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Öffentliche Erklärung der Landesvertretung der Heinrich-Böll-Stiftung in der Ukraine über die Situation um die Vorlesung von Grzegorz Rossolinski-Liebe am 1. März 2012 in der Deutschen Botschaft

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März 14, 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rahmen des Projekts „Nationsbildung in der Ukraine im 20. Jahrhundert“ hat am 01.03.2012 in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine eine öffentliche Vorlesung von Grzegorz Rossolinski-Liebe stattgefunden. Organisatoren waren die Landesvertretung der Heinrich-Böll-Stiftung in der Ukraine, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine. Im Anschluss an die Vorlesung erschienen in der Presse, auf Websites und in Blogs eine große Menge von Publikationen, Kommentaren, Rezensionen, offenen Briefen und Beschuldigungen gegenüber den Organisatoren. Außer Reflexionen zum Thema des Vortrags waren hier leider auch Verdrehungen und Halbwahrheiten über die Chronologie der Ereignisse sowie klare Unwahrheiten zu lesen. Um alle Tüpfelchen aufs i zu setzen, möchten wir folgendes bemerken:

  • Die Anzahl der Anmeldungen zur Teilnahme an der öffentlichen Veranstaltung in der Deutschen Botschaft am 01.03.2012 (die die Anzahl der vorhandenen Plätze deutlich überstieg), die große Menge von Publikationen sowie die regen und kontroversen Diskussionen nach dem Vortrag von Rossolinski-Liebe bestätigen, dass die ukrainische Gesellschaft eine unparteiliche und kritische Analyse der eigenen Geschichte anstrebt und dass die Vorträge westeuropäischer Historiker den so notwendigen nationalen Dialog über die eigene Geschichte katalysieren können. Der öffentliche Nachhall nach dem Vortrag von Rossolinski-Liebe bezeugt den Erfolg der Vorlesungsreihe westlicher Historiker in der Ukraine und die Notwendigkeit ihrer Fortsetzung.
  • Akademische und öffentliche Diskussionen im Rahmen des Projekts „Nationsbildung in der Ukraine im 20. Jahrhundert“ sind weder eine Provokation, noch ein Mittel zur Spaltung der Ukraine, noch ein Zeichen des Hochmuts der Deutschen gegenüber den Ukrainern. Sie sind nur ein Versuch, den innerukrainischen Diskurs über schwierige Seiten der nationalen Geschichte zu aktivieren, indem sie die Ansichten ausländischer Forscher über Ereignisse oder Persönlichkeiten vorstellen. Weder Organisatoren noch Referenten beanspruchen ultimative Wahrheiten, deutsche Historiker formulieren nur ihre Ansichten über Ereignisse und laden damit ukrainische Historiker und Intellektuelle zur Diskussion ein.
  • Alle Kritiker seien daran erinnert, dass die Reihe öffentlicher und akademischer Diskussionen im Rahmen des Projekts „Nationsbildung in der Ukraine im 20. Jahrhundert“ lange vor dem Auftreten von Herrn Rossolinski-Liebe in der Deutschen Botschaft in Kiew begonnen hat, und zwar im Jahr 2010 mit den Vorträgen von Dr. Per Anders Rudling. Danach sind auf unsere Einladung Prof. Dr. Frank Golczewski, Dr. habil. Kerstin Jobst und Dr. Jenny Alwart mit öffentlichen Vorträgen in die Ukraine gekommen. Bis zum Ende des Jahres ist der Besuch dreier weiteren deutschen SpezialistInnen im Bereich der ukrainischen Geschichte geplant, und Ende dieses Jahres eine internationale geschichtliche Konferenz in Kiew. Zu Beginn 2013 planen wir Vorträge von Herrn Wilfried Jilge. Leider ist nur der Besuch Herrn Rossolinski-Liebes auf großen Nachhall in der Gesellschaft gestoßen und die Vorträge anderer ReferentInnen scheinen unbemerkt geblieben zu sein.
  • Was die Einwände professioneller Unreife, Unwissenschaftlichkeit oder mangelnder Qualifikation Herrn Rossolinski-Liebes und der Abwesenheit eines wissenschaftlichen Grads bei ihm angeht, so ist zu bemerken, dass sie keine Grundlage haben. Grzegorz ist zurzeit Doktorand an der Hamburger Universität, er hat seine Doktorarbeit fertig geschrieben und eingereicht. In Kürze soll seine Monographie erscheinen. Er hat wissenschaftliche Publikationen in anerkannten internationalen Fachschriften veröffentlicht und ist in Kreisen der ForscherInnen der ukrainischen Geschichte bekannt (unter anderem als Autor eines Essays im Band „Leidenschaften zu Bandera“). Als wir die Entscheidung trafen, Herrn Rossolinski-Liebe in die Ukraine einzuladen, berieten wir uns mit anerkannten Autoritäten in der Geschichtswissenschaft – Prof. Dr. Golczewski (der auch der Doktorvater von Grzegorz ist), Herrn Wilfried Jilge und Dr. Per Anders Rudling und bekam von ihnen positive Empfehlungen.
