Die heutige ukrainische Regierung wird des Klonens russischer Erfahrungen auf verschiedenem Gebiet – von der Machtvertikale bis zu berüchtigten „nationalen Projekten“ – bezichtigt. Es spricht einiges dafür, dass die Kritiker durchaus Recht haben.
Die nationale Opposition steht der Staatsmacht jedoch keineswegs nach, sondern übernimmt mit großem Eifer die Erfahrungen ihrer russischen Kollegen aus der Opposition.
Die Situation in der Ukraine ist zwar eine andere, trotzdem lassen sich Julija Timoschenko und ihre Mitstreiter von Wahl zu Wahl immer wieder zu „Neuauflagen“ verleiten. Dies bestätigt auch die vorläufige Bilanz der Regionalwahlen vom 31. Oktober.
Der Ursprung eines solchen Verhältnisses zu den Wahlen ist sicher in den Biographien der Leader der heutigen Opposition zu suchen. Die Rhetorik der Jahre 2000 bis 2004 über zynische, gefälschte Wahlen im Interesse der Machthaber wurde begrüßt und war für das Land eine Neuheit. Die damaligen „Orangenen“ waren nicht an der Macht beteiligt und genossen durchaus einen Kredit an Vertrauen, die Unterstützung von Millionen, die bereit waren, gegen die verhasste Macht zu protestieren. Unter diesen Bedingungen war die schroffe Rhetorik eine vollkommen legitime politische Technologie. Doch die Zeiten ändern sich, indes Politiker und ihre Losungen die alten bleiben.
Nach einer Reihe von Wahlen, in denen Timoschenko ununterbrochen ihre Präsenz auf verschiedenen Machtebenen verstärkt hatte, wurde jede beliebige Abwesenheit wie ein Versagen gewertet. Die Niederlage in den Wahlen ist ein zusätzlicher Schlag gegen den Mythos der „starken Partei mit einer starken Persönlichkeit an der Spitze“, der Verkörperung der Kräfte des Guten, die dem Bösen widerstehen. In echten, rechtmäßigen Wahlen sollte das Gute allerdings immer siegen. In Übereinstimmung mit dem Weltbild der Vertreter des Timoschenko-Blocks kann es deshalb in der Ukraine lediglich zwei Arten von Wahlen geben: Diejenigen, in denen der Block Julia Timoschenko (“Batkiwschtschyna/Vaterland”) von Julija Timoschenko siegt, oder diejenigen, die von der zynischen Staatsmacht gefälscht wurden.
Erinnern wir uns an das Gebiet Ternopol im Jahre 2009: Der erfolgslose Versuch die Wahlen aufzuheben erwies sich für den Block Julija Timoschenkos (BJUT) als kalte Dusche. Die komödienreifen Versuche des BJUT, die Teilnahme an den Wahlen zu verweigern führten zum Verlust der Vertretung im Rat einer Hochburg der Partei, die sich damals übrigens noch lange nicht in der stummen Opposition befand. Denn die Abstimmung, wie angeführt wird, „war von der kriminellen Macht gefälscht worden“, und die Wahlen an sich wurden zu den „schmutzigsten und zynischsten in der Geschichte der Ukraine“ erklärt.
Doch dieses Mal ging es glimpflich ab. In den Präsidentenwahlen unterstützten die Ternopoler Timoschenko trotz allem, doch die Wahlkampagne 2010 an sich wurde zum schwersten Misserfolg für den Leader des BJUT. Zwischen der ersten und zweiten Runde waren die Panik der Anhänger des BJUT, die fehlende Überzeugung, dass die Wahlen in ein positives Resultat münden und die Angst, sie ganz zu verlieren, durchaus bemerkbar. Anstatt einer positiven Agitation und Überzeugung vom bevorstehenden Wahlsieg bekamen die Wähler den „Kampf gegen die in der Vorbereitung begriffenen Wahlfälschungen“ und eine gebetsartige Fernsehschau (gemeint ist die Abschlussveranstaltung Timoschenkos “Gebet für die Ukraine”) bei 15 Grad Minus, die am ehesten einem Leichenschmaus glich, zu sehen.
Es ist nicht verwunderlich, dass unter Beteiligung der Konkurrenten Gerüchte über einen Wahlboykott Timoschenkos nach dem „Ternopoler Drehbuch“ intensiv zu zirkulieren anfingen.
Die traditionellen Drohungen eines neuen Maidan führten zu nichts. Sofort nach Bekanntgabe der Endergebnisse wurden die Wahlen im Stab von Timoschenko als „die schmutzigsten in der gesamten Geschichte des Wahlprozesses in der Ukraine“ bezeichnet.
