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Die Industrie des Donbass: Kriegsschäden

Die Industrie des Donbass: KriegsschädenDie Industrie des Donbass: Kriegsschäden
Die Industrie der Donezker und Lugansker Oblast erlebt eine Krise, die sich auf die eine oder andere Weise auf jeden Ukrainer auswirken wird. Eine der Ursachen ist naheliegend – der militärisch-politische Konflikt in der Region. Die wirtschaftliche Rezession begann bereits 2013 mit der Verschlechterung der Exportmärkte, insbesondere des russischen. Bereits zu dieser Zeit wurden viele Verhandlungen ausgesetzt, begann der Geschäftsverkehr einzubrechen. Empfindlich auf die letzten Ereignisse reagierten sowohl das operative Geschäft der Unternehmen als auch das Investitionsvolumen. Auf eine Erholung zu hoffen, ist zumindest solange sinnlos, wie noch Granaten explodieren und Kugeln umherfliegen.

Absturz an allen Fronten

Von Januar bis Mai 2014 ist die industrielle Produktion im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 12,1 Prozent zurückgegangen. Statistische Daten liegen für Juni bislang nicht vor, aber die Lage kann sich lediglich verschlechtert haben. Die leichte Verlangsamung des Abschwungs im April weist auf eine gewisse Robustheit hin, durch welche, ungeachtet der schwierigen Situation in der Region, die großen Industrieunternehmen bestehen konnten. Seit Beginn 2014 ging die Produktion ausnahmslos in sämtlichen für die Region bedeutenden Bereichen zurück. Insbesondere auf den Maschinenbau mit einem Rückgang um mehr als 38 Prozent (im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres), die Chemieindustrie mit 36 Prozent, die Leichtindustrie mit fast 38 Prozent hat sich die Krise ausgewirkt.

Ein ähnliches Bild ist in der Lugansker Oblast zu beobachten. Bereits in den ersten drei Monaten 2014 ist die Produktion in der Textilindustrie um 17 Prozent zurückgegangen, die von Gummi- und Kautschukerzeugnissen und anderen nichtmetallischen Gütern um 40 Prozent, die der Chemieindustrie um 10 Prozent. Die Einbußen der Chemieindustrie überschritten in der Oblast Donezk bereits die Marke von fünf Milliarden Hrywnja (etwa 312 Millionen Euro) , in der Metallurgie betrugen diese fast 4,5 Milliarden Hrywnja (etwa 281 Millionen Euro), im Maschinenbau mehr als 2,5 Milliarden Hrywnja (etwa 156 Millionen Euro). Die Einbußen der Unternehmen der Oblast Lugansk erreichen mittlerweile die Marke von 18 Milliarden Hrywnja etwa 1,12 Milliarden Euro) und sind damit 7,5 Mal so hoch wie im Vorjahr.

Angesichts der Tatsache, dass der Donbass etwa 16 Prozent zum ukrainischen Bruttoinlandsprodukt beisteuert, ist zweifelsohne davon auszugehen, dass sich die Konsequenzen der jetzigen Krise in der Region auf die gesamten Wirtschaft des Landes auswirken werden. Zudem entfallen auf die Oblast Donezk und Lugansk 27 Prozent des Gesamtexports der Ukraine (etwa 68 Milliarden USD). Es ist kein Geheimnis, dass die Russische Föderation einen der wichtigsten Handelspartner der Region darstellt. Immerhin importiert Russland etwa 65 Prozent der Exportprodukte der beiden Oblaste. Die politische Krise wirkt sich äußerst negativ auf die Zusammenarbeit der ansässigen Unternehmen mit den russischen Partnern aus. Seit Beginn des Jahres halbierte sich der Export in die Russische Föderation im Vergleich zum Vorjahr. Die Handelseinbußen betragen im ersten Quartal 2014 bereits 4 Milliarden Hrywnja (etwa 250 Millionen Euro).

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

Einer der Gründe für den Rückgang der Produktion ist die mangelnde Auftragslage. Früher haben die Unternehmen mehr als genug Aufträge von ihren Partnern, darunter die Russische Föderation, erhalten. Aber ist die politische Komponente wirklich so bedeutend in der ukrainisch-russischen Partnerschaft?

