuspitzung der Situation. Und als Ausweg daraus die Möglichkeit, dem Majdan die Geschichte mit der Koalitionsregierung anzudrehen, an welcher angeblich auch der Präsident interessiert ist. Die Selbstverteidigungsbewegung macht sich auf den Weg zum friedlichen Angriff, die vorhergesehenen Kämpfe beginnen. Die Kräfte breiten sich aus, sie entblößen die rückwärtigen Stellungen, was zum Verlust der Basis – des Oktoberpalastes und des Ukrainischen Hauses – führt. Doch die scharfe Zuspitzung der Situation nutzt jener, der in Wirklichkeit gar keine Koalitionsregierung, sondern alles in seinen Händen und Taschen aufbewahren wollte, so wie früher auch schon, als Vorwand für „Säuberungen“ aus. Was nur durch die Installierung von gewaltsamer Kontrolle über die Situation möglich war. Dies wiederum war Janukowytschs Beratern aus dem Kreml sehr recht, deren Leitung sich die Abspaltung der Ukraine von der zivilisierten Welt zum Hauptziel gemacht hat, über den Weg der vollständigen Diskreditierung der Banken und der staatlichen Instrumente in den Augen der EU und den USA. Die Einen wollten handeln, die Anderen aufsteigen, der Dritte steuern, der Vierte ein Imperium aufbauen. Und das alles auf Blut, Schmerz, Tränen und Leid.
Am Tag der hundert Tode hatten Achmetow und Firtasch keine Lust, Janukowytsch mitzuteilen, dass „die Wache ermüdet ist“. Und die Abgeordneten waren gerade mal imstande sich so zu erschrecken, dass sie die schwächliche Verordnung über die Einstellung des Feuers annahmen. Das war alles. Für diese Tage fielen im Land mehr Lenine, als aus der Fraktion der Partei der Regionen im Parlament austraten. Eine halbe Tonne Blut dafür, dass Halbstarke Spielzeug seriöser parlamentarischer Vollmachten der Verfassung von 2004 bekamen und Janukowytsch eine kleine Pause – um seine Wunden zu lecken, zur Konzentration der Kräfte und für den Angriff auf „die Armleuchter“. Am Tag, als die Einheit Berkut und das Heer des Inneren zu Tausenden von Janukowytsch wegliefen, schenkten ihm die „Führer“ der Opposition faktisch eine Chance auf Rettung.
Der Westen ist zufrieden: Es wurde eine Lösung gefunden, die die Situation in legitime Gefilde führt. Doch die Sache ist die, dass es solche Gefilde nicht gibt. Majdan – das ist ein Aufstand der Menschen gegen einen Staatsmechanismus, welcher seine Funktionen nicht erfüllt: wo der Präsident nicht reformiert, sondern einkassiert; wo die Miliz einen nicht schützt, sondern abzieht; wo die Gerichte nicht die Wahrheit feststellen, sondern Urteilssprüche verkaufen; wo die Staatsanwaltschaft nicht ermittelt, sondern für viel Geld verurteilt. Das Volk hat beschlossen, sich dieser Krätze zu entledigen. Und nun bietet man ihm an, die Befugnisse neu zu verteilen zwischen Milben-Parasiten und der Chance auf eine Dampfsauna im Dezember?
Der Majdan entscheidet anders…
21. Februar 2014 // Julija Mostowa, Serhij Rachmanin
Quelle: Dserkalo Tyshnja


Forumsdiskussionen
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Falls dann da eine Erweiterung der APP kommt oder was neues, werde ich natürlich ausprobieren und dann berichten. Hab mir jetzt mal die APP geholt, derzeit funktionieren ja nur Busse und LKW, im Grunde...“
Obm100 in Recht, Visa und Dokumente • Re: Aufenthaltsgenehmigungen müssen wieder erneuert werden
„Ich vermute Geldmacherei! Immerhin kostet die bescheuerte Karte über 1000 Hrivnas+ Krankenversicherung für 2000 Hrivnas und ungefähr 300 Euro Absicherung beim Ernstfall, die aber kein Arzt der Ukraine...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Bekannte (UA) ist gestern gegen 17 Uhr wieder in Korczowa eingereist - ca. 1h“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Bin gestern Nachmittag um 15.00 Uhr Kiewzeit am Grenzübergang Zosin / Ustiluh eingereist. 12 PKW in der Schlange nach ca. 20 Minuten war ich im Grenzbereich, da erstmals die EU Spur nur EU Kennzeichen,...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Gestern ist ein Bekannter (Ukrainer) über Krakowez mit dem Auto ausgereist. 1h vor der Grenze und 0,5h im Grenzbereich“
Anuleb in Hilfe und Rat • Re: Mit ukrainischer Frau unter einem Dach
„Sie kann als Untermieterin bei Dir einziehen dadurch bildet Ihr keine Bedarfsgemeinschaft. Womöglich keine gute Idee. Unser Sozialamt z. B. wollte die Nebenkosten in einer ähnlichen Situation detailliert...“
Bernd D-UA in Hilfe und Rat • Re: Mit ukrainischer Frau unter einem Dach
„Weshalb wollt ihr zusammenziehen, wenn Deine Rente nicht reicht? Du kannst diese Frau nicht ernähren? Dann ist sie doch bisher besser dran, hat ihr Bürgergeld und Wohnraum etc., Krankenversicherung hat...“
ukra in Hilfe und Rat • Re: Mit ukrainischer Frau unter einem Dach
„Sie kann als Untermieterin bei Dir einziehen dadurch bildet Ihr keine Bedarfsgemeinschaft. Nur Ihr BG wird gekürzt, wie viel weiß ich nicht. Erkundige Dich mal in diese Richtung.“