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Brief an Pjotr Poroschenko

Wissen Sie, unser seltsamer, doch nichtsdestotrotz realer Krieg, ist überhaupt kein Hinderungsgrund für die Durchführung von Reformen. Doch es gibt keine Reformen.

Insoweit wir mit Ihnen zusammen wie gehabt nicht in einem Rechtsstaat leben, möchte ich das Offensichtliche anmerken: Eben Sie, der Präsident der Ukraine, sind der wirkliche Chef in unserem nicht sehr einfachen Land. Und folglich tragen eben Sie die Hauptverantwortung für das sich Ereignende und das sich nicht Ereignende in ihm. Ich nehme dabei Bezug auf die demagogischen Positionen unserer von allen ignorierten Verfassung, vom parlamentarischen Regierungsmodell, dem sozial orientierten Staat und so weiter und so fort.

Mir ist klar, dass unser chaotisches Land schwer zu regieren ist. Man muss bis zwei oder drei Uhr nachts im Arbeitszimmer sitzen, um das nicht vereinbare zu vereinen und das unlösbare zu lösen. Sie sind ein erfahrener Geschäftsmann und wissen: Schlecht ist der Manager, der selbstständig alle aufkommenden Probleme zu lösen versucht. Doch noch schlechter ist der Manager, der aufkommende Probleme überhaupt nicht löst.

Ja, ich spreche von der Personalpolitik. Von Ihrer, Pjotr Alexejewitsch, Personalpolitik. Widerliche Ratgeber? Ein unfolgsamer Ministerpräsident? Druck von der russischen (oder westlichen) politischen Führung? Unbeständiges Wetter in Kiew? Es gibt ein Ergebnis, das offensichtlich unstrittig ist. Und es betrifft nicht nur das Leben des gewöhnlichen ukrainischen Bürgers, der vor kurzem völlig aufrichtig an seine gewählten Vertreter zu glauben versuchte, in erster Linie an Sie.

Wissen Sie, unser seltsamer, doch nichtsdestotrotz realer Krieg, ist überhaupt kein Hinderungsgrund für die Durchführung von Reformen. Doch es gibt keine Reformen. Und wie ich das verstehe, wird es auch keine geben. Das fühlen, das begreifen die zahlreichen Schufte und Hochstapler, die munter Ihre, Pjotr Alexejewitsch, Schwäche nutzen. Ja, Ihre Schwäche, eben so. Ich beobachte das täglich im Gesundheitssystem, in seinem psychiatrischen Subsystem. Die wie früher ungelösten Probleme, ungestrafte Geschäftemacher und Diebe kommen beharrlich und sicher zurück an die Macht. Mit der unmittelbaren Hilfe munterer Abgeordneter, die sich selbst als Kämpfer gegen die Korruption und nichtkäufliche Lustratoren bezeichnen. Leider nehmen sie. Es nehmen auch sie, die nichtkäuflichen …

Ich begreife, dass dies alles schlecht enden wird. Bald schon. Und der Grund des Endes unserer Staatlichkeit wird nicht Putin sein. Wissen Sie: Die westliche Welt, unsere aufrichtigen westlichen Freunde erwarten von uns nicht viel. Sie wollen, dass wir lernen ehrlich zu leben. Dass unsere Minister und Chefs kompetent arbeiten. Dass bei uns, schlussendlich, ein Staat mit rechtlicher Schattierung auftaucht (das Erscheinen eines wirklichen Rechtsstaates erwartet man von uns nicht, das ist unmöglich …). Das ist im Wesentlichen der Inhalt des Begriffs «Reformen». Leider läuft die Zeit der Möglichkeiten ab.

Herr Kwitaschwili (momentan Gesundheitsminister, A.d.Ü.) wird gehen. In die USA, versteht sich. Denn er hat seine amerikanische Staatsbürgerschaft behalten. Offensichtlich werden auch Sie ausreisen, verfolgt vom neuen, überhaupt nicht demokratischen Regime. Ich werde hier bleiben. Mich auf mein Haupthandwerk konzentrierend, werde ich zum Aufseher auf dem Gedenkfriedhof.

So wird es kommen. Schade nur um die Ukraine …

22. Juni 2015 // Semjon Glusman, Psychiater

Quelle: Nowoje Wremja

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 522

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«Was für ein Schwachsinn der Umland da schreibt Faschisten wie in Kiew momentan zerbombten und zerbomben Häuser friedliebender...»

«Die Ukraine muss sich für sich selbst und seine Bürger reformieren, nicht für die EU. Demokratie, Transparenz und Korruptiosbekämpfung...»

«Ein sehr sachlicher Beitrag!»

«Ein Staat geht nie bankrott! Ich kannte auch die Prognosen der Finanzen von 2017! Es ist schon offentsichtlich, dass die...»

«Nein, bitte, schreib weiter.»

«Hier sind doch zu viele Trolle, die immun gegen jede Wahrheit sind! Russland hat den Donbass zu 100 % besetzt.Welchen Kompromiß...»

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