  • Wir teilen mit Herrn Vasyl Rasevych seine Meinung, dass der von uns hoch geschätzte Wilfried Jilge in der Tat ein „bekannter Fachmann ist, der eine Reihe wunderschöner Beiträge zur Erinnerungspolitik in der Ukraine geschrieben hat“ und werden uns freuen, ihn in der Ukraine begrüßen zu können. Trotzdem möchten wir daran erinnern, dass Herr Jilge, genauso wie Herr Rossolinski-Liebe, keinen wissenschaftlichen Grad hat und bisher ein Doktorand ist – bei demselben anerkannten Spezialisten im Bereich ukrainische Geschichte, Herrn Prof. Dr. Frank Golczewski.
  • Was unsere öffentliche Erklärung zum kläglichen Stand der akademischen Freiheiten in der Ukraine angeht, so haben wir leider alle Gründe, das zu behaupten. Es geht nicht nur um Probleme mit der Organisation der Vorlesungen von Herrn Rossolinski-Liebe an ukrainischen Universitäten, sondern auch um die Schließung der Ausstellung „Der ukrainische Körper“ und die zeitweilige Schließung des Zentrums für visuelle Kultur an der, wie es scheint, besten und liberalsten Universität der Ukraine – der Nationalen Kiewer Mohyla-Akademie.
  • Natürlich haben ukrainische Bildungsinstitutionen ihr volles Recht, den Organisatoren öffentlicher Vorlesungen abzusagen (wie es z.B. die Dnipropetrowsker Nationaluniversität und das Zentrum für polnische und europäische Studien der Kiewer Mohyla-Akademie machten, indem sie uns frühzeitig ankündigten, dass sie nicht bereit waren, die Vorlesungen zu veranstalten). Wir respektieren ihre Entscheidungen und haben keine Ansprüche an sie. Aber die Situation mit der Bergbauuniversität und dem Zentrum für Holocaust-Studien „Tkuma“ war etwas anders. Wir begannen die Verhandlungen mit ihnen frühzeitig und bekamen die Zusage dieser beachteten Institutionen. Eine Woche vor dem Beginn der Veranstaltungen haben wir anhand ihrer Zusage eine Ankündigung öffentlicher Vorlesungen mit Angabe des Themas und einem kurzen Ankündigungstext verbreitet. Und erst am Samstag, dem 25.02., zwei Tage vor der geplanten Veranstaltung, hat uns ein Vertreter der Bergbauuniversität zu Dnipropetrowsk mitgeteilt, dass die Veranstaltung nicht stattfinden könne, ohne Gründe zu nennen. Am nächsten Tag (26.02) wurde auch die Veranstaltung im Zentrum für Holocaust-Studien „Tkuma“ abgesagt. Die Situation mit der Kiewer Industrie- und Handelskammer war ähnlich – die Absage bekamen wir am Vortag der Veranstaltung.
  • Wenn die Absagen in Dnipropetrowsk mit dem skandalösen Charakter, der Inkompetenz und der Politisierung des eingeladenen Wissenschaftlers verbunden sind, wie es in vielen Kommentaren dargestellt wird, u.a. in der von Pawlo Solodko in „Istorytschna prawda“ geschriebenen Chronologie der Ereignisse, warum sind die Absagen dann so spät gekommen und nicht vor der Verbreitung der Einladung? Es gibt nur eine Antwort – die Absage wurde von äußeren Faktoren beeinflusst. Wir haben Informationen aus unabhängigen Quellen darüber, dass das Zentrum „Tkuma“ einen Anruf von der Vereinigung „Swoboda“ mit dem Protest gegen die Veranstaltung erhalten hat. Die Kiewer Industrie- und Handelskammer hat uns direkt den Druck seitens der Vereinigung „Swoboda“ als den Grund für die Absage genannt. Die Vereinigung „Swoboda“ selbst berichtet auf ihrer Website, dass alle Veranstaltungen unter Teilnahme von Herrn Rossolinski-Liebe, außer dem Vortrag in der Deutschen Botschaft, dank ihrer Bemühungen blockiert wurden. Also ist die These, dass die Organisatoren den Druck seitens der Vereinigung „Swoboda“ ersonnen haben, um die Unmöglichkeit der geplanten Diskussionen zu rechtfertigen, durch Tatsachen widerlegt.