„Eine Hauptursache für den Abschwung im Maschinenbau besteht im Rückgang der Nachfrage Russlands nach Eisenbahnwaggons und Lokomotiven. Nach fünf Jahren stabiler Nachfrage nach diesen Produkten seitens Russlands begann diese infolge des Abschlusses großangelegter Modernisierungsprojekte der russischen Eisenbahngesellschaft wieder zu sinken. Und zwar nicht abrupt, sondern sukzessiv seit 2013. In den letzten fünf Jahren wurde die Modernisierung der russischen Eisenbahn praktisch vollendet und eigene Kapazitäten für die Produktion bestimmter Produktlinien geschaffen. Entsprechend wäre die Nachfrage seitens Russlands auch ohne den Krieg zurückgegangen“, denkt Alexander Betlij, Experte beim Institut für ökonomische Forschung und Beratung.

Das Hauptproblem des inländischen Maschinenbaus liegt nach Schätzungen des Experten in der zu starken Konzentration der Absatzmärkte. Aufgrund der ausreichenden Auslastung durch russische Aufträge wurden keine anderen Handelspartner gesucht und unter den jetzigen Bedingungen werde dies äußerst schwierig. „Natürlich können die Maschinenbauer auf einen Auftragsanstieg durch Ukrsalisnyzja (Ukrainische Eisenbahngesellschaft) hoffen, aber momentan macht dieses Unternehmen schwierige Zeiten durch, dessen Finanzausstattung ist restringiert, so dass das Unternehmen ausschließlich auf Auslandsanleihen, insbesondere durch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, unter Staatsgarantien hoffen kann“, erklärt A. Betlij.

Unter mangelnder Auftragslage leidet auch das Donezker Unternehmen Topas, das bereits früher aufgrund der schwierigen Marktlage und hohen Konkurrenz Probleme hatte. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Produktion der Kernerzeugnisse (Systeme funktechnischer Aufklärung und Kriegsführung) ausgesetzt, da weder in- noch ausländische Aufträge vorliegen.

Ein langfristiges Ausbleiben von Aufträgen wird auch im Lugansker Parchomenko-Maschinenbauwerk beklagt. „Wir arbeiten ausschließlich für Russland. Solange wir die Aufträge aus dem letzten Jahr erfüllt haben, war die Auslastung ausreichend. Danach wurde ein bedeutender Rückgang verzeichnet – zwei Monate lang haben wir keinen Vertrag abgeschlossen, wir hofften einfach darauf, dass die russischen Partner genauso von uns abhängen wie wir von ihnen“, wurde ZN.UA im Unternehmen mitgeteilt. „Die Hoffnungen waren berechtigt. Vor Kurzem kam ein Auftrag rein. Wie dieser allerdings erfüllt werden soll, ist noch unklar. Es gibt Probleme mit den Zulieferern, insbesondere mit der Metallversorgung in Donezk. Die Mitarbeiter kommen nicht zur Arbeit – die öffentlichen Verkehrsmittel fahren unregelmäßig, manchmal gar nicht. Das Klima im Team ist sehr angespannt, alle haben Angst.“

Uns geht’s nicht gut, aber wir leben noch

Zweifelsohne hatten die Unternehmen der Region unter dem laufenden militärisch-politischen Konflikt zu leiden. Seit Mai haben aus Sicherheitsgründen Titanen der Chemieindustrie wie der Konzern STIROL und die Norddonezker Union Asot ihre Produktion eingestellt. Seit Anfang Juni hat das Maschinenbauunternehmen Betonmasch seine Produktion gestoppt. „Am 7. Juni brach infolge eines Granateneinschlags ein Feuer aus. Seit einem Monat gibt es keinen Strom, die Produktion wurde vollständig eingestellt“, berichtet der Vizepräsident des Unternehmens, Wjatscheslaw Berbonol. „Wir haben die Leute in den Urlaub geschickt, sie haben nicht protestiert – alle haben Angst. Wir hoffen, dass alles bald wieder funktioniert und unsere Partner Verständnis für unsere Situation haben.“