Das demobilisierende Potenzial von „Vaterland“ zeigte sich in seiner ganzen Pracht bei den vergangenen Regionalwahlen. Die Vorbereitung dazu sollte unabhängig davon, dass das genaue Datum nicht bekannt war, bereits am 8. Februar beginnen. Doch an Stelle von routinierter Arbeit – Fehleranalyse, Ordnung der Parteiorganisationen, Statuten, Dokumentationen und Kadervorbereitung – verstrickten sich die BJUTler in perspektivlose Gerichtsprozesse und Kleinkriege im Parlament.
Es ist unbekannt, welches Ziel die Mitstreiter von Timoschenko verfolgten, als sie die bevorstehenden Regionalwahlen zur „Farce“ erklärten und deren Ergebnisse bereits vor dem Tag der Abstimmung nicht anerkannten.
Man kann zum Beispiel Anatoli Hryzenko verstehen, der am Vorabend der Wahlen erklärte, dass der Tag der Abstimmung nichts entscheide. Denn wie die Wahlergebnisse belegen, konnte sich die Partei Hryzenkos auch lediglich in ihrem Heimatgebiet Tscherkassy aus der Rolle des „Außenseiters“ befreien.
Doch weshalb sprach die Partei „Vaterland“, die, von einer Reihe problematischer Regionen abgesehen, absolut starke Kandidaten hatte, noch bis zu den Wahlen von einer geleiteten Fälschung der Abstimmung? Auf der einen Seite warnt „Vaterland“ davor, mittels Verallgemeinerungen über die Ukraine lediglich „die Durchschnittstemperatur im Zelt zu messen“, auf der anderen Seite bezeichnet sie die Willensäußerung der Wähler vom 31. Oktober als „völlig entstellt“. Der unerfahrene Wähler interessiert sich jedoch nicht für das regionale „Klonen“ der Partei „Vaterland“. Ihm ist wichtig zu wissen, was ein Kandidat für die Lösung der Probleme seiner Stadt oder seines Dorfes anbietet.
Und gerade hier riskieren die ukrainischen Oppositionellen in eine der Fallen zu tappen, die sowohl die russische als auch belarussische Opposition aufs Glatteis geführt haben: Wenn die Wahlen von Vornherein gefälscht sind, warum sollte man dann daran teilnehmen? Wenn die Macht allmächtig ist, wenn sie vor nichts halt macht, wenn schon alles entschieden ist, weshalb sollte dann der Wähler, der mit der Macht unzufrieden ist, sich anstrengen und ins Wahlbüro gehen?
Wahlfälschung ist klarerweise kriminell. Doch nicht weniger kriminell im Bewusstsein des Bürgers ist die bewusst unwahre (oder sagen wir, die nicht überprüfbare) Nachricht über die Vorbereitung zur Fälschung. Der Unglauben in die Möglichkeit, die Macht durch das Mittel der Stimmabgabe zu ändern weckt allerdings die Apathie der Bürger, auf die die nationalen Politiker so gern aufmerksam machen.
Es ist absolut möglich, dass eben derjenige Arsen Awakow, der ungeachtet dunkler Prognosen ein gutes Ergebnis bei den Bürgermeisterwahlen in Charkow erzielte, sich bei der Stimmauszählung um vieles sicherer gefühlt hätte, wenn es ihm gelungen wäre, seine Wähler besser zu mobilisieren. Das wäre jedoch auf keinen Fall durch Geschichten über „Terror und die Angst in den Augen“ oder dadurch möglich gewesen, dass man die Wahlen vom 31. Oktober zu den „allerschmutzigsten in der gesamten Geschichte der Unabhängigkeit“ und zur Intrige der betrügerischen Macht erklärt. Das ist natürlich sehr einfach, allumfassend und erklärt vieles. Womöglich deshalb ist es für unsere Oppositionäre noch viel schwerer, der Illusion der eigenen Angst zu entkommen.
03.11.2010 // Jaroslaw Jaworskij
Quelle: Lewyj Bereg


Forumsdiskussionen
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich habe mal sie Einreise in die UA (aus Polen), am Grenzübergang Uhryniw gemacht. Inzwischen 3 Mal am Freitagabend 21 Uhr MEZ. Nur zwei bis drei PKW, was schon gut ist. Aber der Hit ist, dort gibt es...“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Die Ukraine hat Sanktionen gegen die Macher der Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“ verhängt
„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Die Ukraine hat Sanktionen gegen die Macher der Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“ verhängt
„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?
“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Die Ukraine hat Sanktionen gegen die Macher der Zeichentrickserie „Mascha und der Bär“ verhängt
„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“
Awarija in Ukrinform • Re: Russland attackiert erneut Grenzübergang zu Moldau in Region Odessa, Verkehr gesperrt
„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?
“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Hallo julib77,
Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.
Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)
Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.
Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.
“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“