  • Außerdem kann man in einer Analogie zur Situation mit der Meinungsfreiheit in der Ukraine von einer Selbstzensur in akademischen Anstalten der Ukraine sprechen. Diese Situation ist nicht normal für einen Staat, die sich für europäisch hält und sich um den EU-Beitritt bemüht. In der Wissenschaft gibt es nur einen einzigen Weg zu beweisen, dass der Opponent unrecht hat – und das ist argumentierte fachliche Kritik. Boykott und Verweigerung hingegen beweisen nur, dass es verbotene Themen, Personen oder Positionen gibt.
  • Der „Ukrajinski Tyzhden“ behauptet in seinen Artikeln zu diesem Thema, dass sogar ukrainische Linke – das Zentrum für visuelle Kultur der Kiewer Mohyla Akademie (ZVK) – den Organisatoren den öffentlichen Raum für den Vortrag Herrn Rossolinski-Liebes verweigerten. Das ist eine unwahre und sehr zynische Behauptung. Das Zentrum für visuelle Kultur hat die Vorlesung am 29.02 nicht abgesagt. Der Grund für die Verlegung der Veranstaltung in die Industrie- und Handelskammer war die Schließung des ZVK, bei der u.a. die Situation um die mögliche Vorlesung als ein Argument benutzt worden ist. Das, nicht die Frage des Inhalts des Vortrags oder der Persönlichkeit des Referenten, machte eine öffentliche Diskussion in den Räumen des ZVK unmöglich.
  • Die öffentliche Erklärung des Zentrums für polnische und europäische Studien der Kiewer Mohyla Akademie verdient einen besonderen Kommentar. Wir waren von den Antworten von Frau Betlii auf unsere angeblichen Einwände gegenüber dem Zentrum sehr überrascht. Wir haben in der Tat lange zusammen öffentliche Vorträge deutscher ForscherInnen in den Räumen des Zentrums organisiert, aber im Fall von Herrn Rossolinski-Liebe hat das Zentrum noch am 08.02. eine Veranstaltung mit ihm abgesagt. Wir respektieren diese Entscheidung des Zentrums (obwohl wir die Motive für die Absage nicht verstehen konnten) und haben keine Ansprüche an Frau Betlii. Aber sie hat unsere öffentliche Erklärung so gedeutet, als sei diese Erklärung gegen sie gerichtet (obwohl weder ihr Name noch das Zentrum für polnische und europäische Studien in der Erklärung auftauchen). Wir hoffen, dass es sich nur um ein bedauernswertes Missverständnis handelt, das leider die Verbreitung des Skandals förderte.
  • Die Erklärung des Zentrums besagt, dass Herr Rossolinski-Liebe als ein Doktorand der bekannten Wissenschaftler Prof. Himka (der sein ehemaliger Doktorvater ist) und Prof. Dr. Golczewski vorgestellt wurde. Gleichzeitig wurde aber behauptet, dass westliche Historiker, an die sich das Zentrum für Auskünfte über Herrn Rossolinski-Liebe gewendet habe, seinen Namen nicht im Zusammenhang mit seinen akademischen Leistungen kannten, sondern nur mit seinen „extremistischen Erklärungen“ – wenn sie ihn überhaupt kannten. Es fragt sich, ob die Vertreterinnen des Zentrums sich an Professor Golczewski gewendet haben (denn wer kann, wenn nicht der Doktorvater, das Wissen und die Arbeiten seines Doktoranden fachlich bewerten?) und ob sie von ihm solch eine starke Kritik erhalten haben? Dies ist zu bezweifeln, weil er Grzegorz Rossolinski-Liebe als einen Forscher ukrainischer Geschichte positiv charakterisierte. Auch Prof. Himka gab im Kommentar an „Istorychna Pravda“ eine positive Einschätzung über Grzegorz als Wissenschaftler.
  • Zum Schluss. Die Organisatoren waren sich von Anfang an der Gefahr für den Referenten und das Publikum während der öffentlichen Diskussion in der Ukraine bewusst, wo rechtsradikale und ultranationalistische Bewegungen und politische Kräfte agieren. Diese Tatsache zwang zum Nachdenken über die Sicherheit der Veranstaltungen, auch im Zentrum für polnische und europäische Studien der Kiewer Mohyla Akademie. Aber die Organisatoren forderten vom Zentrum nicht, Sicherheit während der Veranstaltung zu organisieren. Umgekehrt haben sie Sicherheitsmaßnahmen vorgeschlagen, um Ruhe und Gewaltlosigkeit zu garantieren – und nicht um einen Skandal zu provozieren.

Kyrylo Sawin

Leiter der Landesvertretung der Heinrich-Böll-Stiftung in der Ukraine

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