Auch die Tätigkeit anderer Unternehmen wurde eingestellt, weil leitende Angestellte körperlicher Gewalt ausgesetzt waren – Unternehmensdirektoren wurden für Lösegeld oder materielle Sachwerte auf den Unternehmensgeländen, vor allem Kraftfahrzeuge, entführt. Derartige Vorfälle gab es zu Dutzenden. Bei positivem Ausgang – Befreiung der Geiseln – kündigten die leitenden Angestellten in aller Regel und siedelten in eine der umliegenden Regionen um. Ein Abfluss wertvoller Fachkräfte für Leitungsaufgaben ist bereits offensichtlich.

Auch das Unternehmenseigentum von Roshen von Petro Poroschenko war Ziel eines solchen Angriffs. Wie innerhalb Roshens mitgeteilt wurde, wurde in Donezk im Mai mehrere Lastwagen des Unternehmens von bewaffneten Männern kaukasischer Herkunft beschlagnahmt und später ein Lösegeld gefordert.

Derartige Attacken haben äußerst negative Auswirkungen auf kleine und mittlere Unternehmen, die bei der ersten Gelegenheit ihre Geschäfte abwickeln und sich in sicherer Entfernung – zumindest in der Oblast Dnjepropetrowsk – neu registrieren.

Auch im Nowokramatorsker Maschinenbauunternehmen wurde ein Produktionsstopp diskutiert. „Seien wir ehrlich. Die Arbeit ist nicht nur angsteinflößend, sondern regelrecht gefährlich. Manchmal verbringen wir mehr Zeit im Luftschutzbunker als bei der Arbeit. Die Bürgerwehr/Landwehr hat einen Teil unserer schweren Ausrüstung entwendet. Die Sicherheitskräfte versuchten das zu verhindern, aber die Kräfte waren zu ungleich verteilt“, erzählt Wladimir Schulyj, Leiter der Abteilung für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. „Praktisch alle Mitarbeiter, die in Slawjansk wohnen, kommen nicht zur Arbeit. Wir verstehen das, kommen entgegen: gewähren für 15 Tage unbezahlten Urlaub, passen die Schichten so an, dass die Leute während es hell ist zur Arbeit und nach Hause kommen können. Aber diese Maßnahmen reichen nicht, faktisch ist die Fabrik zu 50 Prozent ausgelastet und wir produzieren nur weiter, weil unsere Partner uns nachdrücklich darum gebeten hatten.“

Der Donbass bzw. das Donezker Kohlebecken ist weithin für seine Kohleindustrie, in der mehr als 150 000 Menschen beschäftigt werden, bekannt. Bislang ist die Kohleförderung stabil – in den ersten sechs Monaten 2014 wurden 40,6 Millionen Tonnen Kohle abgebaut, etwas mehr als im Vorjahreszeitraum (0,4 Prozent). Davon wurden 17,8 Millionen Tonnen in der Oblast Donezk gefördert, in der Oblast Lugansk 12,4 Millionen Tonnen. Das Interesse an den Minen seitens der separatistischen Kräfte wurde vor allem durch die Lagerung von Sprengstoff auf dem Gelände der abbauenden Unternehmen und durch einzelne Versuche, die Minenarbeiter für die politische Bewegung zu gewinnen, gefördert. Zum Glück bleibt der Kohlebergbau stabil, muss man allerdings sagen. Andernfalls könnte dieses Spiel mit dem Feuer unheilvolle Konsequenzen für die Bergarbeiter nach sich ziehen, die jeden Tag tief unter der Erde ihr Leben riskieren.

Dennoch haben die Unternehmen im Donbass, insbesondere der Maschinenbau, logistische Schwierigkeiten, da dort, wo Kampfhandlungen stattgefunden haben, die Infrastruktur beschädigt wurde und der Großteil der Produktion im Schwermaschinenbau ausschließlich über den Güterverkehr transportiert wird. Heute sind viele Strecken zerstört. Entlang der Eisenbahnstrecken in den Einzungsgebieten der Donezker, Dnjepr und der Südlichen Eisenbahnen sind etwa 100 Infrastrukturobjekte (einschließlich der Überführungen und Stromleitungen) beschädigt. So sind 30 Kilometer der Strecken im Kreis Slawjansk vermint, die Strecke zwischen Jassinowataja und Skotowaja ist außer Betrieb, 38 km sind auf der Strecke zwischen Kondraschewskaja-Nowaja und Ogorodnyj zerstört. Die Anfahrtswege zu vielen Unternehmen sind gesperrt und die fertigen Aufträge liegen in den Lagern und warten auf eine Stabilisierung der Lage.

Erholung bei nebliger Aussicht

Man wartet auf Stabilität und Investitionen. Gemäß Jurij Makogon, dem Direktor der Donezker Zweigstelle des Nationalen Instituts für Strategische Forschung, wird zurzeit einfach nicht in die Industrie des Donbass investiert. „Die Investitionen wurden vollständig eingestellt. Zudem ziehen die Investoren ihr Kapital ab. Schauen Sie sich an, wie viel Geld die Ukraine während dieser Zeit in Zypern „investiert“ hat (etwa 6 Milliarden USD – Autor). Der Löwenanteil dieser Mittel hätte in die Industrie fließen müssen, aber das ist nicht passiert. Und leider kann man auch in nächster Zeit auf keine Finanzspritzen hoffen“, sagt der Experte.

Sollte die Situation im Osten stabilisiert werden können, die Kampfhandlungen im Donbass eingestellt und endlich eingesehen werden, dass sich eine militärische Konfrontation nicht wiederholen sollte, werden die erforderlichen Investitionen für den Wiederaufbau der Region in der Tat enorm sein. Solange es finanziell nicht machbar ist und es keinen Glauben an eine friedliche Zukunft gibt, werden die Unternehmen hierfür keine Mittel fließen lassen. Die Großunternehmen haben, ohne dies groß öffentlich zu machen, ihre Investitionsprogramme während der Kampfhandlungen eingefroren – bis Klarheit hinsichtlich des unter diesen Bedingungen Wichtigsten besteht, dem „Cash“.

Daher könnte lediglich der Staat bzw. staatliche Institutionen die Finanzierung der Wiederaufbauarbeit organisieren. Nach Schätzungen der Regierung wären für den Wiederaufbau des Donbass mehr als 8 Milliarden Hrywnja (etwa 500 Millionen Euro) erforderlich. Der Staatshaushalt verfügt nicht über diese Mittel, die ganze Hoffnung liegt auf ausländischen Geldgebern. Doch das Hauptproblem – den Verlust der russischen Handelspartner – lösen keine Finanzspritzen. Eine Verlagerung auf andere Absatzmärkte wird den Unternehmen des Donbass äußerst schwer fallen. „Die Zusammenarbeit der Unternehmen mit der Russische Föderation ist keine Laune der Leitungsspitzen, keine politische Wahl, das hat sich historisch entwickelt“, erklärt Jurij Makogon. „Wenn die politische Komponente wegfällt, wird sich die Zusammenarbeit früher oder später wieder auf das frühere Niveau erholen. Die ukrainische Schwerindustrie produziert Mengen, die von der EU nicht benötigt werden. Sie braucht einfach diese Mengen nicht. Entsprechend bestehen für ukrainische Industrielle nicht so viele Möglichkeiten im Hinblick auf neue Absatzmärkte.“

Zum heutigen Zeitpunkt sind in vielen Unternehmen der Region die Produktionsketten zerstört. Deren Wiederaufbau wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Nach Schätzungen von Experten wird die Industrie des Donbass selbst unter günstigsten Bedingungen mindestens ein Jahr benötigen, um sich zu erholen. Aller Wahrscheinlichkeit nach kann frühestens 2016 mit einer Erholung auf Vorkrisenniveau gerechnet werden.

11. Juli 2014 // Julija Samajewa, Roman Iwtschenko

Quelle: Serkalo Nedeli

Übersetzerin:    — Wörter: 1976

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

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